Vor meinem inneren Auge fliegt seit der Wahlnacht in einer Tour Ketchup gegen die Wände des Weißen Hauses, Mitarbeiter retten sich mit Oropax, damit sie das Gebrüll ihres Chefs überstehen. Krisensitzung im West Wing. Die schurkischen Hirne laufen auf Hochtouren: Was tun, wenn die Wähler einem gerade die Macht im Kongress weggenommen haben? Wer Wähler verliert, braucht offenbar keine Wähler mehr, sondern Vollstrecker.

Susie raus, Stephen rein

Erst mal das Personal austauschen. Susie Wiles muss weg. Die Frau unter all den Trump-Getreuen mit noch einem Hauch Vernunft. Laut Atlantic hat Trump ihr einen Bericht der New York Times übelgenommen, in dem sich ihre Leute schon vor der Wahl über die düsteren Aussichten lustig machten. Am Mittwoch bot sie ihren Rücktritt an. Am Freitag verkündete Trump, wer ihr folgt: Stephen Miller, ab Montag Stabschef.

Die Begründung kennt man inzwischen auch. „Stephen ist der Einzige, der was erledigt kriegt“, soll Trump in den vergangenen Monaten immer wieder geklagt haben. Ein Vertrauter sagt dem Atlantic, Trump wolle jemanden, der „Schädel einschlägt“, und er wolle sich nicht mehr bremsen lassen. Mit dem Kongress etwas auszuhandeln, sei ohnehin nicht geplant. Die nächsten zwei Jahre, so ein anderer aus Trumps Umfeld, würden pausenloser politischer Krieg. Die Spiele können beginnen.

Miller selbst hat sich am Freitagabend in Mar-a-Lago gleich angemessen vorgestellt. Ohne Präsident Trump, sagte er laut New York Times, würden die Vereinigten Staaten heute nicht existieren. Dann schwor er ihm „absolute Loyalität“ und „totale Hingabe“. Wohlgemerkt: dem Präsidenten, nicht der Verfassung.

Womit schocken wir zuerst?

Womit schocken wir zuerst, werden sie sich gefragt haben. Und das haben sie tatsächlich: Es wurde die Presse! Trumps verdammte Journalisten. Die nicht aufhören zu fragen, die ihre Quellen nicht rausrücken, die ständig Neues enthüllen. Die brauchen als allererste eins auf die Fresse. Nicht nur im übertragenen Sinne. Nein, buchstäblich. Zumindest angedeutet.

Die Lösung heißt: Dana White, seines Zeichens UFC-Chef. Das ist der Verein, der es zum Abendprogramm der neuen US-Politeliten gemacht hat, sich für teuer Geld gegenseitig die Fresse zu polieren. Im Juni durfte die UFC sogar auf dem Südrasen des Weißen Hauses kämpfen lassen, zu Trumps 80. Geburtstag. Auf Truth Social bietet Trump ihm nun den Posten des Pressesprechers an und nennt ihn einen „violent Fighter and Warrior“, einen gewalttätigen Kämpfer und Krieger. White soll gleich sechs Profis mitbringen, „um uns gegen die irre Linke zu verteidigen“. Zwei davon kommen aus Russland. Einen direkten Draht in den Kreml gibt's damit zwar nicht, aber immerhin einen nach Machatschkala, which is in Dagestan, which belongs to Russia.

Ach, alles nur ein Witz, redet sich ein Mitarbeiter des Weißen Hauses raus. Nur hat Trumps Kommunikationsdirektor Steven Cheung den Post mit „Hell yeah! Do it, @DanaWhite!“ geteilt. Laut Wall Street Journal hat Trump White schon früher gefragt. Und White fliegt nach Washington und will sich am Montag mit Trump treffen. Er habe eigentlich „schon genug Jobs“, sagt er. Seit Karoline Leavitt im August gegangen ist, findet Trump niemanden. Ihre Nachfolgerin Katie Zacharia hielt fünf Tage durch.

Spaß beiseite

Denn während wir uns noch fragen, ob der Präsident gerade einen Witz gemacht oder eine Drohung ausgesprochen hat, berichtet der Atlantic von Gesprächen im Weißen Haus und im Justizministerium, bei denen es darum ging, Journalisten zur Preisgabe ihrer vertraulichen Quellen zu zwingen. Auch Festnahmen sollen erwogen worden sein. Susie Wiles habe sich dagegen gestellt. Stephen Miller habe sich dafür ausgesprochen und erklärt, die Journalisten würden ihre Quellen schnell verraten. Das Justizministerium bestreitet die Darstellung.

Ausgerechnet dieser Miller übernimmt am Montag den wichtigsten Mitarbeiterposten im Weißen Haus. Der Architekt von Trumps Massenabschiebungen, der die Demokratische Partei eine „inländische Extremistenorganisation“ nennt. Am Tag nach der vernichtenden Wahlniederlage hielt er laut New York Times seine übliche Telefonkonferenz mit Sicherheitsbeamten ab. Über die Wahl wurde kein Wort verloren. Es ging nur darum, wie man das Programm weiter durchzieht, das die Wähler gerade abgestraft hatten.

Zurück hinter 1945

Und das ist keineswegs nur eine Frage der Migrationspolitik. Miller hat öffentlich gegen die Ordnung gewettert, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Der Westen habe angefangen, sich zu entschuldigen, zu kriechen und gewaltige Wiedergutmachung zu leisten, sagte er im Januar im CNN-Interview mit Jake Tapper. Die Welt werde aber von Stärke, Gewalt und Macht regiert. Auf X nannte er die Einwanderung nach 1945 eine „umgekehrte Kolonisierung“.

Seine Vorstellung von Politik reicht also weit über die Frage hinaus, wer in die Vereinigten Staaten einwandern darf. Laut New York Times glaubt Miller, die USA seien aufgeblüht, nachdem sie in den 1920er-Jahren ganze Weltregionen per Gesetz ausgesperrt hatten. Das Einwanderungsgesetz von 1965, das Menschen aus Lateinamerika und Asien die Tür öffnete, nennt er das größte Experiment, das je an einer Zivilisation durchgeführt wurde. Als junger Senatsmitarbeiter verschickte er nächtliche Mails gegen Einwanderung und verwies dabei auch auf Websites weißer Nationalisten. Die legale Einwanderung ist unter seiner Regie praktisch gestoppt, schreibt Jonathan Chait im Atlantic. Ausgenommen sind weiße Südafrikaner.

Chait nennt Miller „fanatisch postliberal“: Wer gegen ihn ist, ist für ihn kein politischer Gegner, sondern illegitim. Steve Bannon hat ihn schon vor Monaten Trumps „Premierminister“ genannt. Mit Trump hat Miller laut New York Times bereits darüber gesprochen, den Insurrection Act anzuwenden, also das Militär im Inland einzusetzen. Und er hat an einem Erlass gegen die Briefwahl mitgeschrieben, den Trump in einer Fassung auch unterzeichnet hat. Im Grunde liegt dieses Weltbild nah an Putins Idee vom Recht des Stärkeren. Einfach mal wo einmarschieren.

Kontrolle ist Erpressung

Wie diese Vorstellung in der Praxis aussehen könnte, führt Trump am Samstag gleich selbst vor. Die Demokraten haben bei den Kongresswahlen gewonnen und kündigen Untersuchungen seiner Regierung an. Sie wollen Akten sehen, Verantwortliche vorladen und gegebenenfalls Amtsenthebungsverfahren einleiten. Das ist ihr verfassungsmäßiges Recht. Robert Garcia, der künftige Vorsitzende des Kontrollausschusses im Repräsentantenhaus, hat Miller auch schon einen Rat gegeben: „Lawyer up.“ Nehmen Sie sich einen Anwalt.

Trump nennt das Erpressung und fordert nun das Justizministerium auf, gegen die Demokraten zu ermitteln.

Die Kontrolle der Regierung wird zum angeblichen Verbrechen, die Kontrolleure geraten ins Visier der Regierung. Trump hat die Wahl verloren. Jetzt erklärt er die Kontrolle seiner Macht zum Angriff auf den Staat.

Das ist auch der Grund, weshalb Millers Beförderung weit mehr ist als eine Personalentscheidung. Laut Reuters arbeitet er mit Haushaltsdirektor Russell Vought seit April an Maßnahmen, die Trump ohne neue Gesetze umsetzen könnte. Und künftig entscheidet Miller als Stabschef maßgeblich mit, welche Informationen und welche Menschen überhaupt noch bis zum Präsidenten vordringen.

Was steht, das steht

Dahinter steckt eine Logik, die Trump aus seiner Zeit als Bauunternehmer kennt: Schaff Tatsachen, bevor jemand Nein sagen kann. Laut New York Times treibt die Regierung ihre Bauprojekte in Washington im Eiltempo voran, bevor im Januar der neue Kongress zusammentritt. Was einmal gebaut ist, so das Kalkül, reißt so schnell keiner wieder ab. Den Triumphbogen am Potomac hat eine Bundesrichterin am Donnerstagabend allerdings gestoppt, wenige Minuten nach der Baufreigabe.

Beim Abschiebeapparat ist das Spiel schon gelaufen. Die Einwanderungsbehörde ICE hat laut Atlantic mehr als 110 Milliarden Dollar bekommen, das Elffache ihres Jahresbudgets. Sie nimmt inzwischen mehr als 50.000 Menschen im Monat fest, so viele wie nie. Zurückholen könnte es nur der neue Kongress, und das ist politisch wie rechtlich mühsam. Trump selbst soll zuletzt überlegt haben, ob ICE nicht zu weit gehe, nachdem sich Unternehmer bei ihm beschwert hatten. Über diese Frage entscheidet jetzt der Mann, der ICE so weit getrieben hat.

Gegenwind, auch von rechts

Natürlich gibt es Gegenwehr, und sie kommt nicht nur von den Demokraten. Der republikanische Abgeordnete Marlin Stutzman hat Millers Beförderung eine „schreckliche Entscheidung“ genannt und schon vorher gefordert, Miller zu feuern. Senator Thom Tillis wirft ihm vor, den Präsidenten immer wieder blamiert zu haben. Farmer und Bauunternehmer, denen die Arbeiter wegverhaftet werden, sind laut Washington Post entsetzt. Ein Bauverbandschef aus Texas, der Trump dreimal gewählt hat, sagt, der Präsident lebe offenbar nicht auf diesem Planeten.

Die neue Kongressmehrheit hat ab Januar Untersuchungsrechte und die Haushaltsmacht, Gerichte stoppen bereits erste Vorhaben. Und nächste Woche will der Republikaner Thomas Massie laut Wall Street Journal eine Abstimmung über ein Amtsenthebungsverfahren gegen Kriegsminister Pete Hegseth erzwingen. Die nächsten zwei Jahre entscheidet sich, ob das Weiße Haus diese Grenzen respektiert oder immer neue Wege sucht, sie zu umgehen.

Und Russland?

Und Russland? Sitzt längst mit am Tisch. Diese Woche hat Trump Putins Gesandten empfangen, in Abu Dhabi verhandelt Moskau mit einer hochrangigen Delegation. Und für den 18. und 19. November wird über ein Dreiertreffen von Trump, Xi und Putin in Shenzhen gesprochen, am Rand des Asien-Pazifik-Gipfels. Peking hat die Gespräche bestätigt, eine Einigung über das Treffen gibt es bislang nicht. Gideon Rachman erinnert in der Financial Times an die „großen Drei“ von Jalta, die 1945 Osteuropa unter sich aufteilten. In Kyjiw fürchtet man Entscheidungen der Großmächte über die Köpfe der Ukrainer hinweg. Ein neues Jalta. Jetzt allerdings mit noch mehr Schurken an einem Tisch, als Stalin einst in einer Person vereinen konnte.

Und wer gehofft hat, die Wahlniederlage bringe Amerika zurück an Europas Seite, sollte genau hinschauen. Vizepräsident JD Vance gibt dem Irankrieg die Schuld an der Niederlage und will ihn beenden. Rachman warnt aber: Gewinnt Vance an Einfluss, könnte das Misstrauen gegenüber Europa und die Feindseligkeit gegenüber der Ukraine eher noch wachsen. Für Xi und Putin, schreibt er, könnten Trumps letzte zwei Jahre Jahre der Gelegenheit werden.

Drei Minuten

Zu diesem Wochenende passt noch eine merkwürdige Episode vom Freitag. Kaum ist Millers Beförderung bekannt, postet Kriegsminister Pete Hegseth um 14:27 Uhr auf X: „Patriots in control.“ Eine Formulierung, die auch in der QAnon-Bewegung verbreitet ist.

Drei Minuten später veröffentlicht Kirill Dmitriev, Putins Sondergesandter für die Gespräche mit Washington, die Parole „WWG1WGA“. Where we go one, we go all. Der bekannteste Schlachtruf der QAnon-Bewegung.

„Patriots in control“, verkündet der amerikanische Kriegsminister. Und im Kreml versteht man offenbar jedes Wort.


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