Donald Trump hat ein Problem. Amerikanische Lastwagenfahrer zahlen inzwischen im Schnitt mehr als sechs Dollar für eine Gallone Diesel, rund 70 Prozent mehr als vor einem Jahr. Für Speditionen, Landwirte und am Ende jeden, der im Supermarkt einkauft, ist das eine echte Belastung. Für einen Präsidenten, dessen Partei in drei Wochen zur Kongresswahl antritt, erst recht.
Also sucht Trump nach einer Lösung.
Er findet sie ausgerechnet bei Wladimir Putin.
Dabei produzieren die Vereinigten Staaten selbst mehr Diesel, als sie verbrauchen. Das ist ungefähr so, als würde ein Bäcker, der mehr Brötchen backt, als er verkaufen kann, beim Nachbarn einkaufen. Bei dem Nachbarn, dessen Ofen qualmt, seit sich der Bäcker gegenüber wehrt, dem er seit Jahren die Scheiben einwirft. Einen Teil seiner Backwaren lässt er sich inzwischen aus Indien liefern. Und der Bäcker gegenüber soll jetzt bitte aufhören, sich zu wehren.
Die USA produzieren täglich rund 5,2 Millionen Barrel Diesel, verbrauchen aber nur 3,7 Millionen. Sie sind also selbst ein großer Dieselexporteur.
Trotzdem kündigt Trump den Kauf von bis zu 36 Millionen Barrel russischem Diesel an. Das entspricht knapp zehn Tagen amerikanischen Verbrauchs. Ob diese Lieferungen die Preise spürbar senken können, bezweifeln Energieexperten.
Das US-Finanzministerium hat dafür eine Ausnahmegenehmigung erteilt, die bis April 2027 gilt. Die übrigen Russland-Sanktionen bleiben bestehen.
Kein Farmer in Iowa braucht russischen Diesel, damit seine Tankrechnung kleiner wird. Am Treibstoff fehlt es dem Land beileibe nicht, es leidet nur an den hohen Preisen.
Die Hauptursache des jüngsten Preisschocks sehen viele Fachleute ohnehin im Iran-Krieg und seinen Folgen für die Lieferungen aus dem Nahen Osten. Der WSJ-Newsletter von Damian Paletta beschreibt, wie Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien und Gefahren für Schiffe die Krise aktuell verschärfen.
Der Sicherheitsanalyst Babak Taghvaee, der früher unter anderem für BBC und Radio Free Europe geschrieben hat, hält es für möglich, dass Russland einen Teil des Diesels aus dem Iran bezieht. Er verweist auf Videos iranischer Tanklaster auf russischen Straßen. Dann würde Washington mit seiner Ausnahmegenehmigung am Ende das Regime mitfinanzieren, gegen das es gerade Krieg führt. Bewiesen ist das nicht. Aber die Frage dahinter stellt sich unabhängig davon: Ein Land, das wegen der ukrainischen Drohnenangriffe im Sommer erstmals Benzin aus Indien importieren musste, verspricht plötzlich bis zu 36 Millionen Barrel Diesel. Unmöglich ist das nicht, Engpässe im Inland und Exporte schließen sich nicht aus. Aber woher genau kommt der Diesel? Und wie stellt Washington eigentlich fest, woher er stammt? Dem Kraftstoff selbst sieht man seine Herkunft nicht an. Entscheidend sind Lieferpapiere, Transportwege und Kontrollen; bei Umladungen oder Vermischungen wird die Nachverfolgung schwieriger. Welche Nachweise die USA für dieses Geschäft konkret verlangen, sollten sie erklären.
Derweil ist in einem Land der Diesel wirklich knapp: in der Ukraine. Dort geht es aber nicht „um den Preis, über den sich in Europa und Amerika alle Gedanken machen“, sagte Dmytro Kuleba, der frühere Außenminister des Landes, im Podcast von Paul Ronzheimer. „Es geht darum, ob man überhaupt noch Diesel bekommt.“ Und weiter: „Meine größte Sorge, die mich jeden Tag beschäftigt, ist, wie ich sicherstellen kann, dass ich den ganzen Winter über durchgehend Diesel bekomme. Ich habe zu Hause einen Generator, der uns während der Stromausfälle mit Elektrizität versorgt. Wenn die Dieselversorgung unterbrochen wird und ich keinen mehr kaufen kann, bedeutet das, dass wir Tage und Nächte im Dunkeln verbringen müssen. Denn die Stromausfälle dauern immer länger.“
Und ausgerechnet diesem Land schiebt Trump jetzt den Schwarzen Peter zu. Verursacht hat die Ukraine die Krise nicht. Ihre Angriffe auf russische Raffinerien haben allerdings Russlands Exportmöglichkeiten getroffen, und genau das war das Ziel: Russland den Geldhahn ein Stück zuzudrehen, damit weniger Geld in den Angriffskrieg fließt.
Um seine Wähler vor den Midterms milde zu stimmen, hat Trump es also ausgerechnet auf das Land abgesehen, das ohnehin am meisten leidet.
Wie eilig er es damit hat, konnte die Welt am Wochenende beobachten: Zuerst verlangte er am Samstag vor Journalisten einen neuen Präsidenten für die Ukraine und forderte Selenskyj in scharfem Ton auf, mit den Raffinerieangriffen aufzuhören. Am Freitag hatte Selenskyj Trumps Dieselgeschäft mit Putin in einem öffentlichen Videocall „nicht ehrlich“ und „nicht partnerschaftlich“ genannt. Und dann: „Eine schwache Entscheidung, leider, eine schwache Entscheidung starker Partner.“ Trump antwortete noch am selben Tag: „We are a strong partner.“ Die Ölpreise fielen schon „like a rock“. Paul Ronzheimer sieht im Ausfall vom Samstag deshalb eine Retourkutsche: Ausgerechnet Trump nennt man nicht ungestraft schwach. Am Sonntag verkündete Trump dann auf Truth Social noch eine sofortige Energie-Waffenruhe. Beide Seiten hätten zugestimmt. Er warf den Parteien dann noch ein „Do not break it!“ hinterher. Es erinnerte ein wenig an die Truth-Social-Posts über vermeintlich vereinbarte Deals mit Iran, die er in den Orbit schoss, ohne dass ein wahrer Kern dahinter stand.
Selenskyj beteuerte dann auch umgehend, von der soeben verkündeten abgeschlossenen Vereinbarung erst aus den Medien erfahren zu haben. Und ein Vertreter des Weißen Hauses sagte Axios, die Russen dächten noch darüber nach.
Die Reihenfolge lautet also: Freitag ein Geschäft mit Putin, Samstag Druck auf Selenskyj, Sonntag die Verkündung einer Vereinbarung, die offenbar keiner der Beteiligten bestätigt hat.
Laut Axios sollte zunächst ein gegenseitiger Verzicht auf Angriffe gegen Raffinerien verhandelt werden. Raffinerie gegen Raffinerie. Klingt ausgewogen. Noch ausgewogener wäre allerdings der Vorschlag, den Selenskyj am Sonntag auf X veröffentlichte: „Greift uns nicht an, tötet nicht unsere Kinder, dann hören wir auf, euren Diesel anzugreifen. Und ich denke, das ist ein faires, faires Geschäft.“
Die Ukraine besitzt nach Darstellung eines ukrainischen Regierungsvertreters ohnehin nur noch eine schwer beschädigte, eingeschränkt arbeitende Raffinerie. Entsprechend knapp ist der Diesel, den die Ukrainer für ihre Generatoren brauchen, wenn Russland im fünften Kriegswinter wieder das Stromnetz angreift. Der Aggressor hingegen verfügt über zahlreiche Anlagen, deren Ausfälle Putins Kriegswirtschaft belasten.
Man könnte genauso vereinbaren, dass beide Seiten künftig keine Flugzeugträger mehr versenken. Wäre ebenfalls wunderbar symmetrisch. Nur nützt es dem Land ohne Flugzeugträger wenig.
Die Ukraine will vor allem, dass Russland ihre Kraftwerke, Umspannwerke und Städte nicht länger angreift. Selenskyj hatte schon am 22. September im Interview mit dem Wall Street Journal vorausgesehen, Trump werde wohl eine Energie-Feuerpause versuchen. Putin werde ohne stärkeren Druck kaum einlenken, warnte er damals. Am Montag sagte Selenskyj nun, er habe keine russische Zustimmung gehört. Dass Putin offenbar kein Truth Social lese, bemerkte er mit bitterem Humor.
Währenddessen wurden nach ukrainischen Angaben weitere Energieanlagen angegriffen. Bei einem Drohnenangriff auf Pisotschyn starben laut der Regionalstaatsanwaltschaft Charkiw drei Menschen, neun wurden verletzt. Getroffen wurde ein dicht besiedeltes Gebiet. Eine Raffinerie gibt es dort nicht.
Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält auch den wirtschaftlichen Wert von Trumps Deal für fraglich. Russland habe die Wiederaufnahme seiner Dieselexporte ohnehin geplant, sagte er dem Wall Street Journal. Putin habe bei dem Geschäft kein Zugeständnis gemacht. Und der Nahe Osten sei für die weltweiten Preise erheblich wichtiger.
Und was gewinnt Putin?
Der Kreml bekommt die Aussicht auf Verkäufe, die durch die amerikanische Sanktionsausnahme erleichtert werden. Gleichzeitig soll die Ukraine auf Angriffe gegen einen Bereich verzichten, in dem sie Russland erheblich unter Druck setzen kann. David Frum erinnert im Atlantic darüber hinaus an Recherchen des Wall Street Journal und der New York Times über wirtschaftliche Angebote aus Moskau an Personen im Umfeld von Trumps Unterhändlern. Frum sieht darin eine Strategie, amerikanisches Geschäftsinteresse gegen ukrainische Sicherheitsinteressen auszuspielen. Ein konkreter Tauschhandel ist damit nicht bewiesen. Aber die möglichen wirtschaftlichen Anreize verdienen Prüfung.
Selbst in Washington stößt das Vorgehen auf Widerstand. Sieben Senatoren aus beiden Parteien, darunter vier Republikaner, verlangen eine Rücknahme des Dieselgeschäfts. Sie verweisen auf das amerikanische Importverbot von 2022 und beanstanden, der Kongress sei nicht wie vorgeschrieben eingebunden worden. Ob die erteilte Lizenz rechtlich ausreicht, ist umstritten.
Auch Verbündete sind irritiert. Kanadas Premier Mark Carney kritisierte nach einem Gespräch mit Selenskyj, der Diesel-Deal verschaffe Russland zusätzliche Einnahmen für seinen Krieg. Kurz darauf telefonierte er mit Trump und dankte ihm für seine Bemühungen um eine Energie-Waffenruhe. Beides steht in offiziellen Mitteilungen der kanadischen Regierung, nur wenige Stunden auseinander. So klingt Diplomatie, wenn man beide Telefonnummern behalten will.
Und Europa? Am Montag verkündete die EU neue Sanktionen gegen knapp 1.600 russische Personen und Organisationen. Ob diese lange Liste wirksam ist, muss sich zeigen; europäische Bauteile gelangen weiterhin über Zwischenhändler in russische Waffen. Aber politisch laufen die Signale auseinander: Brüssel verspricht zusätzlichen Druck, Washington lockert den Handel mit einem russischen Energieprodukt.
Selbst das konservative Editorial Board des Wall Street Journal kritisiert Trumps Schritt. Wenn republikanische Senatoren und die Meinungsseite des WSJ mit den Demokraten einer Meinung sind, ist das kein gewöhnlicher Parteienstreit mehr.
Eine echte gegenseitige Feuerpause wäre für die ukrainische Bevölkerung vor dem Winter ein Gewinn. Dazu müsste Russland jedoch zustimmen, und sie müsste genau die Anlagen schützen, deren Zerstörung Strom, Wärme und Wasser gefährdet. An genau diesen Details entscheidet sich, ob aus einer Ankündigung eine Vereinbarung wird.
Für den russischen Diesel gibt es bereits eine amerikanische Ausnahme. Für die ukrainischen Kraftwerke bislang noch keinen belastbaren Schutz.
Am Montag bestätigte Kremlsprecher Dmitri Peskow, dass die Gespräche weiterlaufen. Eine in Kraft getretene Energie-Waffenruhe bestätigte er ausdrücklich nicht. Regierungssprecher Stefan Kornelius verwies auf weitere tödliche russische Angriffe; nach ukrainischen Angaben traf es auch Gasförderanlagen in der Region Charkiw.
Trump hat die Reihenfolge auf den Kopf gestellt: Erst den Erfolg verkünden. Dann auf die Zustimmung warten.