Venezuela. Völkerrecht? Nur für andere.

Venezuela. Völkerrecht? Nur für andere.

Eine Rekonstruktion


I. Die Nacht

Um 2 Uhr Ortszeit, 7 Uhr morgens in Deutschland, gehen in Caracas die Lichter aus. Nicht wegen eines Stromausfalls – Venezuela kennt die zur Genüge – sondern wegen dessen, was Donald Trump später „eine gewisse Expertise, die wir haben“ nennen wird.

150 amerikanische Flugzeuge sind im Einsatz. Sie nehmen die größte Militärbasis südlich der Hauptstadt unter Feuer, schalten die Luftabwehr aus, zerstören das Kommunikationszentrum der Armee. 90 Minuten lang hämmern sie auf alles ein, was sich wehren könnte.

Dann kommen die Hubschrauber.

Delta-Force-Soldaten – dieselbe Einheit, die 2011 Osama bin Laden tötete – haben monatelang an einem exakten Nachbau des Präsidentenhauses trainiert. Irgendwo in Amerika steht eine Kopie von Nicolás Maduros Schlafzimmer. Sie wissen, wo die Türen sind. Sie wissen, wo er schläft. Sie haben schweres Gerät dabei, um notfalls Stahltore aufzusprengen.

Sie brauchen es nicht.

Es gibt Gegenwehr, aber sie bricht schnell zusammen. Ein Großteil von Maduros Sicherheitsteam wird dabei getötet – eine genaue Zahl nennt Verteidigungsminister Padrino nicht. Maduro und seine Frau Cilia Flores ergeben sich, nachdem sie die Tür ihres Sicherheitsraum nicht schließen konnten. Per Helikopter werden sie auf ein amerikanisches Kriegsschiff gebracht, dann weiter nach New York. Dort erwartet ihn eine Anklage wegen Drogenhandels und Terrorismus.

Stunden später postet Donald Trump ein Foto: Maduro in Handschellen, Augenbinde, Kopfhörer. Eine Trophäe.

„Ich habe es mir buchstäblich wie eine TV-Show angesehen“, sagt der Präsident der Vereinigten Staaten.


II. Die Show

Die Pressekonferenz findet nicht im Weißen Haus statt, nicht im Pentagon, nicht im Situation Room. Sie findet in Mar-a-Lago statt, Trumps Privatclub in Florida, zwischen Palmen und vergoldeten Säulen.

Trump liest vom Blatt, ungewöhnlich für ihn. Die Sätze klingen vorbereitet, die Dramaturgie sitzt:

„Es war dunkel. Und es war tödlich.“

„Das war eine der beeindruckendsten, effektivsten und mächtigsten Demonstrationen amerikanischer Militärmacht seit dem Zweiten Weltkrieg.“

„Wir werden das Land führen, bis wir einen sicheren, ordnungsgemäßen Übergang gewährleisten können.“

Dann die Frage, die alles entlarvt: Wer regiert jetzt Venezuela?

Trumps Antwort: „Die Leute, die hinter mir stehen.“

Er zeigt auf Marco Rubio, seinen Außenminister. Auf Pete Hegseth, seinen Verteidigungsminister – nein, Kriegsminister, das Ministerium heißt jetzt wieder so. Auf ein paar Generäle.

Nicht auf Venezolaner.

„Wir treffen diese Entscheidung jetzt“, sagt Trump. „Wir können es uns nicht leisten, jemand anderen das Land führen zu lassen.“

Und María Corina Machado? Die Oppositionsführerin, die seit Jahren unter Lebensgefahr gegen Maduro kämpft? Die Frau, die vor wenigen Wochen den Friedensnobelpreis erhielt und ihn Donald Trump widmete?

„Sehr nette Frau“, sagt Trump. „Aber sie hat nicht den Respekt.“

Stattdessen, so erfahren wir, hat Außenminister Rubio bereits mit jemand anderem telefoniert: Delcy Rodríguez, Maduros Vizepräsidentin.

„Sie hatte ein langes Gespräch mit Marco“, sagt Trump, „und sagte: ‚We‘ll do whatever you need.‘“

Pete Hegseth, der Kriegsminister, fasst die neue amerikanische Außenpolitik in einem Satz zusammen: „He effed around, and he found out.“

Ein Internet-Meme als Doktrin.


III. Der Preis war Maduro: Ein Coup in drei Akten

Wer ist Delcy Rodríguez – und warum ausgerechnet sie?

Um das zu verstehen, muss man einen anderen Mann kennen: Richard Grenell.

Der Schattenmann: Richard Grenell – Deutschland erinnert sich! Der US-Botschafter in Berlin, der Deutschland belehrte, mit AfD-Sympathisanten dinierte, der so auftrat, dass selbst die Union erleichtert war, als er ging. Der Mann, der immer Deals macht, an den offiziellen Kanälen vorbei.

Jetzt wissen wir, was er nebenbei noch gemacht hat.

Schon am 31. Januar 2025, nur 10 Tage nach Trumps Inauguration, flog Grenell nach Caracas und traf Nicolás Maduro im Präsidentenpalast – das erste hochrangige US-Venezuela-Treffen seit Jahren. Offiziell ging es darum: Geiseln freizukaufen. Inoffiziell: Er sondierte, wer im Regime verhandlungsbereit wäre.

Und er fand Delcy Rodríguez.

Die Schlüsselfigur: Die Vizepräsidentin, 56, Tochter eines marxistischen Guerilleros. Ihr Vater Jorge Antonio Rodríguez hatte 1976 einen US-Manager entführen lassen – angeblich ein CIA-Mann. Drei Jahre Geiselhaft. Kurz danach wurde er verhaftet. Als Delcy ihn im Gefängnis besuchte, stößt die Geheimpolizei sie in seine Zelle und zündet eine Tränengasgranate. Sie ist sieben Jahre alt. Bis heute führt sie ihr Asthma auf dieses Trauma zurück. Wenig später wird ihr Vater zu Tode gefoltert.

„Die Revolution ist unsere Rache für den Tod unseres Vaters“, sagt sie Jahre später.

Sie studiert Jura, geht nach Paris und London, wird Diplomatin, Außenministerin, Vizepräsidentin. Maduro nennt sie seinen „Tiger“. Zwanzig Jahre treue Chavista. Und obwohl es im Laufe der Jahre Sanktionen aus den USA, der EU, der Schweiz und Kanada hagelt:

Sie und ihr Bruder Jorge, der Parlamentspräsident, sind die einzigen im inneren Machtzirkel ohne US-Anklage wegen Drogenhandels. Anders Geheimdienstchef Diosdado Cabello: Auf ihn wurde ein 25-Millionen-Dollar-Kopfgeld ausgesetzt. Verteidigungsminister Padrino? 15 Millionen. Die Rodríguez-Geschwister? Nichts.

Der Deal: Im April 2025 passiert etwas Bemerkenswertes. Über Mittelsmänner in Qatar – das kleine Emirat, das sich bereits in vielerlei Hinsicht als neutraler Vermittler positioniert hat – erreicht eine Nachricht Washington: Die Rodríguez-Geschwister bieten einen Deal an. „Madurismo ohne Maduro.“ Maduro solle ins Exil gehen, nach Qatar oder in die Türkei. Delcy würde die Präsidentschaft übernehmen. Im Gegenzug öffne Venezuela seinen Ölmarkt für US-Firmen, reduziere die Kooperation mit Russland, China und Iran.

Das Argument der Geschwister: Sie hätten keine US-Anklagen am Hals. Sie seien „vorzeigbarer“.

Im September kommt ein zweiter Vorschlag. Detaillierter: Maduro trete in drei Jahren ab, ein Ex-General führe die Übergangsregierung, Delcy bliebe die Schlüsselfigur. Laut Miami Herald habe Maduro beide Vorschläge abgesegnet.

Richard Grenell bringt diese Angebote ins Weiße Haus und ins State Department.

Hier wird es kompliziert. Grenell und Außenminister Marco Rubio, beide Trump-Loyalisten, verfolgen völlig unterschiedliche Strategien. Grenell will den Deal. Möglicherweise war er von Trump beauftragt, in seinem Namen dafür zu sorgen, die Öl-Magnaten, die seinen Wahlkampf großzügig unterstützen, zurück nach Venezuela zu bringen. Rubio will aber den Sturz der Maduro-Regierung. Semafor schreibt im September 2025, Grenell habe „eine neue Form von Maduro-Fanfiction erfunden, in der der Diktator einfach ein Guter ist, der missverstanden wird.“ Ein anderer Trump-Berater nennt die Rodriguez-Vorschläge „Cartel Lite“ – und nicht akzeptabel.

Am 2. Oktober 2025 ruft Trump Grenell persönlich an. Die Order: Alle Verhandlungen stoppen. Sofort.

Zwei Wochen später enthüllt der Miami Herald die Qatar-Gespräche. Rodriguez dementiert wütend. „FAKE!! Psychologischer Krieg gegen Venezuela!“ Sie postet ein Selfie mit Maduro, beide lächeln: „Zusammen und vereint, den Weg von Chávez konsolidieren.“

Drei Monate später, in der Nacht zum 3. Januar 2026, fliegen Delta-Force-Soldaten nach Caracas und holen Maduro aus dem Bett.

Stunden später telefoniert Delcy Rodríguez mit Marco Rubio. Trump sagt bereits gestern Abend auf seiner Pressekonferenz: „Sie hatte ein langes Gespräch mit Marco und sagte: ‚We‘ll do whatever you need.‘“

Warum Rubio doch zum Hörer griff? Weil er erkannt hat, dass man einen Diktator stürzen kann, um sein Gesicht zu wahren, aber eine funktionierende Bürokratie braucht, um das Öl fließen zu lassen. Es war ein Sieg für Grenells Plan: Rubio lieferte die Delta Force für das Ende von Maduro, aber Grenell lieferte Delcy für den Tag danach.

Am gleichen Tag, im venezolanischen Staatsfernsehen, umgeben von Generälen und Ministern klingt die Vizepräsidentin dann anders: „Es gibt nur einen Präsidenten in Venezuela, und sein Name ist Nicolás Maduro! Nie wieder Kolonie!“

Diese Doppelzüngigkeit ist atemberaubend. Aber sie ergibt Sinn, wenn man die Geschichte kennt.

Senator Mark Warner, Vizevorsitzender des US-Geheimdienstausschusses, kannte sie offenbar nicht. Er sagt CBS: „In vielen, vielen Briefings, als wir darüber sprachen, wer nach Maduro übernehmen würde – das Militär? Die Opposition? – gab es keine Konversation darüber, dass die Vizepräsidentin eine tragfähige Figur wäre.“

Die Qatar-Verhandlungen liefen vollständig am Kongress vorbei. Wie der gestrige Coup. Und Grenells Spezialität.

Doch Trump wusste es. Und als er die Gespräche im Oktober stoppte, wusste er auch: Rodriguez ist bereit zu kooperieren, falls es hart auf hart kommt. Er musste nur noch den Preis festlegen.

Der Preis war Maduro.

Das Alibi: Die Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, die eigentlich die demokratische Opposition anführt und Trump ihren Nobelpreis widmete? Kam gar nicht erst ins Rennen. Sie war das „weiche“ Alibi, um Trumps Venezuela-Ambitionen menscheln zu lassen. Über sie sagt er gestern: „Sehr nette Frau, aber sie hat nicht den Respekt.“ Eine Frau, ohne Macht. Eine Frau, die nicht garantieren kann, dass die Karten so ausgespielt würden, wie es sich Trump wünschte. Die Tochter des Märtyrers hingegen, die Frau, deren ganzes Leben „Rache“ war – mit der kann er arbeiten.

Die beste Rache ist nicht der Sozialismus. Die beste Rache ist die Macht.

Und die Ölverträge unterschreibt jetzt sie.


IV. Die Szenarien

Peter Neumann, einer der renommiertesten Sicherheitsexperten Deutschlands, hatte die Eskalation kommen sehen. In der Silvesterfolge des Ronzheimer-Podcasts sagte er voraus, dass Trump militärisch gegen Venezuela vorgehen würde. Dass es so schnell passieren würde, überraschte selbst ihn.

Am Tag danach skizziert er zwei mögliche Verläufe:

Das positive Szenario: Trump hat tatsächlich Leute im Ärmel. Rodríguez übernimmt, stabilisiert die Lage, bildet eine Übergangsregierung aus alten Kadern und Oppositionellen. In sechs Monaten freie Wahlen. Venezuela öffnet seinen Ölmarkt, amerikanische Konzerne kommen zurück, das Land erholt sich langsam. „Wenn das tatsächlich so laufen würde“, sagt Neumann, „dann müsste man sagen: Gratulation an Donald Trump, das war wirklich gut vorbereitet.“

Das negative Szenario: Trump hat geblufft. Es gibt keine Gruppe, die bereit steht. Verschiedene Fraktionen des Militärs bekämpfen sich, der Innenminister (ein Hardliner) gegen den Verteidigungsminister (konzilianter), Polizei gegen Armee, alle gegen die Opposition. Venezuela versinkt im Chaos. Ein Bürgerkrieg. Wie im Irak nach Saddam. Wie in Libyen nach Gaddafi.

„Und alles dazwischen ist möglich“, sagt Neumann am 4. Januar 2026 im Podcast von Ronzheimer.

Die nächsten 48 Stunden werden zeigen, welches Szenario eintritt. Am Morgen nach dem Coup ist Caracas gespenstisch ruhig. Die Menschen trauen sich nicht auf die Straße. Niemand weiß, wie das Militär reagieren wird.


V. Der Präzedenzfall

Die amerikanische Rechtfertigung für die Operation ist ein Dokument aus dem Jahr 1989. Eine Rechtsmeinung des Justizministeriums, erstellt für einen anderen Zweck: die Invasion Panamas.

Damals ging es um Manuel Noriega, einen Diktator, der wegen Drogenhandels angeklagt war. Die Amerikaner argumentierten: Wenn jemand von US-Behörden gesucht wird, dürfen wir ihn auch im Ausland festnehmen – notfalls mit Militärgewalt, notfalls ohne den Kongress zu fragen.

Die Ironie der Geschichte: Noriega wurde am 3. Januar 1990 an die USA ausgeliefert. Exakt 36 Jahre vor Maduro, auf den Tag genau.

Zufall? Bei dieser Regierung glaubt das niemand.

Für die Amerikaner ist das eine Polizeiaktion. Für den Rest der Welt ist es ein Bruch des Völkerrechts. Ein Präsident, der einen anderen Präsidenten entführen lässt, weil er ihm nicht passt.

„Diese Rechtfertigung funktioniert in Amerika“, sagt Peter Neumann. „Aber sie funktioniert nicht für den Rest der Welt. Und sie funktioniert nicht völkerrechtlich.“

Die Frage, die jetzt alle stellen: Wenn die USA das dürfen – wer darf es dann nicht?

Putin hat die Ukraine überfallen mit der Begründung, sie liege in seiner „Einflusssphäre“. Der Westen verurteilte es als Angriffskrieg. Jetzt überfallen die USA Venezuela mit exakt derselben Begründung – die „westliche Hemisphäre“ sei ihr Hinterhof, ihre Monroe-Doktrin.

„Man kann sich natürlich gut vorstellen“, sagt Neumann, „dass andere vermeintliche Großmächte – Russland und China – genauso argumentieren werden, wenn es um ihre jeweiligen Einflusssphären geht.“

China schaut auf Taiwan. Und denkt sich: Wenn die Amerikaner das können, können wir das auch.


VI. Die Speisekarte

Venezuela war erst der Anfang. Trump hat auf der Pressekonferenz bereits angekündigt, was noch kommt.

Kuba: „Das wird etwas sein, worüber wir am Ende reden werden. Es ist sehr ähnlich.“

Kuba, seit 70 Jahren ein Dorn im Auge amerikanischer Präsidenten. Ein kommunistischer Inselstaat vor der Küste Floridas, den kein Präsident je beseitigen konnte. Trump wittert offenbar seine Chance, derjenige zu sein, dem es gelingt.

In den vergangenen Monaten hatte sich Trump über seinen geopolitischen Appetit regelmäßig geäußert:

Panama: Seit Wochen droht Trump, den Panama-Kanal „zurückzuholen“. Die Kanalgebühren seien zu hoch, China habe zu viel Einfluss. „We’re gonna take it back.”

Grönland: „Essential for national security.” Was als bizarres Kaufangebot begann, klingt mittlerweile nach einer Drohung. Dänemark hat abgelehnt. Trump hat nicht aufgehört zu fragen.

Kanada: „Der 51. Staat.“ Angeblich ein Witz. Aber bei Trump weiß das niemand mehr so genau.

Und dann ist da noch der Iran.

Vor zwei Tagen twitterte Trump: Wenn das iranische Regime anfängt, Demonstranten zu erschießen, bekommt es es mit ihm zu tun. Das Regime hat bereits mindestens zehn Demonstranten erschossen. Der US-Präsident hatte in auf seiner Plattform geschrieben Washington „werde ihnen zu Rettung kommen“ und „We are locked and loaded and ready to go“, was wörtlich „‘geladen und entsichert‘ und bereit zu gehen“ bedeutet.

„Es kann gut sein“, sagt Peter Neumann, „dass Trump jetzt so einen richtigen Appetit entwickelt und sagt: Wenn das in Venezuela funktioniert hat, dann könnte es ja möglicherweise auch woanders funktionieren.“

Der Befreier von Venezuela. Der Befreier des Iran. Die Versuchung ist groß.


VII. Das Kaninchen

Und Europa?

Als Erste reagiert Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte. Um 11:53 Uhr, wenige Stunden nach der Operation, twittert sie: Sie habe mit Außenminister Rubio telefoniert. Die EU beobachte die Lage genau. Maduro habe keine Legitimität. Und dann, der entscheidende Satz: „Unter allen Umständen müssen die Prinzipien des Völkerrechts und der UN-Charta respektiert werden. Wir rufen zur Zurückhaltung auf.“

Zurückhaltung. Nachdem die Delta Force Maduro aus dem Bett geholt hat. Das ist wie „Bitte nicht schießen“ rufen, während die Leiche schon am Boden liegt.

Hat sie Rubio das auch gesagt? Oder nur Twitter?

Ursula von der Leyen folgt um 14:14 Uhr: Man verfolge die Lage „sehr genau“, stehe an der Seite des venezolanischen Volkes, und „jede Lösung muss das Völkerrecht respektieren“. Ob diese Lösung es tut – kein Wort.

Friedrich Merz braucht zwei Tweets. Im ersten verurteilt er Maduro: Land ins Verderben geführt, Wahl gefälscht, Präsidentschaft nicht anerkannt. Das ist der einfache Teil. Im zweiten wird es nebulös: „Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex. Dazu nehmen wir uns Zeit.“

Rechtlich komplex. Wir nehmen uns Zeit. Das ist die Sprache eines Mannes, der weiß, dass er etwas sagen müsste – und hofft, dass bis dahin alle es vergessen haben.

Keir Starmer macht es eleganter: „The situation is fast moving, we will establish all the facts.” Die Botschaft kümmert sich um britische Staatsbürger. Professionellere Feigheit.

Nur Emmanuel Macron wagt sich vor: „Das venezolanische Volk ist heute die Diktatur los und kann sich nur freuen.“ Er nennt sogar Edmundo González – den eigentlichen Wahlsieger, den Trump gerade übergeht. Kein Wort zum Völkerrecht. Einfach: Gut, dass er weg ist.

Das ist Europas Antwort auf den 3. Januar 2026: Freude über das Ende eines Diktators. Schweigen über die Methode. Und die stille Hoffnung, dass niemand fragt, was das für Taiwan bedeutet. Oder für das Baltikum. Oder für die nächste „Einflusssphäre“, die jemand für sich beansprucht.


VIII. Die Welt

Während Europa sich in Formeln flüchtet, ist Lateinamerika gespalten.

Lula, Brasiliens Präsident, findet als einer der wenigen klare Worte: Die Bombardierungen und die Gefangennahme Maduros „überschreiten eine inakzeptable Linie“ – ein „schwerwiegender Affront gegen die Souveränität Venezuelas“ und ein „extrem gefährlicher Präzedenzfall für die gesamte internationale Gemeinschaft“.

„Länder anzugreifen, in flagranter Verletzung des Völkerrechts, ist der erste Schritt in eine Welt der Gewalt, des Chaos und der Instabilität, in der das Recht des Stärkeren über den Multilateralismus siegt.“

Die Aktion, so Lula, erinnere an „die schlimmsten Momente der Einmischung in die Politik Lateinamerikas und der Karibik“. Er fordert eine „energische Antwort“ der Vereinten Nationen.

Kolumbiens Präsident Gustavo Petro, dessen Land eine 2.200 Kilometer lange Grenze mit Venezuela teilt, wählt seine Worte vorsichtiger, aber die Botschaft ist eindeutig: Kolumbien bekräftige sein „uneingeschränktes Bekenntnis zu den Prinzipien der UN-Charta“ – Souveränität, territoriale Integrität, das Verbot der Anwendung von Gewalt. Die kolumbianische Regierung lehne „jede einseitige Militäraktion“ ab. Am Ende seines Statements ein Satz, der in Lateinamerika mehr wiegt als jede diplomatische Formel: „Möge Bolívar das venezolanische Volk und das lateinamerikanische Volk beschützen.“

Argentiniens Javier Milei hingegen applaudiert. Maduro sei ein „narko-terroristischer mörderischer Lügner“, sein Regime habe „den ganzen Kontinent kontaminiert“. Ob die USA seine Unterstützung brauchen? „Sie werden sie haben.“ Auf die Frage eines Reporters, was er von Maduros Behauptung halte, das Ganze sei ein US-Plan, antwortet Milei: „Es interessiert mich überhaupt nicht, was ein narko-terroristischer mörderischer Lügner wie Maduro zu sagen hat.“

Mileis Enthusiasmus hat einen Preis – rund 40 Milliarden Dollar, um genau zu sein. Im Oktober 2025 rettete Trump Mileis bankrotte Regierung mit einem beispiellosen Hilfspaket: 20 Milliarden vom US-Finanzministerium, weitere 20 Milliarden vom IWF und Privatbanken. Trump sagte damals offen: „Wenn Milei die Wahl verliert, werden wir nicht großzügig mit Argentinien sein.“ Milei gewann. Jetzt liefert er.

Und der Papst? Leo XIV., seit wenigen Monaten im Amt, der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri, äußert sich am Tag danach. Er verfolge die Entwicklungen „mit tiefer Sorge“. Das Wohl des venezolanischen Volkes müsse über allen anderen Erwägungen stehen. Man müsse „die Gewalt überwinden“ und „Wege der Gerechtigkeit und des Friedens“ suchen. Er bete dafür und lade alle ein, mit ihm zu beten.

Kein Wort zu den USA. Kein Wort zum Völkerrecht. Kein Wort zur Frage, ob eine Großmacht einen Präsidenten entführen darf. Der US-amerikanische Papst betet – und schweigt zu allem anderen.

IX. Der 3. Januar 2026

Um Maduro trauert niemand. Das Regime war illegitim – bei der Wahl 2024 gewann der Oppositionskandidat mit über 60 Prozent, Maduro fälschte das Ergebnis. Die Bevölkerung hungerte, während er und seine Clique den Ölreichtum plünderten. Sieben Millionen Menschen flohen aus dem Land.

Für die Venezolaner, wenn sich die Lage stabilisiert, ist dieser Tag ein Gewinn.

Für die Weltordnung ist er eine Zäsur.

Donald Trump hat bewiesen, dass er bereit ist, einen amtierenden Staatschef zu entführen, wenn es seinen Interessen dient. Ohne UN-Mandat. Ohne Kriegserklärung. Ohne den eigenen Kongress zu informieren. Die Rechtfertigung – eine 36 Jahre alte Rechtsmeinung, geschrieben für einen anderen Krieg – interessiert außerhalb Amerikas niemanden.

Was bleibt, ist das Signal: Die USA nehmen sich, was sie wollen. In ihrer „Einflusssphäre“ gelten keine Regeln außer den ihren.

Marco Rubio bekam seinen Regimewechsel. Richard Grenell bekam seine Delcy. Die Ölkonzerne bekommen Venezuela. Trump bekommt seine TV-Show. Damit bestätigt sich, dass der Machtwechsel nicht auf demokratische Übergabe, sondern auf institutionelle Kontinuität setzt.

Venezuelas Streitkräfte haben inzwischen Delcy Rodríguez ihre Unterstützung erklärt, womit ihre Macht auch militärisch abgesichert ist.

Die beste Rache, so stellt sich heraus, ist nicht der Sozialismus.
Die beste Rache ist die Macht.

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