Diese Sache namens Iran
So nennt Donald Trump den Krieg, der ihn womöglich die Hochzeit seines Sohnes kostet. Fürs Golfen reichte die Zeit. Eine Bilanz des teuersten Nichts.
„Ihr werdet einen Atomkrieg im Nahen Osten haben, und dieser Krieg wird nach Europa kommen.“ Das sagte Donald Trump gestern im Oval Office. Mit der Inbrunst des Mannes, der die Welt rettet, kaum dass er Truth Social für den Moment weggeklickt hat.
Angstszenario schön und gut: Der Krieg ist aber nun mal längst bei uns angekommen. Bei den Gaspreisen, die im März um 40 Prozent hochschossen, als Katar nach einem iranischen Angriff die Exporte stoppte. Bei Macron, der jetzt Frankreichs Atomarsenal aufrüstet und sagt: „Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden.“ Bei jeder Tankfüllung, die wir widerwillig unseren Autos zuführen müssen. Atombombe? Damit droht uns Putin täglich!
Wer am 28. Februar, als die USA und Israel den Iran angriffen, den Obersten Führer Chamenei und über vierzig weitere Amtsträger an einem Vormittag töteten, vor Freude in die Hände geklatscht hat und Trumps Dampfwalzenmethode auch die Tage danach unaufhörlich beklatschte und verteidigte, muss jetzt sehen, dass es mehr gibt als: Juhuu. Chamenei weg. Das iranische Volk wird endlich frei. Israel wird nicht länger bedroht. Iranische Atombombe für immer adé! Ihr habt Trump unterschätzt, weil ihr blind seid, dabei ist er der Richter und Rächer, der es endlich mal wuppt - gebt ihm endlich den Nobelpreis.
Drei Monate später wissen wir: Es war von vorne bis hinten heiße Luft.
Fangen wir mit der Freiheit an, die allen so wichtig war. Bei den Angriffen starben mutmaßlich über 300 Zivilisten. Okay, gibt Schlimmeres. Man muss auch für die gute Sache Federn lassen.
Problem: Das mit der Befreiung war ohnehin nie so gemeint, als Trump postete „HELP IS ON ITS WAY!“. Denn jetzt wissen wir, wen die USA und Israel in Teheran an die Macht bringen wollten. Laut „New York Times“ jedenfalls nicht jemanden für das „freie Volk“.
Sondern Mahmud Ahmadinedschad. Den Holocaust-Leugner.
Der Ex-Präsident, der Israel „von der Landkarte“ tilgen wollte. Ihn. Ausgerechnet.
Und dann hatte auch er eine Bombe auf den Detz bekommen, oder vielmehr das Haus, in dem er seinen Hausarrest ableistete. Laut NYT galten diese Luftschläge aber nicht seiner Tötung, sondern seiner Befreiung. Ahmadinedschad saß unter Hausarrest, bewacht von fünfzig Mann der Revolutionsgarden, den ihm die Mullahs aufgebrummt hatten, weil er sich mit der geistlichen Führung überworfen hatte.
Die Bombe sollte ihn herausholen, er wurde aber wohl verletzt, verlor die Lust am ganzen Plan und ist seither verschwunden. Niemand weiß, wo er ist.
Ja, es ist still geworden um die Trump-Verteidiger, scheint es mir, zumindest bekomme ich die Verfechter nicht mehr in die Timeline gespült.
Und gute Gründe, in diesem Krieg noch was Gutes zu sehen, werden immer dünner. Stattdessen zerbricht nun auch das Argument: Wer gegen diesen Krieg ist, ist gegen das freie Volk des Irans und gegen die Existenz Israels. Letzteres lässt sich zumindest schlecht sagen, wenn der Wunschnachfolger ein Holocaust-Leugner ist.
Es ging Trump nie um Freiheit. Es ging um einen berechenbaren Statthalter, der dem Atomprogramm abschwört und das Öl schön durchlässt. Ein Venezuela 2.0. „Help is on its way!“, hatte er den Iranern zugeraunt - wie er es zur selben Zeit den Venezolanern vorführte: Maduro im Knast, das Öl gesichert, eine willige Statthalterin installiert. Delcy, die Maduro-Vize, die jetzt das Öl liefert.
Und falls jemand glaubt, Ahmadinedschad wäre für die Iraner und die Welt allemal besser gewesen: 2009 gingen Hunderttausende Iraner gegen eine gefälschte Wahl, wurde wie immer von den Revolutionswächtern niedergeknüppelt, um genau diesen Ahmadinedschad an der Macht zu halten. Der Mann, den Washington 2026 zurückwollte, ist derselbe, für den das iranische Volk schon einmal geblutet hat.
Gut, sagt jetzt jemand vielleicht, der Iran ist immerhin geschwächt.
Von wegen!
Robert Kagan, einer der lautesten Befürworter des Irak-Kriegs, also einer, für den die USA nie ausreichend und mächtig genug zuschlagen konnten, schrieb kürzlich im „Atlantic“, was sonst keiner zugeben mag: Was sich Trump im Iran geleistet hat, ist nicht weniger als eine totale Niederlage, nicht zu reparieren, anders als Vietnam, anders als Afghanistan.
Nach 37 Tagen Bomben sei der Iran weder zusammengebrochen noch zu einem einzigen Zugeständnis bereit. Stattdessen halte Teheran jetzt etwas Wertvolleres in der Hand als jede Atombombe: die Straße von Hormus. Wer durchwill, zahlt. Wer Teheran nicht passt, wartet.
Und die Zahlen geben ihm recht. Über vierzig getötete Amtsträger, mutmaßlich dreihundert tote Zivilisten - und am Ende bleiben den Iranern noch rund 70 Prozent der iranischen Raketen, laut US-Geheimdiensten. Das Regime baut die Armee schneller wieder auf als erwartet und produziert schon wieder Drohnen. Kagans düsterste Prognose, das Regime kommt aus der ganzen Sache stärker raus, als es reinging, erfüllt sich gerade live.
Da stehen wir nun mit kurzem Hemd: Weder ist das iranische Volk befreit, noch der Gegner nachhaltig geschwächt, und sein angereichertes Uran hat er obendrein immer noch - samt der neuen Mega-Waffe, die Straße von Hormus zu verplomben.
Nicht wirklich ein rosiger Triumph. Eher eine Vollkatastrophe mit einer globalen Instabilität, die ihresgleichen sucht, und einem US-Präsidenten, der am Montag noch mit großen Gesten den Verzicht auf weitere Vernichtungsschläge verkündete, die er vorher offiziell nie angekündigt hatte.
Derweil ist ihm „diese Sache namens Iran“, wie Trump sich ausdrückte, offenbar nicht mal die Hochzeit seines Sohnes wert, fürs Golfen aber reichte die Zeit den ganzen Krieg über.
Wobei wir wieder am Anfang wären: Sollte jemand, der wirklich an eine Atombombe glaubt, die Iran Europa auf den Kopf wirft, überhaupt golfen gehen? Oder uns drohen, doch nun endlich als Europa sein Problem zu lösen, das er mit seinen dicken Kriegsschiffen nicht in den Griff bekommt?
Was die Atombomben angeht, ist er am Ende eh genauso entspannt wie wir, die seit Putins Drohungen ab dem 24.2.2022 ohnehin damit leben müssen. Stattdessen glotzen wir hüben wie drüben auf die Spritpreise. Ja, auch der US-Präsident, denn damit steht und fällt die Zuneigung seines Volkes.
Und das ist das eigentlich Unerträgliche. Nicht nur in den USA, und nicht nur, weil dieser Krieg von dicken Sprüchen getragen war und wie warme Luft verpuffte. Sondern dass wir da wie dort aus alldem nichts lernen wollen, außer: bitte weiter wie bisher. Hauptsache, das Motoröl versiegt nicht.
Vielleicht demnächst auch wieder lukrative Deals mit Teheran, von uns aus auch mit einem gestärkten Mullah-Regime, solange der Hahn offenbleibt.
Nicht nur die USA, auch wir hängen an den Fossilen wie der Junkie an der Nadel, und unsere einzige Sorge ist der Preis des nächsten Schusses.
Der iranische Bäcker, dem das Mehl ausgeht, und der deutsche Pendler, der über die Spritpreise flucht, sitzen näher beieinander, als beiden lieb ist. Nur dass der eine vielleicht bald nicht mehr lebt.
Wir haben geklatscht, als es nichts zu kosten schien, und schauen jetzt weg, weil es etwas kostet.
Nach uns die Sintflut. Trump hat das nur lauter gesagt.