„Leider haben wir von unseren Partnern keine Frühwarnung bezüglich dieses Angriffs erhalten.“
Ein Satz von Selenskyj, heute auf X. Er meint die ballistischen Raketen, die in der Nacht auf Kyjiw niedergingen, bevor auch nur eine Sirene losging.
Die Ukraine kann den Start russischer Ballistik nicht selbst erkennen. Sie hängt an den Daten der Amerikaner, und die bekam sie nie direkt, sondern immer nur weitergereicht.
Selenskyj hat das selbst öffentlich gesagt. Wer diese Daten zurückhält, entscheidet darüber, ob eine Mutter in Kyjiw noch ein paar Minuten hat, ihr Kind in den Keller zu tragen. Oder keine.
War es Absicht? Der Luftwaffensprecher sagt, es sei nicht das erste Mal, dass die Warnung ausblieb. Der Außenminister sagt, die Daten kämen weiter.
Ich weiß es nicht. Niemand außerhalb Washingtons weiß es.
Aber ich weiß das: Im März 2025 hat Trump den Datenaustausch schon einmal gekappt, nach dem Eklat im Oval Office. Und am vergangenen Wochenende hat das Weiße Haus nach übereinstimmenden Berichten genau damit wieder gedroht.
David Ignatius schreibt es in der Washington Post ohne jeden Konjunktiv. Ein Präsident, der so etwas schon getan hat und wieder damit droht, braucht sich über den Verdacht nicht zu wundern. Er hat ihn bestellt.
Und wofür das alles? Für Dieselpreise vor den Midterms. Und für einen Plan, den ein US-Beamter Ignatius erklärt hat. Hört die Ukraine auf, russische Raffinerien anzugreifen, dann, so der Beamte: „we’re back in, and we go to Moscow“.
Übersetzt: Dann sind wir wieder im Spiel, und dann fliegen wir zu Putin und machen Deals.
Witkoff und Kushner hatten ihre geplante Reise nach Moskau am Wochenende auf Eis gelegt. Die Bedingung, sie wieder aufzutauen, stellt Washington nicht an den Angreifer, sondern an den Angegriffenen. Russland muss für das Gespräch nichts aufgeben. Die Ukraine aber ihre wirksamste Waffe.
Was dort auf dem Tisch liegt, ist bemerkenswert: ein Waffenstillstand an der Frontlinie, der Russland den Donbas lässt. Ein Fahrplan zur Aufhebung der Sanktionen. Und womöglich eine Pipeline, die russisches Öl und Gas nach Europa bringt.
Und weil Geschäft in dieser Familie nie fern ist: Laut New York Times könnte das Vermögen des russischen Ölkonzerns Lukoil im Zuge der Verhandlungen an ein Konsortium gehen, zu dem Ivanka Trump gehört, dazu Witkoffs Sohn und Geschäftspartner aus dem Nahen Osten, mit denen Kushner und Witkoff verbunden sind.
Der Vater verhandelt über den Krieg, der Schwiegersohn sitzt am Tisch, die Tochter steht beim Ölkonzern des Angreifers in der Schlange. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein. Man muss nur hinschauen.
Eine Pipeline für russisches Gas nach Europa. Wo habe ich das schon mal gehört? Anne Applebaum zählt Nord-Stream-Geschäfte ausdrücklich zu den Deals, über die in Trumps Umfeld gesprochen wird.
Und Kremlsprecher Peskow verlangt ausgerechnet jetzt Aufklärung über die Sabotage an Nord Stream. Zufall ist in diesem Krieg ein sehr seltener Gast.
Vorangetrieben wurde das Ganze am Freitag in Florida, sechs Stunden lang, im Shell Bay Golf Club. Der gehört Steve Witkoff, Trumps Unterhändler. Mit am Tisch: Vertreter aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Und jetzt kommt der Teil, der mich wirklich wütend macht. Die Europäer, schreibt Ignatius, seien verärgert über den Diesel-Deal. Aber sie wollen den Prozess unter Kushner und Witkoff fortsetzen. Hitze rausnehmen, zurück an die Arbeit.
Zurück an welche Arbeit? An einen Plan, der dem Angreifer Land, Gasgeld und Sanktionsfreiheit verspricht und dem Angegriffenen die einzige Waffe nimmt, die Moskau wirklich wehtut? Während der Gastgeber dem Opfer die Frühwarnung abdrehen will?
Ein europäischer Diplomat sagt Ignatius, Putin wirke nicht, als meine er es ernst mit dem Frieden. Die Europäer wissen es also. Und sitzen trotzdem mit an Witkoffs Golftisch.
Man nennt das Diplomatie. In jedem anderen Zusammenhang hieße es Erpressung. Und wer daneben sitzt und nickt, verhindert nicht, dass der Ukraine längst die Knarre an die Schläfe gedrückt wird.
Quellen
- Selenskyj zur ausgebliebenen Frühwarnung, Stellungnahmen von Luftwaffensprecher Ihnat und Außenminister Sybiha: n-tv-Liveticker zum Ukraine-Krieg, 13.10.2026, 12:25 Uhr
- Selenskyj: Ohne US-Daten kein Erkennen ballistischer Starts, kein direkter Zugang: NV, 27.3.2025
- Stopp des US-Datenaustauschs im März 2025: Ukrainian News
- Treffen in Florida, Drohung mit Abschaltung der Geheimdienstdaten, Friedenspaket, Haltung der Europäer: David Ignatius, „‚Make the problem and the solution bigger‘: The plan to end the Ukraine war“, Washington Post (Meinungsbeitrag)
- Witkoff und Kushner legen Moskau-Reise auf Eis: Axios, 11.10.2026
- Lukoil-Konsortium (Bericht der New York Times), Nord-Stream-Geschäfte: Anne Applebaum, „Trump’s Message to Ukraine Is Now Crystal Clear“, The Atlantic, 12.10.2026
Peskow zu Nord Stream: n-tv-Liveticker zum Ukraine-Krieg, 13.10.2026, 0:56 Uhr