Vier Jahre. Eine Dankesrede. Von Putin.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine aufrichtige Freude, mich heute an Sie zu wenden – vier Jahre nach einem Datum, das Sie den „24. Februar“ nennen und das in meinem Kalender schlicht als der Beginn einer sehr langen, sehr lehrreichen Reise verzeichnet ist.
Ich möchte Ihnen danken. Aufrichtig. Von Herzen, wie man in Deutschland sagt, in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant, die ich damals im Bundestag sprechen durfte.
Erinnern Sie sich? Der 25. September 2001. Ich stand vor Ihren Abgeordneten und sprach auf Deutsch über Vertrauen, über Partnerschaft, über das gemeinsame europäische Haus. Ihre Abgeordneten erhoben sich und applaudierten minutenlang. Der Spiegel nannte es eine visionäre Rede. Die FAZ druckte sie vollständig ab. Ein einziger Abgeordneter verließ den Saal. Einer von 650. Das ist eine Quote, mit der ich leben kann.
Als Ihr ukrainischer Freund 23 Jahre später im selben Hohen Haus sprach, blieben 80 Sitze leer. Für mich.
Ich habe damals übrigens jedes Wort genau so gemeint, wie Sie es hören wollten. Das ist eine meiner Stärken.
Bevor ich zu den Ereignissen des Februars 2022 komme, lassen Sie mich kurz die Jahre würdigen, die davorlagen. Es waren gute Jahre. Ertragreiche Jahre. Für mich.
Sie haben mir zwei Nord-Stream-Gaspipelines gebaut. Unter Umgehung der Ukraine, gegen den Widerstand Osteuropas, gegen die Warnungen der Amerikaner. Mein Freund Gerhard Schröder hat dafür gesorgt. Ihre klügsten Köpfe erklärten, das sei Wirtschaftspolitik, keine Geopolitik. Wandel durch Handel. Wandel gab es tatsächlich – nur eben bei Ihnen, nicht bei mir. Sie wurden abhängig. Ich wurde reicher.
Als ich 2014 die Krim annektierte und im Donbas einen Krieg anzettelte, waren die Konsequenzen überschaubar. Anschließend verhandelten wir über den Frieden, den ich selbst gebrochen hatte. Und solange verhandelt wurde, konnte Deutschland sagen: Man kann nicht gleichzeitig verhandeln und eine Seite mit Waffen beliefern. So bekam die Ukraine keine Waffen. Acht Jahre lang.
Die substanziellsten deutschen Militärhilfen bestanden aus 39 Musikinstrumenten. In zwei Tranchen geliefert. Ich will nicht undankbar klingen, aber: Ich hätte auch 40 durchgehen lassen.
Die Ukraine bat um Fahrzeuge für den Verwundetentransport. Die Antwort war praktisch immer nein. Im Sommer 2021 blockierten Deutschland und die Niederlande im NATO-Rahmen die Lieferung von 90 Scharfschützengewehren an die Ukraine. Neunzig. Nicht neunzig Panzer. Neunzig Gewehre.
Jens Stoltenberg sagt heute: „Hätten wir die Ukraine früher militärisch unterstützt, hätte es diesen Krieg möglicherweise nicht gegeben.“
Ich sage: Zum Glück haben Sie es nicht getan.
Nun zu den Wochen vor dem 24. Februar 2022.
Im Juli 2021 hatte ich einen Aufsatz veröffentlicht, in dem ich begründete, warum die Ukraine zu Russland gehört. Manche nannten den Text eine de facto Kriegserklärung. In Deutschland ist er untergegangen, weil Sie mit Corona und dem Wahlkampf beschäftigt waren.
Im November und Dezember legte ich zwei Papiere vor: Die USA sollten sich aus Europa zurückziehen, die NATO obsolet werden, die Ukraine durfte auf keinen Fall Mitglied werden. Parallel dazu ließ ich 190.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze aufmarschieren.
Die amerikanischen und britischen Geheimdienste wussten, was kommen würde. Sie kannten unsere Operationspläne, unsere Desinformationskampagnen, unsere geplanten Falseflag-Operationen. Sie machten alles öffentlich, bevor ich es ausführen konnte.
Und die Deutschen? Der BND sah, dass etwas kommen würde. Aber er sah es unscharf. Es gab eine bequeme Denkschule: Das sei alles nur Drohkulisse. Putin will nur ein maximales Verhandlungsergebnis. Boris Johnson schreibt in seinen Memoiren: „Die Amerikaner und wir waren überzeugt. Franzosen und Deutsche haben das ganz anders gesehen.“
Ich hätte es nicht besser formulieren können.
Am 26. Januar 2022 – einen Monat vor meinem Angriff – bot Ihre Verteidigungsministerin Christine Lambrecht der Ukraine 5.000 Schutzhelme an. Modell aus den Neunzigerjahren. Frau Lambrecht nannte dies ein „ganz deutliches Signal: Wir stehen an eurer Seite.“
Die Ukraine hatte um 100.000 Helme und Schutzwesten gebeten. Sie bekam 5.000 Helme. Die Westen konnte die Bundeswehr nicht abgeben – sie hatte selbst nicht genug. Drei Wochen nach der Ankündigung waren die Helme immer noch nicht geliefert.
Kyjiws Bürgermeister Klitschko fragte: „Was will Deutschland als nächstes schicken? Kopfkissen?“ Und Amira Mohamed Ali fand selbst diese Geste beunruhigend. Hochrüstung, Militarisierung – das könne man als Linke nicht mittragen. Bei Helmen. Gegen 190.000 Soldaten.
Wissen Sie, was meine Generäle an diesem Tag gemacht haben? Sie haben gelacht. Nicht höhnisch – erleichtert.
Olaf Scholz kam nach Moskau. Ich habe ihn an den langen weißen Tisch gesetzt, sechs Meter entfernt. Er hatte eine Kanzlermappe dabei, in der all meine Lügen aufgelistet waren. Ein zweites Papier listete die Sanktionen auf, die kommen würden.
Ich fand den Besuch angenehm. Herr Scholz durfte sechs Meter entfernt sitzen und mir sagen, ich solle die Entschlossenheit des Westens nicht unterschätzen. In der Zwischenzeit marschierten meine Truppen auf.
Nun komme ich zu meinem Lieblingsteil. Die letzten 48 Stunden.
Am 23. Februar 2022 reiste der Präsident des BND, Bruno Kahl, nach Kyjiw. Die Botschaft, die er überbringen sollte: Die Bundesregierung sei bekanntlich zurückhaltend bei Waffenlieferungen, auch von Defensivwaffen. Aber man prüfe das jetzt weiter.
Die Vorbereitung für das Treffen am 24. Februar befasste sich mit der Frage, wie man eine Eskalation im Donbas verhindern könne. Am 23. Februar. Man plante, eine Eskalation im Donbas zu verhindern, während ich eine Vollinvasion startete.
Bruno Kahl wachte am Morgen des 24. Februar im Krieg auf. In Kyjiw.
Am selben Abend bat das Lagezentrum des Bundeskanzleramtes den BND, sich „bei einem besonderen Ereignis“ – Klammer auf – „Invasion oder ähnliches“ – Klammer zu – doch bitte auch außerhalb der Dienstzeiten telefonisch zu melden.
Ich möchte diesen Satz kurz wirken lassen. Invasion oder ähnliches. Außerhalb der Dienstzeiten.
Am Vorabend des Krieges kamen amerikanische Geheimdienstler zu Robert Habeck. Sie brachten Satellitenbilder und eine klare Botschaft: Morgen geht es los. Im Kanzleramt waren sie nicht. Olaf Scholz schlief in Potsdam und erfuhr irgendwann in der Nacht, als er geweckt wurde. Sein Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt erfuhr den Kriegsbeginn von einem Journalisten des Wall Street Journal.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten bedanken. Für alles.
Dann kam der 24. Februar. Und dann kam der 27. Februar. Ihre berühmte Zeitenwende.
Herr Scholz stand im Bundestag und sprach große Worte. 100 Milliarden Sondervermögen. Mehr als zwei Prozent des BIP für Verteidigung. Sogar die Opposition applaudierte stehend. Es war, in seiner Art, ein fast so schöner Moment wie meine eigene Rede zwanzig Jahre zuvor.
Und dann?
Ein Jahr später waren von 100 Milliarden nur ein Bruchteil tatsächlich verplant. Nicht einmal Munition war bestellt worden. Frau Lambrecht durfte noch ein Jahr weitermachen als Verteidigungsministerin. Bayerns Ministerpräsident Söder prägte den Satz: statt Zeitenwende nur Zeitlupe.
Was soll ich sagen? Die Spanne zwischen dem Ausrufen einer historischen Wende und dem Bestellen von Munition ist in Deutschland ungefähr die gleiche wie zwischen der Planung und der Fertigstellung des Berliner Flughafens.
Aber lassen Sie mich von den Dingen sprechen, die mir über die Jahre am meisten Freude bereitet haben. Es geht um Tempo. Genauer: um Ihr Tempo.
Am Morgen des 24. Februar waren sich alle westlichen Geheimdienste einig: Russland gewinnt, die Ukraine verliert. 48 Stunden, vielleicht 96. Einer der ersten BND-Berichte trug den Titel: „Selenskyj noch nicht zur Kapitulation bereit.“ Noch nicht.
Die Briten planten bereits eine ukrainische Aufstandsbewegung aus Lemberg heraus. Warum einem Toten ein Schwert schenken?
Dann zeigte sich, dass die Ukrainer kämpfen konnten. Dass Selenskyj blieb. Dass meine Paradeuniformen für den Siegesmarsch durch Kyjiw im Schlamm steckenblieben, zusammen mit meinen Panzern. Ja, das war für mich ein Moment großer Bitterkeit. Aber nur ganz kurz.
Denn dann begann das große Treppchen.
Erst waren Sie sicher, Sie schicken keine Waffen. Dann keine schweren Waffen. Dann keine Panzer. Dann keine Kampfpanzer. Dann vielleicht doch, aber nur wenn die Amerikaner auch welche schicken. Dann Leopard 2, aber bitte erst in einem Ringtausch. Jede Stufe hat Wochen gedauert, manchmal Monate. Jede Stufe musste erst von den Amerikanern vorgemacht werden, bevor Deutschland sich traute.
Jede dieser Wochen war ein Geschenk an meine Armee. Jeder Monat, den Ihre Panzer in Grafenwöhr standen statt in Saporischschja, war ein Monat, in dem wir Stellungen ausbauen, Minen verlegen und Nachschub heranschaffen konnten.
Dafür danke ich Ihnen ausdrücklich.
Besonders berührt hat mich Ihre Diskussion darüber, ob deutsche Waffen russisches Territorium treffen dürfen. Sie sprachen von 1941. Von deutscher Schuld gegenüber Russland.
Es ehrt Sie, dass Sie sich erinnern.
Nur frage ich mich: Erinnern Sie sich auch an Kyjiw? An Charkiw? An Babyn Jar?
Die Wehrmacht marschierte nicht nur nach Moskau. Sie verwüstete die Ukraine. Und doch führten Sie Ihre Debatte, als sei Russland das alleinige historische Gegenüber deutscher Verantwortung.
Geschichte ist ein machtvolles Instrument. Man kann mit ihr handeln. Oder man kann mit ihr zögern.
Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang einen besonderen Dank für Ihre Großzügigkeit gegenüber dem Russischen Haus in Berlin.
Dieses von meinem Land staatlich finanzierte Kulturzentrum mitten in Ihrer Hauptstadt.
Während meine Armee ukrainische Städte bombardierte, fanden dort Konzerte, Ausstellungen und „Dialogveranstaltungen“ statt.
Sanktioniert, heißt es.
Und doch geöffnet.
Ich schätze diese Form der Differenzierung.
Den Schutz unserer so historischen gemeinsamen Vergangenheit.
Sie trennten konsequent Kultur von Politik, selbst wenn meine Politik gerade mit Raketen betrieben wird.
Einfluss ist nachhaltiger als Panzer. Das wissen Sie nur zu gut.
Und Sie haben ihn mir großzügig gelassen.
Und dann: der Taurus.
Mein persönliches Lieblingsstück deutscher Sicherheitspolitik. 500 Kilometer Reichweite, Bunkerbrecher, präziser als alles, was Briten und Franzosen liefern konnten. Die Ukraine bat ab Mai 2023 darum. Die Briten lieferten Storm Shadow, die Franzosen Scalp. Herr Scholz sagte: Nein.
Sein Argument: Man müsste deutsche Soldaten an der Zielsteuerung beteiligen. Das stimmte nicht. Jeder Militärexperte wusste es. Aber jedes Mal, wenn er es sagte, haben meine Logistiker einen guten Tag gehabt. Weil sie wussten: Die Brücken stehen, die Nachschublinien bleiben offen, die Depots sind sicher.
Im März 2024 stimmte der Bundestag ab. 494 gegen die Lieferung, 188 dafür. SPD, Grüne und FDP stimmten geschlossen dagegen. Zusammen mit der AfD und dem BSW. Es gibt Momente, in denen die deutsche Politik eine parteiübergreifende Einigkeit erreicht, die mich zutiefst berührt.
Und dann kam der Kanzlerwechsel.
Herr Merz erklärte, er werde innerhalb von 24 Stunden den Taurus liefern.
Ich gebe zu: Für einen kurzen Moment war ich irritiert. 24 Stunden sind in meinem Beruf eine sehr präzise Zeiteinheit.
Die 24 Stunden vergingen. Dann 48. Dann Wochen.
Und ich verstand: In Deutschland misst man Zeit anders. Ankündigung ist bereits Handlung.
Der Taurus lag weiter in Lagerhallen und wurde nie verschickt. Die Krimbrücke, die er hätte treffen können, steht bis heute. Jede Tonne Nachschub, die über sie rollt, rollt mit einem kleinen Gruß an den Bundeskanzler.
Apropos Nachschub. Kommen wir zum Gas.
Damals war ich einen Moment beeindruckt, wie gelassen Sie das Abstellen hinnahmen. Es zeigte sich ein Funken Stärke, mit dem Ihr so starkes Land durchaus glänzen kann, wenn es den Dämmerzustand überwindet.
Aber dies auch nur für kurze Zeit.
Als die Nord-Stream-Pipelines explodierten, erwartete ich, unmittelbar beschuldigt zu werden. Stattdessen begann eine faszinierende Selbstbefragung. War es die Ukraine? War es Amerika? War es eine Segelyacht?
Nur selten hörte ich die eigentliche Frage: Warum hatten Sie sich überhaupt in eine Lage gebracht, in der eine Pipeline Ihre wirtschaftliche Stabilität bedrohen konnte?
Sie stritten über Täterschaft. Ich profitierte von Ihrer Abhängigkeit.
Selbst als der Staudamm von Kachowka brach, hörte ich Ihre Kommentatoren sagen: „Die Lage ist unklar.“ Als wir das Kernkraftwerk in Saporischschja militarisierten, war von „komplizierter Beweislage“ die Rede.
Ich schätze diese Vorsicht. In meinem Beruf ist Unklarheit ein strategisches Werkzeug. In Ihrem offenbar eine moralische Haltung. Sie vermeiden eindeutige Zuschreibungen – und ersparen sich damit eindeutige Konsequenzen.
Bisweilen hatte ich fast Mitleid.
So brauchte die Ukraine händeringend Patriot-Systeme gegen meine Raketen, meine Marschflugkörper, meine Gleitbomben. Deutschland hatte zwölf. Es gab zwei her. Dann, nach monatelangem Bitten, ein drittes. Baerbock und Pistorius reisten durch Europa und bettelten bei anderen um deren Systeme. Die Griechen sagten nein. Die Spanier zögerten. Die Niederländer prüften. Während sie prüften, fielen meine Raketen auf Kinderkrankenhäuser.
Und im Januar 2026 mussten die Patriot-Systeme der Ukraine zeitweise stillgelegt werden. Nicht weil es an Systemen fehlte. Nicht weil es an Ausbildung fehlte. Weil es an Munition fehlte. Weil Sie nicht genug bestellt, nicht genug produziert, nicht genug geliefert hatten.
In solchen Momenten denke ich an meine Bundestag-Rede: „Wir sprechen von einer Partnerschaft. In Wirklichkeit haben wir aber immer noch nicht gelernt, einander zu vertrauen.“ Ich hatte Recht. Nur meinten Ihre Abgeordneten, ich spräche von mir.
Ein Wort zu Ihren Sanktionen.
Man hat mir die härtesten Sanktionen aller Zeiten angedroht. Und tatsächlich – sie waren koordiniert, vorbereitet, schnell umgesetzt. Das muss ich anerkennen.
Was danach kam, war weniger beeindruckend.
Wir stehen beim 20. Sanktionspaket. Und jedes einzelne bedeutet, dass die neunzehn davor nicht gereicht haben. Der Westen bezieht nach wie vor russisches Uran. Meine Schattenflotte transportiert Öl an Ihren Küsten vorbei – man kann sie vom Strand aus sehen. Allein im vergangenen Jahr hat die EU 7,2 Milliarden Euro für russisches Flüssiggas bezahlt. Dieses Geld geht direkt in meine Kriegswirtschaft. Meine Kriegswirtschaft produziert Waffen. Diese Waffen zerstören ukrainische Städte.
Donald Tusk hat gesagt: „Wenn all die Worte, die in Brüssel über gemeinsame Verteidigung gefallen sind, in Kugeln und Raketenwerfer umgewandelt werden könnten, wäre Europa die stärkste Macht der Welt.“
Könnten. Wäre. Konditionalis. Meine Lieblingsform in der deutschen Grammatik.
Sie sprechen so gern von europäischer Souveränität. Und doch warteten Sie bei jeder entscheidenden Lieferung auf Washington. Ohne die Vereinigten Staaten keine Kampfpanzer. Keine Flugabwehr. Keine klaren roten Linien.
Die Sicherheit Ihres Kontinents hängt von Mehrheiten in einem Parlament 6.000 Kilometer entfernt ab.
Ich danke Ihnen für diese Berechenbarkeit.
Ich möchte nun denjenigen danken, die in Ihrem Land für mich gearbeitet haben, ohne es zu wissen. Oder – wer weiß – vielleicht doch.
Sahra Wagenknecht, die jede Waffenlieferung anprangerte und „Friedensverhandlungen“ forderte – wobei sie darunter versteht, dass die Ukraine aufgibt, was ich genommen habe. Die AfD, deren Abgeordneter erklärte, dieser Krieg gehe Deutschland nichts an, und die es „nachvollziehbar“ fand, dass eine Großmacht vor der eigenen Tür Sicherheitsinteressen hat. AfD und BSW forderten gemeinsam, Nord Stream 2 wieder aufzudrehen.
Mein Außenminister Lawrow hat beide öffentlich als Verteidiger nationaler deutscher Interessen gelobt. Er meinte: unserer Interessen.
Im Februar 2023 organisierte Wagenknecht gemeinsam mit Alice Schwarzer eine „Friedensdemonstration“ in Berlin – gegen Waffenlieferungen, für Verhandlungen. Die Veranstaltung forderte im Wesentlichen, der Ukraine weniger zu helfen, damit ich schneller bekomme, was ich will. Es ist ein sonderbares Gefühl, in einem demokratischen Land eine Demonstration für die eigene Sache zu sehen, zu der man gar nicht aufrufen musste.
Eines meiner wirkungsvollsten Instrumente haben wir noch nicht besprochen. Hierfür hat es keinen Einsatzbefehl gebraucht. Keine Rakete musste fliegen. Ich musste nur unsere Atomdoktrin ändern und meinen Freund Medwedew reden lassen.
Er hat das mit großer Hingabe getan. Atomschlag gegen London. Atomschlag gegen Berlin. Er hat Varianten durchgespielt, die selbst mich manchmal überrascht haben. Aber seine Aufgabe war nicht, Pläne zu verkünden. Seine Aufgabe war, in Ihren Köpfen zu arbeiten.
Und dort hat er Beachtliches geleistet.
Jede Debatte über Reichweiten, über rote Linien, über Eskalation – sie alle kreisten um eine einzige Angst: dass ich den Knopf drücke. Ihre gesamte Vorsicht, Ihre gesamte Besonnenheit, Ihr gesamtes „bloß nicht provozieren“ – es war die Rendite einer Drohung, die ich nie einlösen musste.
Dann kam Ihr amerikanischer Freund. Oder besser: Dann ging er.
Drei Jahre lang hatten Sie erklärt, man könne mit einem Aggressor keinen Frieden schließen. Drei Jahre lang hatten Sie das Wort „Frieden" in Anführungszeichen gesetzt, wenn es aus dem Mund meiner Verbündeten kam. Es war einer Ihrer klareren Momente.
Dann sagte Donald Trump „Frieden“. Ohne Anführungszeichen. Er meinte Kapitulation und Geschäft. Und Sie? Sie haben sich eingereiht.
Nicht laut. Nicht offiziell. Aber ich sehe es. Sie zahlen jetzt die Hilfe für die Ukraine, zum ersten Mal allein – das verdient Respekt. Doch Sie liefern nicht alles, was nötig wäre. Sie liefern genug, um sagen zu können, dass Sie liefern. Nicht genug, um den Krieg zu entscheiden. Den Taurus haben Sie immer noch nicht geschickt. Die Produktionskapazitäten haben Sie immer noch nicht hochgefahren. Sie beobachten von außen, wie Trump und ich verhandeln, und hoffen insgeheim, dass dabei etwas herauskommt, das Sie von der Last befreit.
Ich verstehe das. Es ist teuer, einen Krieg zu finanzieren, der nicht der eigene ist. Jedenfalls noch nicht.
Denn was glauben Sie, was ich mit dem Frieden mache, den Sie sich wünschen? Ich werde aufrüsten. Ich werde konsolidieren. Und dann werde ich mich umschauen. Ihre Militärexperten wissen das. Sie sagen es sogar öffentlich. Sie hören nur ungern zu.
Und das Schönste daran: Am Ende werden Sie sagen, ich hätte das wohl nicht so gemeint. So wie immer.
Lassen Sie mich zum Schluss zurückkehren an den Anfang. Zu diesem 25. September 2001.
Ich erinnere mich an eine Passage meiner Rede, die damals kaum beachtet wurde. Ich sagte: „Trotz der vielen süßen Reden leisten wir weiterhin heimlich Widerstand.“
Ich sprach über den Westen. Ich hätte über mich sprechen können. Aber das war nicht nötig. Denn das Schöne an süßen Reden ist, dass sie in beide Richtungen funktionieren. Ich habe süß geredet, und Sie haben es geliebt. Sie haben süß geredet, und ich habe gehandelt.
In 25 Jahren an der Macht habe ich gelernt, dass man den Westen nicht fürchten muss. Man muss ihn nur hinhalten. Er wird sich selbst aufhalten.
Er wird 39 Musikinstrumente schicken, wo Panzer nötig wären. Er wird 5.000 Helme liefern und es ein deutliches Signal nennen. Er wird seinen Geheimdienstchef am Tag vor der Invasion mit der Botschaft losschicken, man prüfe noch. Sein Lagezentrum wird um eine Meldung „außerhalb der Dienstzeiten“ bitten für den Fall einer Invasion oder ähnliches.
Er wird Zeitenwende sagen und Zeitlupe liefern. Er wird den Taurus in der Lagerhalle lassen. Er wird Patriot-Munition rationieren, während Raketen auf Krankenhäuser fallen. Er wird zwanzig Sanktionspakete schnüren und mir trotzdem 7,2 Milliarden Euro für Flüssiggas überweisen.
Er wird 100 Milliarden Sondervermögen ausrufen und dann vergessen, es auszugeben.
Und er wird immer, immer jemanden finden, der erklärt, warum es klüger ist, weniger zu tun. Warum Vorsicht besser ist als Entschlossenheit. Warum man mich nicht provozieren darf. Als wäre ich ein schlafender Bär, den man nicht wecken sollte – und nicht ein Mann, der gerade ein Nachbarland überfällt.
Insbesondere Ihre Sorge, Deutschland könne Russland erneut bombardieren, hat mich tief beeindruckt. Sie führten diese Debatte mit großem Ernst. Nur fiel mir auf, dass in Ihren historischen Erwägungen die Ukraine kaum vorkam.
Manchmal frage ich mich, ob Sie – in Ihrer moralischen Vorsicht – unbewusst denselben Fehler begehen wie ich: Sie sprechen von Russland. Und übersehen die Ukraine.
Vier Jahre.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und für alles andere.
Ihr Wladimir Wladimirowitsch Putin
Februar 2026