„Help is on its way“: Für wen eigentlich, Mr. President?
120 Stunden ohne Internet. Tausende Tote. Und ein zu vollmundiges Versprechen aus Washington.
Heute soll Erfan Soltani hingerichtet werden. 26 Jahre alt.
Verhaftet am 8. Januar. Todesurteil am 11. Januar. Kein Anwalt. Kein Prozess.
Seine Angehörigen wurden bedroht: Wenn ihr mit Medien sprecht, verhaften wir die anderen.
Sein Verbrechen: Er ist auf die Straße gegangen.
Erfan Soltani ist nicht das erste Opfer dieses Regimes. 2025 war ein Rekordjahr: Mindestens 2.200 Hinrichtungen – mehr als doppelt so viele wie 2024, der höchste Stand seit 37 Jahren. Allein im Dezember 376, im Schnitt 12 pro Tag.
Das Regime tötet seit Jahren. Es tötet systematisch. Es tötet, um Angst zu verbreiten.
Aber diesmal ist etwas anders. Diesmal haben die Menschen auf den Straßen geglaubt, dass Hilfe kommt.
2. Januar 2026: Trump postet auf Truth Social:
„Wenn Iran friedliche Demonstranten erschießt und tötet, was ihre Gewohnheit ist, werden die Vereinigten Staaten von Amerika zu ihrer Rettung kommen. We are locked and loaded and ready to go.“
3. Januar: 24 Stunden später holt er Maduro aus dem Bett in Caracas. Operation Absolute Resolve.
Senator Lindsey Graham auf X: „Wenn ich der Führer des Iran wäre, würde ich jetzt in der Moschee beten gehen.“
4. Januar: Trump wiederholt – Iran werde „sehr hart getroffen“, wenn das Töten weitergehe.
5. Januar: Das US-Außenministerium auf Persisch: „Präsident Trump ist ein Mann der Tat. Wenn ihr es vorher nicht wusstet, jetzt wisst ihr es. Legt euch nicht mit Präsident Trump an.“
Die Botschaft war klar: Wir haben gerade Maduro geholt. Ihr seid die Nächsten.
Die Iraner haben zugehört. Sie hatten nichts mehr zu verlieren.
93 % wünschen sich laut Umfragen eine Demokratie. 83 % sind gegen das Regime. Die Währung hat seit 1979 satte 99 % ihres Wertes verloren. Menschen fischen Mayonnaise-Päckchen aus Fast-Food-Mülleimern, um sie aufs Brot zu schmieren. Eine Mittelschicht, die früher einmal im Jahr nach Europa reiste, hungert.
Sie sagten sich: Entweder sterben wir zu Hause oder beim Versuch, das Regime zu stürzen.
Und Amerika hat doch gerade gezeigt, was es kann.
Donnerstag und Freitag letzter Woche: Die Demonstranten hatten die Straßen. Teheran, Mashhad – fast in ihrer Hand. Hunderttausende.
Dann kam Khamenei. Freitagsgebet. Keine Gnade mehr. Die Protestierenden seien Terroristen, schlimmer als der IS.
Danach: Internet aus. Und das Töten begann.
Die Zahlen sind schwer zu verifizieren – das Regime hat vor fünf Tagen das Internet komplett abgeschaltet. 90 Millionen Menschen in einer Blackbox.
HRANA spricht von 2.500 bestätigten Toten. Iran International von 12.000 – möglicherweise 20.000. CBS hält das für realistisch.
Die Journalistin Natalie Amiri, die neun Jahre im Iran gelebt hat und noch immer Quellen vor Ort erreicht, berichtet im Podcast von Paul Ronzheimer:
Eine Quelle sagte ihr schon am 10. Januar: „Es sind nicht Hunderte. Es sind 3.000.“ Da sprachen andere noch von Dutzenden.
Kopfschüsse. Direkt in die Stirn. Wie in Filmen, sagt ein Augenzeuge. Seine Tante wurde so getötet.
Familien bekommen die Leichen nur, wenn sie eine Sterbeurkunde unterschreiben: Todesursache Herzinfarkt.
Andere müssen für die Leichen zahlen. Manche für die Kugeln, die ihre Angehörigen töteten.
Das Tränengas ist aggressiver als 2022 – es ätzt die Haut weg. Menschen fragten über Starlink, ob ChatGPT weiß, wie man sich schützen kann.
Auf dem Behesht-e Zahra-Friedhof in Teheran werden Hunderte pro Tag beerdigt. Die Trauernden rufen: „Tod dem Diktator.“
Der Guardian berichtet: Ärzte dokumentieren massenhaft Schussverletzungen an den Augen. Die Sicherheitskräfte zielen absichtlich auf den Kopf. Ein Augenarzt hat allein in einem Krankenhaus über 400 Augenverletzungen behandelt. Vielen Patienten mussten die Augen entfernt werden.
Das Regime hat sich vorbereitet. Insider berichten von Manövern in den Wochen vor den Protesten – sie haben die Niederschlagung geprobt. Russland und China sollen bei der technischen Umsetzung des Internet-Blackouts geholfen haben.
2019 gab es einen ähnlichen Blackout. Fünf Tage. 1.500 Tote. Diesmal sind es schon über 120 Stunden.
Starlink ist die einzige Verbindung nach draußen. Wer einen Receiver besitzt, dem droht die Todesstrafe: „Mohareb“ – Feind Gottes. Etwa 20.000 bis 30.000 Geräte wurden ins Land geschmuggelt. Das Regime ortet sie jetzt. Agenten geben sich als Strom- und Wasserableser aus, um sie zu konfiszieren.
Und Trump?
„Help is on its way” – schrieb er gestern auf Truth Social. Innerhalb von Minuten zehntausende Reposts.
Er rief die Iraner auf: „Protestiert weiter! Übernehmt eure Institutionen!“
Er drohte mit 25 % Zöllen auf alle Länder, die noch mit dem Regime Geschäfte machen. Darunter Deutschland – mit rund 1,1 Milliarden Euro das EU-Land mit dem größten Iran-Handelsvolumen.
Er warnte: „Falls sie anfangen, Demonstranten zu hängen, werden wir sehr entschlossen handeln.“
Aber wie realistisch ist Trumps Hilfe?
Sein Team ist gespalten. Vance ist skeptisch gegenüber einem Engagement im Nahen Osten. Bannon sagt öffentlich, man solle sich raushalten. Ein Insider nennt Trumps Entschlossenheit „einen Münzwurf“.
Die USA haben kaum Kapazitäten vor Ort. Viele Assets wurden für die Venezuela-Mission abgezogen. Der Flugzeugträger Gerald R. Ford liegt in der Karibik, nicht im Persischen Golf.
Israelische und arabische Regierungsvertreter sollen Washington nahegelegt haben, vorerst von einem Angriff abzusehen. Saudi-Arabien, Oman und Katar warnen: Ein Sturz des Regimes würde die Ölmärkte erschüttern.
Die Iraner wissen das. Sie spielen auf Zeit.
Ein Analyst warnt: Wenn Trump nicht handelt, wird der Aufstand, den er mit angefacht hat, niedergeschlagen.
Venezuela lässt grüßen.
Trump hat Maduro geholt. Die Venezolaner tanzten auf den Straßen.
Dann übernahm Delcy Rodríguez – Maduros Vizepräsidentin, ehemalige Geheimdienstchefin, Ölministerin. Das System blieb. Die Opposition? Übergangen.
Trump sagte, er werde mit ihr arbeiten. Ihm ging es am Ende nur um das Öl, das nicht in einem möglichen Bürgerkrieg unter die Räder kommen sollte.
Und Deutschland?
Für Außenminister Wadephul habe das Regime in Iran „jede Legitimation verloren“. Er fordert, die Revolutionsgarden als Terrororganisation einzustufen.
Warum erst jetzt?
Die Revolutionsgarden schlachten seit Jahren. Seit Tagen schießen sie Menschen in den Kopf. Und Deutschland diskutiert noch.
Natalie Amiri im Ronzheimer-Podcast: „Ich war so entsetzt darüber, wie ignorant die deutsche Politik diesem Regime gegenüber ist.“
Sie zählt auf: Assad, mitfinanziert vom Iran – Fluchtbewegungen nach Europa – Populismus. Der 7. Oktober, mitfinanziert durch Hamas und Hisbollah. Die Drohnen für Russlands Krieg gegen die Ukraine.
„Wenn man das sich mal durchrechnet, dann wäre es wirklich höchste Zeit, die Iranpolitik zu ändern.“
Meine iranische Schülerin Shirin schrieb mir am Samstag:
„Seit heute Abend konnte ich meine Familie nicht mehr erreichen. Ich habe nur am Nachmittag kurz mit meiner Mutter gesprochen, danach war kein Kontakt mehr möglich. Das Internet wurde wieder abgeschaltet.
Meine Mutter hat gesagt, dass die Straßen voller Menschen sind und fast alle unsere Nachbarn zu den Protesten gegangen sind. Sie konnte selbst nicht mitgehen, weil sie meine Oma nicht alleinlassen kann.“
Heute schrieb sie:
„Wenn Trump Khamenei wieder eine Chance gibt, geraten die Menschen erneut stärker unter Druck, und am Ende sind es nur die Menschen, die leiden.“
Genau das könnte passieren.
Trump sagte am Sonntag, Iran habe angerufen. Sie wollen verhandeln. Ein Treffen werde vorbereitet.
Was Trump wirklich will, ist ein Deal: Keine iranische Atombombe. Analysten glauben, Khamenei könnte sogar zustimmen – wenn es das Regime rettet.
Oman vermittelt bereits. Die Mullahs spielen auf Zeit.
Heute ist der 14. Januar 2026.
Die iranische Justiz hat angekündigt, festgenommene „Unruhestifter“ in Schnellverfahren zu verurteilen. Als Schauprozesse. Der Vorwurf: „Kriegsführung gegen Gott.“
„Help is on its way.“
Erfan Soltani wartet. Falls er noch lebt.