Innerhalb von nur zwei Tagen wurde an drei verschiedenen Orten, ja sogar auf zwei verschiedenen Kontinenten, verbal dermaßen gegen die Ukraine aufgerüstet, wie wir es bisher so offen noch nicht erlebt haben. Und es macht den Eindruck, als hätten allesamt denselben Souffleur: Wladimir Putin.
Mittwoch in Magdeburg. AfD und BSW erzielen mit ihrem ersten gemeinsamen Antrag die Mehrheit: Sanktionen gegen Russland sollen „sofort aufgehoben“, die Ukraine-Unterstützung soll abgesehen von humanitärer Hilfe eingestellt und die Waffenlieferungen ausgesetzt werden.
Dass Russland sich zurückziehen und seinen Krieg beenden soll, steht nicht drin.
Dass Russland angegriffen hat, auch nicht.
BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig erklärt am Pult, man müsse „die Sorgen Russlands vor dem Vorrücken der NATO ernst nehmen“. Eine Atommacht besiege man nicht auf dem Schlachtfeld. Und die Forderung nach einem russischen Rückzug? Eine „Maximalforderung“. Ja, was denn! 1989 zog die Sowjetunion aus Afghanistan ab. Die Welt nannte das nicht etwa ein unzumutbares Zugeständnis, sondern das Ende einer Besatzung.
Donnerstag gibt Alice Weidel in Berlin dem Economist ein Interview. Nach einem einzigen Beleg für Putins Friedenswillen gefragt, dreht sie die Frage einfach um: „Can you give me one piece of evidence that Zelensky is interested in peace?“ Vielmehr sei es der Westen, der die „security concerns of Russia“ nicht anerkannt habe, der Krieg sei ohnehin ein „already lost war“. Ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien seien „a huge provocation“ und „very stupid“, man müsse „put pressure on the Ukrainian president“. Selenskyj sei „not the right person at the right time“. Und die Ukrainer, die bei uns Schutz gefunden haben? „The Ukrainians have to leave our country when this war will be ended“ – Fachkräfte nimmt sie auf Nachfrage aus. (Mehr dazu in unserem Stück von heute Morgen.)
Donnerstagabend, Florida: Donald Trump bei Newsmax. Die Angriffe auf Raffinerien seien „a disgrace“, Selenskyj sei schwieriger als Putin. Trump nennt ihn erneut „P.T. Barnum“, wie den Zirkusdirektor, immerhin nicht wieder Diktator, dann müsste er ihn am Ende noch mögen. Die Ukraine brauche eine Pause von zwei Monaten für Wahlen, und Russland könne „a million men“ verlieren und habe noch Millionen dahinter.
Dazu bei allen dreien die große Summe. Trump sagt, Biden habe der Ukraine „probably $350 billion worth of equipment and cash“ gegeben. Die Zahl wiederholt er seit Anfang 2025, belegen lässt sie sich nicht: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft kommt seit Kriegsbeginn auf rund 115 Milliarden Euro US-Hilfe, selbst der Kongress hatte für alles rund um den Krieg nur etwa 175 Milliarden Dollar bewilligt. Bei Weidel und Wittig sind es jeweils 100 Milliarden Euro, für Wittig gleich das Grundübel, warum bei uns Rentner Pfandflaschen sammeln. Das hätte Alice vermutlich auch gern gesagt, aber ihr fiel wohl das englische Wort für Pfandflasche nicht ein.
Während der eine das Leid der Ukraine als Vorwand nimmt, um mit doppelt gelogenen Zahlen seinen zweitliebsten Erzfeind nach Obama zu verunglimpfen und sich selbst in ein noch helleres Licht zu rücken, hätten die beiden Damen aus Deutschland, respektive aus der Schweiz, durchaus wissen können, dass keine 100 Milliarden Euro in die Ukraine gegangen sind. Wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht hätten. Aber es klingt halt besser, von 100 Milliarden zu sprechen, die deutschen Rentnern und Kindern weggerissen wurden, weil deutsche Bundesregierungen mit dem Geld nur so um sich schmissen, um – ja, was eigentlich – die Ukraine damit reich zu machen? Laut Kieler Institut gingen je nach Zählweise 31 bis 42 Milliarden Euro an die Ukraine, die für 2026 eingeplanten Mittel eingerechnet. Das meiste davon ist Militärhilfe: 22,7 Milliarden flossen von 2022 bis 2025, weitere 11,6 Milliarden sind für 2026 eingeplant. Wie viel davon schon ausgezahlt ist, weiß nicht einmal das Institut in Kiel, da die Bundesregierung seit Mitte 2025 keine Details mehr veröffentlicht.
Ja, auch das ist viel Geld. Und ja, der Krieg, den Putin da losgetreten hat, ist auch ein richtig großer. Aber das hat sich weder die Ukraine so ausgesucht noch wir, die das Geld dann trotzdem nicht denjenigen zur Verfügung gestellt hätten, damit sie anschließend nicht mehr Flaschen sammeln. Und wer an die Rentner denkt: Allein der „Doppelwumms“ gegen die Energiepreise, nachdem Russland das Gas abgedreht hatte, kostete laut Kiel rund 51 Milliarden Euro. Mehr als fünf Jahre Ukraine-Hilfe.
Ich kann nicht behaupten, dass alle drei denselben Auftraggeber haben, dazu fehlen mir die harten Belege. Aber alle drei lesen aus demselben Playbook: Russland hat berechtigte Sorgen, die lauten Schmerzensschreie der Ukrainer werden vollständig überhört, denn die Ukraine ist das Problem, Widerstand ist dumm und teuer, Selenskyj soll weg. Dieses Drehbuch liegt seit Jahren im Kreml, und gerade bedient sich jeder so laut daraus, wie es ihm passt, als hätte irgendeiner den Schalter auf Vollgas gestellt.
Bei Trump steht das Motiv sogar im selben Interview. Der Iran-Krieg sei zwar bald vorbei, dann falle der Ölpreis „like a rock“, und „people are going to vote“. Ob die Zeit bis zu den Midterms im November dafür aber reicht, bezweifelt er offenbar selbst. Da ist es für ihn leichter, ukrainische Drohnen, die russische Raffinerien zerschießen, zum wahren Bösen zu erklären. Für ihn ist das kein Akt der Verteidigung, sondern ein Wahlkampfrisiko an der Zapfsäule.
Und wo hüben wie drüben gerade alle die Festwoche der alternativen Fakten feiern, muss natürlich auch Lieblingsfeind Nummer 1 herhalten: Obama. Unter dem habe schließlich alles angefangen, „when they made them give up Crimea“. Niemand hat die Krim aufgegeben, Russland hat sie 2014 annektiert. Der Krieg dauert laut Trump „almost six years“, drei Minuten später sind es „five years“. Die Vollinvasion begann im Februar 2022.
Die beiden Damen stehen ihm in nichts nach. Den vereitelten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle, den die Bundesregierung Russland zuschreibt, hat Weidel nach eigenen Worten nicht gesehen, „es wurde nur behauptet“. Wittig weiß nicht, „ob an dem Vorfall Leipzig was dran war“, und glaubt der Einschätzung als Angriff schon deshalb nicht, weil der Vorwurf kurz vor der Wahl kam.
Den Angriff auf die Ukraine will Weidel ausdrücklich nicht rechtfertigen, „not a justification“. Dann erzählt sie trotzdem von der Nato-Osterweiterung. Wittig macht es ironisch: Russland habe die Ukraine angegriffen, „einfach so, aus dem Nichts, ohne jede Vorgeschichte. Völlig verrückt.“ Was haben wir gelacht, bis es uns im Halse stecken blieb. Denn genau das hat Russland getan: die Ukraine einfach so, aus dem Nichts, ohne jede Vorgeschichte angegriffen. Schließlich ist die Ukraine ein souveräner Staat, dem sogar Russland volle Bündnisfreiheit schriftlich zugesichert hatte. Wenn nun noch jemand mit Vorgeschichte kommt, dem hau ich ein „Klar, von russischer Seite“ um die Ohren. Ach ja, und im Baltikum, hört man aus Moskau, quälen sie gerade auch wieder die russischsprachige Bevölkerung. Da darf Putin dann nochmal, oder?
Weidel will billigen Diesel aus Russland, „the same thing for Germany“ wie Trump. Wittig nennt Trumps Dieselgespräche mit Moskau „einen Witz“, soll aber, laut den Grünen, drei Tage zuvor selbst einen Dieseldeal gefordert haben. Und über Putin weiß Wittig: Er „hat auch gezeigt, dass er redebereit ist“. Ganz bestimmt. Fragt sich nur, mit wem. Um die Raketen, die jede Nacht in ukrainische Städte einschlagen, geht es dann aber nicht.
Wittig beweist Deutschlands fehlenden Friedenswillen zudem damit, dass „wir das russische Haus schließen“ und Dostojewski aus den Universitätskursen streichen. Nun. Im Russischen Haus läuft der Betrieb nach der vermeintlichen Schließung weiter, weil Deutschland – wie furchtbar – seine Kündigungsfristen einhält. Und der berühmteste gestrichene Dostojewski-Kurs wurde 2022 in Mailand abgesagt und gleich nach einem Tag wieder ins Programm genommen. Muss Deutschland als böser Bube in Sachsen-Anhalt jetzt auch noch für eine italienische Panne herhalten, die sich vor vier Jahren abgespielt hat?
Wittig hatte vorab gesagt, man brauche eine Politik, „die wieder mehr an Köthen als an Kyjiw denkt“. Köthen liegt gut 40 Kilometer Luftlinie vom Flughafen Leipzig/Halle entfernt. Wer an Köthen denken will, sollte also auch an die Drohne von Leipzig/Halle denken, an der Weidel und Wittig so auffallend gern zweifeln. Ein Glück, dass die Zündschnur abgefallen war. Aber wäre der Flughafen in die Luft geflogen, hätte sich sicher ein weiterer Grund gefunden, auch das den Ukrainern in die Schuhe zu schieben.
Drei Stimmen im Vergleich
| Trump (Newsmax) | Weidel (Economist) | Wittig (Landtag) | |
|---|---|---|---|
| Selenskyj | „more difficult to deal with than Putin“, „P.T. Barnum“ | „not the right person at the right time“ | – |
| Putin | – | – | „hat auch gezeigt, dass er redebereit ist“ |
| Raffinerien | „a disgrace“ | „a huge provocation“, „very stupid“ | – |
| Russlands Sorgen | – | „security concerns of Russia“ | „die Sorgen Russlands vor dem Vorrücken der NATO ernst nehmen“ |
| Russland unbesiegbar | „Russia can lose a million men“ | „already lost war“ | „eine Atommacht nicht auf dem Schlachtfeld besiegt“ |
| Große Summen | „$350 billion“ | „over 100 billion“ | „100 Milliarden Euro“ |
| Leipzig/Halle | – | „it was just said“ | „ob an dem Vorfall Leipzig was dran war“ |
Quellen
- Landtag Sachsen-Anhalt: Antrag „Friedensgespräche statt Ausweitung des Krieges in der Ukraine“, Drs. 9/31 und Bericht zur Sondersitzung am 14.10.2026
- Rede Claudia Wittig, Sondersitzung des Landtags, 14.10.2026, Videomitschnitt auf YouTube
- The Economist, Interview mit Alice Weidel, 15.10.2026
- Newsmax, Interview mit Donald Trump, 15.10.2026
- Kiel Institut, Kiel Policy Brief 217: How much aid has Germany given to Ukraine?, Oktober 2026, und Ukraine Support Tracker
- Full Fact, How much aid has the US given to Ukraine?
- ANSA, Dostoevsky course reinstated after cancellation, 2.3.2022
- Tagesspiegel/dpa, BSW und AfD wollen Ende der Russland-Sanktionen fordern, 7.10.2026
Die englischen Zitate stammen aus den Originalinterviews, die deutschen aus der Landtagsrede.