Es war Russland, es ist Russland und es wird auch morgen noch Russland bleiben, das die Ukraine überfällt, Zehntausende tötet, die Infrastruktur zerstört und dieses schöne Land verwüstet. Aber Alice Weidel verlangt einen Beleg für Selenskyjs Friedenswillen. Natürlich. Man muss diesen Satz einen Moment stehen lassen. Gefragt wurde sie eigentlich nach Putins Bereitschaft zum Frieden. Einen einzigen Beleg wollte die Chefredakteurin des Economist hören. Weidel liefert keinen. Stattdessen dreht sie die Interviewfrage einfach um und schiebt lieber dem Präsidenten des blutenden Landes den schwarzen Peter zu, als habe der seine Truppen losgeschickt, um Moskau einzunehmen.

Das ist nicht etwa eine unglückliche Stelle in einem ansonsten differenzierten Interview. Weidel hält diese Linie in dem knapp einstündigen Interview, das sie am 15. Oktober dem Economist gab, stringent durch. Sie zweifelt, sobald es um russische Verantwortung geht. Sie wird sehr bestimmt, sobald die Ukraine etwas unterlassen soll. Und sie erklärt ihre Nachsicht mit Putins genozidalem Krieg schlicht zum deutschen Interesse.

Wie russisch der Patriotismus ist, den sie dem Publikum als deutschen verkaufen will, zeigt eine Stelle über Deutschland selbst. Zanny Minton Beddoes erinnert an den vereitelten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle, den die Bundesregierung Russland zuschreibt. Weidel sei ja keine Augenzeugin, sagt sie, im Parlament habe man keine Beweise gesehen, „es wurde nur behauptet“. Da wurde ein deutscher Flughafen angegriffen. Deutsche Behörden haben ihre Arbeit gemacht. Eine deutsche Regierung hat ihre Entscheidungen getroffen. Aber gut, sie war ja nicht dabei. Könnte ja stimmen, dass der Kreml unschuldig ist, wie er behauptet.

Im nächsten Atemzug nennt sie die Sprengung von Nord Stream einen „staatlichen Terrorangriff auf die deutsche Infrastruktur“. Damit ist sie tatsächlich nicht sehr weit vom Generalbundesanwalt entfernt, der den Ukrainer Serhij K. unter anderem wegen eines Kriegsverbrechens angeklagt hat, laut Anklage begangen im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine. Seit dem 14. Oktober steht er in Hamburg vor Gericht. Ein Urteil gibt es noch nicht.

Beim mutmaßlich russischen Anschlagsversuch auf den Flughafen Leipzig/Halle reicht Weidel das Wort der Bundesregierung nicht. Bei der mutmaßlich ukrainischen Sprengung von Nord Stream reicht ihr eine Anklage.

Die Sicherheitsinteressen der anderen

Zweimal wird Weidel gefragt, ob Russland auch außerhalb der Ukraine eine Bedrohung darstelle. Für Europa, für die Nato, für das Baltikum. Beim ersten Mal erklärt sie, es gehe nicht um „Bedrohung oder Nicht-Bedrohung“. Entscheidend sei, ob deutsche Außenpolitik dem nationalen Interesse diene. Als wäre Deutschland eine Insel, um die herum munter Bomben explodieren könnten, ohne auch nur einen Kratzer abzubekommen. Fast möchte man fragen, ob sie bei einem Angriff auf Litauen auch zuerst die Gaspreise prüfen würde.

Dann spricht sie über Diesel, Öl und Gas. Trump rede darüber mit Putin. Das hätte sie gern auch für Deutschland, um die Energiekosten zu senken. Nun wäre gerade für eine deutsche Politikerin die Frage ziemlich wichtig, ob der gewünschte Energielieferant unsere Verbündeten bedroht. Weidel behandelt sie wie einen lästigen Umweg zur nächsten Bestellung.

Beim zweiten Versuch landet sie bei den ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien. Eine „riesige Provokation“ sei das, „sehr riskant“ und „sehr dumm“. Schließlich habe Russland Atomwaffen. Man müsse Druck auf den ukrainischen Präsidenten ausüben.

Da ist sie also, die Antwort. Ob Russland weitere Länder bedroht, bleibt offen. Dass die Ukraine sich mit ihrer Gegenwehr zurückhalten soll, steht für sie fest.

Das ist die AfD-Politik, die Weidel einem Land bietet, das keine Atomwaffen hat und von einer Atommacht überfallen wird. Das Opfer soll sich offenbar darauf verlassen, dass der Angreifer irgendwann genug hat. Und bis dahin möglichst wenig provozieren und stillhalten. „Ob es gefällt oder nicht – ertrage es, meine Schöne“, sagte Putin im Februar 2022 an die Adresse der Ukraine, wenige Wochen vor dem Großangriff. Bei Weidels Weltsicht hallen einem diese Worte in den Ohren.

Selenskyj hat Weidels Rezept diese Woche ausprobiert. Drei Tage lang hat die Ukraine auf Trumps Wunsch keine russische Raffinerie angegriffen. Russland hat drei Tage lang weiter bombardiert. Die Belohnung: nach Selenskyjs Darstellung eine Drohung aus Washington, den Geheimdienstaustausch zu sperren, falls Kyjiw die Angriffe wieder aufnimmt, und nach Kyjiwer Angaben ein gedrosseltes Starlink.

„Wenn ich sie nicht angreife, weil ihr mich darum gebeten habt, greifen sie mich an“, hat Selenskyj der Financial Times gesagt. Präziser lässt sich Weidels Friedensplan nicht beschreiben.

Manch einer mag meinen: Drei Tage, das ist doch nicht lange. Dem sei gesagt: Allein die am 14. Oktober veröffentlichte Tagesbilanz meldete mindestens zehn Tote durch russische Angriffe. Die guten Ideen vom warmen Sofa einer Alice Weidel und ihrer Anhänger kosten echte Menschenleben. Die Ukraine bezahlt mit Blut, nicht mit schlau klingenden Sprüchen.

Souverän, solange es nichts bedeutet

Weidel sagt in diesem Interview durchaus, dass sie den russischen Angriff kritisiert habe. Die Ukraine sei ein souveränes Land. „Full stop.“

Nur folgt aus dieser Anerkennung bei ihr erstaunlich wenig. Die Ukraine könne gegen Russland ohnehin nicht gewinnen, der Krieg sei bereits verloren. Als die Interviewerin wissen will, ob sie dann mit dem Ende einer unabhängigen Ukraine einverstanden wäre, verneint Weidel. Auf die anschließende Frage, ob die Ukraine zum Fortbestehen Unterstützung brauche, kommt wieder keine klare Antwort.

Unabhängig bleiben soll sie also. Die Mittel dafür möchte Weidel ihr aber nicht zugestehen. Wie das zusammengehen soll, erklärt sie nicht.

Stattdessen verlangt sie die Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen. Deren Missachtung in den vergangenen zwanzig Jahren sei der große Fehler gewesen.

Russlands Sicherheitsinteressen. Niemand verlangt von Russland, sein Staatsgebiet aufzugeben oder sich einer fremden Regierung zu unterwerfen. Russland könnte seine Armee aus der Ukraine abziehen. Wenig später im Interview fordert Weidel jedoch Druck auf Selenskyj, damit er die Bereitschaft zeige, das Sterben zu beenden.

Als läge die Entscheidung, weiter auf ukrainische Städte zu schießen, in Kyjiw.

Die deutsche Rechnung

„Über 100 Milliarden“ habe Deutschland schon ausgegeben, hält Weidel der Interviewerin entgegen. Kein anderes Land habe so viel ausgegeben. „Germany first.“

Die Zahl stammt von der Bundesregierung, und das Kiel Institut hat sie vor einer Woche zerlegt. Als echte bilaterale Hilfe zählt es 41,7 Milliarden Euro: 22,7 Milliarden an Militärhilfe, die von 2022 bis 2025 geliefert wurde, 11,6 Milliarden an bewilligter Militärhilfe für 2026 und 7,4 Milliarden an ziviler Hilfe, die tatsächlich in der Ukraine angekommen ist. 35,9 Milliarden wurden in Deutschland ausgegeben, davon 27,45 Milliarden Bürgergeld für ukrainische Geflüchtete. Dieselben Menschen müssten nach Weidels Worten im selben Interview nach Kriegsende das Land verlassen. Auch „kein anderes Land“ stimmt nicht: Allein an Militärhilfe haben die USA der Ukraine nach dem Kiel-Tracker bis Mitte 2025 rund 115 Milliarden Euro geleistet, Deutschland im selben Zeitraum rund 16,5 Milliarden.

Aber selbst eine korrekte Rechnung würde die entscheidende Frage nicht beantworten: Was kostet es Deutschland, wenn Putin mit diesem Krieg durchkommt? Was bedeutet es für unsere Sicherheit, wenn militärische Überlegenheit und die Drohung mit Atomwaffen ausreichen, um einem Nachbarland den eigenen Willen aufzuzwingen?

Wer deutsche Interessen vertreten will, muss diese Folgen mitdenken. Der kann nicht bei der Aussicht auf billigeres Gas aufhören und darauf hoffen, dass morgen nicht auch Deutschland auf die Speisekarte Putins gesetzt wird. Und er hat ja Atomwaffen, also darf er, oder?

Am Ende des Interviews wird Weidel gefragt, ob sie für eine Regierungsbeteiligung zu Kompromissen bereit wäre. „Warum sollten wir?“, antwortet sie. Bei ihren Kernforderungen gebe es keine Kompromisse. Die CDU müsse sich bewegen.

Die Ukraine soll unter existenzieller Bedrohung mit vorgehaltenem Marschflugkörper an der Schläfe nachgeben. Alice Weidel hält schon politische Kompromisse für eine Zumutung.

„Germany first“ steht über diesem Angebot. Den Gewinn für Deutschland bleibt sie schuldig. Den für Putin kann man im Interview nachhören.

Die Zitate aus dem Economist-Interview mit Alice Weidel und aus dem Gespräch der Financial Times mit Wolodymyr Selenskyj sind eigene Übersetzungen aus dem Englischen.