Drei alte Männer zerschlagen die Welt – und wir diskutieren noch über die Geschäftsordnung

Herfried Münkler ist einer der klügsten politischen Köpfe dieses Landes. Emeritierter Professor der Humboldt-Uni, prägende Stimme in jeder Debatte über Geopolitik. Wenn so jemand in einem Podcast sitzt (hier Table Today mit Stefan Braun) und nüchtern feststellt: „Wir sind von einer regelbasierten in eine machtbasierte Ordnung gewechselt“ – dann ist das keine akademische These. Das ist eine Kriegserklärung an unsere Selbstberuhigungslügen.

Viele von uns spüren das längst. Persönlich läuft es irgendwie noch. Aber der Blick auf die Welt da draußen? Gefährlicher war es seit Jahrzehnten nicht. Und trotzdem tun wir so, als müssten wir nur noch ein bisschen aussitzen, ein bisschen verhandeln, ein bisschen hoffen – dann wird schon alles wieder.

Wird es nicht.

Blitzschach mit Atomwaffen

Münkler beschreibt die neue Weltordnung mit einem brutalen Vergleich: Schach mit Zeitlimit. Wer nicht rechtzeitig zieht, ist raus. Während wir noch debattieren, ob der Zug regelkonform ist, haben andere längst drei Züge gemacht und uns matt gesetzt.

Demokratien mit ihren Aushandlungsprozessen, ihren Checks and Balances, ihren endlosen Diskussionsrunden – sind die überhaupt noch schnell genug für diese Welt?

Die Antwort lautet: Nein. Nicht, solange wir weitermachen wie bisher.

Drei Männer treiben diesen Wandel voran. Drei Imperien. Drei sehr unterschiedliche Motive – aber alle drei spielen auf Macht, nicht auf Regeln.

Putin: Getrieben von Ressentiment. Von der Kränkung, dass Russland nicht mehr in der ersten Reihe steht. Der Ukraine-Krieg ist kein Ausrutscher eines senilen Diktators. Es ist Baustein Nummer vier in einem 20-Jahres-Plan: Tschetschenien (1999), Georgien (2008), Krim (2014), Ukraine (2022). Und gerade jetzt: Hybrid warfare gegen Bulgarien, Rumänien, Moldau – Wahlen manipulieren, Kommunikationssysteme angreifen. Putin hat vom deutschen Generalstab zwischen 1936 und 1939 gelernt, sagt Münkler. Und er hat Zeit.

Xi Jinping: Kein Ressentiment, sondern Restauration. China war jahrhundertelang die Nummer eins. Dann kamen Opiumkrieg, Boxeraufstand, das „Jahrhundert der Demütigung“. Jetzt holt sich China zurück, was ihm – so die Lesart – der Westen geraubt hat. Bis 2050 soll China wieder an der Spitze stehen. Mit einer Marine, die von der Tonnage her bereits jetzt größer ist als die der USA. Mit einer Luftwaffe mit offensiven Fähigkeiten. Mit einem 17+1-Format, das 17 mittel- und osteuropäische Länder direkt an Brüssel vorbei an China bindet. Xi ist längst in Europa drin.

Trump: Abstiegsangst plus trotziger Rückzug. „Make America Great Again“ heißt: Wir wurden ausgenutzt, haben für andere die Kastanien aus dem Feuer geholt, und jetzt ist Schluss. Trump will die USA vom globalen Hegemon zum territorial konsolidierten Imperium umbauen. Kanada als 51. Bundesstaat, Grönland kaufen, Panama-Kanal zurück. Ein imperiales Projekt mit Portfolio: Handel, Zölle, Militär. Und die neue US-Sicherheitsstrategie dokumentiert es schwarz auf weiß: Der transatlantische Westen ist tot. Trump hat ihn 2025 liquidiert.

Europa: Gespalten, gelähmt, gerne auch naiv

Und wir? Wir sind gespalten. Nicht nur politisch. Mental.

Die einen sind in höchster Sorge. Die anderen – Grüße an die AfD – sagen: „Mir hat Putin nichts getan.“ Solange Deutschland nicht angegriffen wird, ist alles okay.

Noch schlimmer: Es gibt eine Zentrifugalkraft. Viktor Orban – von Münkler als „Einflussagent Russlands“ bezeichnet – will Ostanlehnung. Fico, Babiš haben ähnliche Tendenzen. Sie blockieren die EU. Drei Zwerge, die 27 Staaten lahmlegen.

Und dann die anderen: die Westanlehnungs-Fraktion. Aber – und das ist der Schock – den transatlantischen Westen gibt es nicht mehr. Es war Obama, der 2011 „Pivot to Asia“ verkündete. Der Atlantik ist nicht mehr Priorität für die USA.

Was machen die, die das nicht wahrhaben wollen? Sie erzählen sich Märchen: „So schlimm ist es nicht. Trump ist alt, dann kommt ein anderer.“ Wer denn? Vance? Und dann?

Münkler nennt sie „Traumtänzer“. Die anderen sind „Unterwerfungspazifisten“. Beide argumentieren mit einem „Dispens auf Anstrengung“ – wir müssen uns nicht anstrengen, es wird schon wieder. Die Russen liefern Gas, die Amerikaner halten den Atomschirm über uns.

Diese „bräsige Bequemlichkeit“ sitzt tief. Besonders in Deutschland. Wir waren von 1945 bis 1989 der höchst militarisierte Raum weltweit. Eine Mentalität des Überangestrengtseins ist geblieben. Und jetzt? Jetzt wollen wir unsere Ruhe.

Die einzige Lösung: E3/E5 – oder das Ende

27 EU-Staaten, die nach Einstimmigkeit funktionieren müssen? Blockiert von Orban, Fico, Babiš? Italien, das nach Süden schaut auf Migrantenboote vor der tunesischen Küste? Frankreich, das die Ukraine als „ganz weit weg“ betrachtet, weil die Prioritäten traditionell im Mittelmeerraum, in Afrika, in den ehemaligen Kolonien liegen?

Das funktioniert nicht. Nicht in einer Welt, die auf Blitzschach umgestellt hat.

Die Lösung: E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), erweitert zu E5 (plus Polen und Italien). Diese fünf müssen handlungsfähig sein – per Telefon, face-to-face, ohne Einstimmigkeitszwang. Ein hierarchisches Zentrum der EU in Außen- und Sicherheitspolitik.

Klingt undemokratisch? Mag sein. Aber die Alternative ist der Zerfall.

Trump arbeitet dran. Putin arbeitet dran. Xi hat sein 17+1-Format schon installiert. Die Beschleunigung ist da. Und Europa? Diskutiert noch über die Geschäftsordnung.

Hegel gegen Schopenhauer – oder: Warum wir nichts gelernt haben

Am Ende wird Münkler philosophisch. Und düster.

Hegel glaubte, wir lernen aus der Geschichte. Dialektischer Prozess, Fortschritt, Vernunft.

Schopenhauer wusste es besser: „Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts gelernt haben.“

Und genau das ist passiert.

Wir haben geglaubt, über die „Friedensdividende“ das Richtige gelernt zu haben. Deutsche lassen die Finger von Waffen. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen. Schöne, hochattraktive Vorstellungen.

Aber wir haben nicht begriffen: Es gibt Leute, die unser Lernen beobachten. Und die legen es als Schwäche aus.

Münkler vergleicht es mit Mannschaftssport: Jede Mannschaft beobachtet, was der Gegner trainiert – und hebelt genau das aus. Wenn der Gegner auf Ballbesitz setzt, spielt man lange Bälle und schnelle Stürmer.

Politik funktioniert genauso. Aber wir haben uns eingebildet, man könne ein für allemal das Richtige wissen. Und auf seiner Seite haben.

Das war nicht aufmerksames Beobachten von Geschichte. Das war Sehnsucht nach Ruhe. Verwechselt mit Weisheit.

Der ungelöste Widerspruch: „Nie wieder Krieg“ vs. „Nie wieder Auschwitz“

Wir hatten nach 1945 zwei große Überschriften:

·       „Nie wieder Krieg“

·       „Nie wieder Auschwitz“

Und wir haben verdrängt, dass das ein Widerspruch sein kann.

Joschka Fischer hat das aufgemacht, im Eindruck der jugoslawischen Zerfallskriege. Aber davor? Pazifismus des Beschweigens. Wir wollten gar nicht wissen, wo du warst, was du gemacht hast. Wir mussten damals halt irgendwie zusammenleben.

Die Bundesrepublik hat sich über Jahrzehnte durch Lebenslügen schön gemacht. Geschichtspolitik nennt man das, wenn Professionelle es machen: Die Geschichte so erzählen, dass sie die Legitimation der gegenwärtigen Zustände liefert.

Aber oft ist es auch etwas anderes: Sich selbst das eigene Leben schön erzählen.

Und so haben wir uns erzählt: Wir haben das Richtige gelernt. Wir sind die Guten. Wir brauchen keine Waffen mehr.

Währenddessen haben andere beobachtet. Und gelernt. Das Falsche für uns. Das Richtige für sie.

Werden die Enkel in Frieden leben?

Die Frage im Podcast: Werden wir, werden unsere Kinder, unsere Enkel in 20 Jahren wieder in einer friedlicheren Welt leben?

Münklers Antwort: „Ich glaube das nicht unbedingt.“

Er sieht keine umfassende Befriedung der Welt. Die strukturellen Probleme – Nord-Süd, Ost-West – sind zu groß. Es kann sein, dass man auf einem hohen Level der Abschreckung verhindern kann, dass sich Ukraine-Kriege wiederholen. Aber die Frage ist: Wer lernt von Putin, wenn Putin als Gewinner vom Platz geht?

Erdoğan würde gerne ein bisschen Osmanisches Reich wiederherstellen. Vučić hat Kosovo und Bosnien im Blick. Und dann der globale Süden: furchtbare Kriege im Ostkongo, im Sudan – die wir nicht auf dem Schirm haben, weil sie so weit weg sind.

Münkler sieht nicht, dass wir die Fähigkeiten haben, diese Welt verlässlich zu verfriedlichen.

Zerstört die Menschheit ihr Zuhause?

Und dann, ganz am Schluss, die große Frage: Zerstört die Menschheit ihr Zuhause?

Münklers Antwort: Ja.

Erderhitzung. Kriege als gewaltige Erderhitzer. Flüchtlingsbewegungen als ökologische Katastrophen. Zehn Millionen Menschen, die nicht mehr dort wohnen, wo sie ihre Subsistenz vorfanden.

„Wir arbeiten kräftig daran, die Grundlagen unseres Fortlebens zu verschlechtern. Ich würde nicht sagen, völlig zu zerstören, aber zu verschlechtern. Was heißt, dass die Anstrengungen, irgendwie zu überleben, größer werden.“

Das ist keine gute Nachricht.

Schopenhauer hatte recht

Am Ende bleibt Schopenhauer. Nicht Hegel.

Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts gelernt haben.

Putin hat 20 Jahre lang seine Strategie verfolgt. Xi baut sein Imperium auf. Trump zertrümmert die alte Ordnung.

Und wir? Wir erzählen uns weiter, dass es schon nicht so schlimm wird. Dass irgendwer schon eingreift. Dass die Regeln am Ende doch gelten.

Tun sie nicht.

Die Enkel werden nicht in einer friedlicheren Welt leben. Die Anstrengungen zu überleben werden größer. Die Zeit der schönen Geschichten ist vorbei.

Münkler gibt keine falschen Hoffnungen. Aber er zeigt auch: Resignation ist keine Option. Es gibt Handlungsräume – wenn man bereit ist, die Realität zu sehen. Mit all ihrer Härte. Mit all ihrer Unbequemlichkeit.

E3/E5 – oder das Ende. Das ist kein Slogan. Das ist die Wahl.

Wir können weiter diskutieren, verhandeln, aussitzen. Können weiter auf Regeln pochen, während andere Fakten schaffen. Können weiter hoffen, dass irgendwer uns rettet.

Oder wir können aufwachen. Handeln. Entscheiden.

Die Uhr tickt. Blitzschach, erinnert ihr euch?

Und wir stehen immer noch am Brett und überlegen, ob wir die Eröffnung kennen.

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