Europa auf dem Stier

Europa auf dem Stier

Ein Kontinent, benannt nach einer Entführten. Warum uns die Geschichte gerade einholt.


Der Mythos erzählt es so: Zeus sieht Europa am Strand, verwandelt sich in einen weißen Stier, sanft und schön. Sie steigt auf. Er springt ins Meer. Als sie begreift, was geschieht, ist das Ufer schon fern.

Tausende Jahre später trägt ein ganzer Kontinent ihren Namen. Als wäre die Entführung eine Liebesgeschichte. Als hätte sie am Ende Ja gesagt.


Die wilde Sau

Fairerweise muss man sagen: Europa war nicht immer das Opfer. Vor 1945 war dieser Kontinent die wildgewordene Sau der Weltgeschichte. Wir haben uns gegenseitig zerfleischt, zwei Weltkriege angezettelt, nebenbei den halben Planeten kolonisiert und ausgebeutet. Wir waren der Stier, der andere auf den Rücken nahm – Afrika, Asien, Amerika.

1945 wurde das Tier erlegt. Was übrig blieb, war kein stolzer Eber mehr, sondern ein Kadaver, der mühsam wiederbelebt werden musste – mit fremdem Blut und fremdem Geld.


Der neue Reiter

Die USA kamen nicht als Eroberer, sondern als Beschützer. So erzählten wir es uns jedenfalls. Marshallplan, NATO, Freiheit. Ein gütiger Stier, der uns trug, statt uns zu entführen.

Wir haben nicht gefragt, wohin die Reise geht. Wir waren froh, nicht mehr laufen zu müssen.

Guatemala 1954 – weggeschaut.
Iran 1953 – weggeschaut.
Chile 1973 – weggeschaut.
Vietnam – ein wenig gemurrt, aber nichts riskiert.
Irak 2003 – ein höfliches Nein. Aus Überzeugung – den Irakern wollten wir dann aber doch nicht zur Seite springen.

Denn die Regel blieb: Solange der Stier uns trägt, fragen wir nicht, wen er unterwegs zertrampelt.


Die Kränkung

Was jetzt passiert, ist nicht neu. Es ist nur unhöflich.

Trump sagt laut, was immer galt: Ihr seid abhängig. Ihr seid schwach. Ihr tut, was wir sagen, oder ihr tragt die Konsequenzen.

Venezuela wird überfallen, ein Staatschef entführt – wir murmeln von „komplexer Lage“. Grönland wird bedroht, ein NATO-Verbündeter erpresst – wir schicken besorgte Blicke über den Atlantik und hoffen, dass Rubio die Vernünftigen vertritt.

Fiona Hill, die ehemalige Russland-Beraterin, hat es auf den Punkt gebracht: Wenn wir das Recht haben, in unserem Hinterhof aggressiv vorzugehen – warum dann nicht auch die Russen?

Die Frage ist rhetorisch. Wir kennen die Antwort. Sie lautet: Weil wir die Guten sind. Weil es anders ist, wenn wir es tun.

Nur glaubt das außerhalb Europas und Amerikas kaum noch jemand.


Die Sucht

Was 1945 begann, war keine Partnerschaft. Es war der Beginn einer Abhängigkeit.

Erst die Lucky Strikes, die Schokolade, die Befreiung. Dann Elvis, Hollywood, die Jeans. Später die iPhones, die Plattformen, die Cloud. Dazwischen, immer: die Sicherheit. Der Schirm. Das Versprechen, dass uns niemand etwas tun kann, solange wir zum Westen gehören.

Europa wurde nicht erobert. Europa wurde angefüttert.

Und wie bei jeder Sucht kam irgendwann der Punkt, an dem wir nicht mehr aufhören konnten, selbst wenn wir wollten. Unsere Armeen können ohne amerikanische Satelliten nicht kämpfen. Unsere Unternehmen können ohne amerikanische Software nicht arbeiten. Unsere Geheimdienste wissen nur, was die NSA ihnen erzählt.

Achtzig Jahre später stehen wir da wie ein Junkie, dem der Dealer plötzlich sagt, was er wirklich von ihm hält. Und wir sind empört – nicht über die Abhängigkeit, sondern über den Tonfall. Nicht weil er uns je gefesselt hätte – sondern weil wir uns nie die Mühe gemacht haben, aufzustehen.


Die Frage

Wir lebten wie Kinder im Wolkenkuckucksheim, pflegten die schönen Künste, debattierten Moral und Philosophie – und hielten das für Weltpolitik.

Jetzt wird es schmutzig. Der Stier heißt Trump. Und auf der anderen Seite steht Putin.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Trump Grönland bekommt. Die Frage ist, was wir eigentlich wollen.

Wollen wir unabhängig sein? Wirklich unabhängig – mit allem, was dazugehört? Eigene Armee, die nicht auf amerikanische Logistik angewiesen ist? Eigene Atomwaffen, oder zumindest eine europäische Abschreckung? Eigene Rohstoffpolitik, die uns nicht erpressbar macht?

Das würde kosten. Nicht zwei Prozent des BIP, sondern vier oder fünf. Weniger Sozialstaat, mehr Panzer. Weniger moralische Überlegenheit, mehr Realpolitik.

Die ehrliche Antwort der meisten Europäer wäre: Nein. Das wollen wir nicht. Das ist uns zu teuer, zu unbequem, zu gefährlich.

Und das ist auch eine Antwort. Nur sollten wir dann aufhören, uns zu empören.

Denn wer auf dem Stier sitzt und nicht abspringen will, sollte sich nicht wundern, wohin die Reise geht.


Der Mythos, zu Ende erzählt

In der griechischen Sage endet Europas Geschichte nicht mit der Entführung. Zeus bringt sie nach Kreta, sie gebiert ihm drei Söhne, sie wird Königin. Ein Happy End, wenn man will.

Nur hat sie nie wieder das Festland betreten, von dem sie kam.

Das ist vielleicht die eigentliche Lehre: Wer einmal auf dem Stier sitzt, kommt nicht einfach zurück. Man kann sich einrichten, man kann Königin werden, man kann sogar glauben, es sei die eigene Entscheidung gewesen.

Aber das Meer, das einen von zuhause trennt – das bleibt.

Es sei denn, wir springen endlich ab und strampeln uns ans Ufer.

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