Europa stirbt zweimal

Europa stirbt zweimal

Wir schauen zu, wie das Feuer ausgeht, und beschweren uns über die Kälte. Europa stirbt nicht, weil es besiegt wird. Es stirbt, weil es sich weigert, stattzufinden.

Wenn es so weitergeht wie bisher, wird die Europäische Union untergehen. Nicht weil Donald Trump sie zerstört. Nicht weil Wladimir Putin sie spaltet. Nicht weil Xi Jinping sie wirtschaftlich aushungert. Sondern weil sie sich selbst nicht verteidigt. Weil niemand sie verteidigt.

Ein Kommentar in der SZ hat das heute schonungslos und präzise beschrieben. Die These: Europa stirbt am Desinteresse seiner eigenen Bürger. An der Gesichtslosigkeit Brüssels. An der Unfähigkeit, aus 80 Jahren Frieden eine Geschichte zu machen, die Menschen berührt.

Das klingt abstrakt. Aber es ist ganz konkret.

Schalten Sie heute Abend eine beliebige deutsche Talkshow ein. Sie werden US-Experten sehen, die jede Wendung in Trumps Kabinett erklären. Russland-Experten, die Putins nächsten Schachzug analysieren. China-Experten, die vor der wirtschaftlichen Abhängigkeit warnen. Aber EU-Experten? Menschen, die erklären, was in Brüssel passiert, warum es passiert, was es für unser Leben bedeutet? Die gibt es nicht. Nicht weil es sie nicht gäbe – sondern weil sie niemand einlädt. Weil niemand einschaltet, wenn es um Europa geht.

Die USA haben Hollywood. Ein über Jahrzehnte gewachsenes kulturelles Gravitationsfeld, das weltweit wirkt. Jedes Kind in Deutschland kennt amerikanische Präsidenten, amerikanische Städte, amerikanische Träume. Europa hat – was genau?

Ursula von der Leyen, die Prügel bezieht, weil sie mit Trump ein Zollabkommen verhandelt hat. Die Vorgaben kamen von den Staats- und Regierungschefs. Aber wen interessiert das? Das Europaparlament ist nicht die höchste Gewalt der EU. Das sind die Nationalstaaten, die am lautesten schimpfen dürfen, ohne Verantwortung zu tragen.

Fragen wir die Menschen auf der Straße: Drei Viertel werden sagen, sie seien mit der EU einverstanden. Europa als Idee? Wunderbar. Frieden, Freizügigkeit, gemeinsame Währung. Aber dann fragen Sie weiter: Soll Deutschland mehr Asylbewerber aufnehmen, um andere EU-Staaten zu entlasten? Soll Deutschland mehr in den EU-Haushalt einzahlen? Soll Deutschland Schulden vergemeinschaften, um schwächeren Ländern zu helfen?

Dann wird es still.

Europa als Idee: ja. Europa als Praxis, als Solidarität, als Kosten: lieber nicht.

Das ist das erste Sterben. Das leise. Das, von dem die SZ schreibt.


Aber es gibt noch ein zweites Sterben. Eines, das nicht von unten kommt, sondern von oben. Nicht vom Desinteresse der Bürger – sondern vom Handeln ihrer Regierungen.

Schauen wir nach Indien.

Friedrich Merz ist gerade dort. Drachenfestival, Sonnenschein, Handshakes mit Narendra Modi. Die Bilder sind perfekt. Die Botschaft ist klar: Deutschland will raus aus der China-Abhängigkeit. Diversifizierung, heißt das neue Zauberwort. Neue Partner, neue Märkte, neue Lieferketten.

Was fehlt, ist jede Bedingung. Und jede Erinnerung daran, dass wir dieses Spiel schon einmal gespielt haben.

Indien wird als „Demokratie“ verkauft. Als natürlicher Partner des Westens. Das ist bequem. Und es ist eine Lüge, die wir uns selbst erzählen.

Modi regiert autoritär. Er unterdrückt die Opposition. Er kontrolliert die Medien. Er duldet Gewalt gegen Muslime – manchmal fördert er sie. Er baut den indischen Staat systematisch um, in ein hinduistisch-nationalistisches Projekt. Dass er gewählt wurde, macht ihn nicht harmlos. Es macht ihn nur anschlussfähig. Für eine Außenpolitik, die sich ihre Werte passend zurechtlegt.

Deutschland weiß das alles. Es ist kein Geheimnis. Und Deutschland blendet es aus. Nicht aus Naivität. Aus Kalkül.

Wer das kritisiert, kennt die Antwort. Links-grün-bekloppt, wird es heißen. Wirtschaftsfeindlich. Naiv. Weltfremd. Als ob Skepsis gegenüber bedingungslosen Deals bedeuten würde, keine Deals zu wollen. Als ob die Frage, mit wem man Geschäfte macht und zu welchem Preis, bereits Verrat an der deutschen Wirtschaft wäre.

Aber genau diese Denkweise – erst der Deal, dann das Denken – hat uns in die Abhängigkeit von Russland geführt.

Die BASFs dieser Republik wollten billiges Gas. Sie haben es bekommen. Jahrzehntelang. Und als Putin die Ukraine überfiel, stellte sich heraus: Wir hatten unsere Energieversorgung in die Hände eines Mannes gelegt, der Krieg führt, um Grenzen zu verschieben. Die Zeche zahlt jetzt die Ukraine. Mit Blut. Und Deutschland? Sucht den nächsten Deal. Und BASF zieht weiter nach China.

Wandel durch Handel, hieß es damals. Die Idee war: Wenn wir nur genug Geschäfte machen, wird sich Russland öffnen. Wird demokratischer. Wird friedlicher. Die Idee war falsch. Sie war schon immer falsch. Aber sie war bequem, also haben wir daran geglaubt.

Jetzt wiederholt sich das Muster. Nur mit anderem Etikett.


Gleichzeitig – und das gehört zum Bild – passiert in Washington etwas, das weniger fotogen ist, aber mindestens so wichtig.

Wirtschaftsminister Lars Klingbeil verhandelt über Seltene Erden und Lieferketten. Außenminister Johann Wadephul spricht über Russland und Grönland.

Deutsche Minister pilgern nach Amerika, jeder mit seiner Agenda, keiner mit einem europäischen Mandat.

Das ist keine Strategie. Das ist Schadensbegrenzung unter US-Vorbehalt.

Denn der Rahmen ist längst gesetzt: Donald Trump hat China zum Hauptfeind erklärt. Ökonomisch, technologisch, geopolitisch. Und Europa folgt. Nicht widersprechend. Nicht mit eigener Position. Sondern als vorauseilende Anpassung.

Diversifizierung wird zur Tarnformel für Unterordnung. Man tut so, als sei das alles europäische Einsicht – dabei kommt der Takt aus Washington. Trump gibt die Richtung vor, Europa marschiert.

Das Paradoxe daran: Während Trump die NATO infrage stellt, während er Grönland zur Verhandlungsmasse erklärt, während er internationales Recht behandelt wie eine Option, die man wählen kann oder nicht – richtet Deutschland seine Rohstoffpolitik noch enger an ihm aus.

Abhängigkeit ohne Schutzversprechen. Gefolgschaft ohne Gegenleistung. Und das nennen wir dann Pragmatismus.


Indien passt perfekt in dieses Bild. Groß, wachsend, geopolitisch nützlich. Ein Gegengewicht zu China, sagen die Strategen. Ein Markt mit Zukunft, sagen die Wirtschaftsvertreter.

Was sie nicht sagen: Indien finanziert Russlands Krieg mit. Es kauft billiges russisches Öl, das der Westen sanktioniert hat. Es bleibt strategisch eng mit Moskau verbunden – aus alter Tradition, aus Eigeninteresse, aus Kalkül. Und es instrumentalisiert westliche Erwartungen kühl und professionell.

Modi nimmt, was er kriegen kann. Technologie, Investitionen, Rüstungsdeals. Und gibt dafür – was? Versprechen. Absichtserklärungen. Fototermine.

Bedingungen stellt niemand. Nicht Deutschland. Nicht Europa.


Und damit sind wir beim Kern.

Europa kommt in dieser Politik nur noch als Kulisse vor. Als Worthülse in Sonntagsreden. Merz fliegt nach Delhi, Macron verhandelt woanders, Meloni telefoniert mit irgendwem. Jeder für sich. Alle reden von europäischer Einheit – und keiner handelt danach.

In einer Lage mit eskalierender Blockbildung. Mit brüchigen Bündnissen. Mit einem US-Präsidenten, der offen mit der Annexion befreundeter Territorien droht. In dieser Lage ist nationales Klein-Klein kein Pragmatismus. Es ist ein Rückfall in alte Reflexe. In die Zeit vor der EU. In die Zeit, als europäische Staaten gegeneinander um Einfluss buhlten, statt gemeinsam zu handeln.

Nur dass die Gegner heute größer sind. Und die Einsätze höher.


Es gäbe eine Alternative.

Sie hieße: europäisch verhandeln statt national betteln. Mit einer Stimme sprechen, nicht mit 27. Bedingungen stellen, statt Bedingungslosigkeit zu feiern. Sie hieße: Vom Bittsteller zum Block werden. Es hieße, einzusehen, dass wir im globalen Sturm der Großmächte nur als Einheit überleben. Wir bräuchten keinen deutschen Alleingang in Indien, sondern eine europäische Einkaufsgemeinschaft für Rohstoffe, die unsere Marktmacht bündelt, statt sie zu zerstäuben. Wir bräuchten eine Außenpolitik, die Bedingungen stellt, weil sie es sich leisten kann – und eine Verteidigung, die diesen Namen verdient, weil sie nicht länger am Tropf Washingtons hängt.

Eine gemeinsame europäische Rohstoffstrategie. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik. Eine Kommissionspräsidentin, die direkt vom Europaparlament gewählt wird – und damit ein Gesicht, das die Bürger kennen, weil sie es selbst gewählt haben.

Das wäre möglich. Theoretisch.

Aber es würde bedeuten, die Lage ernst zu nehmen. Und genau das passiert nicht.


Stattdessen: Delegationsreisen und Deals. Wandel durch Handel, nur ohne die Illusion des Wandels. Werte, die bei jeder Rede beschworen und bei jedem Geschäft suspendiert werden. Eine Außenpolitik, die so tut, als ließe sich eine explodierende Weltordnung mit Handshakes und Absichtserklärungen beruhigen.

Das ist keine Realpolitik. Das ist das Management des eigenen Bedeutungsverlusts.


Und die Zeit läuft ab.

In anderthalb Jahren wählt Frankreich. Wenn Jordan Bardella gewinnt, regiert in Paris ein Schützling von Marine Le Pen – jemand, der die EU als Feind betrachtet, nicht als Projekt.

In Polen blockiert bereits ein PiS-naher Präsident die proeuropäische Regierung. In Ungarn regiert Viktor Orbán längst nach eigenen Regeln, hat sich aus dem europäischen Grundkonsens verabschiedet. Die Slowakei folgte. In Tschechien herrscht jetzt Babiš. Italien hält sich noch im konservativen Mainstream, aber Giorgia Meloni ist kein Bollwerk. Sie ist eine Übergangsfigur. Und bei uns lauert die AfD mit Rückenwind aus Washington.

 

Wenn die nächsten Wahlen so ausgehen, wie es die Umfragen andeuten, ist die EU keine Wertegemeinschaft mehr. Sie ist eine Ansammlung rechtsnational regierter Staaten, die sich einen gemeinsamen Markt teilen – und sonst nichts.

Kein gemeinsames Projekt. Keine gemeinsame Verteidigung. Keine gemeinsame Stimme in der Welt.


Jürgen Habermas, der große alte Mann der deutschen Philosophie, ist 96 Jahre alt. Er hat Europa ein Leben lang gedacht. Jetzt schreibt er in der Süddeutschen Zeitung:

„Die weitere politische Integration im Kern der Europäischen Union war für uns noch nie so überlebenswichtig wie heute. Und noch nie so unwahrscheinlich.“

Diesen Satz sollte man zweimal lesen. Langsam.

Überlebenswichtig. Und unwahrscheinlich.

Das ist keine Analyse. Das ist ein Nachruf zu Lebzeiten.


80 Jahre Frieden. 80 Jahre Freiheit. 80 Jahre wachsender Wohlstand auf einem Kontinent, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zweimal selbst zerstört hat.

Das war das Versprechen der Europäischen Union. Und es wurde gehalten. Länger, als irgendjemand 1945 zu hoffen gewagt hätte.

Aber Versprechen müssen erneuert werden. Sie müssen verteidigt werden. Von jeder Generation neu.

Und diese Generation? Schaut zu. Zuckt die Achseln. Macht Deals.

Die EU wird nicht mit einem Knall sterben. Nicht mit Panzern und Bomben. Sie wird sterben wie ein Feuer, dem niemand mehr Holz nachlegt. Langsam. Leise. Während alle noch so tun, als würde es brennen.

Die Uhr tickt.

Und niemand hört den Wecker.

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