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Trumps Kerbholz
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Stand: 17. Oktober 2026 · 6 Kerben · gezählt seit Beginn des Irankriegs

In der Sendung mit der Maus pflückt Christoph einmal Äpfel für einen Herrn aus dem Mittelalter. Für jeden Korb, den er bringt, ritzt der Herr eine Kerbe ins Holz. Und fleißig ist er, der Christoph. Schleppt einen Korb voller Äpfel nach dem anderen an. Am Ende wird abgerechnet, und Christoph bekommt seinen Lohn. Das Kerbholz war also eine Versicherung für den, der die Arbeit macht – und für den, der sie bezahlen muss. So wusste jeder, wer wem was schuldete.

Solch ein Kerbholz wurde nach dem Einritzen der Länge nach gespalten. Jeder bekam eine Hälfte. Bei der Abrechnung legte man beide aneinander, und die Kerben mussten passen. Schummeln war nicht möglich. Daher kommt auch die Redensart: Wer etwas auf dem Kerbholz hat, hat sich etwas zuschulden kommen lassen.

Einer, der sich gerade durch besonders großen Fleiß hervortut, ist Donald Trump. Fleißig war er ja schon immer, sonst wäre er wohl nicht so reich geworden. Eine Erleichterung hier, eine Ausnahme dort, dann gleich ganze Schiffsladungen. Korb um Korb.

Was Russland davon hat, lässt sich nachlesen. Und genau das machen wir jetzt.

Hier ist Trumps Kerbholz.

Schon einmal passiert

Hierfür könnten wir jetzt im Juli 1987 beginnen. Da reiste Trump zum ersten Mal nach Moskau, organisiert über Intourist, das staatliche Reisebüro, das dem KGB als Vorposten diente. Zwei Monate später kaufte er sich ganzseitige Anzeigen in der New York Times, der Washington Post und dem Boston Globe, um Amerikas Verbündete zu beschimpfen. Ehemalige KGB-Agenten sagen in einer ZDF-Doku, man habe ihn damals gezielt umworben. Da wir aber heute kein Buch schreiben wollen, konzentrieren wir uns nur auf die jüngsten Kerben, die Vorgeschichte ist ohnehin reichlich dokumentiert.

Das erste Jahr der zweiten Amtszeit: ein gemischtes Bild

Nachdem Trump 2025 triumphierend ein zweites Mal ins Weiße Haus einzog, wurde die Welt aus ihm nicht recht schlau. Wie im Wahlkampf teilte er gegen die Ukraine und namentlich Selenskyj aus. Dann übernahm er die Sanktionen seines Vorgängers und verschärfte sie noch: Im August verhängte er Strafzölle gegen Indien wegen dessen russischer Ölkäufe, im Oktober setzte er Rosneft und Lukoil auf die Sanktionsliste.

Während er die ganze Welt mit Strafzöllen überzog, verteilte er gleichzeitig eng begrenzte Ausnahmen und Verlängerungen wie andere Lutschbonbons: für das Projekt Sachalin-2 mit Lieferungen nach Japan, für kasachische Ölprojekte, für Zahlungen an ältere zivile Atomprojekte und für Lukoil-Geschäfte außerhalb Russlands. Ein paar der Ausnahme-Zuckerl hatte schon Biden verteilt. Gezählt werden sie hier trotzdem nicht. Unser Kerbholz beginnt nämlich später.

Vielleicht saß bereits am 28. Februar 2026 ein Mann in seinem Sessel und dachte sich: „Guter Mann!“ Ein Foto habe ich nicht. Ich habe nur Fakten.

Klar ist, dass die USA und Israel an jenem 28. Februar 2026 den Iran angriffen, und danach kamen die Ausnahmen Schlag auf Schlag. Jedes Mal begründet mit dem Ölpreis. Ab hier wird geritzt, oder gezählt. Aber erst einmal erzählt.

Die Kerben

Kerbe 1 · 5. März 2026 · Ausnahme für Indien

Fünf Tage nach Kriegsbeginn kommt der erste Korb: Russisches Öl, das schon auf Tankern schwimmt, darf nach Indien verkauft werden, ausdrücklich auch das von sanktionierten Firmen. Dabei hatte Trump einen Monat vorher noch stolz verkündet, Indien kaufe kein russisches Öl mehr. Das Versprechen hielt nicht lange.

In Moskau: Einen Tag später berichten Washington Post und CNN, Russland helfe dem Iran mit Geheimdienstinformationen, US-Ziele ins Visier zu nehmen. Also genau in dem Krieg, mit dem die Ausnahme begründet wird. Trump winkt ab: Was für eine dumme Frage, das sei nun wirklich ein leichtes Problem. Frei nach dem Motto: Die bellen doch nur und wollen spielen. Verteidigungsminister Hegseth wiegelte ebenfalls ab, Russland und China seien kein wirklicher Faktor.

Kerbe 2 · 12. März 2026 · Ausnahme für alle

Nur eine Woche später gilt die Ausnahme für alle Käufer, für alles Öl, das bis zu diesem Tag verladen war, ausdrücklich auch auf gesperrten Schiffen. Am selben Tag räumt Trump im Fernsehen dann ein, ja, Putin helfe dem Iran vielleicht ein bisschen. Der glaube halt, die USA helfen ja auch der Ukraine. Fair enough! Finanzminister Bessent versichert sogleich, die Ausnahme bringe Moskau kaum etwas. Witzig: Drei Tage vorher hatten Trump und Putin zum ersten Mal in diesem Jahr telefoniert. Auf Wunsch Washingtons, sagt der Kreml.

In Moskau sieht man das anders. Putins Unterhändler Dmitrijew, just in derselben Woche noch zu Gesprächen in den USA, zählt rund 100 Millionen Barrel und schreibt, Amerika erkenne endlich das Offensichtliche an: Ohne russisches Öl gebe es keinen stabilen Weltmarkt. Kremlsprecher Peskow findet, die amerikanischen und russischen Interessen deckten sich. Im März verdoppeln sich Russlands Erlöse aus dem Ölexport fast, von 9,8 auf 19 Milliarden Dollar, vor allem dank des hohen Ölpreises.

Kerbe 3 · 17. April 2026 · Verlängert, obwohl ein Nein versprochen war

Am 11. April läuft die Ausnahme aus. Am 15. April erklärt Bessent im Weißen Haus, sie werde nicht verlängert. Zwei Tage später passiert es dann doch: Verlängerung mit neuer Ladefrist. Die Senatoren Schumer, Warren und Shaheen sprechen von einer 180-Grad-Wende.

Aus Moskau war derweil rein zufällig – und sicher hat das eine mit dem anderen nichts zu tun – unser Freund Dmitrijew am 9. April erneut nach Washington gereist, zwei Tage vor Ablauf. Nach der Verlängerung meldet er weitere 100 Millionen Barrel, die Zusammenarbeit gehe weiter. Peskow schob noch nach: Die russischen Mengen seien eben schwer zu übersehen. Rosneft, Lukoil und die anderen eigentlich gesperrten Konzerne holen sich ihren Anteil an Russlands Rohölexporten zurück: 38 Prozent in der ersten Aprilhälfte, nach 5 bis 11 Prozent im ersten Quartal. In der so erfolgreichen Woche fliegt Russland den bis dahin größten Luftangriff des Jahres auf die Ukraine, 18 Menschen sterben. Die US-Senatoren stutzen und staunen.

Kerbe 4 · 18. Mai 2026 · Totgesagte leben länger

Am 16. Mai soll die Ausnahme dann aber wirklich auslaufen, die Nachrichten vermelden schon ihr Ende. Zwei Tage später ist sie wieder da, diesmal bis 17. Juni. Bessents Gründe sind herzerweichend: Sie helfe eben den verletzlichsten Ländern. Am 17. Juni lässt Washington sie dann tatsächlich auslaufen. Trump erklärt beim G7-Gipfel, das Öl fließe ja jetzt wieder durch die Straße von Hormus. Man habe die Sanktionen schließlich nur aufgehoben, um das Öl nicht zu behindern.

In Moskau muss diesmal niemand reisen. Trump und Putin hatten Ende April selbst anderthalb Stunden telefoniert. Die Mehreinnahmen sind da längst im Haushalt angekommen: Im April erreichen Russlands staatliche Einnahmen aus Öl und Gas ihren Jahreshöchststand, mehr als doppelt so viel wie im Januar.

Bisher wurde in kleinen Raten gezahlt. Ist jetzt der ultimative Zahltag?

Kerbe 5 · 9. Oktober 2026 · Diesel für Amerika

Und schon sind wir im Herbst dieses Jahres. Der Diesel ist in den USA inzwischen so teuer wie nie, und in wenigen Wochen sind Wahlen. Trump verkündet einen Diesel-Deal mit Putin. Ausgehandelt wurde er am Telefon, 90 Minuten lang. Keiner habe zuerst auflegen wollen, verrät Putins Berater Uschakow. Nach einem vermutlichen „Du zuerst“, „Nein, du zuerst“ legten sie dann gleichzeitig auf. Das Finanzministerium erlaubt seitdem den Verkauf, die Lieferung und die Einfuhr russischen Diesels, ausdrücklich auch in die USA, bis April 2027. Selenskyj nennt es eine offensichtliche Schwäche und bekommt von Trump die volle Breitseite.

In Moskau sollen die Dieselhähne aufgehen: Putin soll liefern, in Raten. Sofort 300.000 Tonnen, im November 500.000, danach eine Million. So hat es Trump selbst angekündigt.

Kerbe 6 · 16. Oktober 2026 · Das Graham-Gesetz

Und schon sind wir bei heute, gäbe es die Zeitzonen nicht. Denn in den USA war es noch gestern, als Trump die Sanktionen aussetzte, die in zwei Tagen hätten greifen sollen. Es handelt sich um das Gesetzespaket, das der kürzlich verstorbene Senator Graham auf den Weg gebracht hatte. Der Kongress hat es genehmigt, Trump auch unterschrieben, allerdings mit dem kleinen Hintertürchen, im Zweifel noch die Biege machen zu können. Gestern dann das Ende: Russlands größte Ölkunden dürfen weiter kaufen, ohne die neuen Strafzölle fürchten zu müssen. Begründung: das nationale Interesse. Das Gesetz trägt den Namen eines Toten. Die neuen Strafen darin haben keinen einzigen Tag gegolten.

In Moskau denkt man längst nicht mehr nur ans Öl. Denn am selben Tag, also gestern, plappert Dmitrijew munter von Gesprächen über gemeinsame Rechenzentren und kleine Atomkraftwerke. Früher habe Washington solche Projekte an einen Frieden geknüpft, das ändere sich jetzt. „Das Eis beginnt zu brechen.“ Hurra! Die Rechenzentren standen übrigens schon im 28-Punkte-Plan vom November 2025, gleich neben Energie, Rohstoffen und Seltenen Erden in der Arktis.

Ach, und da war dann noch diese Klitzekleinigkeit eine Woche nach dem Diesel-Deal: Die Ausnahme für Lukoil-Tankstellen außerhalb Russlands, auch in New Jersey, wird bis April 2027 verlängert. Damit sie weiterlaufen, bis über den Verkauf entschieden ist. Geld nach Russland überweisen dürfen sie dabei nicht. Mehr dazu weiter unten.

Gegenrechnung

Jetzt könnte man einwenden: Moment mal, Trump hat Russland doch auch bestraft! Stimmt. Und der Fairness halber gehört das hier auch hin.

Im August 2025 belegte er Indien mit einem Strafzoll von 25 Prozent, weil es russisches Öl kaufte. Im Februar 2026 strich er ihn wieder, Indien habe schließlich versprochen, damit aufzuhören. Einen Monat später erlaubte Washington es selbst.

Im Oktober 2025 setzte er Rosneft und Lukoil auf die Sanktionsliste, die beiden größten Ölkonzerne Russlands. Das war echter Druck.

Im September 2026 unterschrieb er das Graham-Gesetz. Vier Wochen später setzte er die neuen Strafen darin aus.

Drei Verschärfungen also. Zwei davon hat Trump inzwischen selbst wieder einkassiert. Bleibt die dritte, die Sanktionen gegen Lukoil. Und die sind gerade dabei, zum Geschäft zu werden.

Noch nicht eingekerbt

Mangels Glaskugel, aber dank unserer Lesefähigkeit können wir schon heute ungefähr abschätzen, wie es mit der nächsten Kerbe steht: Laut einem US-Regierungsvertreter wird nämlich erwogen, die Strafen gegen Schiffe der russischen Schattenflotte zu lockern, damit die Fracht billiger wird. Ein Schelm, der hier Böses unterstellt.

Und dann ist da noch Lukoil. Wegen der Sanktionen muss der Konzern sein Auslandsgeschäft verkaufen, nach eigener Bewertung rund 20 Milliarden Dollar schwer: Ölfelder, Raffinerien, Tankstellen. Wer kaufen darf, entscheidet Washington. Einen Kreml-nahen Käufer hat es schon abblitzen lassen, die US-Firma Carlyle kam nicht zum Zug.

Laut New York Times brachte Putin den Verkauf am 5. September im Kreml selbst bei Witkoff und Kushner zur Sprache, und die beiden sagten zu, sich darum zu kümmern. Putin habe den Deal als Beweis vorgeschlagen, dass Russen mit Amerika Geschäfte machen können.

Zu den Interessenten gehören der Trump-Spender Todd Boehly, Investoren aus den Golfstaaten mit Geschäftsverbindungen zu den Familien von Witkoff und Kushner und die US-Regierung selbst, über ihre Investitionsbehörde DFC. Die Finanzbedingungen für den Staatsanteil haben laut Weißem Haus Witkoff und Kushner selbst mitverhandelt. Persönlich verdienen sie daran offenbar nichts, zumindest hat die New York Times keinen Hinweis darauf gefunden. Entschieden wird nach Auskunft des Finanzministeriums ohnehin im Weißen Haus.

Lukoils Raffinerien in den Niederlanden, Bulgarien und Rumänien stellen übrigens genau das her, was seit dem Irankrieg knapp ist: Diesel und Kerosin. Genehmigt Washington den Verkauf, fallen die US-Sanktionen auf das Paket weg, und sein Wert steigt auf einen Schlag. Laut Financial Times war eine solche Genehmigung zuletzt auch als Lockangebot an Moskau für eine Teilwaffenruhe im Gespräch.

Platz für weitere Kerben ist genug. Bleibt nur die Frage, wer die andere Hälfte hält.