„Die Sperre ist aufgehoben. Schluss damit.“ Mit diesen Worten hat Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag in der Financial Times angekündigt, dass die Ukraine wieder russische Ölraffinerien angreift. Russland meldete bereits für Mittwoch neue Angriffe auf Ölverarbeitungsanlagen und am Donnerstag einen weiteren Raffineriebrand in Rjasan.
Wie es dazu kam, passt in eine Woche.
Freitag: Trump lockert die Sanktionen auf russischen Diesel. Das Ziel: niedrigere Preise an amerikanischen Zapfsäulen.
Sonntag: Trump verkündet auf Truth Social eine „Energie-Waffenruhe“, beide Seiten hätten zugestimmt. Für Selenskyj war das laut Axios eine Neuigkeit. Nach dem von Meduza am Montag aufgegriffenen Axios-Bericht hatte Moskau zu diesem Zeitpunkt noch nicht formell zugestimmt. Eine dort zitierte Quelle sagte, Russland denke noch darüber nach. Eine anonyme Quelle aus dem Weißen Haus sagte Axios trotzdem: „Trump ist richtig sauer. Er hat das Gefühl, Selenskyj hält die USA für selbstverständlich.“ Gemeint war nicht Putin.
Neu war die Idee übrigens nicht. Schon am 14. September hatte Trump eine Energie-Waffenruhe verkündet. Beide Seiten schossen weiter. Und fair war der Tausch auch diesmal nicht: Die Ukraine hat laut Axios genau eine Raffinerie, und die läuft nach russischen Angriffen nicht mehr voll.
Montag und Dienstag: Kyjiw hält trotzdem still. Russland nicht. Ballistische Raketen schlagen in ein Kraftwerk und in zivile Infrastruktur ein, über 600.000 Menschen sind ohne Strom, laut Selenskyj sterben in einer Woche mehr als 100 Zivilisten. In zwei Nächten hintereinander kommt der Luftalarm in Kyjiw erst, als die Raketen schon im Anflug sind oder einschlagen. Die Lücken bei den Raketenwarnungen erklärt Washington laut Kyiv Post mit dem Wetter.
Hinzu kommt die Drosselung der Starshield-Terminals der ukrainischen Drohnen. Wer am Regler saß, will bis heute keiner gewesen sein. Selenskyj legt sich jetzt fest: „Das war kein technisches Problem, das war Absicht.“ Und nach seiner Darstellung hatten US-Militärs ihren ukrainischen Kollegen zuvor erklärt, sie würden keine Geheimdienstdaten mehr liefern, wenn die Ukraine weiter russische Raffinerien angreift.
Am Wochenende fand Trump außerdem, es sei Zeit für einen neuen Präsidenten in der Ukraine. Elon Musk legte in der Nacht zum Donnerstag nach: „Time for Zelensky to go.“
Donnerstag: Selenskyj reicht es. Im FT-Interview kritisiert er Trump so deutlich wie selten. Über dessen Vorliebe für Autokraten sagt er: „Er spricht offen und lautstark darüber, dass er solche Leute liebt und respektiert.“ Und über Putin sagt er im Video der Financial Times: „Putin ist das wahre Böse unserer Zeit. Ohne Zweifel. Wie kann Trump ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm pflegen? Das ist ein Fehler.“
Putin is the true evil of our time. Without a doubt. How can Trump maintain a friendly rapport with him? That is a mistake – Zelenskyy. Ukraine was explicitly instructed not to attack Russian oil refineries—with the warning that there would be repercussions and that the U.S. would cease sharing intelligence. If an agreement regarding diesel fuel forces Ukraine to remain silent on the battlefield and refrain from responding to attacks, the question arises: what will the next agreement entail? Today, it’s diesel. Tomorrow, it will be gas.
— Jürgen Nauditt 🇩🇪🇺🇦 (@jurgen_nauditt) October 15, 2026
In europäischen Hauptstädten sorgte das laut Spiegel umgehend für Nervosität. Man fürchtet einen offenen Bruch zwischen Kyjiw und Washington.
Dabei hat Selenskyj die Tür nicht zugeschlagen. Laut FT kann er sich vorstellen, die Raffinerien zu verschonen, auch wenn Russland weiter Kraftwerke bombardiert. Gegenleistung: mehr Patriot-Raketen. Das sei das Minimum.
Was bleibt
Kyjiw hat stillgehalten und dafür bekommen: Raketen ohne Vorwarnung, Drohnen mit Tempolimit, Diesel-Erleichterungen für Putin und die Empfehlung, sich einen neuen Präsidenten zu suchen.
Wer stillhält, wird nicht geschont. Er wird nur leichter getroffen.
Und Selenskyj ahnt schon, wie es weitergeht: Heute geht es um Diesel. Morgen womöglich um Gas.