Der visuelle Scherz des Künstlers beginnt 2025 so: Macron, Scholz und von der Leyen stecken im Aufzug fest. Die großen Führer Europas. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán versucht noch, ihren Aufzug zu reparieren. Aber zu spät. Denn im dritten Stock sitzen bereits Trump, Putin und Xi und entscheiden über das Schicksal des Planeten. Um die Schmach der Europäer perfekt zu machen, hält sich der französische Präsident die Ohren zu, der damalige Bundeskanzler den Mund und die Präsidentin der Europäischen Kommission die Augen. Sie sind die berühmten drei Affen, die nichts hören, sagen und sehen.
Dieses Bild gehört zu einer Ausstellung in Liwadija, dem Ort, an dem 1945 Roosevelt, Churchill und Stalin tagten. Zum 80. Jahrestag der Konferenz zeigte im Februar 2025 der russische Künstler Alexei Orlow, wie er sich ein neues Jalta vorstellt: Putin, Trump und Xi sitzen nebeneinander auf Stühlen und blicken auf einen Globus an der gegenüberliegenden Wand mit der Krim in der Mitte. Nur die Europäer haben es nicht bis hierher geschafft. Das Schlimme: Dieser künstlerische Seitenhieb sitzt. Denn anderthalb Jahre später heißt der Bundeskanzler zwar mittlerweile Merz, aber an der Konstellation hat sich nicht viel verändert.
Dabei wünscht sich Kyjiw außer Frieden kaum etwas sehnlicher als eine europäische Stimme am Verhandlungstisch. Fragt sich nur, wer das sein könnte.
Freitag vor einer Woche sprach Wolodymyr Selenskyj zum sage und schreibe 28. Mal beim EU-Gipfel – persönlich oder zugeschaltet. Erneut bat er Europa um einen eigenen Weg, mit Moskau zu reden, damit die Ukraine nicht allein auf Washingtons Diplomatie angewiesen ist, die das kriegsgebeutelte Land in den vergangenen Tagen mehr denn je durch die Mangel dreht. Er hoffe, Europa finde ein „bestimmtes Format“, um direkt mit den Russen zu sprechen. Er habe gesehen, dass sich einiges parallel bewege. Das heiße aber nicht, dass man jemanden aus dem Prozess ausschließe. Man hätte sehr gern mehrere solcher Spuren, sagte er.
Am selben Tag warnte Selenskyj, was folgt, wenn andere mit Moskau Geschäfte machen. Eine Woche zuvor hatte Trump mit Putin einen Diesel-Deal geschlossen, von dem Kyjiw nach Selenskyjs Worten nichts wusste. Erst Diesel, sagte Selenskyj, dann Gas, dann würden weitere Sanktionen fallen.
Fünf Tage später spricht ein Europäer mit Paul Ronzheimer. Es ist der tschechische Präsident Petr Pavel. Tschechien gehört zu den eher kleineren Ländern Europas, was könnte Pavel da schon beisteuern, mag man sich fragen. Doch Pavel war einst der ranghöchste General der NATO und verhandelte 2017 mit Gerassimow, Putins treu ergebenem Generalstabschef. Der Tscheche verfügt also über genau die Gesprächserfahrung, nach der Selenskyj im Prinzip bei einem Europäer händeringend sucht.
Pavel fordert im Gespräch mehr Unterstützung für die Ukraine und anhaltenden Sanktionsdruck. Auf die Frage, ob Europa irgendwann wieder russisches Gas kaufen solle, sagte er: niemals nie. Wenn Russland eines Tages die Souveränität und die Grenzen anderer Länder respektiere, warum nicht. So weit sei Russland aber nicht, das werde dauern. Sanktionen lockern will er nur Schritt für Schritt, an Bedingungen geknüpft und erst, wenn eine Waffenruhe tatsächlich besteht. Nicht auf ein Versprechen hin.
Pavel und Selenskyj sind deshalb keine Gegenspieler. Aber ihre Aussagen führen zu einer Frage, die keine Personalentscheidung beantwortet: Soll eine europäische Gesprächsspur vor allem den Druck auf Russland verstärken oder auch ausloten, welche Gegenleistungen einen Frieden möglich machen könnten? Und wer entscheidet, welche Angebote vertretbar sind? Kyjiw wünscht sich eine europäische Stimme am Tisch. Damit ist noch nicht geklärt, was sie dort sagen soll.
In Europa wird seit Januar vor allem darüber geredet, wer sie sein könnte. Seit dieser Woche wird die Personalfrage erneut diskutiert: Wie Meduza und LIGA.net unter Berufung auf Politico berichten, werden Alexander Stubb, António Costa und Ursula von der Leyen als mögliche europäische Chefunterhändler genannt.
Willkommen bei Europe’s Next Top Negotiator. Die Kandidaten sind da. Die Jury auch.
Das Casting
Im Januar drängten Emmanuel Macron und Giorgia Meloni darauf, wieder direkte Kanäle zu Putin zu öffnen. Meloni schlug einen Sondergesandten vor, der für alle 27 Mitgliedstaaten spricht, einen Namen nannte sie nicht. Im Gespräch waren laut Politico Mario Draghi und Alexander Stubb. Kallas hielt dagegen: Europa dürfe nicht als Bittsteller nach Moskau gehen.
Die erste Gegenstimme kam aus Tallinn und richtete sich nicht gegen einen der Kandidaten, sondern die Stelle an sich. Estlands Außenminister Margus Tsahkna warnte, Russland werde getrennte Unterhändler nutzen, um Europas Staaten gegeneinander auszuspielen. Drei Wochen später sprachen sich Lettlands damalige Regierungschefin und Estlands Präsident trotzdem für einen Gesandten aus, ohne einen Namen zu nennen: abgesprochen mit der Ukraine, akzeptabel für alle Mitgliedstaaten, nach Wunsch des estnischen Präsidenten aus einem großen Land und auf beiden Seiten glaubwürdig.
Kaja Kallas sagte im Februar, wichtiger als Namen seien Mandat und Ziel. Mit diesem Satz hätte die erste Staffel von Europe’s Next Top Negotiator enden können. Im Mai fing sie erst richtig an.
Denn am 9. Mai nannte Putin ausgerechnet Gerhard Schröder als seinen bevorzugten Gesprächspartner auf europäischer Seite. Das ist, als dürfte die gegnerische Mannschaft den Torwart der anderen aufstellen. Kallas nannte Schröder einen hochrangigen Lobbyisten für russische Staatsunternehmen, Pistorius sprach von einem Täuschungsmanöver, und Merz sagte in Aachen: „Wir Europäer entscheiden selbst, wer für uns spricht. Niemand anders.“ Am 7. Oktober feierte Schröder Putins Geburtstag mit, Merz ließ das „geradezu unmoralisch“ nennen. Wessen Interessen er vertreten hätte, musste man nicht lange fragen.
Auch bei den eigenen EU-Kandidaten ging es bald nicht mehr darum, was sie verhandeln sollten, sondern darum, wen Putin akzeptieren würde. Kallas galt laut Politico als naheliegende Wahl, doch drei EU-Diplomaten mahnten, Putin werde sie wegen ihrer harten Linie sofort ablehnen. Ausgerechnet Kallas, die im Februar gesagt hatte, es komme auf Mandat und Ziel an und nicht auf Namen. Dabei warnten fast zeitgleich mehrere Regierungen, man dürfe nicht in Putins Falle tappen und Energie in die Suche nach einem für den Kreml „akzeptablen“ Kandidaten stecken.
Gehandelt wurden außerdem Angela Merkel, Mario Draghi, Alexander Stubb, Sauli Niinistö und Jean-Claude Juncker. Merkel war der meistgenannte Name. Sie winkte ab: Glaubwürdig mit Putin verhandeln könnten nur amtierende Regierende mit politischer Macht. Ganz geschlossen hat sie die Tür nach Lesart der Irish Times allerdings nicht. Ihr Satz trifft trotzdem: Ein Unterhändler ist so viel wert wie die Regierungen hinter ihm. Stubb sagte zu, unter zwei Bedingungen, die mehr über den Job verraten als jede Bewerbung: nur auf Bitten der EU-Spitzen und erst nach einer festen Waffenruhe. Seinen Einfluss auf Trump, mit dem er Golf spielt, nannte er bei Ronzheimer selbst „minimal“. Zugang und Einfluss sind zweierlei, und Stubb sagte es selbst.
Ende Mai hielten ranghohe EU-Vertreter laut dpa eine Ernennung vorerst nicht für sinnvoll, die Debatte laufe vor allem in den Medien. Man müsse sich erst einigen, worüber man mit Russland reden wolle.
Der Anruf
Im Juni versuchte es Ratspräsident António Costa ganz ohne Casting. Sein Büro nahm kurzerhand Kontakt zum Kreml auf, ohne Inhalte, ohne Verhandlungen, nur um Kanäle zu öffnen. Vermitteln wolle er nicht, eine Parallelspur zu den Amerikanern aufbauen auch nicht. Beim Gipfel am 18. und 19. Juni gab es darüber Streit. In deutschen Regierungskreisen war von einem „Affront“ die Rede. Merz soll klargestellt haben, Costa vertrete die EU, sei aber kein Vermittler. Öffentlich sagte er, wer für die EU spreche, müsse man heute nicht entscheiden, das geschehe, wenn Gespräche zustande kämen. Bis dahin stimmen sich Deutschland, Frankreich und Großbritannien ab. Das E3-Format sei laut Merz auf ausdrücklichen Wunsch der Ukraine entstanden. Irlands Regierungschef Micheál Martin vertraute Costa. Tschechiens Andrej Babiš fasste zusammen, Europa könne sich nicht einmal darauf einigen, ob es Verhandlungen gebe und wer sie führe. Und Belgiens Premier Bart De Wever schüttelte Costa beim Hinausgehen lachend die Hand: Er sei der Einzige, der Europa vertreten könne, man werde ihn nach Moskau schicken.
Immerhin hatte Europa in Moskau angerufen. Was es dort sagen will, berät es noch.
Merz will die Personalfrage entscheiden, wenn Gespräche zustande kommen. Das kann vernünftig sein. Nur sollte Europa bis dahin wissen, welchen Auftrag es dann vergeben will.
Ein Schiedsrichter wird jedenfalls nicht gesucht. Europa dürfe nicht die Rolle eines neutralen Vermittlers übernehmen, sagte der estnische Außenminister im Juni. Ausnahmsweise sieht Lawrow das genauso, die EU könne kein unparteiischer Vermittler sein. Europa ist Partei. Offen ist, ob es auch Verhandlungspartner wird.
Was in den Diplomatenkoffer darf
Pavel weiß, wie man Russland ein Angebot macht. 2017 traf er als Vorsitzender des NATO-Militärausschusses in Baku Waleri Gerassimow, heute Chef des russischen Generalstabs. Pavel kam mit einem Sprechzettel, abgestimmt mit den NATO-Mitgliedstaaten. Als Gerassimow von seinem ablas, merkte er: Der ist genauso politisch wie meiner. Also schlug er vor, über das zu reden, was zwei Militärs beeinflussen können: Truppen, Manöver, Ausrüstung. Im spontan verlängerten Gespräch beim Abendessen klagte Gerassimow, seine Soldaten seien acht Monate im Jahr in Übungen. Pavel bot an: Reduziert ihr, reduzieren wir. Die NATO melde ihre Manöver in Wien an und lade Beobachter ein, Russland könne es genauso machen. Gegenseitig und überprüfbar. Nach diesem Muster will Pavel auch heute verhandeln: Jedes Zugeständnis muss durch Fortschritt aufgewogen werden.
Pavel will deshalb nicht nur über die Ukraine verhandeln. Wer nur über die Ukraine rede, habe zwei Positionen und nichts dazwischen. Also soll es um die Sicherheit ganz Europas gehen, von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer: abgelaufene Rüstungskontrollverträge erneuern, Vertrauen aufbauen wie einst im Helsinki-Prozess, und Sanktionen erst nach einer Waffenruhe Schritt für Schritt lockern. Und weil Russland sich um Kaliningrad sorge, könne man Frieden in der Ukraine gegen eine gewisse Entlastung beim Druck in anderen Bereichen tauschen. Kaliningrad grenzt an Litauen und Polen. Jede Entlastung dort beträfe zuerst zwei EU-Staaten, die man dafür erst fragen müsste.
Andere packen ihren Diplomatenkoffer anders. Stubb sieht eine Rückkehr zu russischem Gas in absehbarer Zeit nicht. Von der Leyen sagte beim Oktober-Gipfel, es würden keine Sanktionen aufgehoben, solange Russland den Krieg nicht beende. Mette Frederiksen, die Pavel als mögliche Verhandlungsstimme Europas nennt, warb dort vor allem dafür, die eingefrorenen russischen Vermögen für die Ukraine zu nutzen. Im europäischen Koffer liegen also Bonbons und Daumenschrauben. Für die Ukraine macht es allerdings einen Unterschied, ob Europa Russland die Sanktionen lockert oder die Schrauben weiter anzieht.
Aber wer entscheidet, was überhaupt in diesen Diplomatenkoffer darf? Brüssel allein nicht. Bei Kaliningrad reden Vilnius und Warschau mit. Bei allem anderen Kyjiw. Polens Außenminister Radosław Sikorski sagte schon im Mai, man wolle von der Ukraine nicht als jemand gesehen werden, der sie zu Kompromissen drängt.
Dmytro Kuleba bezweifelt bei Ronzheimer gleich ganz die Aussicht, Putin durch Verhandlungen umstimmen zu können. Er habe seine Einschätzung vor zwei Monaten geändert: Es gehe nicht mehr darum, Putins Kalkül zu verändern, sondern darum, ihn zu überleben. Der frühere Außenminister, der einst Treibstoff für ukrainische Panzer organisierte, sorgt sich heute, ob seine Familie im Winter Diesel für den Generator bekommt.
Kallas sagte am 16. Oktober, man sehe keine Anzeichen, dass Russland den Krieg beenden wolle. Das spricht womöglich gegen einen weiteren Gesandten ohne Gesprächsgrundlage. Es spricht nicht fürs Warten. Wenn Moskau den Krieg fortsetzen will, muss Europas Politik darauf zielen, ihm diese Fortsetzung zu erschweren. Ein Unterhändler kann solchen Druck in Verhandlungen nutzen. Er kann ihn nicht durch seine Ernennung ersetzen.
Es bleibt das Gefühl, dass nichts vorwärtsgeht. Der Aufzug des russischen Künstlers steckt sinnbildlich noch immer fest. Nicht weil Europa die Mittel fehlen, nach oben zu kommen. Sondern weil es sich seit Jahren nicht darauf einigen kann, wie es seine Macht gemeinsam einsetzen will.