Im Februar 1945 sitzen Roosevelt, Churchill und Stalin im Liwadija-Palast auf der Krim. Sie verhandeln über die Nachkriegsordnung Europas, über Deutschland und über Polens Grenzen und politische Zukunft. Die Polen sind nicht eingeladen. Auch die Deutschen sitzen selbstverständlich nicht dabei. Ihr nationalsozialistisches Regime hat Europa mit Angriffskrieg, Besatzung und Völkermord überzogen; seine Niederlage steht bevor.
81 Jahre später möchte Wladimir Putin eine neue Großmachtrunde. Diesmal will der Aggressor selbst am Tisch sitzen. Draußen bleiben soll sein Opfer. Die Ukraine hat Russland nicht überfallen. Russland hat die Ukraine überfallen. Und Putin möchte mitentscheiden, wie viel Zukunft diesem Land noch bleibt.
Eine Quelle des Wall Street Journal beschreibt Putins Wunsch als zweites Jalta. Der Vergleich hat einen historischen Widerhaken: Stalin hatte 1939 selbst Ostpolen überfallen und saß 1945 dennoch als einer der künftigen Sieger über Hitler am Tisch. Putin will die Abkürzung. Die Schuld hat er schon. Den Sieg soll ihm die neue Großmachtrunde schenken.
Das WSJ berichtet, Putin habe Donald Trump ein Dreiertreffen mit Xi Jinping vorgeschlagen, möglicherweise am Rande des APEC-Gipfels im November in Shenzhen. Selenskyj ist in dem berichteten Format nicht vorgesehen, Europa auch nicht. Kremlsprecher Peskow behauptet, alle drei Seiten erkennten die hypothetische Möglichkeit eines solchen Treffens an. Das ist seine Darstellung, keine Zusage Washingtons oder Pekings. Trump hat laut einem hochrangigen US-Beamten nicht zugesagt, könnte dafür aber offen sein. Ein vereinbarter Gipfel ist das nicht. Die Frage, ob Europa beim Schicksal der Ukraine und seiner eigenen Sicherheit mitreden darf, ist trotzdem längst real.
Die Rechnung kommt vor dem Frieden
In der vergangenen Nacht hat Trump auf Truth Social erklärt, weshalb er neue Russland-Sanktionen zurückhält: Er wolle Russland nicht vom Verhandlungstisch vertreiben. Selenskyj hingegen wirft er vor, den Krieg gar nicht beenden zu wollen. Russland wird umworben. Die Ukraine soll sich rechtfertigen.
Trump ist längst über solche Posts hinaus. Am 16. Oktober setzte er per Anordnung die Umsetzung neuer Sanktionen aus dem Graham-Gesetz aus. Bereits nach dem Telefonat mit Putin am 9. Oktober verkündete er einen Dieseldeal. Wenig später ließ Putins Berater Juri Uschakow in einer Erklärung wissen, Moskau werde erst noch überlegen, wann die Gespräche wiederaufgenommen werden. Die New York Times berichtet außerdem, dass Witkoff und Kushner ein milliardenschweres Geschäft mit Teilen des Ölkonzerns Lukoil ins Spiel brachten. Unter den vorgesehenen Investoren aus dem Nahen Osten sollen sich auch Geschäftsleute mit Verbindungen zu amerikanischen Unterhändlern befinden.
Bislang sollten die großen Geschäfte erst nach dem Frieden kommen. Nun sollen sie ihn herbeiführen. Die NYT beschreibt die bisherige Verhandlungslogik so: Die Ukraine bekam für ihre Bereitschaft zur Waffenruhe keinen Vorteil, Russland musste für seine Ablehnung keinen Preis bezahlen. Nicht einmal dieses Ungleichgewicht hat Washington offenbar davon abgehalten, weitere Vorleistungen anzubieten.
Laut einer Quelle des WSJ brachte Putin seinen Gipfelvorschlag im selben Telefonat vom 9. Oktober vor. Eine abgestimmte Gesamtstrategie ist damit nicht belegt. Doch die Richtung der amerikanischen Entscheidungen ist deutlich. Bei den zeitweise fehlenden Raketenwarnungen und den Einschränkungen von Starshield widersprechen sich zudem ukrainische Angaben und amerikanische Dementis.
Trump macht zudem ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien für den Druck auf die Dieselpreise verantwortlich. Die NYT verweist darauf, dass die Preise bereits nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran stark gestiegen waren. In seinem jüngsten Post erklärt Trump sogar ausdrücklich, Russland schonen zu wollen, weil Moskau dem Iran weit stärker helfen könnte. Diese von Trump selbst genannten Interessen zeigen seine Prioritäten: Der russische Angreifer soll nicht verschreckt werden, der ukrainische Verteidiger soll seine wirksamsten Angriffe einstellen.
Wenn Putin, Trump und Xi irgendwann zusammenfinden, würde nicht nur über die Ukraine gesprochen. Es ginge um die Sicherheitsordnung Europas. Über Europa, ohne Europa – genau das war 1945 Polens Problem. Die EU ist kein besetztes Polen. Aber wirtschaftliche Größe schützt nicht davor, politisch übergangen zu werden.
Der erste Hebel liegt in Brüssel
Rund 210 Milliarden Euro russischer Zentralbankvermögen sind in der EU immobilisiert. Dieses Geld fehlt Russland schon heute. Würde es rechtssicher dazu eingesetzt, die Ukraine über Jahre zu finanzieren, verlöre Moskau womöglich etwas Entscheidendes: die Hoffnung, Europas Hilfsbereitschaft und Haushalte einfach aussitzen zu können. Die EU nutzt bereits Erträge aus blockierten Vermögen zur Unterstützung der Ukraine. Hier geht es jedoch um etwas anderes: einen großen Reparationskredit unter Nutzung der blockierten Vermögenswerte. Ihre Substanz gehört nicht der EU und ist keine frei verfügbare Kriegskasse.
Europa hat bereits gehandelt. Mit der Verordnung (EU) 2025/2600 vom 12. Dezember 2025 verbot die EU die Rückübertragung blockierter russischer Zentralbankvermögen ohne festen Endtermin. Artikel 6 nennt drei Bedingungen für das Ende der Regelung: Russland beendet den Angriffskrieg, leistet ausreichende Reparationen und gefährdet die EU wirtschaftlich nicht länger schwerwiegend. Zuvor hing die Blockade an wiederkehrenden einstimmigen Verlängerungen. Der neue Beschluss kam trotz des Widerstands Ungarns und der Slowakei zustande. Er erlaubt noch keinen Reparationskredit. Er zeigt aber, dass nicht jedes Veto das letzte Wort sein muss.
Die Verwendung zugunsten der Ukraine ist damit noch nicht geregelt. Belgien, wo bei Euroclear ein Großteil der Gelder liegt, fürchtet Klagen und Haftungsrisiken. Soll aus dem Vermögen ein großer Reparationskredit werden, müssen die Partner klären, wie sie diese Risiken gemeinsam absichern. Der Streit ist real. Er ist aber auch eine politische Entscheidung darüber, wer sie tragen soll.
Wie anders Washington mit diesem Geld umgeht, lässt sich nun genauer belegen. Nach Recherchen der New York Times vom 10. Oktober boten amerikanische Unterhändler bereits Ende September an, Milliarden eingefrorener russischer Staatsvermögen an Russland freizugeben – im Voraus, als Anreiz für begrenzte Waffenruhen bei Energieanlagen oder auf See. Die Zeitung beruft sich auf anonyme, mit den Gesprächen vertraute Personen. Schon im Vorjahr war demnach ein ähnliches Angebot über bis zu 100 Milliarden Dollar im Gespräch. Die Ukraine verlangte Sicherungen: entsprechende Zahlungen an Kyjiw oder zusätzliche Militärhilfe, falls Moskau eine Waffenruhe bricht.
Ein späterer, gesonderter Bericht der Financial Times beschreibt den Vorschlag, einen Teil blockierter russischer Vermögen in ein von Washington beaufsichtigtes Finanzkonstrukt zu übertragen. Europäische Gesprächspartner lehnten dies demnach ab; Reuters konnte diesen Bericht nicht unabhängig bestätigen. Das sind zwei unterschiedliche Vorschläge. Die NYT beschreibt eine Freigabe an Russland noch vor einer Waffenruhe. Die FT berichtet über ein Finanzvehikel unter US-Aufsicht, das die Europäer ablehnten. Der entscheidende Widerspruch liegt beim NYT-Angebot: Warum soll Moskau als Anreiz Geld zurückbekommen, bevor es überhaupt die Waffen ruhen lässt?
Friedrich Merz stellte am 15. Oktober vor dem EU-Gipfel klar: „Das ist unsere Angelegenheit, und darüber entscheiden wir.“ Gemeint waren die in Europa eingefrorenen Vermögen. Das ist eine deutliche Grenzziehung gegenüber Washington. Beim großen Reparationskredit konnte sich der Gipfel dennoch nicht auf eine Lösung einigen. Washington bekommt ein klares Nein. Die Ukraine noch immer kein Ja.
Der zweite Hebel führt nach Peking
Wer einen Gipfel in Shenzhen verhindern oder seine Bedingungen verändern möchte, sollte nicht nur Trump anrufen, sondern auch Xi. China braucht Europas Kunden. Allein 2025 lieferte es Waren im Wert von rund 559 Milliarden Euro in die EU. Laut WSJ gibt es in Peking bereits Sorgen, ein solches Treffen könne die Beziehungen zu den Europäern belasten.
Dann sollte Europa diese Sorge nicht durch Schweigen zerstreuen. Berlin, Paris, Warschau und Brüssel könnten gemeinsam klarmachen, dass China nicht Gastgeber einer Verhandlung über europäische Sicherheit ohne die Betroffenen sein kann, ohne seine Beziehungen zu Europa zu beschädigen. Dabei ginge es zunächst um politischen Druck, nicht um ein rechtlich erfundenes Sofortembargo.
Merz und Macron wollen zugleich schärfere handelspolitische Instrumente prüfen lassen, mit denen die EU auf wirtschaftlichen Druck von außen reagieren könnte. Ein entsprechendes Eilinstrument ist noch nicht beschlossen und auch nicht für die Bestrafung eines Gipfels entworfen. Wer Pekings Kalkül verändern will, muss erst politische Geschlossenheit herstellen. Das wäre sofort möglich – ganz ohne neue Verordnung.
Der dritte Hebel wird noch in Amerika bestellt
Europa finanziert Waffen für die Ukraine, die es teilweise selbst nicht liefern kann. Über PURL kaufen europäische Staaten und Kanada amerikanische Systeme ein. Gerade Patriot-Abfangraketen fehlen dringend. Ein europäischer Bestellstopp als Drohung gegen Trump könnte daher zuerst die ukrainische Luftabwehr treffen.
Das ist die Rechnung für Jahre des Zögerns beim Aufbau eigener Kapazitäten. Inzwischen soll Europa mehr bezahlen, bleibt aber bei wichtigen Systemen vom Lieferwillen Washingtons abhängig. Frankreich setzt bei der Beschaffung einen anderen Schwerpunkt und beteiligt sich nicht an PURL. Die unmittelbare Aufgabe ist trotzdem klar: laufende Lieferungen absichern. Parallel müssten Regierungen längerfristige Aufträge, Produktionslinien und Abnahmegarantien für europäische Anbieter vereinbaren – statt sich bei jedem Gipfel neu über die Finanzierung zu wundern.
Selenskyj beziffert die ukrainischen Kriegskosten für 2027 auf 155 Milliarden Euro und bittet die EU um zusätzliche 70 Milliarden. Das ist seine Forderung, nicht automatisch eine unabhängig geprüfte Finanzierungslücke. Eine abschließende europäische Antwort fehlt. Gleichzeitig fordert Bundeskanzler Merz mehr Unterstützung für die Ukraine, während Deutschland im Streit um den langfristigen EU-Haushalt zu den Sparsamen gehört. Dass beide Debatten verschiedene Haushalte betreffen, löst den politischen Widerspruch nicht: Wer mehr Sicherheit verlangt, muss erklären, wie er sie bezahlt.
Ein Tisch nach den Midterms
Der amerikanische Wahlkalender macht Putins Vorschlag nicht harmloser. Am 3. November finden die Midterms statt, das mögliche Treffen am Rande des APEC-Gipfels läge gut zwei Wochen später. Selbst wenn Trump danach im Kongress an Rückhalt verlöre, bliebe er Präsident mit beträchtlichen außenpolitischen Befugnissen. Eine Wahlniederlage steht nicht fest, der Gipfel ebenso wenig. Aber Europa sollte seine Sicherheit nicht darauf verwetten, dass ein innenpolitisch geschwächter amerikanischer Präsident auf große außenpolitische Gesten verzichtet.
Schon am 9. Oktober bezeichnete Selenskyj die Gespräche in Miami gegenüber Reportern als „Nebelwand“, hinter der die Ukraine benutzt werde. Am Sonntag äußerte er – noch vor Trumps jüngstem Post und vor dem WSJ-Bericht – die Hoffnung, die USA stünden wenigstens „in der Mitte“. Beides war keine Reaktion auf den späteren Gipfelbericht. Es zeigt dennoch, wie weit sich das Verhältnis verschoben hat, wenn der Präsident eines überfallenen Landes hoffen muss, der wichtigste Verbündete werde nicht die Seite des Angreifers wählen.
1945 wurde über Polen verhandelt, ohne Polen. Heute könnte über die Ukraine verhandelt werden, ohne die Ukraine – und über Europas Zukunft ohne Europa. Nur wäre die EU diesmal nicht machtlos. Sie kann beim russischen Vermögen entscheiden, in Peking geschlossen auftreten und ihre Verteidigungsfähigkeit endlich selbst aufbauen. Nicht alles bis November, aber vieles sofort.
Europa sollte nicht um einen Stuhl neben Putin bitten. Es sollte seinen Anspruch zurückweisen, über die Ukraine zu verfügen. Gegen Putin liegt seit März 2023 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vor. Sein Platz in dieser Geschichte ist nicht in einer neuen Siegerrunde, sondern vor Gericht in Den Haag.