Gestern haben viele über die angeblich von Melania Trump zuckergussmäßig vermittelte Waffenruhe in Oleschky berichtet.
Soo schööön.
Und ja, für die Einwohner der Stadt soll endlich Hilfe kommen.
Was dabei weitgehend unterging: Wer die Menschen überhaupt erst leiden ließ, warum der ukrainische Geheimdienst schon vor Wochen vor einer inszenierten Propagandakampagne warnte – und weshalb ausgerechnet Trumps Haussender Newsmax die „unparteiischen“ Fernsehbilder liefern soll.
Aber eins nach dem anderen:
Die nächste große Lüge über die Ukrainer ist im Kommen.
Die erste ist ein Klassiker, den Putin-Liebchen bei jeder Gelegenheit rausziehen: Die Ukrainer hätten vor dem Krieg 14.000 Menschen im Donbass dahingemeuchelt, einfach so. Da musste Putin doch aktiv werden.
Jetzt blüht die zweite auf: Oleschky.
Die Kleinstadt am linken Dnipro-Ufer gegenüber von Cherson ist seit 2022 russisch besetzt, und sie hungert. Russland blockiert seit Monaten jede reguläre Hilfe. Die ukrainische 34. Marinebrigade fliegt Lebensmittel und Medikamente per Drohne über den Fluss – die Russen schießen die Drohnen ab und beschlagnahmen, was trotzdem ankommt. Behauptet wird aber mit großem Tamtam das Gegenteil: Die Ukrainer hätten alles blockiert, um die Menschen auszuhungern, und würden die eigene Bevölkerung beschießen.
Der ukrainische Geheimdienst SBU warnte schon am 7. Oktober, diese Geschichte sei bestellt: Eine Einheit der russischen Besatzer habe Befehl, Bewohner vor die Kamera zu stellen. Sie sollen der ukrainischen Armee Beschuss und Blockade vorwerfen und sich bei den Besatzern bedanken. Kurz darauf verbreitete Margarita Simonjan laut Kyiv Post genau so ein Video.
Nun meldet das Weiße Haus eine angeblich von der First Lady vermittelte lokale Waffenruhe, damit Hilfe hinein- und Zivilisten herauskommen. Dass Papst Leo XIV. drei Tage nach seiner Krebsoperation vom Krankenhausbett aus Putin um genau diese Waffenruhe gebeten hat, kommt in der Trump-Erzählung nicht vor. Selbst der ukrainische Unterhändler Arachamija dankte laut CNN beiden, der First Lady und dem Papst – das Weiße Haus erwähnt den Papst mit keinem Wort. Putin nutzte das Gespräch mit Leo übrigens, um die Lüge gleich dem Papst persönlich aufzutischen: Schuld an der Not in Oleschky sei das „Kiewer Regime“.
Aber gut, Hauptsache, Oleschky bekommt endlich Hilfe. Die vereinbarte Waffenruhe soll erst am 27. Oktober beginnen, die angekündigte Hilfsmission am 29. Oktober. Ob die Menschen tatsächlich versorgt werden, muss sich noch zeigen. Egal, der der Kreml hat sein Drehbuch längst geschrieben.
Als Nächstes kommen die Bilder. Die First Lady hat dafür nach eigenen Worten eine „unparteiische amerikanische Medienorganisation“ gewonnen, die die Teams vor Ort begleitet. Wer das ist, verriet das Weiße Haus nicht. Das erledigte der Sender selbst: Newsmax, Trumps rechter Haussender, meldete stolz exklusiven Fernsehzugang. Unparteiisch also – in dem Sinne, in dem der Kreml humanitär ist.
Die Frage wird sein, wer in einer russisch besetzten Stadt vor die Kamera darf, und wer daneben steht. Estlands Auslandsgeheimdienst hat 2024 beschrieben, wie russische Dienste Reisen in die besetzten Gebiete organisieren und bezahlen, samt handverlesener Zeugen.
Das Muster kennen wir aus Mariupol: erst die Stadt aushungern und zerbomben, dann die Führung durch die Ruinen fürs Staatsfernsehen, bei der „ukrainische Nazis“ schuld sind.
Die Formel ist immer dieselbe: Not erzeugen, Schuld leugnen, die Ukraine beschuldigen, sich als Retter filmen lassen.
Und lässt sich das Verbrechen beweisen, wie in Butscha sogar mit Satellitenbildern, die die Leichen auf der Straße zeigten, als dort noch russische Truppen standen, kommt der Stempel: ukrainische Inszenierung.
Wer in den nächsten Wochen Videos aus Oleschky sieht, in denen dankbare Bewohner russischen Soldaten für Brot danken, sollte sich nur eine Frage stellen: Wer hat ihnen das Brot vorher weggenommen?
Genauso funktionieren auch die 14.000 Toten aus dem Donbass. Fakt ist: Die vermeintlich „prorussischen Separatisten“ wurden von Beginn an vom Kreml gesteuert. Angeführt vom ehemaligen FSB-Offizier Igor Girkin, der später selbst prahlte, er habe den „Abzug des Krieges“ gedrückt, zettelten sie 2014 den bewaffneten Aufstand an. Die Ukrainer wehrten sich.
Die Bilanz der UN für 2014 bis 2021: rund 6.500 prorussische Kämpfer, 4.400 ukrainische Soldaten, 3.400 Zivilisten – davon 298 Passagiere von MH17, abgeschossen von einer russischen Buk. Die meisten Zivilisten starben 2014 und 2015, in dem Krieg, den Moskau angezettelt hat. 2021 waren es 25. Natürlich starben auch durch ukrainischen Beschuss Zivilisten, das ist Krieg. Ein Massenmord wird daraus nicht.
Moskau rechnet also die eigenen Kämpfer und die Opfer des eigenen Abschusses zusammen und verkauft die Summe als ukrainisches Verbrechen.
Und auch die neue Lüge werden sie wieder glauben. Da können sich die Täter später selbst vor die Kameras stellen und alles gestehen. Jewgenij Prigoschin, Wagner-Chef und jahrelang Putins Mann fürs Grobe, hat es getan. Im Juni 2023 sagte er in einem Video: Die Lage im Donbass sei bis zum Februar 2022 nicht anders gewesen als seit 2014, eine ukrainische Aggression habe es nie gegeben, und die Ukraine habe auch keinen Angriff geplant. Der Krieg sei nötig gewesen, damit Schoigu sich einen Stern auf die Schulter heften und ein Oligarchenclan Beute machen konnte. Zwei Monate später fiel sein Flugzeug vom Himmel.
Die deutschen Verbreiter der Kreml-Propaganda interessiert das nicht. Ihnen geht es nicht um die Wahrheit, sondern um eine Welt, in der Putin auch in Deutschland mitregiert.