Die drei Geister des Ebenezer Gold

Die drei Geister des Ebenezer Gold

Von Regina Laska - frei nach Charles Dickens


STAVE ONE: Marleys Geist – oder: Das Board der politischen Weichensteller

Ebenezer Gold war nicht tot. Das muss von Anfang an klargestellt werden, sonst kann nichts Wundervolles an der Geschichte geschehen, die ich zu erzählen habe.

Er saß im Clubhaus des National Gold Golf Club, am Abend des 24. Dezember 2025. Draußen lag der Platz still unter einer dünnen künstlichen Schneeschicht, makellos und unbespielt, als hätte jemand die Welt kurz angehalten. Die Fahnen auf den Greens bewegten sich kaum. Kein Wind. Keine Stimmen.

Im Kamin brannte ein Feuer, mehr aus Tradition als aus Notwendigkeit. An den Wänden hingen Pokale, gerahmte Fotos von Männern mit festen Händedrücken und weiten Lächeln. Charity Tournament 2018. Presidential Invitational. Founders’ Cup.

Auf einem Sideboard stand ein Weihnachtsbaum. Klein. Perfekt geschmückt. Unberührt. Keine Geschenke darunter.

Ein Kellner – jung, korrekt, austauschbar – hatte ihm gerade ein Glas Cola light eingeschenkt.

„Frohe Weihnachten, Sir.“

Gold nickte, ohne aufzusehen.

Auf dem Tisch vor ihm lag ein Dokument. Zwanzig Punkte. Sein Deal. Der größte Deal der Geschichte, wie er ihn nannte. Er hatte ihn hierher mitgenommen, in diesen Raum, weil er wusste, dass ihn hier niemand stören würde. Keine Familie. Keine Presse. Keine Welt. Dieser starrköpfige miese kleine Ukrainer zerstörte ihm die ganze Weihnachtsfreude.

Von draußen drang gedämpft etwas herein. Gesang. Verloren im Schnee. Ein Chor irgendwo jenseits der Hecke. Silent Night. Falsch gesungen. Hartnäckig.

Gold verzog den Mund. „Frieden. Humbug!“

Er nahm einen Schluck und murmelte: „Wenn jemand Frieden bringt, dann wohl ich.“

Sein Telefon vibrierte. Eine Nachricht aus Kyjiw. Schon wieder. Er drehte das Display nach unten. Weihnachten war kein guter Zeitpunkt für Probleme. Und dieser störrische kleine Ukrainer hatte ihm gerade noch gefehlt, wo er ihm doch den ganzen Ruhm versaute.

Er dachte an den Nachmittag. An das Telefonat.

Er hatte mit einem Kind gesprochen. Acht Jahre alt, die Stimme hell und aufgeregt. Einer dieser PR-Termine, den seine Leute organisierten – Kinder rufen den Präsidenten an, fragen, wo der Weihnachtsmann gerade ist. Tradition. Niedlich. Gute Bilder.

„Was wünschst du dir vom Weihnachtsmann …“, hatte er das Mädchen gefragt.

„Keine Kohle!“, hatte das Kind geantwortet.

„Aber saubere, schöne Kohle. Wunderschöne, saubere Kohle. Amerika hat die beste Kohle der Welt.“

Schweigen am anderen Ende.

Seine Beraterin hatte das Gespräch beendet.

Gold nahm einen weiteren Schluck. Das Mädchen würde es verstehen, wenn sie älter war. Kinder verstehen nichts von Wirtschaft.

Er lehnte sich zurück.

Da begannen die Pokale zu klirren.

Zuerst dachte er, es sei der Wind. Dann das Klimasystem. Dann –

Schatten. Überall Schatten. Sie krochen die goldenen Tapeten hinauf, verdunkelten die Lichterketten, die seine Innenarchitektin ihm für „subtile Festlichkeit“ empfohlen hatte. Die Schatten formten sich zu Gestalten, zu Gesichtern, die er kannte. Gesichter aus den Nachrichten, aus Verhandlungsräumen, aus einer Zeit, die er längst für abgeschlossen hielt.

Und sie trugen Ketten.

Nicht kaltes Eisen, sondern schwere, scharrende Konstruktionen aus Papier, Stahl, Unterschriften, Versprechen. Sie klirrten nicht wie Schmuck, sondern wie Last.

„Ebenezer …“

Der erste Schatten trat vor. Ein großer Mann, schwankend, mit dem Gesicht eines Mannes, der zu viel getrunken und zu wenig nachgedacht hatte. Seine Kette bestand aus zerrissenen Verträgen und leeren Wodkaflaschen, aneinandergeschlagen wie Weihnachtsglocken, die nie Freude gekannt hatten.

„Ich habe ihm die Schlüssel gegeben“, flüsterte Jelzin. „Ich dachte, er würde das Haus renovieren. Nicht … nicht das.“

Ein zweiter Schatten. Ein Mann mit grauem Haar und dem Lächeln eines Saxophonspielers. Seine Kette war aus NATO-Logos geschmiedet, die sich ineinander verhakten wie ein Puzzle, das nie aufging, nie vollständig wurde.

„Ich dachte, die Geschichte sei vorbei“, sagte Clinton. „Fukuyama hatte es doch geschrieben. Ende der Geschichte. Wir hatten gewonnen.“
Sein Blick glitt zu einem Weihnachtsstern an der Wand. Er war blind geworden.

Ein dritter Schatten. Eine Frau diesmal, mit praktischer Kurzhaarfrisur und Händen, die nach Erdgas rochen. Ihre Kette war die längste – Pipelinerohr um Pipelinerohr, Nord Stream 1, Nord Stream 2, ein Strang, der sich wie Lametta bis nach Moskau zog.

„Wandel durch Handel“, murmelte Merkel, wieder und wieder, wie ein Mantra, das seinen Zauber verloren hatte. „Wandel durch Handel. Wandel durch …“

Ein vierter. Ein eleganter Mann, dessen rote Linie sich wie ein roter Faden durch die Luft zog – nur dass der Faden immer wieder abriss.

„Die Achtziger haben angerufen“, sagte Obama mit bitterem Lächeln. „Sie wollen ihre Außenpolitik zurück. Das habe ich gesagt. Ich habe gelacht.“

Niemand lachte jetzt.

Ein fünfter. Ein Franzose, dessen Kette aus Minsk-Papieren bestand, Seite um Seite, alle ungelesen, alle unerfüllt. Zwischen den Seiten klebten Reste von Tannennadeln, als hätte jemand versucht, daraus einen Kranz zu binden.

„Wir brauchten Zeit“, flüsterte Hollande. „Nur Zeit. Damit die Ukraine sich bewaffnen kann. Das war der Plan. Dass es kein Plan war … das haben wir nicht gesagt.“

Ein sechster und ein siebter Mann waren aneinandergekettet. Der eine, ein älterer Mann mit freundlichem Gesicht, das müde geworden war, der andere einer mit hohem Haaransatz und dem Gesicht eines Loriot-Männchens. Ihre Ketten bestanden aus zurückgehaltenen Waffensystemen – Panzer, die zu spät kamen, Jets, die nie flogen, Raketen mit zu kurzer Reichweite. Jedes Glied ein gezögerter Beschluss. „Keine Eskalation“ murmelten Biden und Scholz unentwegt in zwei Stimmlagen und zwei Sprachen.

Und dann, alle zusammen, ein Chor aus dem Jenseits der Geschichte:

„Wir haben diese Kette geschmiedet, Ebenezer. Glied für Glied. Jahr für Jahr.
Jedes Mal, wenn wir wegschauten.
Jedes Mal, wenn wir sagten: Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht unser Problem.
Auch an Weihnachten.“

Gold wich zurück. „Ich kenne euch nicht. Ich habe nichts mit euch zu tun. Ich bin ein Geschäftsmann. Ich mache Deals.“

Merkel trat näher. Ihre Augen waren leer wie Pipelines im Winter.

„Wir waren auch wie Geschäftsleute, Ebenezer. Wir haben auch Deals gemacht. Und jetzt –“
Sie hob ihre Kette. „Jetzt tragen wir sie. Für immer. Und sie wird schwerer, wenn andere sie weiter schmieden.“

„Du wirst diese Nacht von drei Geistern besucht werden“, sagte der Chor. „Sie werden dir zeigen, was war. Was ist. Was sein wird.“

„Ich glaube nicht an Geister“, sagte Gold.

Clinton lächelte schief. „Wir auch nicht. Bis wir selbst welche wurden.“

Die Schatten verblassten. Die Ketten klirrten ein letztes Mal. Dann war es still.

Von draußen drang wieder Gesang herauf. Dieselben falschen Töne. Dieselbe Hartnäckigkeit.

Gold griff nach seinem Telefon, um seinen Anwalt anzurufen. Aber seine Hände zitterten zu sehr.


Stave Two: Der Geist der vergangenen Weihnacht

Die Uhr schlug eins.

Gold hatte nicht geschlafen. Er hatte es versucht – in seinem Bett mit den goldenen Laken, die viertausend Dollar pro Stück kosteten – aber jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Ketten. Und dazwischen Kerzen, die er nicht anzünden wollte.

Als die Uhr schlug, öffnete sich kein Fenster, keine Tür. Stattdessen war da plötzlich Licht. Sanftes, warmes Licht, kein Spot, kein Neon – sondern das Licht, das man kennt, wenn der Strom ausfällt und jemand eine Kerze hinstellt, einfach so.

Und in diesem Licht stand eine Gestalt.

Sie war gleichzeitig alt und jung, männlich und weiblich, greifbar und durchscheinend. Auf ihrem Kopf trug sie eine Krone aus Kerzen, deren Wachs langsam tropfte, als würde selbst die Zeit schmelzen. In ihrer Hand hielt sie einen Zweig, der nach Tannennadeln roch – und nach 1994. Nach Hoffnung. Nach dem Ende des Kalten Krieges. Nach Versprechen, die man sich zu Weihnachten leichter glaubt.

„Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht“, sagte die Gestalt. „Deiner vergangenen Weihnacht.“

„Ich bin ein vielbeschäftigter Mann“, sagte Gold. „Ich habe morgen einen Deal abzuschließen. Den größten Deal der –“

„Geschichte. Ja.“ Der Geist lächelte traurig. „Das hast du immer schon gesagt. Wie andere auch. Komm.“

Sie berührte seinen Arm, und die Welt verschwand.


Station I: Budapest, Dezember 1994

Sie standen in einem Ballsaal.

Kristalllüster warfen warmes Licht auf polierte Böden. Champagnergläser klirrten. Frauen in Abendkleidern, Männer in Smokings. An den Wänden hingen Weihnachtsgirlanden, ein wenig schief angebracht, als hätte man sie eilig aufgehängt, um den Eindruck von Feierlichkeit zu erwecken. Durch die hohen Fenster sah man den ersten Schnee auf Budapest fallen. Schön. Still. Und kalt.

Gold erkannte den Ort nicht sofort. Dann sah er das Banner: OSZE-Gipfel 1994.

„Ich war auch dort“, flüsterte er. „Ich erinnere mich.“

„Natürlich warst du hier, beim nebenan stattfindenden Wirtschaftstreffen“, sagte der Geist. „Aber sieh genauer hin. Was hast du gesehen?“

Gold sah sich selbst. Jünger, hungriger, mit noch mehr Haaren und einem Anzug von Brioni, in den er heute nicht mehr passen würde. Der junge Ebenezer stand in einer Ecke des Ballsaals, nicht bei den Politikern, sondern bei den Geschäftsleuten. Er lachte zu laut. Er trank zu viel. Er sprach mit einem Mann in einem schlecht sitzenden russischen Anzug.

„Das war Dmitri“, sagte Gold begeistert. „Dmitri … irgendwas. Er hatte Kontakte. Ich wollte ein Hotel bauen. In Kyjiw oder Moskau, war mir egal. Die Preise waren lächerlich. Man konnte ganze Blocks für nichts kaufen.“

„Und dort?“ Der Geist zeigte auf einen anderen Teil des Saals.

Dort standen Männer in dunklen Anzügen um einen Tisch. Krawtschuk, der Ukrainer. Clinton, lebendig, strahlend, siegessicher. Jelzin, noch aufrecht, noch nüchtern genug, um zu unterschreiben. Major, der Brite.

Und auf dem Tisch: ein Dokument.

„Das Budapester Memorandum“, sagte der Geist. „Die Ukraine gibt ihre Atomwaffen auf. Im Gegenzug garantieren Russland, Amerika und Großbritannien ihre territoriale Integrität.“

Der junge Ebenezer sah nicht einmal hin. Er bestellte eine weitere Flasche für seine Gesprächspartner. Weihnachten war ein guter Moment für Optimismus. Und für Geschäfte.

„Das war der Moment, Ebenezer“, sagte der Geist leise. „In diesem Moment wurde die Zukunft geschrieben. Ein ganzes Land vertraute dem Wort des Westens. Es war Weihnachten. Man glaubte an das Gute.“

„Papier“, sagte Gold. „Es war nur Papier.“

„Ja“, sagte der Geist. „Das hast du damals auch schon gesagt.“

Ein junger ukrainischer Diplomat stand etwas abseits. Er hielt ein Glas Champagner, aber er trank nicht. Er sah aus, als würde er beten. Vielleicht betete er. Vielleicht dankte er einfach dafür, dass es vorbei war.

„Was ist aus ihm geworden?“, fragte Gold.

„Er starb“, sagte der Geist. „2022. In Mariupol.“

Der Ballsaal begann zu verblassen.


Station II: New York, Dezember 2021

Sie standen in einem Apartment.

Es war kleiner als alles, was Gold gewohnt war, aber wärmer. Bücherregale bis zur Decke, nicht dekorativ, sondern benutzt. Auf dem Tisch ein Teller mit selbstgebackenen Keksen, einige zu dunkel geraten. Daneben ein Messer, noch mit Teigresten. Jemand hatte sich Mühe gegeben.

Im Fenster stand ein kleiner Weihnachtsbaum. Schief. Mit Ornamenten, die nicht zusammenpassten. Keine Designerstücke, sondern Fundstücke: Holz, Glas, ein alter Stern aus Papier. Eine einzelne Kerze brannte davor.

Draußen lag der Central Park im Schnee.

Eine Frau saß auf dem Sofa.

Gold erstarrte.

„Isabelle“, flüsterte er.

Sie sah auf, ruhig, ohne Überraschung, als Golds jüngeres Ich plötzlich in den Raum hereinkam. Isabelle hatte immer diese besondere Ruhe ausgestrahlt. Nicht die Ruhe der Angepassten, sondern die der Entschlossenen.

Sie war die einzige Frau gewesen, die nie nicht käuflich war.
Nicht für Sponsoren.
Nicht für ihn.

„Du bist spät“, sagte sie.

„Ich hatte noch einen Anruf.“

„Natürlich hattest du den.“

Die Tür fiel ins Schloss hinter ihm. Gold blieb stehen, als wüsste er nicht, ob er nähertreten durfte. Oder sollte.

Der Fernseher lief ohne Ton. Satellitenbilder. Russische Truppen an der ukrainischen Grenze. Panzerkolonnen. Pfeile auf Karten. Zahlen. Einschätzungen.

Isabelle zeigte mit dem Kopf in Richtung Bildschirm.

„Er wird es tun“, sagte sie. „Diesmal blufft er nicht.“

„Das sagen sie jedes Mal“, erwiderte Gold. „Putin arbeitet mit Druck. Das ist Verhandlungstaktik.“

„Nein“, sagte Isabelle. „Das ist Vorbereitung.“

Gold winkte ab. „Die Ukrainer übertreiben. Sie wollen Aufmerksamkeit. Garantien. Geld. Putin ist cleverer als sie.“

„Sie wollen Sicherheit“, sagte sie. „Das ist etwas anderes. Und er will alles.“

Er trat endlich näher, sah sich um, als sähe er den Raum zum ersten Mal.

„Du wohnst immer noch hier.“

„Ja.“

„Du hättest längst etwas Größeres haben können.“

Isabelle lächelte kurz. „Ich habe genug.“

Sie stand auf, ging zum Tisch, rückte den Teller mit den Keksen zurecht.

„Ich habe gebacken“, sagte sie. „Zu Weihnachten backt man.“

„Du hast Weihnachten nie besonders gemocht.“

„Ich mochte es nie, wenn es gespielt wurde.“

Sie drehte sich zu ihm um.

„Warum bist du wirklich gekommen, Eb?“

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

„Ich dachte, wir sollten reden.“

„Das sagen Männer immer, wenn sie nichts ändern wollen.“

Ein Moment Stille. Nur das leise Summen der Heizung. Draußen eine Sirene, weit entfernt.

„Warum ich?“, fragte sie plötzlich.
„Warum hast du mich nie geheiratet?“

Gold sah sie an. Zum ersten Mal wirklich.

„Das ist jetzt nicht—“

„Doch“, unterbrach sie ihn ruhig. „Jetzt ist es.“

Er antwortete nicht.

Isabelle nickte langsam.

„Ich weiß es“, sagte sie. „Weil ich nicht vorzeigbar war. Nicht lächelnd genug. Nicht bereit, mich auf ein Wahlplakat zu reduzieren. Nicht bereit, zu schweigen, wenn es unbequem wird.“

Sie trat einen Schritt näher.

„Du hattest Frauen“, fuhr sie fort. „Ehen. Vereinbarungen. Verträge.“

Sie sah ihn an, ohne Bitterkeit.

„Aber nie eine echte Bindung.“

Gold spürte etwas, das er lange nicht gespürt hatte. Nicht Reue. Eher ein Ziehen, wie an einer Stelle, die man zu lange ignoriert hatte.

„Ich habe dich geliebt“, sagte er.

Isabelle schüttelte den Kopf. „Du hast mich gewollt. Das ist nicht dasselbe.“

Sie ging zum Fenster, sah hinaus auf den Park.

„Ich gehe nach Kyjiw.“

„Was?“

„Ich habe ein Angebot bekommen. NGO. Demokratieförderung.“

Gold lachte kurz, hart. „Du bist verrückt. Wenn er einmarschiert—“

„Dann bin ich dort, wo ich gebraucht werde.“

Er trat hinter sie.

„Und ich?“

Sie drehte sich um.

„Du bist dort, wo du dich immer entschieden hast zu sein.“

Sie zeigte mit einer kleinen Bewegung auf den Bildschirm, auf die Karten, auf die Pfeile.

„Bei deinen Spielen.“

Sie griff nach ihrem Mantel, der über der Stuhllehne hing.

„Ich hätte bleiben können“, sagte sie leise.
„Ich habe mich dagegen entschieden.“

Sie ging zur Tür, blieb einen Moment stehen.

„Ich wollte ein Leben“, sagte sie. „Kein Arrangement.“

Die Tür schloss sich.

Der ältere Gold blieb verletzt zurück.

Die Kerze brannte weiter. Ruhig. Unbeeindruckt.

Er sah sie lange an, bis das Apartment zu verblassen begann.

 „Was ist aus ihr geworden?“, fragte Gold den Geist. Seine Stimme war heiser. „Aus Isabella?“

Der Geist antwortete nicht sofort.

„Bitte sag es mir doch. Was ist aus ihr geworden?“

„Sie war in Irpin“, sagte der Geist schließlich. „Im März 2022. Sie half bei der Evakuierung von Zivilisten.“

„War?“

Der Geist schwieg.

„WAR?“

„Du wirst sie wiedersehen“, sagte der Geist. „Die anderen Geister werden sie dir zeigen.“

Gold fiel auf die Knie. In einem Apartment, das es nicht mehr gab, in einer Zeit, die er nicht zurückholen konnte, in einer Welt, die er nie wirklich gesehen hatte.

„Ich will nicht mehr“, flüsterte er. „Bitte. Keine Geister mehr.“

„Es kommen noch zwei“, sagte der Geist der Vergangenheit, und sein Licht wurde schwächer. „Und sie werden dir zeigen, was ist. Und was sein wird.“

„Ich will nicht –“

„Du wolltest nie, Ebenezer. Das ist das Problem.“

Das Licht erlosch.

Gold stand allein in der Dunkelheit und wartete auf den nächsten Geist.


Stave Three: Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Die Uhr schlug zwei.

Gold stand noch immer in der Dunkelheit, als das Licht kam. Aber diesmal war es kein sanftes Kerzenlicht. Es war ein Strahlen, warm und golden, das unter einer Tür hindurchsickerte, die vorher nicht dagewesen war.

Er öffnete sie.

Der Raum dahinter war überwältigend. Ein Thron aus Lebensmitteln – Truthähne, Schinken, Früchte, Brot, alles, was die Welt zu bieten hatte. Girlanden aus Stechpalmen. Kerzen, Hunderte von Kerzen. Und inmitten von allem: eine Gestalt.

Der Geist war riesig, gutmütig, mit einem Kranz aus Tannengrün auf dem Kopf und einem Becher in der Hand, aus dem Dampf aufstieg. Sein Gewand war dunkelgrün, mit Pelz gesäumt, und es fiel weit über seine Füße hinab.

„Hohoho“, donnerte er fröhlich. „Komm herein und lerne mich besser kennen!“

„Wer bist du?“, fragte Gold.

„Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Sieh mich an! Hast du meinesgleichen noch nie gesehen?“

„Nie“, sagte Gold.

„Dann wird es Zeit.“ Der Geist erhob sich. „Berühre mein Gewand.“

Gold zögerte. Der Geist lachte – ein Lachen ohne Spott, aber auch ohne Mitleid.

„Du hast Angst vor der Gegenwart, Ebenezer? Die Vergangenheit ist vorbei. Die Zukunft kommt noch. Aber die Gegenwart – die Gegenwart ist jetzt. Und sie wartet nicht.“

Gold berührte das Gewand.

Die Welt verschwand.

 Station I: Palm Beach, Florida – Heiligabend 2025

Sie standen in einem Anwesen.

Gold kannte es. Er war hier gewesen, mehr als einmal. Das Haus von Witkoff – oder war es Kushners? Es spielte keine Rolle. Diese Häuser sahen alle gleich aus: zu groß, zu weiß, zu perfekt.

Aber heute war es verwandelt.

Weihnachtsbäume in jedem Raum. Nicht einer, nicht zwei – ein Dutzend mindestens. Alle identisch geschmückt, als hätte jemand eine Bestellung aufgegeben: Zwölf Bäume, Gold und Weiß, festlich aber geschmackvoll, nichts Religiöses. Girlanden über den Türen. Ein Kamin, in dem ein Feuer brannte, obwohl es draußen fünfundzwanzig Grad waren. Auf einem Sideboard stand ein Buffet, an dem sich niemand bediente.

In der Mitte des Hauptraums: ein langer Tisch.

Und am Tisch: Männer.

Gold erkannte sie. Witkoff, mit dem Gesicht eines Mannes, der zu viele Pokerspiele gewonnen hatte. Kushner, glatt und still, als würde er Energie sparen für den entscheidenden Moment. Und auf der anderen Seite, per Videoschaltung zugeschaltet: Dmitriev. Das Gesicht auf dem Bildschirm war freundlich, fast jovial. Weihnachten in Moskau sei kalt, sagte er. Er beneide sie um die Sonne.

Alle lachten.

Auf dem Tisch lagen Dokumente. Karten. Linien, die Städte durchschnitten. Zahlen, die Menschen bedeuteten.

„Punkt sieben ist immer noch problematisch“, sagte Witkoff. „Moskau will eine klarere Formulierung zur Truppenreduzierung.“

„Wir können das noch auf sechshunderttausend drücken“, sagte Kushner. „Das ist das Maximum, das sie akzeptieren.“

„Die Ukrainer wollen achthunderttausend.“

„Die Ukrainer wollen vieles.“

Wieder Gelächter.

Gold sah sich selbst nicht im Raum. Aber er wusste: Er war nah. Er war immer nah.

„Sieh genauer hin“, sagte der Geist.

Eine Tür öffnete sich. Ein Kellner kam herein, trug ein Tablett mit Getränken. Sein Gesicht war neutral, professionell. Er stellte die Gläser ab, sammelte die leeren ein, verschwand.

„Folge ihm“, sagte der Geist.

Sie gingen durch einen Flur, vorbei an Wachmännern und Assistenten, bis sie einen Nebenraum erreichten.

Die Küche.

Oder das, was in solchen Häusern als Küche durchging – größer als manche Wohnungen, steril und weiß. Aber heute war sie verwandelt.

Jemand hatte eine billige Lichterkette aufgehängt, mit bunten Birnen, die aus einem Supermarkt stammen konnten. Auf einem Tisch standen Pappbecher, eine Flasche Sekt aus dem Angebot, ein Teller mit selbstgebackenen Plätzchen, ein wenig schief geraten.

Aus einem Lautsprecher in der Ecke lief Weihnachtsmusik. Schnell, treibend, fast nervös. Ding-ding-ding, ding-ding-ding. Immer wieder, als würde jemand an eine Tür klopfen, die niemand öffnen wollte.

Gold kannte das Stück.

Er erinnerte sich an einen Film. Weihnachten. New York. Ein Junge allein in einem großen Haus. Lustig. Harmlos. Kult.

Und an das Hotel. An die Szene, in der er selbst kurz durchs Bild ging. Ein Gastauftritt. Ein Lächeln. Ein paar Sekunden Unsterblichkeit. Damals hatte er es als Beweis gesehen, dass er dazugehört hatte. Zur großen Erzählung.

Er wusste nicht, woher das Lied kam.
Er wusste nur, dass es da vorkam, wo er im Film auftrat.

Im Raum lachten die Angestellten leise. Jemand klopfte im Takt mit den Fingern auf seinen Pappbecher. Die Lichterkette flackerte. Und alle Mitarbeiter sangen plötzlich nach Leibeskräften und mit seligem Blick in den Augen im Chor mit.

Der Geist sagte nichts.

„Zwei Weihnachten“, sagte er schließlich. „Eines für die, die entscheiden. Eines für die, die dienen.“

„Das ist überall so“, sagte Gold.

„Ja“, sagte der Geist. „Das ist die Welt, die ihr gebaut habt.“

Er legte seine Hand auf Golds Schulter.

„Komm.“


Station II: Kyjiw, U-Bahn-Station Zoloti Vorota – Heiligabend 2025

Die Welt kam zurück in Dunkelheit.

Ein Bahnsteig. Keine Züge. Stattdessen Matratzen, Decken, Taschen. Menschen.

Hunderte von Menschen, die sich eingerichtet hatten in einem Ort, der nicht zum Wohnen gebaut war. An den Wänden hingen Kinderzeichnungen. Jemand hatte mit Krepppapier Sterne gebastelt. In einer Ecke stand ein kleiner Plastikbaum, mit Kugeln, die nicht zusammenpassten.

Es roch nach Suppe. Nach zu vielen Menschen auf zu wenig Raum. Nach Angst, die man ausgeatmet hatte.

„Was ist das?“, fragte Gold.

„Weihnachten“, sagte der Geist.

Eine Sirene heulte auf, gedämpft durch Beton und Erde. Niemand zuckte zusammen.

„Dort“, sagte der Geist.

Eine Frau – Oksana war ihr Name – saß auf einer Matratze. Neben ihr ihr Vater. Und ein Junge.

Timofyi.

Sechs, vielleicht sieben Jahre alt. Zu dünn. Zu still. Er hielt ein kleines Auto in den Händen, die Farbe fast vollständig abgeblättert.

„Iss noch was“, sagte Oksana und reichte ihm eine Schale mit dünnem Brei.

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Du musst essen, Schatz.“

„Ich bin nicht hungrig.“

Gold wusste, dass es eine Lüge war.

„Sein Vater?“, fragte er.

„Pokrovsk“, sagte der Geist.

Gold schwieg.

Dann sah er sie.

Isabelle kam durch die Menge, vorsichtig, mit einem Rucksack. Sie setzte sich zu Oksana, umarmte sie, strich Timofyi über den Kopf.

Sie holte Brot heraus, Äpfel, ein Glas Marmelade. Und zuletzt eine kleine Schokolade, in Weihnachtspapier.

„Für dich“, sagte sie. „Später.“

Timofyi nahm die Schokolade, drehte sie in den Händen. Er riss sie nicht auf. Er steckte sie sorgfältig in die Tasche seiner Jacke.

„Ich heb sie auf“, sagte er.
Dann, fast entschuldigend:
„Papa mag Schokolade.“

Niemand sagte etwas.

Gold verstand nicht, warum ihn ausgerechnet dieser Satz traf.
Das ärgerte ihn.

Sie aßen. Wenig. Gemeinsam.

Jemand begann leise zu singen. Das Lied aus dem Radio. Jetzt aber mit ukrainischem Text, ohne Instrumente im Hintergrund. Die anderen fielen ein. Gold verstand die Worte nicht, aber er verstand den Klang. Trotz. Trauer. Etwas, das sich nicht auflösen ließ.

„Sie verhandeln weiter“, sagte jemand.

„An Weihnachten?“

„Für die ist das Geschäft.“

Ein Mann schnaubte. „Dieser Gold. Der mit den Türmen.“

Isabelle schwieg.

„Du kanntest ihn?“, fragte Oksana.

„Ich kannte jemanden, der so hieß“, sagte Isabelle. „Ob das derselbe Mensch ist, weiß ich nicht.“

Gold stand unsichtbar daneben.

Jemand, der so hieß.

Timofyi zog an Isabelles Ärmel.

„Tante Bella?“

„Ja?“

„Wird es nächstes Jahr besser?“

Isabelle zog ihn an sich.

„Wir werden dafür kämpfen“, sagte sie.

Die Sirene heulte erneut.

Timofyi hielt die Schokolade fest.


Der Geist hob den Saum seines Gewandes.

Fotos fielen heraus. Hunderte. Tausende.

Kinder.

Namen. Alter. Orte.

Gold wich zurück.

„Was ist das?“

„Nichts, was du nicht schon wüsstest“, sagte der Geist. „Das sind Kinder. Die verschleppten Kinder der Ukraine. Sie sind dir ja egal.“

Die Stille fühlte sich für Gold wie ein Vakuum an, das ihn von innen aufsog.

„Meine Zeit ist fast um“, sagte der Geist. „Ein Geist kommt noch.“

„Was wird er mir zeigen?“, fragte Gold.

„Das, was sein wird“, sagte der Geist. „Wenn nichts sich ändert.“

Das Licht erlosch.

Gold stand allein in der Dunkelheit.

Und wartete.

Stave Four: Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Die Uhr schlug drei.

Schlug sie überhaupt? Gold war sich nicht sicher. Die Dunkelheit um ihn herum war vollständig – nicht die Dunkelheit eines Raumes, sondern die Dunkelheit von etwas, das noch nicht existierte. Oder nicht mehr.

Dann sah er ihn.

Der Geist kam nicht. Er war einfach da. Eine Gestalt, verhüllt in Schwarz, das Gesicht – wenn es eines hatte – verborgen unter einer Kapuze. Keine Augen, die Gold sehen konnte. Keine Stimme.

Nur eine Hand, die aus den Falten des Gewandes ragte und zeigte.

„Du bist der letzte“, sagte Gold. Seine Stimme klang fremd in dieser Leere. „Der Geist der zukünftigen Weihnacht.“

Die Gestalt bewegte sich nicht.

„Wirst du mir zeigen, was sein wird“, fuhr Gold fort, „oder was sein könnte?“

Keine Antwort.

Die Hand zeigte.

Gold folgte.


Station I: Kyjiw – Ein Datum ohne Namen

Sie standen vor Ruinen.

Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er sah. Die geschwungene Fassade. Die Proportionen. Die Art, wie das Gebäude einmal in den Himmel gestrebt hatte.

Er kannte diesen Ort.

Die Buchstaben waren noch zu erkennen, auch wenn ein Teil der Fassade fehlte:

GOLD TOWER KYIV

Das Gebäude war ausgehöhlt. Die oberen Stockwerke nach innen gefallen, als hätte etwas ihnen den Halt genommen. Glas lag auf der Straße, vermischt mit Staub, Schutt – und Asche.

Menschen bewegten sich zwischen den Trümmern. Sie trugen Dinge hinaus. Vorhänge. Möbelteile. Ein Spiegel, dessen Glas zerbrochen war. Jemand hatte einen goldenen Türgriff in der Hand.

Sie lachten.

Gold verstand die Worte nicht. Aber er verstand das Lachen. Es war kein fröhliches Lachen. Es war das Lachen von Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten.

An einer Wand hatte jemand etwas gesprüht. Erst in kyrillischen Buchstaben. Darunter, in Englisch:

GOLD’S PEACE

Daneben ein Totenkopf.

Gold öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

Der Geist zeigte nach Osten.

Gold folgte dem Blick. Er sah nichts Neues. Aber er verstand.

Die Hand senkte sich.

Sie gingen weiter.


Station II: Ein Ort ohne Namen

Gold erkannte den Ort nicht.

Ein grauer Bau. Beton. Ein Hof, umzäunt, Stacheldraht. Ein Schild über dem Eingang, auf Russisch. Das Wort darunter war kurz.

ФИЛЬТРАЦИЯ

Gold hatte es schon einmal gesehen. Filtration. In Berichten. In Fußnoten. In Dokumenten, die man überflog.

„Warum sind wir hier?“, fragte er.

Der Geist antwortete nicht.

Die Hand zeigte auf eine Tür.

Metall. Grau. Verschlossen.

Dahinter Geräusche. Stimmen. Eine, die lachte. Dann ein Laut, der kein Schrei war. Etwas, das aufhörte, ein Geräusch zu sein.

Vor der Tür standen Schuhe.

Frauenschuhe. Praktisch. Abgetragen. Ordentlich nebeneinandergestellt.

Gold kannte diese Schuhe.

Er hatte sie gesehen, als sie durch eine U-Bahn-Station ging. Als sie einem Kind Schokolade brachte. Als sie sagte, sie gehe nach Kyjiw, weil dort jemand gebraucht werde.

„Nein“, sagte Gold. Es war kaum mehr als Luft.

Die Tür blieb geschlossen.

Der Geist zeigte nichts weiter.

Sie gingen.


Station III: Eine Straße – irgendwo

Es hätte überall sein können.

Eine Straße in einer Stadt, die keine Stadt mehr war. Gebäude, halb eingestürzt. Ein ausgebranntes Auto. Menschen, die gingen. Nicht rannten. Nicht flohen. Sie gingen, weil Gehen das Einzige war, was noch möglich war.

Der Geist zeigte auf eine Frau.

Gold erkannte sie erst, als sie näherkam.

Oksana.

Sie war älter geworden. Ihr Haar grau. Ihr Gesicht leer, nicht aus Gefühllosigkeit, sondern aus Erschöpfung. Sie trug einen Rucksack. Sonst nichts.

Neben ihr ging niemand.

Gold wusste es, bevor er fragte.

„Wo ist das Kind?“

Der Geist antwortete nicht.

Oksana blieb stehen. Sie öffnete den Rucksack. Holte etwas heraus.

Eine kleine Schokolade.

Noch eingewickelt. Das Papier zerknittert, die Kanten abgestoßen. Aber ungeöffnet.

Ein fremdes Kind kam vorbei, weinte, zog an der Hand einer Frau, die Gold nicht kannte. Oksana kniete sich hin, langsam.

Sie hielt dem Kind die Schokolade hin.

„Frohe Weihnachten, liebes Kind. Hier“, sagte sie. Ihre Stimme war heiser. „Jemand hat die Schokolade genau für dich aufgehoben.“

Das Kind nahm sie. Verstand nicht.

Oksana stand auf. Ging weiter.

Gold sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwand – dieser endlosen, gleichförmigen Bewegung von Menschen, die nirgendwo ankamen.

„Wann ist es passiert?“, fragte Gold.

Der Geist antwortete nicht.

Gold fragte nicht noch einmal.

Er wusste nur:
Das Kind war nicht mehr da.

Die Schokolade war geblieben.


Gold sank in die Knie.

Nicht aus Reue. Nicht aus Andacht. Seine Beine trugen ihn einfach nicht mehr.

„Nein“, sagte er. „Nein, das muss nicht so sein.“

Der Geist stand reglos.

„Ich habe Fehler gemacht“, sagte Gold hastig. Die Worte klangen fremd, wie aus einer anderen Zeit. „Aber Fehler kann man korrigieren. Dafür gibt es Verfahren. Fristen. Möglichkeiten.“

Die Hand des Geistes blieb unbeweglich.

„Ich kann das ändern“, sagte Gold. „Ich werde das ändern. Geld ist kein Problem. Zeit ist kein Problem. Ich kenne die Leute. Ich kenne die Wege.“

Er griff nach dem schwarzen Gewand. Seine Finger fassten ins Leere.

„Sag mir nur, dass das nicht feststeht“, sagte er. Seine Stimme war jetzt brüchig, nicht vor Schmerz, sondern vor Angst. „Sag mir, dass das vermeidbar ist.“

Der Geist antwortete nicht.

Gold hob den Kopf.

„Ist es das, was sein wird“, flüsterte er, „oder nur das, was sein könnte?“

Zum ersten Mal bewegte sich der Geist.

Die verhüllte Hand hob sich langsam und zeigte nach unten.

Nicht nach vorne.
Nicht zurück.
Nach unten. Auf die Erde, auf etwas, das Gold nicht sehen konnte.

Dann verschwand er.


Gold blieb allein zurück.

Nicht mit Hoffnung.
Nicht mit Gewissheit.

Nur mit der Erkenntnis, dass er gefragt hatte –
und keine Antwort bekommen hatte.

Die Dunkelheit schloss sich um ihn.

Stave Five: Das Ende

Gold wachte auf.

Er lag auf dem Boden. Nicht im Bett – auf dem Boden des Clubhauses, vor dem erloschenen Kamin, das Dokument mit den zwanzig Punkten zerknittert unter seiner Wange.

Licht fiel durch die Fenster. Morgenlicht.

Er richtete sich auf, zu schnell, sein Kopf drehte sich. Er griff nach dem nächsten Halt – einem Sessel, goldbestickt, lächerlich – und zog sich hoch.

„Welcher Tag?“, murmelte er. „Welcher Tag ist heute?“

Er stolperte zum Fenster. Draußen lag der Golfplatz still unter der künstlichen Decke Schnee. Unberührt. Die Fahnen bewegten sich nicht.

Ein Angestellter ging vorbei, trug einen Karton mit Dekoration.

Gold riss das Fenster auf.

„Sie da! Welcher Tag ist heute?“

Der Mann sah hoch, irritiert.

„Sir?“

„Der Tag! Welcher Tag?“

„Der fünfundzwanzigste Dezember, Sir. Weihnachten.“

Gold lehnte sich gegen den Fensterrahmen.

„Weihnachten“, wiederholte er. „Noch Weihnachten.“

Dann begann er zu lachen.

Es war kein schönes Lachen. Es war das Lachen eines Mannes, der dem Tod ins Gesicht gesehen hatte und feststellte, dass er noch atmete. Zu laut, zu lang, ein bisschen zu irr.

Der Angestellte starrte ihn an.

„Alles in Ordnung, Sir?“

„Nein“, sagte Gold. „Nein, gar nichts ist in Ordnung. Aber es wird. Es wird.“

Er schloss das Fenster. Drehte sich um. Sein Blick fiel auf das Dokument am Boden.

Zwanzig Punkte.

Er hob es auf. Las es. Zum ersten Mal wirklich.

Dann griff er nach seinem Telefon.


Der erste Anruf ging an Witkoff.

Es klingelte fünfmal, bevor eine verschlafene Stimme antwortete.

„Eb? Es ist sechs Uhr morgens. An Weihnachten.“

„Steve. Hör zu.“

„Kann das nicht –“

„Nein. Es kann nicht warten. Die Kinder.“

Stille am anderen Ende.

„Welche Kinder?“

„Die deportierten Kinder. Neunzehntausend. Fast zwanzigtausend. Steve, wie viele sind zurück? Seit wir verhandeln – wie viele?“

„Eb, das ist ein komplexes Thema. Das humanitäre Komitee –“

„Wie viele, Steve?“

Eine Pause. Papierrascheln.

„Ein paar Hundert. Aber das ist ein laufender Prozess –“

„Punkt vierundzwanzig“, sagte Gold. „Das wird Punkt eins. Nicht verhandelbar. Alle Kinder zurück, bevor irgendetwas anderes unterschrieben wird. Alle, Steve. Jedes einzelne.“

„Das wird Moskau nie –“

„Dann gibt es keinen Deal.“

Stille.

„Eb, wir sind so nah dran. Der Präsident – ich meine, du – du willst das wirklich riskieren? Für –“

„Für Kinder. Ja.“ Gold sah aus dem Fenster, auf den unberührten Schnee. „Ruf Moskau an. Sag ihnen, die Bedingungen haben sich geändert.“

Er legte auf.


Der zweite Anruf ging an jemanden, dessen Namen Gold nicht einmal kannte.

„Logistics Division, wie kann ich –“

„Hier ist Gold. Verbinden Sie mich mit wem auch immer dafür zuständig ist, Dinge irgendwohin zu bringen. Schnell.“

Dreißig Sekunden später war jemand anderes am Telefon.

„Mr. President, was kann ich –“

„Kyjiw. Heute. Lebensmittel, Medikamente, alles, was Sie auftreiben können. Ich will, dass vor Mitternacht ein Konvoi dort ankommt.“

„Sir, die Logistik –“

„Ist mir egal. Chartern Sie Flugzeuge. Kaufen Sie die Fracht unterwegs. Ich bezahle es selbst, wenn es sein muss.“

„Wohin genau, Sir?“

Gold schloss die Augen. Er sah einen Bahnsteig. Matratzen. Krepppapier-Sterne. Einen Jungen, der zu dünn war.

„Eine U-Bahn-Station. Zoloti Vorota. Und –“ Er zögerte. „Da ist ein Kind. Ein Junge. Tymofiy. Er braucht... er braucht alles. Essen. Medikamente. Finden Sie ihn.“

„Sir, wie sollen wir –“

„Finden Sie ihn.“

Er legte auf.


Der dritte Anruf ging an Moskau.

Nicht an Dmitriev. Nicht an einen Unterhändler.

An Putin selbst.

Es dauerte zwanzig Minuten, bis die Verbindung stand. Gold nutzte die Zeit, um auf und ab zu gehen, aus dem Fenster zu starren, seinen Kaffee kalt werden zu lassen.

Dann: ein Klicken.

„Ebenezer.“ Die Stimme war ruhig, amüsiert. „Frohe Weihnachten. Obwohl – wir feiern ja später.“

„Vladimir. Hör zu.“

„Ich höre immer.“

Gold blieb stehen.

„Ich habe letzte Nacht etwas gesehen. Einen Traum, wenn du so willst. Darin hattest du gewonnen. Du hattest alles bekommen, was du wolltest. Die Ukraine, den Deal, sogar mein verdammtes Hotel in Kyjiw, das ich noch gar nicht gebaut habe.“

„Das klingt nach einem guten Traum.“

„Es war kein guter Traum.“ Gold starrte auf das Dokument in seiner Hand. „Es war eine Warnung. Für mich. Und jetzt ist es eine für dich.“

Stille am anderen Ende.

„Du drohst mir, Ebenezer?“

„Ich sage dir, was passieren wird.“ Gold lächelte – zum ersten Mal an diesem Morgen, ein echtes Lächeln, ein gefährliches Lächeln. „Du kennst mich, Vladimir. Du weißt, dass ich Deals mache. Aber du weißt auch, was passiert, wenn jemand mich verarscht.“

„Ich verarse niemanden. Ich schütze die Interessen meines –“

„Du verarscht die ganze Welt. Seit Jahren. Und ich habe es zugelassen, weil ich dachte, es wäre gut für das Geschäft.“ Er ging zum Fenster. „Das ist vorbei.“

„Was genau ist vorbei?“

„Dein Spielraum.“ Gold sprach jetzt schneller, härter. „Die Kinder kommen zurück. Alle. Bis zum 31. Dezember. Das ist nicht verhandelbar. Die Truppen ziehen sich zurück – nicht an eine Linie, die du dir aussuchst, sondern an die Grenzen von 2022. Und wenn du glaubst, dass du weitermachen kannst wie bisher –“ Er machte eine Pause. „Dann ziehe ich dir den Stecker.“

„Den Stecker?“

„Den Stecker, Vladimir. Ich weiß, wo dein Geld liegt. Nicht das offizielle – das echte. Die Konten, die Immobilien, die Briefkastenfirmen. Deine Freunde im Westen, die so tun, als wüssten sie von nichts. Ich kenne ihre Namen. Ich kenne ihre Banken. Ich kenne ihre Adressen.“

Stille.

„Du würdest –“

„Ich würde alles.“ Golds Stimme war jetzt ruhig. Fast sanft. „Sekundärsanktionen auf jeden, der auch nur einen Rubel von dir annimmt. SWIFT-Ausschluss für jede Bank, die mit dir handelt. Und wenn das nicht reicht – dann finden wir heraus, wie lange der Kreml ohne Strom auskommt. Ich habe gehört, eure Winter sind kalt.“

Eine lange Pause.

„Du bluffst.“

„Habe ich jemals geblufft, Vladimir?“ Gold lachte leise. „Du hast mit mir Geschäfte gemacht. Du weißt, wie ich bin. Ich bin ein schlechter Verlierer. Und ich bin ein noch schlechterer Feind.“

Stille.

Dann: „Was willst du wirklich, Ebenezer?“

„Ich habe es dir gesagt. Die Kinder. Die Truppen. Den Frieden – einen echten, keinen, der drei Jahre hält und dann explodiert.“

„Und wenn ich nein sage?“

„Dann sage ich ja.“ Gold lächelte wieder. „Zu allem, was ich bisher verhindert habe. Waffenlieferungen, die du dir nicht vorstellen kannst. Sanktionen, die deine Oligarchen ins Exil treiben. Und – das ist mein Lieblingspunkt – Silvester im Weißen Haus. Zelenskyj als mein persönlicher Gast. Die Kameras der ganzen Welt. Und du sitzt allein im Kreml und schaust zu.“

Stille.

Gold wartete.

„Ich habe Atombomben.“

„Ich auch. Aber du bekommst nur von mir das, was deine brauchen, damit sie mehr sind als leere Hüllen. “

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte Putin schließlich. Seine Stimme war nicht mehr amüsiert.

„Tu das. Du hast bis Silvester.“

Er legte auf.


Der vierte Anruf kam, bevor er ihn machen konnte.

Sein Telefon klingelte. Ein Name auf dem Display, den er kannte.

MERZ, Friedrich.

Gold starrte darauf. Drückte den Anruf weg.

Das Telefon klingelte sofort wieder.

Er nahm ab, nur um es loszuwerden.

„Ebenezer, wir müssen über die europäische Position –“

„Nein.“

„Entschuldigung?“

„Wir müssen nicht.“ Gold ging zum Fenster. „Wir sind fertig, Friedrich. Ich verhandle nicht mehr mit Leuten, die reden statt zu handeln.“

„Das ist – ich habe doch immer gesagt, dass wir bereit sind –“

„Den Taurus zu schicken?“ Gold lachte kurz. „Ach ja. Das sagtest du. Vor einem Jahr. Vor zwei Jahren.“

„Die Situation hat sich geändert –“

„Du hast dich nicht geändert.“ Gold sah auf den Schnee draußen. „Noch so ein Schwätzer. Zum Glück willst du den Taurus jetzt nicht mehr schicken. Spart mir die Mühe, dir zu sagen, dass es zu spät ist.“

Er legte auf.


Der fünfte Anruf war der schwierigste.

Gold saß in dem Sessel, das Telefon in der Hand, und starrte auf einen Namen in seiner Kontaktliste.

Isabelle.

Er hatte die Nummer nicht gelöscht. In all den Jahren nicht. Warum, wusste er selbst nicht.

Er drückte auf Anrufen.

Es klingelte. Einmal. Zweimal.

Sie wird nicht rangehen, dachte er. Warum sollte sie? Nach allem, was –

„Hallo?“

Ihre Stimme. Müde. Weit weg. Aber ihre Stimme.

„Bella.“

Stille.

„Eb?“

„Ja. Ich –“ Er schluckte. „Ich weiß, du willst nicht mit mir reden. Ich verstehe das. Aber ich musste – ich musste dir sagen –“

„Es ist Weihnachten in einem Land, das dein Deal gerade zerstückelt. Kein Licht brennt, keine Heizung wärmt.“

„Ich weiß.“ Er schloss die Augen. „Ich weiß. Deshalb rufe ich an.“

„Um dich zu rechtfertigen?“

„Nein. Um mich zu entschuldigen.“

Stille.

„Du hattest recht“, sagte Gold. „Damals. In deinem Apartment. Du hattest recht, und ich war – ich war blind. Ich habe nur Verträge gesehen. Keine Menschen.“

„Eb –“

„Lass mich ausreden. Bitte.“ Er öffnete die Augen, sah auf den Schnee draußen. „Ich habe letzte Nacht etwas gesehen. Ich kann es nicht erklären. Aber ich habe gesehen, was passiert, wenn ich so weitermache. Und ich – ich kann das nicht. Ich will das nicht.“

„Was willst du dann?“

„Ich will es richtig machen. Ich will – ich will reinen Tisch machen. Ich will, dass du in Sicherheit bist. Dass du glücklich wirst.“

„Das ist nicht deine Entscheidung, Eb.“

„Ich weiß.“ Er lächelte traurig. „Ich weiß. Aber – da ist ein Kind. Ein Junge. Tymofiy. Er ist – er ist krank. Oder er wird es sein. Und ich habe jemanden geschickt, um zu helfen. Aber wenn du – wenn du ihn finden könntest –“

„Woher kennst du seinen Namen?“

Gold antwortete nicht sofort.

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte er schließlich. „Eine, die du wahrscheinlich nicht glauben würdest.“

Stille.

Dann, leise: „Zoloti Vorota?“

„Ja. Woher –“

„Ich bin gerade dort, Eb. Ich sitze neben ihm.“

Gold lehnte sich zurück. Etwas in seiner Brust, das die ganze Zeit verkrampft gewesen war, löste sich.

„Wie geht es ihm?“

„Nicht gut. Aber er lebt.“ Eine Pause. „Es gibt einen Konvoi. Jemand hat Lebensmittel geschickt. Medikamente. Die Leute hier können es nicht glauben.“

„Glaub es“, sagte Gold. „Und Bella –„

„Ja?“

„Was – was will er? Der Junge. Wenn er sich etwas wünschen könnte.“

Stille. Er hörte Stimmen im Hintergrund, gedämpft. Ein Kind, das lacht.

„Weißt du“, sagte Isabelle leise, „das Seltsame ist – er wünscht sich nicht einmal, dass Putin stirbt. Ich habe ihn gefragt. Ich dachte, nach allem, was passiert ist...“

Sie machte eine Pause.

„Aber er hat gesagt: Ich will, dass Papa nach Hause kommt. Und dass die anderen Kinder ihre Papas auch wiedersehen. Und dass wir wieder Weihnachten feiern können. Richtig.“

Gold schloss die Augen.

„Nicht Rache“, fuhr Isabelle fort. „Frieden. Er ist sechs Jahre alt, Eb. Und er versteht mehr als wir alle.“

„Bella – “

„Ja?“

„Bleib am Telefon. Bitte. Nur – nur noch ein bisschen.“

Stille.

Dann: „Okay, Eb. Okay.“


Er behielt sie am Telefon, während die Sonne aufging.

Sie sprachen nicht viel. Manchmal war es nur Stille, das Rauschen einer Verbindung über tausende Kilometer. Aber es war eine Stille, die anders war als die Dunkelheit der Nacht.

Irgendwann hörte er im Hintergrund eine Kinderstimme.

„Tante Bella? Ist das Schokolade?“

„Ja, Schatz. Die ist für dich.“

„Aber ich wollte sie doch –“

„Du kannst sie essen. Dein Papa würde das wollen.“

Eine Pause.

Dann: ein Geräusch. Klein. Fast unhörbar.

Das Rascheln von Papier, das aufgerissen wurde.


Und so endet unsere Geschichte.

Nicht mit einem großen Finale. Nicht mit einer Rede. Nicht mit einem Denkmal oder einem Vertrag.

Mit einem Kind, das Schokolade isst. Am Weihnachtsmorgen. In einer U-Bahn-Station unter einer Stadt, die nicht aufgehört hat zu hoffen.

Wurde Ebenezer Gold ein anderer Mensch? Wer kann das sagen. Die Zyniker werden sagen, er hat nur die Seiten gewechselt, weil er einen besseren Deal gewittert hat. Die Optimisten werden sagen, dass selbst der härteste Stein von genug Wasser geformt werden kann.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen – wie so oft.

Aber dies ist sicher: Er hielt sein Wort.

Die Kinder kamen zurück. Nicht alle – noch nicht. Aber jeden Tag mehr. Und Ebenezer Gold, der Mann, der nie etwas umsonst getan hatte, zahlte für jeden einzelnen Flug aus eigener Tasche. Nicht weil es gut für sein Image war. Nicht weil es steuerlich absetzbar war. Sondern weil er in einer Nacht ihre Fotos gesehen hatte, die ihn nicht mehr losließen.

Die Truppen zogen sich zurück. Nicht sofort – Putin brauchte Zeit, sein Gesicht zu wahren. Aber sie zogen sich zurück. Und wenn es Momente gab, in denen Moskau zögerte, dann war da ein Anruf von Gold, freundlich im Ton, aber mit einer Erinnerung an gewisse Kontonummern in gewissen Banken – und die Zögerung endete.

Tymofiy überlebte.

Er überlebte den Winter, den so viele andere nicht überlebten. Er überlebte, weil jemand Lebensmittel geschickt hatte, Medikamente, Wärme. Er überlebte, weil eine Frau namens Isabelle jede Nacht neben ihm saß und ihm Geschichten erzählte – von Amerika, von Türmen aus Gold, von einem Mann, der einmal vergessen hatte, wie man liebt, und es wieder lernte.

Ob dieser Mann je wieder nach Kyjiw kam, wissen wir nicht.

Ob er Isabelle je wiedersah, von Angesicht zu Angesicht, wissen wir nicht.

Aber wir wissen, dass er anrief. Jeden Tag. Manchmal nur für eine Minute, manchmal für eine Stunde. Und dass er, wenn man ihn fragte, was der beste Deal seines Lebens gewesen sei, nie von Hotels sprach oder von Friedensverträgen – sondern von einer Schokolade, die ein Kind gegessen hatte, weil jemand ihm gesagt hatte, dass sein Vater das so gewollt hätte.

Und ob Ebenezer Gold Weihnachten zu feiern verstand?

Nun – er versuchte es. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Und vielleicht ist das alles, was man von einem Menschen verlangen kann: Dass er es versucht. Dass er aufwacht. Dass er, wenn er in der Dunkelheit steht und eine Hand nach unten zeigt, nicht wegschaut, sondern hinkniet und fragt: Was kann ich tun?

Möge das von uns allen gesagt werden.

Und so, wie Tymofiy sagte, als er in jener Nacht seine Schokolade aß – mit Krümeln an den Lippen und zum ersten Mal seit Monaten einem Lächeln:

„Smachnoho. Euch allen.“

Guten Appetit.

Allen.

— ENDE —

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