In Deutschland streiten wir seit fünfzig Jahren über ein Tempolimit. Die Ukraine hat seit heute Nacht eins.
Seit der Nacht zum Mittwoch verlieren ukrainische Militärterminals des Satellitendienstes Starlink die Verbindung, sobald sie schneller als 100 Meilen pro Stunde unterwegs sind, rund 160 Kilometer pro Stunde. Das bestätigt Serhij Beskrestnow, Berater des ukrainischen Präsidenten für Verteidigungstechnologien. Betroffen sei das militärische Dienstpaket Starshield, mehrere Einsätze seien gescheitert, eine Vorwarnung habe es nicht gegeben. Auch Reuters berichtet über die Einschränkung. Das 7. Luftlandekorps meldet aus dem Abschnitt Huljajpole, die Verbindung sei schon bei 110 bis 120 Kilometern pro Stunde für 10 bis 20 Sekunden abgerissen, eine Drohneneinheit habe mehrere Einsätze abgesagt. Eine Quelle im Verteidigungsministerium spricht von einer Grenze bei etwa 160 Kilometern pro Stunde, das Ministerium untersuche die Ursache. Beskrestnows Einschätzung: Das könne kein Zufall sein, es hänge mit der aktuellen politischen Lage zusammen.
Tempogrenzen für Starlink sind nicht neu. Seit Februar arbeiten SpaceX und das ukrainische Verteidigungsministerium daran, Russland die Nutzung des Dienstes in seinen Angriffsdrohnen unmöglich zu machen. Neu ist, dass es nun das ukrainische Militär selbst trifft. Laut Kyiv Independent steuert die Ukraine über Starlink ihre Mittelstrecken-Drohnen über besetztem Gebiet. Gerade sie seien besonders betroffen, berichtet United24, weil sie direkt nach dem Start stark beschleunigen. Die Drohnen, mit denen die Ukraine Russlands Ölindustrie angreift, nutzen laut Reuters dagegen andere Kommunikationswege, Starlink funktioniert innerhalb Russlands nicht. Die Raffinerieangriffe blockiert die Einschränkung also nicht direkt. Sie trifft die Ukraine an der Front. Welche Missionen in der Nacht ausfielen und welche Ziele sie hatten, ist bislang nicht öffentlich geklärt.
Eine Stellungnahme von SpaceX oder dem Weißen Haus liegt bislang nicht vor. Der Aktivist Serhij Sternenko, früher Berater von Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, vermutet, SpaceX habe auf Bitten der Trump-Regierung gehandelt. Dafür gibt es bislang keinen Beleg. Sternenko wertet die Einschränkung als Sanktion gegen sein Land, das keine Raffinerien mehr angegriffen habe, während Washington die Sanktionen gegen Russland lockert. Man muss die Woche nur einmal von vorne erzählen.
Zweimal keine Warnung
Am Montagabend schlugen ballistische Raketen in Kyjiw ein, bevor der Luftalarm kam. Die Luftwaffe meldete, sie habe von den Partnern keine Informationen über Starts von russischem Gebiet erhalten. Am Dienstagabend wieder, diesmal traf es das Heizkraftwerk 4 in Darnyzja, eines der wichtigsten der Stadt, und ein neunstöckiges Wohnhaus. Wieder keine Warnung. Selenskyj sagte, die ukrainischen Systeme hätten die Raketen erst erfasst, als sie praktisch schon im Anflug auf Kyjiw waren. Genau darum geht es: Starts russischer ballistischer Raketen kann die Ukraine nach Selenskyjs Aussage vom März 2025 ohne amerikanische Geheimdienstdaten nicht erkennen. Ihre eigenen Systeme sehen die Raketen erst, wenn sie längst unterwegs sind. Jede Minute Vorwarnung entscheidet darüber, ob jemand noch rechtzeitig in den Keller kommt. Die Angriffe zogen sich bis in den Mittwochmorgen, fünf Stadtbezirke waren ohne Strom. Allein in Kyjiw starben nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Bürgermeister Klitschko mindestens vier Menschen, mindestens 25 wurden verletzt, darunter ein Kind (Stand Mittwochmittag).
Für den Montag gibt es inzwischen zwei Erklärungen. Laut Spiegel, der sich auf Sicherheitskreise beruft, war eine Empfangsstation defekt, über die die Warnungen normalerweise eintreffen. Laut Außenminister Andrij Sybiha hing es mit einem besonderen Waffentyp zusammen, den Russland eingesetzt habe. Wie diese Erklärungen zusammenpassen und welchen Ausfall sie jeweils erklären, bleibt offen. Eine konkrete Erklärung für den erneuten Ausfall am Dienstag nennt bislang niemand. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat sagt, es komme gelegentlich vor, dass westliche Daten ausbleiben. Militärexperten verweisen auf russische S-400-Raketen, deren kurzer Triebwerksstrahl für Frühwarnsatelliten schwer zu erfassen ist.
Vielleicht war es Technik. Das Gegenteil kann ich nicht beweisen.
Die Drohung
Aber wenige Tage vorher hatte Washington Kyjiw gedroht. Laut CNN stellten US-Vertreter in Aussicht, den Austausch von Geheimdienstdaten und den Kauf amerikanischer Waffen über das PURL-Programm zu stoppen, falls die Ukraine während Trumps „Energie-Waffenruhe“ weiter russische Raffinerien angreift. Selenskyj hat das gegenüber dem US-Sender NPR bestätigt: Die Warnung sei nicht bei ihm angekommen, sondern auf militärischer Ebene, das hätten ihm seine Generäle gesagt. Abgeschaltet worden sei bisher nichts. Kyjiw hat seitdem nach eigenen Angaben keine einzige mehr angegriffen. Russland hat das Heizkraftwerk getroffen.
Trump sagt, die USA teilten weiterhin Geheimdienstinformationen. Er sagt auch, Russland und die Ukraine hätten der Waffenruhe zugestimmt, „weil ich gesagt habe, dass sie zugestimmt haben“.
Mit Geheimdienstdaten und Waffenkäufen hat Washington zwei offen benannte Druckmittel. Jetzt kommt eine Einschränkung der Satellitenkommunikation hinzu. Ob sie auf einen Auftrag aus Washington zurückgeht, ist nicht belegt. Nur: Wer vorher droht, muss hinterher nichts mehr abschalten. Jeder Ausfall wird ohnehin als Botschaft gelesen. Ein Tempolimit genügt.
Der Golfclub
Wofür das alles? Die Antwort steht nicht in Kyjiw, sondern in Florida. Am Freitag, dem 9. Oktober, wurde laut Washington Post sechs Stunden lang über ein Ende des Krieges verhandelt, im Shell Bay Golf Club, der Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff gehört. Mit am Tisch: Jared Kushner, ukrainische Vertreter sowie Abgesandte aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Was dort auf dem Tisch lag, beschreibt David Ignatius in der Washington Post nach Angaben eines ungenannten US-Beamten: ein Waffenstillstand entlang der Frontlinie, der Russland die besetzten Gebiete lässt. Wiederaufbau mit Weltbank und BlackRock. Eine Sicherheitsgarantie nach Art des Nato-Artikels 5. Und ein Energiegeschäft, womöglich samt Pipeline, mit geteilten Gewinnen. Hört die Ukraine auf, Raffinerien anzugreifen, dann, so der Beamte: „we’re back in, and we go to Moscow“.
Am selben Freitag verkündete Trump, Russland werde Diesel auf den Weltmarkt liefern, sofort 300.000 Tonnen, im November 500.000, im Dezember eine Million. Das Finanzministerium setzte dafür Sanktionen gegen den russischen Energiesektor vorübergehend aus. Die Dieselpreise sollen vor den Kongresswahlen fallen. Einen Tag später erklärte Trump, die Ukraine brauche einen neuen Präsidenten.
Und dann ist da noch Lukoil. Laut New York Times könnte das Vermögen des russischen Ölkonzerns im Zuge der Verhandlungen an ein Konsortium gehen, zu dem Geschäftspartner aus dem Umfeld der Familien Trump, Kushner und Witkoff gehören. Ein Regierungsvertreter bestätigte der Zeitung, dass Kushner und Witkoff an den Lukoil-Gesprächen beteiligt waren. Dass sie persönlich profitieren, dafür gibt es keinen Beleg.
Kommt uns das bekannt vor?
Dieselben Leute, derselbe Deal
Vor knapp einem Jahr hieß das Ganze 28-Punkte-Plan. Putins Gesandter Kirill Dmitrijew traf Witkoff für ein paar Stunden in Miami, kurz darauf lag ein „amerikanischer“ Friedensplan auf dem Tisch, der sich in Teilen las, als sei er aus dem Russischen übersetzt. Russland sollte die besetzten Gebiete behalten, US-Investoren sollten die Hälfte der Gewinne aus dem Wiederaufbau einstreichen. Das Wall Street Journal listete damals auf, wer sich schon die Hände rieb: Exxon wollte zurück nach Sachalin, ein Trump-Spender wollte Nord Stream 2 kaufen, der Investor Todd Boehly prüfte Lukoil-Vermögen.
Ein Jahr später ist Lukoil wieder im Gespräch. Und wieder führen die Geschäftsverbindungen bis ins Umfeld der Unterhändler.
Und Keith Kellogg, Trumps früherer Ukraine-Gesandter, der damals von den echten Verhandlungen ausgeschlossen war? Er sagte am Montag auf dem Warschauer Sicherheitsforum, er würde Selenskyj raten, jede einzelne der „verdammten Raffinerien“ Russlands niederzubrennen. Es sei ein militärisches Ziel. Es ist beruhigend, dass wenigstens ein früherer amerikanischer Unterhändler noch weiß, was ein militärisches Ziel ist. Er sitzt nur nicht am Golftisch.
Europa am Tisch
Einen Unterschied zu 2025 gibt es allerdings, und er ist der bitterste. Damals blieb Europa draußen, und die Europäer protestierten. Jetzt sitzen Briten, Franzosen und Deutsche mit in Witkoffs Golfclub. Über den Diesel-Deal seien sie verärgert, schreibt Ignatius, den Prozess unter Kushner und Witkoff wollten sie trotzdem fortsetzen. Ein europäischer Diplomat sagt ihm, Putin wirke nicht, als meine er es ernst mit dem Frieden.
Auch am europäischen Tisch gibt es also Zweifel an Putins Friedenswillen. Die Gespräche gehen trotzdem weiter.
Während in Florida über Pipelines und Gewinnbeteiligungen gesprochen wird, sitzen in Kyjiw die Menschen ohne Vorwarnung im Dunkeln, und an der Front fallen die Verbindungen aus, sobald eine Drohne zu schnell fliegt.
In Deutschland gilt ein Tempolimit als Angriff auf die Freiheit. Der Ukraine verkauft man es als Beitrag zum Frieden.
Alle Quellen
- Starlink, Raffinerie-Drohnen nutzen andere Kommunikationswege: Reuters, 14.10.2026 (aktualisierte Fassung)
- Starlink, Beskrestnow: UNN, 14.10.2026
- Starlink, Sternenko: Censor.net, 14.10.2026
- Starlink-Maßnahmen gegen russische Nutzung seit Februar: Euronews, 2.2.2026
- Starlink, 7. Luftlandekorps, Verteidigungsministerium: United24, 14.10.2026
- Starlink, 7. Korps direkt: Novynarnia, 14.10.2026
- Sternenko: Post auf X, 14.10.2026, 7:25 Uhr
- NPR-Originalbericht zur Drohung (via KNPR), 13.10.2026
- Ukraine kann Starts ballistischer Raketen nicht selbst erkennen: NV, 27.3.2025
- Selenskyj bestätigt Warnung auf militärischer Ebene: NPR-Interview vom 13.10.2026, via UNN, 14.10.2026
- Fehlende Frühwarnung: AP via PBS, 13.10.2026
- Fehlende Frühwarnung, Ihnat, S-400: SBS, 14.10.2026
- Opfer in Kyjiw: Ukrinform, 14.10.2026
- Heizkraftwerk 4, Opfer in Kyjiw: Kyiv Independent, 13./14.10.2026
- Stromausfall fünf Bezirke: UNN, 14.10.2026
- Empfangsstation, Sybiha: Der Spiegel, „Selenskyj deutet an, dass USA nicht mehr vor Angriffen Russlands warnen“, 13.10.2026 (aktualisierte Fassung)
- Drohung mit Datenstopp und PURL: CNN, 11.10.2026
- Trump zum Datenaustausch: Ukrinform, 13.10.2026
- Florida-Treffen, Vier-Säulen-Plan, Haltung der Europäer: David Ignatius, „‚Make the problem and the solution bigger‘: The plan to end the Ukraine war“, Washington Post (Meinungsbeitrag), 13.10.2026
- Diesel-Deal: CBS News, 10.10.2026
- Lukoil-Konsortium: Anne Applebaum, „Trump’s Message to Ukraine Is Now Crystal Clear“, The Atlantic, 12.10.2026, mit Verweis auf New York Times, 3.10.2026
- Kellogg: Videomitschnitt Warschauer Sicherheitsforum, 12.10.2026, via @rshereme auf X, 13.10.2026
- 28-Punkte-Plan 2025: Antwortseiten, „‚Friedensplan‘ zerreißen, jetzt!“, 25.11.2025
- WSJ-Geschäftsliste 2025, Kellogg ausgeschlossen: Antwortseiten, „Weil Europa vier Jahre lang den Schuss nicht hören wollte, wird jetzt die Ukraine verkauft“, 30.11.2025
- Vorgeschichte Diesel und Frühwarnung: Antwortseiten, „Die Ukraine soll kapitulieren, damit andere Kasse machen“, 13.10.2026