Orbáns Friedenswahlkampf – und seine drei Kriegsfreunde
Ein Tourist macht in Budapest ein Foto. Auf dem Plakat neben der Bushaltestelle steht ein Mann in Militäruniform, der grimmig in die Kamera schaut. „Ich spreche kein Ungarisch“, schreibt der Tourist auf X, „aber Selenskyj scheint hier sehr beliebt zu sein. Vielleicht wählen die Ungarn ihn.“ Der Witz sitzt. Aber er ist bitterer, als er aussieht.
Selenskyj ist auf diesen Plakaten nicht als Kandidat zu sehen. Er ist das Feindbild. Gemeinsam mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EVP-Chef Manfred Weber bildet er das Schreckensgespann, vor dem Viktor Orbán die Ungarn retten will. „Több fegyver, sorkatonás“ steht darunter: Mehr Waffen, Wehrpflicht. Orbáns Herausforderer Péter Magyar taucht auf diesen Plakaten nicht einmal namentlich auf. Er wird durch Assoziation erledigt: Als Handlanger dieser drei Figuren, nicht einmal eines eigenen Plakats würdig. Das ist die effizientere Methode. Man muss jemanden nicht angreifen, wenn man ihn einfach neben die Falschen stellt.
Eine Randnotiz, die man sich merken sollte: Manfred Weber, Orbáns Feindbild auf dem Plakat, der Mann, den Fidesz als Verkörperung des Brüsseler Establishments inszeniert, kooperierte Anfang März heimlich per WhatsApp mit AfD, Rassemblement National und der Wilders-Partei an einem Migrationsgesetz im Europaparlament. Nach der Einigung schrieben EVP-Mitarbeiter in der Gruppe: „Vielen Dank für diese hervorragende Zusammenarbeit.“ Mit Klatsch-Emoji. Der Feind auf dem Plakat und der Partner im Chat sind derselbe Mann. Europa ist kompliziert.
Orbáns Wahlkampfmotto lautet „No war“. Kein Krieg. Frieden. Sicherheit. Nur er kann das garantieren.
Nun gut. Schauen wir uns an, wer Viktor Orbán in diesem Wahlkampf unterstützt.
Wahlhelfer Nummer eins: Der Kriegsführer aus Moskau
Putins Interesse an einem Orbán-Sieg am 12. April ist so offensichtlich, dass selbst der Kreml keine Mühe macht, es zu verbergen. Ungarn blockiert seit Jahren EU-Entscheidungen, die Moskau schaden würden: Waffenlieferungen, Sanktionen, Ukraine-Hilfen. Orbán ist Putins nützlichster Europäer, sein Türstopper in Brüssel, sein Beweis, dass man Mitglied in der EU sein und trotzdem Moskaus Interessen bedienen kann.
Die Financial Times hat enthüllt, was dahintersteckt: Der Kreml hat Ende 2025 einen Plan der „Social Design Agency“ genehmigt, einer russischen Medienberatungsfirma, die bereits wegen früherer Desinformationskampagnen unter westlichen Sanktionen steht. Der Plan ist präzise: Orbán als starken Souveränitätsverteidiger inszenieren, seinen Herausforderer Péter Magyar als „Brüsseler Marionette ohne externe Unterstützung“ demolieren. Drei GRU-Agenten wurden an die russische Botschaft in Budapest entsandt. TikTok ist die Hauptwaffe: Memes, Deepfakes, Kurzvideos, die als ungarischer Grassroots-Content getarnt sind. Keine russischen Fingerabdrücke. Alles wirkt lokal.
Dasselbe Modell wurde in Moldau erprobt. Es hat dort nicht funktioniert. Maia Sandu gewann trotzdem. Magyar weiß das und hat es öffentlich gesagt: „Nach dem 12. April wird jeder, der an diesen kriminellen Handlungen teilgenommen hat, vor Gericht zur Rechenschaft gezogen.“
Starke Worte. Man wird sehen.
Wahlhelfer Nummer zwei: Der Außenminister aus Washington
Am 16. Februar 2026 landete Marco Rubio in Budapest. Er kam direkt von der Münchner Sicherheitskonferenz, wo er den europäischen Verbündeten versichert hatte, Amerika wolle kein Vasallentum, sondern Partnerschaft. Dann flog er zu den zwei pro-putinfreundlichsten, EU-skeptischsten, Trump-liebendsten Regierungschefs des Kontinents: erst Fico in Bratislava, dann Orbán in Budapest.
Auf der gemeinsamen Pressekonferenz ließ Rubio keine Zweideutigkeit: „Ich sage es Ihnen direkt: Der Präsident ist tief davon überzeugt, dass Ihr Erfolg unser Erfolg ist.“ Die US-amerikanisch-ungarischen Beziehungen befänden sich in einem „goldenen Zeitalter“. Man unterzeichnete einen Atomkooperationsvertrag, inklusive möglichem Kauf von amerikanischen Kleinreaktoren im Wert von bis zu 20 Milliarden Dollar.
Ein Geopolitikanalyst der Eurasia Group fasste es auf X knapp zusammen: Rubio habe in München die Europäer mit „öligen Schmeicheleien“ besänftigt und sei dann demonstrativ zu den zwei Männern gereist, die Moskau am nützlichsten sind. „By their friends shall you know them.“
Dazu kommt CPAC Hungary: die Budapester Ablegerveranstaltung der amerikanischen Conservative Political Action Conference, jährlicher Treffpunkt der globalen Rechtspopulisten, finanziert aus dem ungarischen Staatshaushalt. Am 21. März, drei Wochen vor der Wahl, mit Dave Rubin, Matt Schlapp und dem üblichen internationalen Rechtspopulismus-Zirkus. Trump schickte in den letzten drei Jahren jeweils eine exklusive Videobotschaft. Die Botschaft ist immer dieselbe: Orbán ist einer von uns.
Wahlhelfer Nummer drei: Der Kriegspremier aus Tel Aviv
Benjamin Netanyahu sollte bei CPAC Hungary als Redner auftreten. Stattdessen erscheint sein Sohn Yair auf der Agenda, als „politischer Kommentator“. Der Vater ist beschäftigt.
Seit dem 28. Februar führt Israel gemeinsam mit den USA Krieg gegen Iran. Netanyahu gibt Pressekonferenzen nur noch per Zoom, aus Sicherheitsgründen. Hezbollah beschießt Nordisrael wieder mit Raketen, Israel antwortet mit massiven Luftangriffen auf den Libanon. Der Krieg weitet sich aus.
Netanyahu wäre ohnehin eine komplizierte Reise nach Budapest: Der Internationale Strafgerichtshof hat einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Ungarn ist noch bis Juni 2026 ICC-Vertragsstaat, hat aber beim letzten Netanyahu-Besuch im April 2025 demonstrativ nicht reagiert. Als kleines Dankeschön leitete Orbán unmittelbar danach das Verfahren zum ICC-Austritt ein.
Nun gut, der Sohn kommt. Die Botschaft bleibt dieselbe: Netanyahus Israel steht hinter Orbán.
Die Arithmetik des Friedens
Fassen wir zusammen: Hinter dem Mann, der „No war“ plakatiert, stehen drei Männer, von denen einer seit vier Jahren Krieg in der Ukraine führt, einer seit zwei Wochen gemeinsam mit den USA Krieg gegen Iran führt, und einer diesen Krieg befohlen, die Bomber geschickt und Selenskyj dabei links liegen gelassen hat.
Das ist keine politische Inkonsistenz. Das ist Persiflage.
Orbáns Lösung für diesen Widerspruch ist rhetorisch elegant: „Krieg“ bedeutet in seiner Sprache ausschließlich ungarische Soldaten an der Front. Alle anderen Kriege seiner Freunde sind Selbstverteidigung, Souveränität, alternativlos. Der Iran-Krieg treibt die Öl- und Gaspreise durch die Decke. Die Druzhba-Pipeline liegt still. Die Heizkosten steigen. Aber schuld daran ist, wer? Selenskyj. Brüssel. Magyar.
Es ist ein geschlossenes Erzählsystem, das sich gegen Fakten immunisiert hat. Und es wird mit professioneller Hilfe aus Moskau, Washington und Tel Aviv am Laufen gehalten.
Orbáns Erzählung fällt nicht vom Himmel. Sie trifft auf ein Publikum, das seit Jahren darauf vorbereitet wurde. Ungarn ist ein Land, das zweimal im 20. Jahrhundert fremde Armeen im Land hatte – erst deutsche, dann sowjetische. Die Angst, in fremde Kriege hineingezogen zu werden, ist politisch tief verankert. Orbán hat daraus eine einfache Formel gemacht: Brüssel steht für Krieg, Budapest für Schutz. Die Ukraine wird zum Risiko erklärt, Russland zum entfernten Problem, und der ungarische Staat zum Schutzschild. Für viele Wähler, besonders außerhalb der großen Städte, klingt das nicht zynisch, sondern vernünftig. Wer Stabilität verspricht in einer Welt aus Pandemie, Inflation und Krieg, gewinnt Aufmerksamkeit – selbst dann, wenn die Stabilität nur ein politisches Versprechen ist.
Orbáns Albtraum – aber kein Messias
Péter Magyar ist die derzeit aussichtsreichste Alternative zu 15 Jahren Fidesz. Das ist keine kleine Sache. Tisza liegt in den meisten unabhängigen Umfragen vor Fidesz, was vor zwei Jahren noch unvorstellbar schien.
Aber Magyar ist kein Held. Er war selbst Fidesz-Mann, kennt das System von innen, und hat vergangene Woche bewiesen, dass er in Orbáns Falle tappt: Als Selenskyj einen schlecht formulierten Satz über Orbán machte, der eindeutig kein Angriff, aber vielleicht eine unkluge Rhetorik war, schloss sich Magyar der Empörungswelle an, statt zu entlarven. Das ist kein Zeichen von Stärke.
Magyar ist das, was er ist: ein erster möglicher Schritt zurück in Richtung Rechtsstaat. Kein Messias. Kein Saubermann. Ein Anfang, möglicherweise. Mit Fragezeichen.
Was erschwerend hinzukommt: Orbán hat das Wahlsystem so umgebaut, dass eine Stimme vom Land mehr zählt als eine aus der Stadt. Magyar ist deshalb seit einem Jahr ständig durch Dörfer unterwegs, die seit 15 Jahren keinen oppositionellen Politiker mehr gesehen haben. Er kämpft nicht nur gegen Orbáns Narrative, sondern auch gegen Orbáns Geometrie.
Ákos Tóth, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der größten ungarischen Tageszeitung, die Orbán 2015 schließen ließ, vergleicht die aktuelle Stimmung in Budapest mit 1989/90. Nur stärker. Man wolle den Wandel, man wolle den Wechsel. Aber dann fügt er etwas hinzu, das einem den Optimismus wieder austreibt: „1989 hat die herrschende Klasse die Macht friedlich übergeben. Darauf kann man diesmal nicht hoffen.“
Das institutionelle Versagen dahinter
Orbán regiert seit 2010. Sechzehn Jahre. In dieser Zeit hat die EU gemahnt, verhandelt, den Geldhahn zugedreht, ihn wieder geöffnet, erneut verhandelt. Artikel 7, das Verfahren zur Suspendierung von Stimmrechten bei systematischer Verletzung europäischer Grundwerte, wurde 2018 eingeleitet. Es ist bis heute nicht abgeschlossen.
Der Grund: Einstimmigkeit. Polen unter PiS blockierte, Orbán revanchierte sich für Polen. Gegenseitige Geiselnahme als Geschäftsmodell. Inzwischen kommen Fico und Babiš dazu. Die Koalition der Bremser wächst.
Die EU wurde als Klub von Demokratien entworfen, nach 1945, von Männern, die nie dachten, ein Mitglied könnte die Demokratie von innen aushöhlen und dabei formal die Spielregeln einhalten. Das Haus hat sorgfältig gesicherte Eingangstüren, aber keine Schlösser an den Innentüren. Orbán wusste das und hat es ausgenutzt.
Kaja Kallas, EU-Außenbeauftragte, hat diese Woche das ausgesprochen, was vorher kein amtierender EU-Vertreter so direkt gesagt hätte: Die USA seien der EU gegenüber feindlich eingestellt. Das ist eine historische Aussage. Europas engster Verbündeter seit 1945 ist unter Trump zu einem Akteur mit entgegengesetzten Interessen geworden.
Und die EU antwortet mit: Gipfeltreffen. Kommuniqués. Weiteren Verhandlungen.
Scheideweg, nicht Endpunkt
Wer jetzt schreibt, Europa sei verloren, macht es sich zu leicht. Tisza liegt vor Fidesz. Rumänien hat Călin Georgescu gestoppt. Merz hat die Schuldenbremse gebrochen. Macron redet über europäische Verteidigung mit einer Ernsthaftigkeit, die vor einem Jahr undenkbar war. Die Bedrohung zwingt Europa zu Reaktionen, die Komfort nie erzwungen hätte.
Aber das Zeitfenster ist eng. In Frankreich wählt 2027 eine Mehrheit, die den Rassemblement National für wählbar hält. Marine Le Pen darf derzeit nicht kandidieren, ihr wurde wegen Veruntreuung von EU-Geldern die passive Wahlberechtigung entzogen. Stattdessen wird voraussichtlich Jordan Bardella antreten, 29 Jahre alt, ohne Le Pens historischen Ballast, aber mit demselben Programm. Möglicherweise gefährlicher, weil schwerer angreifbar. Die AfD normalisiert sich im deutschen Diskurs in einem Tempo, das noch vor drei Jahren undenkbar schien. Wenn die großen EU-Länder kippen, gibt es kein institutionelles Gegengewicht mehr.
Der Tourist in Budapest hat einen Witz gemacht. Selenskyj kandidiert nicht in Ungarn. Aber die Frage, die hinter seinem Foto steht, ist ernst: In einem Land, dessen Regierung seit 16 Jahren Feindbilder fabriziert, russische Geheimdienstler beherbergt, ICC-Haftbefehle ignoriert und Kriegsführer als Wahlhelfer einlädt, was bedeutet dann noch das Wort Frieden?
Für Orbán: Wahlsieg. Für alle anderen: Hausaufgaben.