GESUNDER MENSCHENVERSTAND, Kapitel I
Über Ursprung und Zweck der Macht im 21. Jahrhundert
„Vielleicht sind die Gedanken auf den folgenden Seiten noch nicht modisch genug, um allgemeinen Beifall zu finden. Eine lange Gewohnheit, eine Sache nicht für falsch zu halten, verleiht ihr den oberflächlichen Anschein, recht zu sein.“
So begann Thomas Paine 1776 das einflussreichste Pamphlet der Neuzeit. Es verkaufte sich hundertzwanzigtausend Mal in drei Monaten – in einer Nation von zweieinhalb Millionen Menschen. Das Äquivalent heute wären über dreihundert Millionen Exemplare. Mit seinem Pamphlet „Common Sense” legte er den Grundstein für die amerikanische Revolution und die spätere Unabhängigkeitserklärung.
Was Paine schrieb, war einfach. Was er forderte, war ungeheuerlich. Er sagte: Der König muss weg. Nicht dieser König. Nicht weil Georg III. besonders schlecht regiert. Sondern weil das Prinzip falsch ist. Weil kein Mensch das Recht hat, über andere zu herrschen, nur weil er in einem bestimmten Bett geboren wurde.
Dafür konnte man gehängt werden.
Paine schrieb trotzdem.
Ich schreibe auch. Nicht weil ich mich mit Paine vergleichen will – er war ein Genie, ich bin eine Journalistin, die nachts um drei nicht schlafen kann, weil die Welt brennt. Aber ich schreibe, weil sein Gedanke dringender ist als je zuvor. Weil das, was er 1776 über den König von England gesagt hat, Wort für Wort auf unsere Zeit zutrifft – nur dass die Könige heute anders heißen, dass sie nicht in Schlössern sitzen, sondern in Penthäusern und Kreml-Büros, und dass ihre Macht nicht auf einer Krone beruht, sondern auf etwas viel Wirksamerem: auf der Gewohnheit.
Die Gewohnheit, es hinzunehmen. Die Gewohnheit, zu sagen: „So läuft die Welt eben.“ Die Gewohnheit, Empörung für Widerstand zu halten und Achselzucken für Weisheit.
Diese Gewohnheit will ich brechen. Auf den folgenden Seiten biete ich nichts anderes als einfache Fakten, schlichte Argumente und gesunden Menschenverstand.
Beginnen wir dort, wo Paine begonnen hat: bei der Frage, wozu Macht überhaupt da ist.
Paine unterschied zwischen Gesellschaft und Regierung. Gesellschaft, schrieb er, entsteht aus unseren Bedürfnissen – wir brauchen einander, also tun wir uns zusammen, und das ist ein Segen. Regierung hingegen entsteht aus unseren Schwächen – wir trauen uns gegenseitig nicht über den Weg, also brauchen wir Regeln und jemanden, der sie durchsetzt. Gesellschaft fördert unser Glück. Regierung beschränkt unsere Laster. Die eine ist eine Stifterin, die andere eine Bestraferin.
Im besten Fall, schrieb Paine, ist Regierung ein notwendiges Übel. Im schlimmsten Fall ein unerträgliches.
In welchem Fall leben wir?
Schauen wir uns die Welt an, wie sie ist. Nicht wie sie in den Sonntagsreden der Mächtigen beschrieben wird, nicht wie sie in den Lehrbüchern steht, nicht wie sie sein sollte. Wie sie ist. Heute. Jetzt. Während du das hier liest.
Eine Handvoll Männer – und es sind Männer, wir werden darauf zurückkommen – entscheidet über das Schicksal von acht Milliarden Menschen. Nicht durch Wahlen. Nicht durch Argumente. Nicht durch Überzeugung. Sondern durch die schlichte Akkumulation von Macht: militärischer, finanzieller, technologischer Macht, die sich längst von jedem demokratischen Mandat gelöst hat.
Eine Handvoll Männer – und es sind Männer, wir werden darauf zurückkommen – entscheidet über das Schicksal von acht Milliarden Menschen. Nicht durch Wahlen. Nicht durch Argumente. Nicht durch Überzeugung. Sondern durch die schlichte Akkumulation von Macht: militärischer, finanzieller, technologischer Macht, die sich längst von jedem demokratischen Mandat gelöst hat.
Ein Mann im Weißen Haus entscheidet per Dekret über die Körper von Millionen Frauen. Ein Mann in einem Büro in Texas besitzt die Satelliten, die Armeen versorgen, die Algorithmen, die Meinungen formen, und die Raketen, die zum Mars fliegen sollen – und eine Behörde obendrauf, die keine demokratische Legitimation hat, aber Zugang zu den Finanzdaten einer ganzen Regierung. Kein Ministerium, nicht einmal das: eine improvisierten Machtposition, die sich ein Privatmann mit einem faschistisch hochgereckten Arm verdient hat.
Das ist keine Verschwörungstheorie.
Und wir? Wir nennen die Zustände in den USA immer noch „Demokratie“. Wir nennen das „regelbasierte Ordnung“. Wir nennen das „die freie Welt“.Wenn das die freie Welt ist, dann ist das Wort „frei“ inzwischen so leer wie das Wort „verfassungsmäßig“ auf einer russischen Regierungswebsite.
Apropos Russland: Ein Mann im Kreml entscheidet, ob Kinder in Charkiw morgen noch eine Schule haben.
Ein Mann in Peking entscheidet, ob ein ganzes Volk existieren darf oder verschwindet.Ein Mann in Riad lässt einen Journalisten in einem Konsulat zersägen und bekommt dafür einen Handschlag vom amerikanischen Präsidenten.
Das sind die Staaten, mit denen unsere Regierungen die größten Geschäfte machen.
Paine stellte eine einfache Frage: Für wen arbeitet die Regierung?
Sie arbeitet nicht für dich. Das ist der erste Satz, den wir akzeptieren müssen, bevor alles andere einen Sinn ergibt.
Sie arbeitet nicht für die Krankenschwester in Düsseldorf, die nach zwölf Stunden Schicht ein Netz aus Bürokratie und Unterfinanzierung vorfindet, das dafür sorgt, dass sie genug verdient, um gerade nicht auf die Straße gehen zu müssen – aber nie genug, um aufzuhören, Angst vor der Zukunft zu haben.
Sie arbeitet nicht für den Lehrer in Ohio, der seinen Schülern beibringt, wie Demokratie funktioniert, während draußen vor der Schule ein Mann mit einem Sturmgewehr vorbeiläuft, das legal ist, weil ein Verfassungszusatz aus dem 18. Jahrhundert wichtiger ist als das Leben seiner Schüler.
Sie arbeitet nicht für die junge Frau in Istanbul, die studiert hat, drei Sprachen spricht, klüger ist als jeder Minister in ihrem Land und trotzdem nicht sicher ist, ob sie morgen für einen Instagram-Post verhaftet wird.
Sie arbeitet nicht für den Fischer auf den Philippinen, dessen Küste versinkt, während die Konzerne, die sie versenkt haben, Quartalsberichte veröffentlichen, die „Nachhaltigkeit“ im Titel tragen.
Für wen arbeitet sie dann?
Folge dem Geld. Das ist keine linke Parole, das ist buchhalterische Logik. Wer finanziert die Wahlkämpfe? Wer schreibt die Gesetze, die angeblich das Volk schützen? Wer sitzt in den Aufsichtsräten der Unternehmen, die gleichzeitig die Regierungen beraten, die sie regulieren sollen? Wer pendelt zwischen Behörde und Vorstandsetage, zwischen Lobbyverband und Parlament, zwischen Macht und Geld und wieder zurück, als wäre die Drehtür der natürliche Aggregatzustand der Demokratie?
Die Antwort ist immer dieselbe. Und es sind nie die Krankenschwester, der Lehrer, die Studentin, der Fischer.
Paine schrieb: „Gesellschaft wird hervorgebracht durch unsere Bedürfnisse, Regierung durch unsere Verdorbenheit.“
Er hatte recht. Nur hat er die Pointe nicht weit genug gedacht. Die Verdorbenheit, die Regierung hervorbringt, ist nicht die der Regierten – es ist die der Regierenden. Wir haben nicht deshalb Regierung, weil wir so schlecht sind, dass wir kontrolliert werden müssen. Wir haben diese Art von Regierung, weil sie so gut darin sind, sich als unverzichtbar zu verkaufen.
Hier liegt der Kern. Und er ist so einfach, dass man ihn leicht übersieht:
Wir haben den Gesellschaftsvertrag nicht gebrochen. Sie haben ihn gebrochen.
Die Idee war: Wir geben einen Teil unserer Freiheit ab – Steuern, Gesetze, Pflichten – und dafür bekommen wir Sicherheit, Ordnung, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit. Das war der Deal. Nicht perfekt, aber funktional. Ein notwendiges Übel, wie Paine sagte, aber eines, das sich lohnt.
Und jetzt? Wir zahlen Steuern, und Konzerne zahlen keine. Wir halten uns an Gesetze, und Präsidenten brechen sie. Wir gehen wählen, und Milliardäre kaufen das Ergebnis. Wir schicken unsere Kinder in Schulen, und die Mächtigen schicken ihre nach Davos. Wir halten unseren Teil des Vertrags. Sie nicht.
Das ist kein Politikversagen. Das ist Vertragsbruch. Und wenn eine Seite den Vertrag bricht, ist die andere Seite nicht mehr gebunden.
Paine hat das 1776 über das Verhältnis zwischen den Kolonien und England gesagt. Ich sage es 2026 über das Verhältnis zwischen den Mächtigen und dem Rest.
Jetzt kommt der Moment, in dem die klugen Leute aufstehen und sagen: „Aber das ist doch schon immer so gewesen. Macht war schon immer ungleich verteilt. Die Reichen haben schon immer die Regeln gemacht. Was ist anders?“
Was anders ist, ist die Größenordnung. Und die Werkzeuge.
Paine kämpfte gegen einen König auf einer Insel, dessen Macht an der Küste endete. Unsere Könige haben keine Küste. Ihre Macht ist global, digital, in Echtzeit verfügbar. Ein einzelner Mann kann heute per Algorithmus bestimmen, was zwei Milliarden Menschen in ihrem Nachrichtenfeed sehen – und damit, was sie für wahr halten. Ein einzelnes Unternehmen kann die gesamte Kommunikationsinfrastruktur eines Krieges kontrollieren und nebenbei ein Quasi-Ministerium führen. Ein einzelner Hedgefonds kann die Währung eines Landes zum Einsturz bringen, bevor die dortige Regierung morgens ihren Kaffee getrunken hat.
Das ist eine Machtkonzentration, die es in der Geschichte der Menschheit nie gegeben hat. Nicht bei den Pharaonen, nicht bei den Kaisern, nicht bei den Kolonialreichen. Die British East India Company, das mächtigste Unternehmen des 18. Jahrhunderts, brauchte Monate, um eine Nachricht von London nach Kalkutta zu schicken. Die Unternehmen von heute brauchen Millisekunden, um Milliarden zu bewegen, Meinungen zu formen, Regierungen unter Druck zu setzen.
Und der entscheidende Unterschied: Die alten Könige waren sichtbar. Man wusste, wer sie waren, wo sie saßen, in wessen Namen sie regierten. Die neuen Könige sind unsichtbar. Sie sitzen nicht auf Thronen, sie sitzen in Vorstandsetagen, auf Yachten, in Rechenzentren. Sie regieren nicht in ihrem eigenen Namen, sie regieren im Namen von Aktionären, Algorithmen, Marktkräften – als wäre Macht ein Naturgesetz und nicht eine menschliche Entscheidung.
Paine hat die Monarchie entkleidet. Er hat unter die Krone geschaut und gesagt: Da ist nichts. Kein göttliches Recht. Kein natürlicher Anspruch. Nur Gewalt, die sich als Tradition verkleidet hat.
Tun wir dasselbe. Schauen wir unter die Oberfläche dessen, was sich „Marktwirtschaft“ nennt, „Demokratie“, „regelbasierte Ordnung“ – und stellen wir fest, was darunter liegt: eine Machtverteilung, die so absurd ungleich ist, dass man sie nur ertragen kann, wenn man nicht darüber nachdenkt.
Genau darauf setzt das System: dass wir nicht nachdenken. Dass wir zu beschäftigt sind, zu müde, zu abgelenkt, zu unterhalten, zu verängstigt, um den einfachsten aller Gedanken zu denken:
Das muss nicht so sein.
Denn das ist Paines eigentliche Leistung. Nicht die Analyse – andere haben die Monarchie vor ihm kritisiert. Nicht die Lösung – die Verfassung haben andere geschrieben. Sein Verdienst war der einfachste und gefährlichste aller Gedanken: dass das, was ist, nicht das sein muss, was sein wird. Dass „es war schon immer so“ kein Argument ist, sondern eine Kapitulation. Dass die Gewohnheit, Macht hinzunehmen, keine Weisheit ist, sondern eine Krankheit.
Ich biete auf den folgenden Seiten nichts anderes als diesen Gedanken – angewendet auf unsere Zeit, auf unsere Könige, auf unsere Gewohnheiten. Ich biete keine fertige Lösung, kein Programm, keine Partei. Ich biete einen Vorschlag: Hört auf zu glauben, dass es so sein muss. Denn dieser Glaube ist das Einzige, was die Mächtigen wirklich brauchen.
Alles andere – die Armeen, die Algorithmen, die Milliarden – ist nur Dekoration. Die eigentliche Waffe der Macht ist unsere Gewohnheit, sie nicht in Frage zu stellen.
Paine hat diese Gewohnheit gebrochen. In einem Pamphlet. In der einfachsten Sprache, die er finden konnte. Für gewöhnliche Menschen, nicht für Gelehrte.
Ich versuche dasselbe.
Nicht weil ich glaube, dass ein Text die Welt verändert. Sondern weil ich weiß, dass Schweigen sie nicht verändert.
GESUNDER MENSCHENVERSTAND, Kapitel II
Über die neue Monarchie: Die Autokraten-Internationale
Im Januar 1776 schrieb Thomas Paine über den König von England einen Satz, für den man damals gehängt werden konnte: „Ein Esel statt eines Löwen auf dem Thron – so macht die Natur die Erbfolge lächerlich.“ Er meinte: Es ist nicht die Frage, ob der König gut oder schlecht regiert. Es ist die Frage, warum überhaupt ein einzelner Mann über Millionen entscheiden darf, nur weil er der Sohn seines Vaters ist.
250 Jahre später müssen wir den Satz korrigieren. Nicht weil er falsch war, sondern weil die Wirklichkeit ihn überholt hat. Unsere Könige sind keine Erben mehr. Sie sind schlimmer. Sie sind gewählt. Oder sie haben sich durch Systeme nach oben gekämpft, die sie anschließend zerstört haben. Und sie sind – alle, ausnahmslos, jeder Einzelne – Männer.
Das ist kein Zufall. Das ist das Programm.
Schauen wir sie uns an, die Herrscher unserer Zeit. Nicht ihre Politik, nicht ihre Ideologie – die unterscheidet sich ohnehin nur im Dialekt. Schauen wir uns die Inszenierung an. Das Bild, das sie von sich in die Welt senden, denn das Bild ist die Politik.
Da ist ein Mann, der sich mit nacktem Oberkörper auf ein Pferd setzt und dabei fotografieren lässt, und Millionen sollen das für Stärke halten statt für das, was es ist: die Verzweiflung eines alternden Körpers, der Krieg führen muss, um sich lebendig zu fühlen. Da ist ein Mann, der sich die Haare orange färbt, in einem goldenen Penthouse lebt, seinen Namen in Großbuchstaben auf Hochhäuser schraubt und davon ausgeht, dass dies Millionen Menschen davon überzeugt, er sei die Antwort auf ihre Probleme. Da ist ein Mann, der bei Militärparaden im Mao-Anzug grüßt, als sei die Geschichte ein Kreis, der immer wieder bei der Uniform endet. Da ist ein Mann, der Journalisten in einem Konsulat zersägen lässt und danach den Handschlag mit dem amerikanischen Präsidenten bekommt. Da ist ein Mann, der die reichste Person der Erde ist, faschistische Gesten in der Öffentlichkeit macht und dafür eine eigene Behörde bekommt.
Das ist keine Anomalie. Das ist die Weltordnung des Jahres 2026.
Und wer jetzt sagt: „Aber das sind doch sehr unterschiedliche Systeme, man kann doch nicht China mit Russland vergleichen und Russland nicht mit Amerika“ – der hat recht. Man kann die Systeme nicht vergleichen. Aber die Männer kann man vergleichen. Denn sie funktionieren alle nach derselben Grammatik: Stärke zeigen. Empathie verachten. Verhandlung als Schwäche begreifen. Und Gewalt – militärische, wirtschaftliche, sexuelle – nicht als letztes Mittel betrachten, sondern als erstes Statement.
Paine hat 1776 nicht nur die Person des Königs angegriffen. Er hat das Prinzip angegriffen. Er hat gefragt: Was ist das für ein System, in dem ein einzelner Mensch über das Schicksal aller bestimmt, und zwar nicht, weil er klüger ist oder gerechter, sondern weil die Struktur es so vorsieht? Seine Antwort war: Ein solches System ist nicht reformierbar. Es muss ersetzt werden.
Übertragen wir das auf heute. Wir reden nicht über einzelne schlechte Anführer. Wir reden über ein System, in dem sich eine bestimmte Art von Mann immer wieder an die Spitze setzt – und in dem diese Männer sich gegenseitig stabilisieren, ohne sich je formell zu verbünden. Es gibt kein Dokument, das Putin, Trump, Xi, Erdoğan, Modi, Orbán, MBS unterschrieben hätten. Es braucht keins. Sie verstehen einander ohne Worte, so wie sich Raubtiere am Geruch erkennen.
Putins Krieg nützt Trumps Chaos, weil er den Westen spaltet. Trumps Chaos nützt Xis Narrativ, weil es den Beweis liefert, dass Demokratie nicht funktioniert. Xis Expansion nützt allen, die Angst verkaufen, weil sie die nächste Bedrohung bereitstellt, gegen die nur der starke Mann helfen kann. Und alle zusammen nützen den Oligarchen, den Ölkonzernen, den Waffenherstellern und jedem, der in einer Welt der Angst mehr Rendite macht als in einer Welt des Friedens.
Die Autokraten-Internationale hat keine Satzung. Aber sie hat eine gemeinsame Währung: Angst. Und einen gemeinsamen Feind: den informierten Bürger.
Jetzt kommt der Teil, den niemand hören will. Der Teil, der über Politik hinausgeht und an etwas rührt, das tiefer liegt.
Diese Männer missbrauchen nicht nur Macht. Sie missbrauchen Menschen. Buchstäblich.
Die Epstein-Akten liegen offen. Nicht als Gerücht, nicht als Verschwörungstheorie – als Dokumente. Flugzeuglisten. Aussagen von Opfern. Namen. Wir wissen, dass mächtige Männer – Politiker, Milliardäre, Prinzen – systematisch Kinder und junge Frauen missbraucht haben. Wir wissen, dass andere mächtige Männer davon wussten. Wir wissen, dass ein Netzwerk existierte, das diesen Missbrauch ermöglicht, organisiert und gedeckt hat.
Und wir wissen, was danach passiert ist: nichts.
Epstein ist tot. Unter Umständen, die so offensichtlich nach Vertuschung riechen, dass selbst die Gleichgültigsten kurz aufschauten. Ghislaine Maxwell sitzt im Gefängnis. Aber die Männer auf den Listen? Die leben ihre Leben. Einige regieren Länder. Einige besitzen Medienimperien. Einige sitzen in Aufsichtsräten, die über die Zukunft unserer Wirtschaft entscheiden. Keiner von ihnen hat einen Preis bezahlt.
Das ist kein Skandal. Das ist eine Betriebsanleitung.
Denn so funktioniert die neue Monarchie: Gemeinsame Schuld ist der stärkste Pakt. Die Männer, die voneinander wissen, die gemeinsam geschwiegen haben, die auf denselben Flugzeuglisten stehen – sie sind einander stärker verpflichtet als durch jede Parteimitgliedschaft, jedes Bündnis, jeden Vertrag. Wer einmal Teil des Systems war, steigt nicht aus. Wer redet, wird vernichtet. Wer schweigt, wird belohnt.
Das ist die Erbfolge des 21. Jahrhunderts. Nicht Blut. Mittäterschaft.
Paine schrieb: „Ein französischer Bastard, der mit einer bewaffneten Bande landet und sich gegen den Willen der Einheimischen zum König Englands macht, ist, in einfachen Worten, ein ziemlich erbärmlicher Ursprung.“
Er hat die Monarchie entkleidet. Er hat gezeigt, was unter der Krone steckt: Gewalt, die sich als Tradition verkleidet.
Tun wir dasselbe.
Unter den Anzügen, den goldenen Krawatten, den Militäruniformen, den Tech-Hoodies steckt immer dasselbe: Männer, die glauben, dass die Welt ihnen gehört. Dass andere Menschen – Frauen, Kinder, Bevölkerungen ganzer Länder – Material sind. Ressourcen. Verfügungsmasse.
Ein Mann entscheidet per Dekret über den Körper jeder Frau in Amerika. Ein Mann entscheidet, ob die Kinder von Mariupol eine Schule haben oder ein Massengrab. Ein Mann entscheidet, ob die Uiguren existieren dürfen oder verschwinden. Ein Mann entscheidet, ob ein Journalist lebendig aus einem Konsulat kommt.
Und wir? Wir diskutieren, ob man das „autoritär“ nennen darf oder ob „illiberal“ das höflichere Wort ist.
Paine hätte es einfacher formuliert: Das sind Tyrannen. Punkt. Die Sprache, mit der wir sie beschreiben, ist Teil des Problems. Jedes Wort, das ihre Herrschaft normalisiert, ist ein Geschenk an ihre Macht.
Es gibt einen Einwand, der jetzt kommen wird, und ich will ihn vorwegnehmen, weil er falsch ist: „Das ist zu einfach. Die Welt ist komplex. Man kann nicht alles auf Männer reduzieren.“
Doch. Man kann. Nicht weil Männer von Natur aus schlecht wären – das wäre Unsinn und das Gegenstück zu dem Unsinn, den Autokraten über Frauen erzählen. Sondern weil das System, das wir haben, eine bestimmte Art von Männlichkeit belohnt und eine bestimmte Art von Macht reproduziert. Es ist kein Zufall, dass kein einziger der großen Autokraten unserer Zeit eine Frau ist. Es ist kein Zufall, dass Gewalt, Kontrolle und Empathielosigkeit in diesen Systemen nicht Defekte sind, sondern Qualifikationen.
Die neue Monarchie ist nicht nur ein politisches Prinzip. Sie ist ein Männlichkeitsprinzip. Und solange wir darüber reden, als ginge es nur um Geopolitik und Machtbalance, werden wir das Problem nicht einmal benennen, geschweige denn lösen.
Und ja – bevor der Einwand kommt: Es gibt Frauen in diesen Systemen. Natürlich gibt es sie. Pam Bondi, die als Justizministerin den Rechtsstaat für Trump abwickelt. Kristi Noem, die sich für das Heimatschutzministerium qualifiziert hat, indem sie öffentlich erzählte, ihren Hund erschossen zu haben – als wäre Kaltblütigkeit ein Leistungsnachweis. Und ja, auch diesseits des Atlantiks: eine Katharina Reiche, die als Wirtschaftsministerin in ein System eintritt, das sie nicht verändern wird, sondern das sie verändert.
Diese Frauen sind kein Gegenargument. Sie sind der stärkste Beweis.
Denn was tun sie? Sie kopieren. Sie übernehmen die Sprache, die Härte, die demonstrative Empathielosigkeit. Sie beweisen dem System, dass sie dazugehören, indem sie alles ablegen, was das System als Schwäche definiert. Sie verkaufen ihre Seele nicht an einen Mann – sie verkaufen sie an ein Männlichkeitsprinzip. An die Idee, dass Macht nur in einer Form existiert: kalt, kompromisslos, nach unten tretend.
Paine hätte sie erkannt. Im 18. Jahrhundert gab es Kolonisten, die für den König argumentierten, obwohl sie selbst unter seiner Herrschaft litten. Paine nannte sie nicht Verräter – er nannte sie Verblendete. Menschen, die so lange in einem System gelebt hatten, dass sie sich ein anderes nicht mehr vorstellen konnten. Die den Käfig für ein Zuhause hielten.
Der Unterschied: Die Bondis und Noems dieser Welt sind nicht verblendet. Sie wissen genau, was sie tun. Sie haben kalkuliert, dass es sich lohnt. Und genau das macht sie gefährlicher als die Männer, denen sie dienen – denn sie liefern das Alibi. Solange eine Frau neben dem Autokraten steht, kann er sagen: Seht her, es geht nicht um Geschlecht. Es geht um Kompetenz.
Es geht nie um Kompetenz. Es geht darum, wer bereit ist, mitzuspielen.
Paine endete sein Kapitel über die Monarchie mit einer schlichten Feststellung: Das System ist nicht reparierbar. Es ist nicht reformierbar. Es muss ersetzt werden, nicht verbessert.
Ich sage dasselbe.
Die Frage ist nicht, ob der nächste starke Mann besser ist als der aktuelle. Die Frage ist nicht, ob wir Trump durch einen freundlicheren Präsidenten ersetzen, Putin durch einen liberaleren Autokraten, Xi durch einen offeneren Parteichef. Die Frage ist, warum wir ein System akzeptieren, in dem das Schicksal von acht Milliarden Menschen davon abhängt, ob ein alter Mann in einem goldenen Turm morgens gut geschlafen hat.
Das ist keine Regierungsform. Das ist ein Witz.
Und der Witz geht auf unsere Kosten.
Thomas Paine wurde für seine Worte in England wegen aufrührerischer Verleumdung verurteilt. In Frankreich wurde er inhaftiert und beinahe guillotiniert. In Amerika, dem Land, das er mitbegründet hatte, starb er verarmt und verachtet, weil er es gewagt hatte, auch die Religion zu kritisieren.
Er hat trotzdem geschrieben. Nicht weil er dachte, es sei ungefährlich. Sondern weil er wusste, dass Schweigen gefährlicher ist.
Daran hat sich nichts geändert.
GESUNDER MENSCHENVERSTAND, Kapitel III
Über den gegenwärtigen Zustand der Welt
Thomas Paine hatte einen Satz für die Versöhnler, für die Leute, die sagten: Ja, der König ist nicht perfekt, aber wir brauchen England, wir haben immer mit England gehandelt, es wird schon wieder besser. Er schrieb: „Ein Mann, der ernsthaft nachdenkt, kann keine wahre Freude daraus ziehen, wenn er in die Zukunft blickt unter der schmerzhaften Gewissheit, dass die gegenwärtige Ordnung nur vorübergehend ist.“
Er meinte: Hört auf, euch selbst zu belügen. Die Brücke ist verbrannt. Nicht von euch, sondern von denen, die behaupten, euch zu regieren. Versöhnung ist keine Option mehr – nicht weil ihr es so wollt, sondern weil die andere Seite sie unmöglich gemacht hat.
250 Jahre später stehen wir an derselben Stelle. Nur dass die Brücke diesmal nicht zwischen einer Kolonie und einem Mutterland brennt, sondern zwischen den Mächtigen und dem Rest. Zwischen den Wenigen, die entscheiden, und den Milliarden, die mit den Konsequenzen leben.
Und die Frage ist dieselbe wie 1776: Kann man dieses System noch reparieren? Oder muss man sich von ihm lösen?
Legen wir die Fakten auf den Tisch. Paine hat nichts anderes getan – „einfache Fakten, schlichte Argumente und gesunder Menschenverstand“, das war sein Versprechen. Halten wir uns daran.
Klima. Die Mächtigen wissen seit fünfzig Jahren, was kommt. Die Ölkonzerne hatten in den Siebzigerjahren interne Studien, die den Klimawandel präzise vorhergesagt haben. Fünfzig Jahre. In diesen fünfzig Jahren haben sie Rekordjahr um Rekordjahr Profite eingefahren, während sie gleichzeitig Millionen in die Finanzierung von Klimaleugnung investiert haben. Das ist kein Marktversagen. Das ist ein Verbrechen, das sich als Geschäftsmodell tarnt. Und die Regierungen, die es hätten verhindern können? Sie haben kassiert. Wahlkampfspenden, Lobbyisten, Drehtüren zwischen Ministerien und Vorstandsetagen. Das System hat nicht versagt. Es hat genau das geliefert, wofür es gebaut wurde: Profit für die Wenigen, Kosten für die Vielen.
Ungleichheit. Sechsundzwanzig Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Dreieinhalb Milliarden Menschen auf der einen Seite, sechsundzwanzig auf der anderen. Man muss diesen Satz langsam lesen, damit er wirkt. Man muss ihn sich vorstellen: einen Raum, in dem sechsundzwanzig Personen sitzen, und draußen die halbe Erde. Und die sechsundzwanzig entscheiden, wie die Welt aussieht – nicht durch Wahlen, nicht durch Argumente, sondern durch die schlichte Tatsache, dass Geld Macht ist und Macht sich selbst reproduziert.
Demokratie. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten leben mehr Menschen in Autokratien als in Demokratien. Das ist nicht passiert, weil die Menschen Unfreiheit wollen. Es ist passiert, weil Autokraten gelernt haben, die Werkzeuge der Demokratie gegen sie selbst zu wenden. Wahlen, die man gewinnt, indem man die Wahrnehmung kontrolliert. Parlamente, die man aushöhlt, indem man sie mit Loyalisten füllt. Verfassungen, die man nicht abschafft, sondern umschreibt – langsam, Artikel für Artikel, bis sie nichts mehr bedeuten.
Kriege. Ukraine. Gaza. Sudan. Myanmar. Nicht weil „die Menschheit“ gewalttätig ist – eine bequeme Lüge, die die Verantwortung auf alle verteilt und damit auf niemanden. Sondern weil bestimmte Männer in bestimmten Machtzentren entschieden haben, dass fremdes Leid ein akzeptabler Preis für ihre Interessen ist. Putin braucht die Ukraine, um sein Imperium zu legitimieren. Netanjahu braucht Gaza, um an der Macht zu bleiben. Die sudanesischen Generäle brauchen den Krieg, um sich die Ressourcen des Landes aufzuteilen. In jedem Fall: Kinder sterben, damit Männer regieren können.
Straflosigkeit. Die Epstein-Akten liegen offen. Die Flugzeuglisten sind bekannt. Die Aussagen der Opfer sind dokumentiert. Mädchen – Kinder – wurden systematisch missbraucht von einem Netzwerk aus Milliardären, Politikern, Prinzen. Und was ist passiert? Epstein ist tot, unter Umständen, die nach allem riechen, nur nicht nach Gerechtigkeit. Eine Komplizin sitzt im Gefängnis. Die Männer auf den Listen? Sie leben ihre Leben weiter. Einige regieren Länder. Einige kaufen Zeitungen. Einige entscheiden über die Zukunft der Weltwirtschaft. Kein Prozess. Kein Rücktritt. Kein Preis.
Das ist die Bilanz. Nicht eines schlechten Jahres. Nicht einer schlechten Regierung. Eines Systems.
Und jetzt kommt der Teil, den Paine am besten konnte: den Versöhnlern den Boden unter den Füßen wegziehen.
Denn es gibt eine Antwort auf diese Bilanz, die man in jeder Talkshow hört, in jedem Leitartikel liest, auf jeder Konferenz vorgetragen bekommt. Sie lautet: „Es ist alles sehr komplex.“ Oder: „Man muss die Nuancen sehen.“ Oder: „So einfach ist das nicht.“
Doch. So einfach ist das.
Es ist nicht kompliziert, dass sechsundzwanzig Menschen so viel besitzen wie dreieinhalb Milliarden. Es ist unangenehm. Es ist nicht komplex, dass Kinder missbraucht werden und die Täter davonkommen, weil sie reich sind. Es ist unaussprechlich. Es ist nicht nuanciert, dass wir den Planeten zerstören, obwohl wir seit fünfzig Jahren wissen, was wir tun. Es ist kriminell.
Die Forderung nach Komplexität ist die Waffe der Mächtigen. Solange wir diskutieren, ob das Problem vielleicht doch ein bisschen komplizierter ist, als es aussieht, vergeht Zeit. Und Zeit ist das Einzige, was die Mächtigen kaufen müssen, um ihre Position zu halten. Jedes Jahr, das mit „Analyse“ vergeht, ist ein Jahr, in dem sich nichts ändert. Und nichts ist genau das, was sie wollen.
Paine: „Ich biete nichts anderes als einfache Fakten, schlichte Argumente und gesunden Menschenverstand.“
Die einfache Tatsache ist: Das System arbeitet nicht für uns. Es arbeitet gegen uns. Und es tut das nicht versehentlich.
Aber jetzt passiert etwas, das Paine gefreut hätte. Etwas, das zeigt, dass die Versöhnung schon gescheitert ist – nicht weil jemand es beschlossen hat, sondern weil Millionen Menschen es einfach tun. Still. Ohne Manifest. Ohne Anführer.
Die Welt kauft nicht mehr amerikanisch.
Nicht aus Protest. Nicht mit erhobener Faust. Sondern so, wie man aufhört, bei einem Bäcker zu kaufen, dem man nicht mehr vertraut: Man geht einfach woanders hin.
Teslas europäische Verkäufe sind 2025 um über vierzig Prozent eingebrochen. Nicht weil die Autos schlechter geworden wären – sondern weil der Mann, der sie baut, neben einem Autokraten steht und faschistische Gesten in die Kameras macht. Jeder Tesla auf der Straße ist plötzlich ein Statement, das die Menschen nicht mehr machen wollen.
Starbucks hat 2025 über zwanzig Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Die grüne Meerjungfrau, einmal Symbol einer kosmopolitischen Kaffeekultur, trägt jetzt den Geruch einer Außenpolitik, die der Großteil der Welt für moralisch bankrott hält.
In Dänemark vermeidet die Hälfte aller Konsumenten aktiv amerikanische Produkte. In Schweden haben siebzig Prozent einen Boykott erwogen oder bereits begonnen. In Deutschland weigern sich sechsunddreißig Prozent, amerikanische Waren zu kaufen – und einundsechzig Prozent sagen, bestimmte amerikanische Marken kommen für sie schlicht nicht mehr in Frage.
In Kanada – Amerikas engster Verbündeter, größter Handelspartner – haben dreiundfünfzig Prozent der Bevölkerung bereits irgendeine Form von Boykott begonnen.
Und hier ist der Satz, der die amerikanischen Konzernchefs nachts wachhalten sollte: Eine Studie der Europäischen Zentralbank zeigt, dass fast die Hälfte der Konsumenten in der Eurozone bereit ist, ihre Kaufgewohnheiten dauerhaft zu ändern. Auch wenn die Preise wieder sinken. Auch wenn der politische Wind sich dreht. Sie haben Alternativen entdeckt. Sie haben alte Gewohnheiten gebrochen. Sie kommen nicht zurück.
Goldman Sachs schätzt den Schaden auf achtundzwanzig bis dreiundachtzig Milliarden Dollar – allein 2025. Andere Analysen sprechen von neunzig Milliarden.
Das sind keine Demonstranten mit Schildern. Das sind Käufer, die still eine andere Marke in den Einkaufswagen legen. Und genau das macht es so gefährlich – für das System. Denn es ist nachhaltig, skalierbar und praktisch unumkehrbar.
Paine hat 1776 genau das beschrieben. Er hat nicht als Erstes zur Revolution aufgerufen. Er hat als Erstes gezeigt, dass die Revolution bereits stattfand. Dass die Kolonisten sich längst von England gelöst hatten – in ihrem Kopf, in ihrem Alltag, in ihren Geschäften. Er hat nur benannt, was bereits Realität war.
Das ist auch unsere Situation.
Die Versöhnung mit dem amerikanischen System – mit der Idee, dass die USA die Schutzmacht der Demokratie sind, dass amerikanische Werte universelle Werte sind, dass der amerikanische Traum auch unser Traum ist – diese Versöhnung ist gescheitert. Nicht weil wir es so wollten. Sondern weil Amerika sie unmöglich gemacht hat.
Wenn ein amerikanischer Präsident damit droht, aus der NATO auszutreten. Wenn er Putin lobt, während dessen Truppen Gräueltaten in der Ukraine begehen. Wenn er vorschlägt, Grönland einfach zu „nehmen“, als wären souveräne Nationen Immobilien. Wenn der reichste Mann der Erde gleichzeitig eine Behörden abschaffende Behörde führt, die Satellitenkommunikation der Ukraine kontrolliert und den Algorithmus bestimmt, der entscheidet, was Hunderte Millionen Menschen für wahr halten – dann ist die Frage nicht mehr, ob wir uns von diesem System lösen wollen. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.
Paine schrieb über die Versöhnler seiner Zeit: „Sie reden von Freundschaft mit einem Mann, der ihr Haus geplündert hat.“
Wir liegen auf derselben Couch beim selben Therapeuten. Nur dass der Therapeut inzwischen auch von den Plünderern bezahlt wird.
Aber – und das ist entscheidend – das hier ist kein antiamerikanischer Text. Genauso wie Paine kein antibritischer Autor war. Er hatte in England gelebt, er hatte dort Freunde, er wusste, dass Millionen Briten anständige Menschen waren. Sein Ziel war nicht, England zu verteufeln. Sein Ziel war, die Kolonisten von der Abhängigkeit von England zu befreien.
Genau darum geht es auch hier.
Es geht nicht darum, die Amerikanerin zu verachten, die in einem Berliner Hostel auftaucht und sagt: „Das ist nicht mein Amerika.“ Wir glauben ihr. Es geht nicht darum, amerikanische Kultur zu boykottieren – die Musik, die Literatur, die Filme, die uns geprägt haben. Es geht darum, aufzuhören, auf Amerika zu warten. Aufzuhören zu hoffen, dass der nächste Präsident alles repariert. Aufzuhören, unsere Sicherheit, unsere Wirtschaft, unsere Werte an ein Land zu ketten, das offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, die eigenen zu schützen.
Die Welt hat nicht darauf gewartet, dass jemand diesen Satz ausspricht. Die Welt tut es bereits. Jeder Tesla, der nicht gekauft wird, jede Starbucks-Filiale, die leer bleibt, jeder europäische Konsument, der auf eine koreanische, japanische, französische Alternative umsteigt – das sind die kleinen, stillen Unabhängigkeitserklärungen unserer Zeit.
Paine hätte sie erkannt. Er hätte gesagt: Seht ihr? Die Revolution hat längst begonnen. Ihr müsst sie nur noch benennen.
Es bleibt der Einwand der Beschwichtiger. Er kommt immer, zuverlässig wie die Grippe im Winter: „Aber die Alternative? Wenn nicht Amerika, wer dann? China? Willst du in einer Welt leben, in der Peking die Regeln macht?“
Nein. Will ich nicht. Aber diese Frage enthält eine Falle, und die Falle ist das Wort „wer“.
Wer soll die Welt anführen? Niemand. Das ist der Punkt. Die Frage selbst ist das Problem. Sie setzt voraus, dass die Welt einen Anführer braucht – einen König, eine Schutzmacht, einen Hegemon. Dass acht Milliarden Menschen auf einen Einzelnen angewiesen sind, der für sie entscheidet, für sie kämpft, für sie die Ordnung aufrechterhält.
Das ist das monarchische Denken, das Paine demontiert hat. Nur auf globaler Ebene.
Die Antwort ist nicht: ein besserer König. Die Antwort ist: kein König. Europäische Sicherheit, die von Europäern gebaut wird. Handelsbeziehungen, die auf Gegenseitigkeit beruhen statt auf Abhängigkeit. Institutionen, die nicht dem Vetorecht einer einzigen Macht unterliegen. Und ja, das ist schwieriger, teurer, mühsamer als sich unter den amerikanischen Schirm zu stellen und zu hoffen, dass es schon gutgehen wird.
Aber Paine hat den Kolonisten auch nicht versprochen, dass Unabhängigkeit bequem wird. Er hat ihnen versprochen, dass Abhängigkeit schlimmer ist.
Das gilt noch immer.
„Es ist kompliziert“ ist der Satz, mit dem man jede Veränderung verhindert.
Es ist nicht kompliziert. Die Bilanz ist eindeutig. Das System arbeitet nicht für die Vielen. Die Mächtigen schützen sich gegenseitig. Die Demokratie wird von innen ausgehöhlt. Die Erde brennt, und die Verantwortlichen kassieren. Kinder werden missbraucht, und die Täter regieren weiter. Die Versöhnung mit diesem System – die Hoffnung, dass es sich von innen repariert, dass der nächste Wahlzyklus alles richtet, dass die Institutionen halten – ist eine Illusion.
Eine gefährliche Illusion. Denn sie kostet Zeit. Und Zeit ist das, was wir nicht haben.
Paine schrieb 1776: „Alle Pläne, alle Vorschläge, die vor dem Beginn der Feindseligkeiten gemacht wurden, sind wie die Kalender des letzten Jahres – damals richtig, jetzt überholt und nutzlos.“
Die Feindseligkeiten haben begonnen. Nicht mit Kanonen, sondern mit Dekreten, mit Algorithmen, mit der systematischen Demontage dessen, was wir für selbstverständlich hielten: freie Wahlen, unabhängige Gerichte, eine Presse, die kontrolliert statt kontrolliert wird, das Recht, nicht von sechsundzwanzig Menschen regiert zu werden, die niemand gewählt hat.
Die Kalender des letzten Jahres sind nutzlos.
Es wird Zeit für neue.
GESUNDER MENSCHENVERSTAND, Kapitel IV
Über die gegenwärtigen Fähigkeiten der Vielen
Thomas Paine hatte es leicht. Nicht lebensgefährlich – er riskierte den Galgen. Aber intellektuell leicht. Die Diagnose war klar: Der König ist das Problem. Die Lösung war klar: Weg mit dem König. Die Alternative war klar: Demokratie. Selbstregierung. Die Vielen entscheiden über die Vielen. Kein Einzelner über alle.
Zweihundertfünfzig Jahre später sitzen wir vor den Trümmern dieser Lösung und müssen uns eingestehen: Es hat nicht gereicht.
Nicht weil Demokratie eine schlechte Idee war. Sondern weil die Könige gelernt haben. Sie tragen keine Kronen mehr. Sie lassen sich wählen. Sie nennen sich Präsidenten, Premierminister, Vorsitzende. Sie benutzen die Institutionen der Demokratie, um die Demokratie zu zerstören – und wenn man sie dafür kritisiert, sagen sie: Das Volk hat entschieden.
Also: Was ist unser „Weg mit dem König“?
Ich will ehrlich sein. Ich habe keine Lösung, die auf eine Fahne passt. Kein Wort, das so klar ist wie „Unabhängigkeit“. Niemand hat das. Und wer behauptet, er hätte es, lügt oder verkauft etwas.
Aber ich weiß, was die Lösung nicht ist. Und manchmal beginnt Klarheit damit, die falschen Antworten zu streichen.
„Wählt anders“ ist keine Lösung. Nicht weil Wählen sinnlos wäre – es ist das Minimum, nicht das Maximum. Sondern weil die Wahl zwischen zwei Kandidaten, die beide vom selben Geld finanziert werden, keine Wahl ist. Es ist eine Auswahl. Wie in einer Kantine, in der es Montag Schnitzel gibt und Dienstag Schnitzel mit Soße, und jemand nennt das Vielfalt.
„Bildung“ ist keine Lösung. Nicht weil Bildung unwichtig wäre – sie ist überlebenswichtig. Aber der Satz „Die Menschen müssen nur besser informiert sein“ ist die herablassendste Analyse, die es gibt. Die Menschen in Michigan, die Trump gewählt haben, sind nicht dumm. Sie sind wütend. Und ihre Wut ist berechtigt – nur ihre Antwort ist es nicht. Wer das nicht unterscheiden kann, hat das Problem nicht verstanden.
„Zurück zu den Institutionen“ ist keine Lösung. Die Institutionen haben versagt. Nicht weil sie schlecht konstruiert wären, sondern weil sie für eine Welt gebaut wurden, in der Macht an Territorien gebunden war. Ein Parlament kann ein Gesetz verabschieden. Aber wenn das Kapital in drei Sekunden das Land verlässt, wenn die Desinformation aus einem anderen Kontinent kommt, wenn der reichste Mann der Erde gleichzeitig eine Behörde führt, eine Satellitenkommunikation kontrolliert und den Algorithmus bestimmt, der entscheidet, was Millionen Menschen für wahr halten – dann ist ein Parlament ein Segelboot in einem Tsunami.
Was also bleibt?
Paine hat etwas Entscheidendes getan, das wir übersehen, weil wir nur an sein Ergebnis denken. Bevor er die Unabhängigkeit forderte, hat er etwas anderes geleistet: Er hat den Menschen das Wort „Versöhnung“ genommen. Er hat ihnen die bequemste aller Optionen weggenommen – die Hoffnung, dass es irgendwie so weitergehen kann wie bisher, nur ein bisschen besser.
Das ist unsere Aufgabe. Nicht die Lösung liefern. Sondern die Illusion zerstören, dass es keine braucht.
Die Illusion heißt: Es wird schon nicht so schlimm. Die nächste Wahl wird besser. Die Institutionen halten. Die Demokratie hat schon Schlimmeres überstanden.
Hat sie nicht. Nicht das hier. Nicht Autokraten mit künstlicher Intelligenz, mit Überwachungstechnologie, mit der Fähigkeit, die Wahrnehmung von Milliarden Menschen in Echtzeit zu manipulieren. Das ist neu. Das gab es nie. Und wer glaubt, die Werkzeuge des 18. Jahrhunderts reichen aus, um die Probleme des 21. zu lösen, der glaubt auch, man könne einen Waldbrand mit einer Gießkanne löschen.
Gut. Die Illusionen sind gestrichen. Was jetzt?
Ich glaube, die Antwort hat drei Teile, und keiner davon klingt heroisch. Aber Paine war auch kein Held. Er war ein gescheiterter Korsettmacher, der schreiben konnte.
Erstens: Aufhören, nach oben zu schauen.
Das klingt banal, und es ist das Schwierigste von allem. Wir sind trainiert, auf Anführer zu warten. Auf den richtigen Kandidaten, den klugen Präsidenten, die weise Kanzlerin. Diese Hoffnung ist das Erbe der Monarchie in uns – das, was Paine „die lange Gewohnheit“ nannte, „eine Sache nicht für falsch zu halten, weil man sie immer so gemacht hat“.
Die neue Monarchie wird nicht gestürzt, indem wir einen besseren König finden. Sie wird gestürzt, indem wir aufhören, Könige zu brauchen.
Das heißt konkret: Lokale Macht aufbauen. Genossenschaften, Bürgerinitiativen, unabhängige Medien, kommunale Strukturen. Nicht weil das romantisch ist, sondern weil es das Einzige ist, was die Autokraten nicht kontrollieren können. Sie kontrollieren Parlamente, Algorithmen, Nachrichtenzyklen. Sie kontrollieren nicht, was in einem Stadtteil passiert, wenn sich dreißig Menschen zusammensetzen und entscheiden, dass es so nicht weitergeht.
Zweitens: Die richtigen Dinge verweigern.
Paines Kolonisten haben aufgehört, britische Waren zu kaufen, bevor sie zu den Waffen gegriffen haben. Verweigerung war der erste Akt der Revolution, nicht der letzte.
Unsere Verweigerung sieht anders aus. Sie beginnt mit der Aufmerksamkeit. Jeder Klick auf den Algorithmus, jede Sekunde auf einer Plattform, die von einem Autokraten-Verbündeten kontrolliert wird, jeder Kauf bei einem Konzern, der Steuern vermeidet und Arbeitnehmer ausbeutet – das ist ein winziger Beitrag zur Finanzierung des Systems, das wir angeblich ablehnen. Das ist unbequem, weil es uns selbst betrifft. Aber Paine war auch unbequem. Er hat den Kolonisten nicht gesagt: Wartet, bis jemand anderes etwas tut. Er hat gesagt: Ihr. Jetzt. Mit dem, was ihr habt.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Konsumkritik als Revolution. Lächerlich. Aber lächerlich war auch ein 47-seitiges Pamphlet gegen das britische Empire. Und es hat funktioniert – nicht weil ein Pamphlet eine Armee schlägt, sondern weil es Millionen Menschen gleichzeitig denselben Gedanken denken ließ.
Drittens: Solidarität als Prinzip, nicht als Gefühl.
Die Autokraten-Internationale funktioniert, weil sie keine Grenzen kennt. Putin hilft Trump, Trump hilft Netanjahu, alle helfen den Oligarchen. Ihre Solidarität ist kalt, berechnend und effektiv.
Unsere Solidarität ist warm, gefühlig und wirkungslos. Wir posten Flaggen, wir liken Petitionen, wir sind betroffen. Und dann gehen wir ins Bett.
Was wir brauchen, ist eine Solidarität, die so kalt und berechnend ist wie die der Gegenseite. Die ukrainische Lehrerin, die in einem Keller unterrichtet, während Raketen fallen. Die iranische Studentin, die ihr Kopftuch abnimmt, obwohl sie weiß, was danach kommt. Die brasilianische Aktivistin, die den Regenwald verteidigt gegen Konzerne, die sie ermorden lassen. Sie alle kämpfen denselben Kampf. Nicht weil sie sich kennen. Nicht weil sie dieselbe Sprache sprechen. Sondern weil sie denselben Gegner haben.
Paine hat das 1776 geschrieben: „Die Sache Amerikas ist in großem Maße die Sache der gesamten Menschheit.“ Er hat damit gemeint, dass der Kampf für Freiheit unteilbar ist. Dass man nicht in Pennsylvania frei sein kann, wenn man in Virginia versklavt wird. Dass Freiheit entweder für alle gilt oder für niemanden.
Das gilt noch immer. Nur ist Pennsylvania jetzt die ganze Welt.
Ich höre den Einwand: Das ist alles schön gesagt, aber es ist kein Programm. Kein Zehn-Punkte-Plan. Keine Partei, die man gründen kann.
Stimmt. Und das ist Absicht.
Paine hat auch kein Programm geschrieben. Er hat die amerikanische Verfassung nicht entworfen – das haben andere getan, Jahre später, nach einem langen, blutigen Krieg, nach unzähligen Irrtümern und Kompromissen. Paine hat etwas anderes getan: Er hat den Gedanken formuliert, der alles andere erst möglich machte. Den Gedanken, dass es so nicht weitergehen kann. Dass Versöhnung keine Option ist. Dass die Kosten des Wandels geringer sind als die Kosten des Stillstands.
Das ist auch mein Anspruch. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Die Verfassung der neuen Welt müssen wir gemeinsam schreiben. Nicht ich allein, nicht ein Pamphlet, nicht ein Algorithmus. Wir. Die Vielen. Die acht Milliarden, die nie gefragt wurden, ob sie in dieser Welt leben wollen.
Aber bevor wir sie schreiben können, müssen wir aufhören, an die alte zu glauben.
Paine hatte einen letzten Satz für die Zögerer, die Abwarter, die Beschwichtiger seiner Zeit. Für die, die sagten: Noch nicht. Noch ist es zu früh. Warten wir ab.
Er schrieb: „Eine Situation wie die gegenwärtige kommt nicht alle Tage.“
2026 kommt nicht alle Tage.
Die Autokraten konsolidieren ihre Macht. Die Technologien der Überwachung werden besser, nicht schlechter. Die Klimakrise wartet nicht auf unsere politische Reife. Die Kinder, die heute geboren werden, werden in einer Welt aufwachsen, die wir ihnen hinterlassen – und sie werden uns fragen, was wir getan haben, als es noch möglich war.
Was werden wir antworten?
Dass es kompliziert war? Dass wir keine perfekte Lösung hatten? Dass wir abgewartet haben?
Paine hätte gesagt: „Ihr wusstet es. Ihr konntet es sehen. Und ihr habt nichts getan, weil ihr auf jemanden gewartet habt, der es für euch tut.“
Niemand wird es für uns tun.
„Paine schrieb für drei Millionen Kolonisten und veränderte die Welt. Wir sind acht Milliarden. Was ist unsere Ausrede?“