In der Nacht zum Mittwoch schlugen in Kyjiw zum zweiten Mal in Folge ballistische Raketen ein, bevor der Luftalarm kam. Von den Partnern war keine Warnung gekommen. Am Morgen waren nach Selenskyjs Angaben im ganzen Land mindestens 600.000 Menschen ohne Strom, wenige Wochen vor dem Winter. An der Front im Abschnitt Huljajpole sagte eine Drohneneinheit ihre Einsätze ab, weil die Starlink-Verbindungen abrissen, sobald die Drohnen Fahrt aufnahmen. Die ukrainischen Streitkräfte wurden davon kalt erwischt, mitten in der Nacht und ohne jede Vorwarnung.
So geht die Ukraine in ihren fünften Kriegswinter: Die Warnung vor den Raketen, die Verbindung zur Front und ein großer Teil der Abfangraketen hängen an einem Partner, der gerade erst gedroht hat, Geheimdienstdaten und Waffenkäufe zu stoppen, falls Kyjiw weiter russische Raffinerien angreift. Ob die Ausfälle dieser Woche mit der Drohung zusammenhängen, ist nicht belegt. Aber sie zeigen, was auf dem Spiel steht, wenn dieser Partner ausfällt.
Und Europa? Verfällt bei solchen Nachrichten in eine Art Schockstarre, aus der nur noch ein Gedanke aufsteigt: Womit quält Trump uns als Nächstes?
Dabei stellen sich viele in Europa längst die naheliegende Frage: Was können wir eigentlich selbst, wenn Washington abschaltet? Offen beantwortet wird sie selten, weil es noch nicht so läuft, wie es laufen müsste. Die ehrliche Antwort lautet: deutlich mehr als vor zwei Jahren. Noch nicht genug. Aber genug, um aus der Schockstarre herauszukommen.
Für eine ehrliche Bilanz muss man allerdings genau hinsehen, denn in der Debatte geht vieles durcheinander. Was Europa bezahlt, hat es noch lange nicht selbst gebaut, und was es gebaut hat, ist noch lange nicht in der Ukraine angekommen. Zwischen Bestellung und Lieferung liegen oft Jahre.
Aufklärung: Frankreich liefert, wie viel, bleibt Macrons Geheimnis
Im Januar stellte sich Emmanuel Macron auf dem Luftwaffenstützpunkt Istres vor seine Soldaten und sagte einen Satz, der seither in jeder Debatte zitiert wird: Vor einem Jahr habe die Ukraine fast ganz von amerikanischer Aufklärung abgehangen, heute komme sie zu zwei Dritteln aus Frankreich. „Zwei Drittel.“
Der Satz ist belegt. Was er misst, ist es nicht. Macron hat nie gesagt, wie er zählt, für welchen Zeitraum und welche Art von Daten. Zwei Drittel der Satellitenbilder? Der abgefangenen Funksprüche? Der Lagebilder? Wir wissen es nicht.
Was wir wissen: Frankreich hat die Technik. Drei militärische Beobachtungssatelliten des Systems CSO liefern Bilder, auch im Infrarotbereich. Drei weitere namens CERES orten feindliche Funk- und Radarsender. Großbritannien fliegt drei Aufklärungsflugzeuge vom Typ Rivet Joint, die elektronische Signale erfassen, deren Wartung und Weiterentwicklung allerdings bis 2035 über die USA läuft. Und das finnische Unternehmen ICEYE hat im Januar seinen Vertrag mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium ausgeweitet. Seine Radarsatelliten sehen auch nachts und durch Wolken.
Europa kann also hinschauen. Was davon in Kyjiw ankommt, ist größtenteils geheim. Das ist militärisch vernünftig und politisch bequem, denn so kann niemand nachprüfen, ob die zwei Drittel stimmen.
Die Lücke, auf die es ankommt
Gegen ballistische Raketen braucht Kyjiw zweierlei: Abfangraketen, die sie vom Himmel holen, und eine Warnung, die den Menschen Zeit für den Weg in den Keller gibt. Um die Abfangraketen geht es weiter unten. Die Warnung beginnt im All, mit Frühwarnsatelliten, die den Hitzeblitz eines startenden Raketentriebwerks erfassen. Die USA betreiben dafür ihr System SBIRS. Europa hat heute nichts Vergleichbares im Einsatz.
Geplant ist einiges. Das EU-Projekt ODIN’S EYE II entwirft für 90 Millionen Euro eine europäische Frühwarnarchitektur, also Studien und Entwürfe, keine Satelliten. Deutschland und Frankreich haben im Oktober 2025 die Initiative JEWEL angekündigt, Paris rechnet mit ersten Fähigkeiten im All Anfang der 2030er Jahre. Das französische Militärplanungsgesetz vom August sieht einen ersten Radarbaustein möglicherweise vor 2030 vor und einen eigenen Infrarot-Frühwarnsatelliten vor 2035.
Übersetzt heißt das: Die Warnung, die in dieser Woche zweimal ausblieb, kann Europa frühestens in den 2030er Jahren selbst geben. Bis dahin hängt die frühe Startwarnung für Kyjiw an Washington. Daran ändern auch zwei Drittel französischer Aufklärung nichts.
Und selbst dieser Zeitplan steht unter Vorbehalt. Im April 2027 wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Marine Le Pen darf nach ihrem Berufungsurteil vom Juli wieder antreten und hat ihre Kandidatur angekündigt. In den Umfragen liegt sie vorn. Vergangene Woche hat sie ihr Wirtschaftsprogramm vorgestellt: 140 Milliarden Euro Einsparungen in fünf Jahren, dazu soll Frankreich etwa ein Drittel weniger in den EU-Haushalt zahlen. So könnten auch Hilfen für Nachbarländer reduziert werden, darunter für die Ukraine, sagte ihr Wirtschaftskoordinator Jean-Philippe Tanguy laut Süddeutscher Zeitung. Parteichef Jordan Bardella hatte schon im September erklärt, Frankreich könne die Ukraine nicht unbegrenzt und ohne Gegenleistung finanzieren. Was wird dann aus JEWEL, aus den französischen Aufklärungssatelliten, aus Macrons zwei Dritteln? Würde eine Präsidentin Le Pen diese teuren Projekte mit derselben Priorität weiterführen? Das weiß niemand. Für europäische Gemeinschaftsprojekte wie JEWEL oder IRIS² ist eine Partnerin, deren Wirtschaftskoordinator die EU-Kommission „parasitär“ nennt und verbindliche Zusagen nicht gelten lassen will, jedenfalls kein beruhigender Gedanke. Und wer Europas Unabhängigkeit vor allem auf Paris baut, baut auf einen Wahlausgang.
Die Verbindung: OneWeb ist da, ein Starlink-Ersatz noch nicht
Seit der Nacht zum Mittwoch brechen die militärischen Starlink-Verbindungen der Ukraine ab, sobald es zu schnell wird. Die europäische Alternative heißt OneWeb und gehört zum französischen Satellitenbetreiber Eutelsat. Sie ist auch in der Ukraine im Einsatz: Schon im März 2025 sprach Eutelsat von Hunderten Terminals im Land und auf dem Schwarzen Meer. Seit Februar gibt es zudem ein militärisches Rucksackterminal für den mobilen Einsatz.
Aber ein Rucksack ist keine Drohnensteuerung. Wie viele OneWeb-Terminals heute in der Ukraine aktiv sind, ob sie für die betroffenen Drohnen taugen, was sie kosten und wie schnell sie zu haben wären, ist öffentlich nicht bekannt.
Bekannt sind dagegen die Größenverhältnisse, Stand 2025: OneWeb hatte rund 630 Satelliten im All, Starlink mehr als 7.500. Die OneWeb-Satelliten kreisen in etwa 1.200 Kilometern Höhe, mehr als doppelt so hoch wie Starlink, die Signale sind entsprechend länger unterwegs. Der ukrainische Mobilfunkanbieter Kyivstar stellte 2025 fest, OneWeb habe für seine Zwecke nicht genug Kapazität. Deutschland hat der Ukraine weniger als 1.000 OneWeb-Terminals bezahlt, Starlink-Terminals sind dort nach Schätzungen rund 130.000 im Einsatz. Ein Austausch an der Front ist kein Steckerwechsel.
Die Börse hat trotzdem schon reagiert: Am Mittwoch stieg die Eutelsat-Aktie laut Reuters zeitweise um rund 13 Prozent. Analysten trauen OneWeb zu, zusätzliche Kapazität zu liefern, nicht aber, Starlink zu ersetzen.
Das europäische Großprojekt IRIS² soll laut ESA ab 2029 erste Dienste bieten, die Hauptkonstellation umfasst 348 Satelliten. Erste Dienste heißt aber nicht volles Netz. Und ob die Ukraine überhaupt Zugang bekommt, ist noch nicht geregelt.
Luftverteidigung: Es kommt auf die Abfangraketen an
Hier steht Europa am besten da. Das französisch-italienische System SAMP/T ist in der Ukraine längst im Einsatz. Im Juli haben Paris und Kyjiw vereinbart: zwei ältere SAMP/T-Systeme zur Überbrückung, vier Systeme der neuen Generation, die ab 2027 schrittweise kommen sollen, beschleunigte Lieferungen der Abfangrakete Aster 30 bis Oktober und eine Lizenzproduktion in der Ukraine. Großbritannien hat im Februar weitere 1.000 in Belfast gebaute Flugabwehrraketen zugesagt.
Mit den Systemen allein ist es aber nicht getan. Entscheidend ist der Nachschub an Abfangraketen. Wie viele Aster tatsächlich angekommen sind, wird nicht veröffentlicht. Der Hersteller MBDA meldet zwar fast 1.000 bestellte Aster, aber für Frankreich, Italien und Großbritannien, nicht für die Ukraine. Und nicht jede Flugabwehrrakete taugt gegen ballistische Raketen. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Europa Luftverteidigung hat. Sie lautet: Kommen genug passende Abfangraketen rechtzeitig dort an, wo sie gebraucht werden?
Das Geld: Europa zahlt, aber in Amerika
Bleibt das Geld. Und hier liegt der vielleicht bitterste Befund.
Europa zahlt längst. Über das Nato-Programm PURL finanzieren die Verbündeten amerikanische Waffen für die Ukraine. Bis Juli kamen nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums 6,7 Milliarden Dollar zusammen, und rund 95 Prozent der Patriot-Abfangraketen kamen damals auf diesem Weg. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft hat nachgerechnet: Im ersten Halbjahr 2026 kauften europäische Geber für mindestens drei Milliarden Euro Militärhilfe bei US-Firmen ein. Mehr als 90 Prozent dessen, was über PURL geliefert wurde, stammte aus amerikanischen Beständen.
Dazu kommt der EU-Kredit über 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027, davon 60 Milliarden für Verteidigung. Und Europa produziert selbst: Rheinmetall hat im Juli die ersten Artilleriegranaten aus dem neuen Werk in Unterlüß an die Ukraine geliefert.
Aber PURL zeigt das Grundproblem in seiner reinsten Form. Europa ersetzt den amerikanischen Geldgeber. Den amerikanischen Hersteller ersetzt es nicht, und auch nicht die Unterschrift, mit der Washington eine Lieferung freigibt. Wer eine Ware bezahlt, sie aber nicht selbst herstellt, bestimmt nicht, ob sie geliefert wird. Genau damit hat Washington in dieser Woche gedroht.
Die zweite Front im All
Und selbst was Europa schon hat, ist nicht sicher. Im Mai manövrierte Russland nach Angaben der US Space Force vier Militärsatelliten, Kosmos 2610 bis 2613, dicht an einen kommerziellen Radarsatelliten heran. ICEYE bestätigte, dass es seiner war, also genau der Satellit jenes finnischen Unternehmens, das der Ukraine Aufklärungsbilder liefert. Als ICEYE ihn verschob, manövrierten die russischen Satelliten hinterher. Der Kommandeur des deutschen Weltraumkommandos, Generalmajor Michael Traut, sagte Reuters, sie hätten den ICEYE-Satelliten regelrecht verfolgt. Ob Moskau beobachten, eine spätere Störung vorbereiten oder nur zeigen wollte, was es kann, ist offen.
Traut sorgt sich auch um Starlink. Sein Szenario: Ein russischer Satellit driftet in eine Starlink-Umlaufbahn und zerbricht dort. Die Satelliten müssten dann ständig Treibstoff für Ausweichmanöver verbrennen, was ihre Lebensdauer verkürzt, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Moskau hat westliche Satelliten, die der Ukraine helfen, längst zu möglichen legitimen Zielen erklärt.
Unabhängig von Washington zu werden, ist also nur die eine Aufgabe. Die eigenen Systeme vor Russland zu schützen, ist die nächste.
Die Bilanz
Heute kann Europa:
- Satelliten- und Funkaufklärung liefern, in öffentlich unbekanntem Umfang
- Radarbilder per Vertrag bereitstellen (ICEYE)
- mit OneWeb einzelne Kommunikationsaufgaben übernehmen
- Luftverteidigung stellen, mit SAMP/T und britischen Flugabwehrraketen
- Munition produzieren und Milliarden zahlen
Bis 2028 vereinbart oder möglich:
- SAMP/T der neuen Generation, schrittweise ab 2027
- mehr Produktion, mehr Datenzugänge
Erst später:
- IRIS² mit ersten Diensten ab 2029
- eine eigene europäische Raketenfrühwarnung aus dem All in den 2030er Jahren
Europas Spielraum ist größer als seine Unabhängigkeit. Es könnte heute mehr tun, aber es kann nicht alles sofort ersetzen. Und was es nicht ersetzen kann, ist ausgerechnet das, womit in dieser Woche Druck gemacht wurde: die Warnung vor der Rakete, die Patriot aus amerikanischer Produktion und die Satellitenverbindung zur Front.
Für die Ukraine ist das keine akademische Frage. Jede Lücke in dieser Liste bedeutet in diesem Winter Keller ohne Vorwarnung, Wohnungen ohne Heizung und Drohnen, die am Boden bleiben.
Statt in Schockstarre zu fragen, womit Trump uns als Nächstes quält, sollte Europa sich eine andere Frage stellen: Warum können wir das alles noch nicht? Der Krieg läuft im fünften Jahr, im Donbas wird seit 2014 gekämpft, und Trumps erste Amtszeit hat jede Warnung geliefert, die man brauchte. Und der Kontinent, der einmal in fast allem führend war, der die Eisenbahn, das Auto und das Düsentriebwerk erfunden hat, steht da und sagt: dauert noch.
Die Technik braucht Zeit. Dass Europa so viel davon verschenkt hat, ist keine Frage der Technik, sondern des Willens. Und dafür sollten wir uns schämen.
Alle Quellen
- Macron, „zwei Drittel“: Élysée, Neujahrsansprache an die Streitkräfte, Istres, 15.1.2026
- CSO-Satelliten: CNES
- CERES-Satelliten: CNES
- ICEYE und ukrainisches Verteidigungsministerium: ICEYE, 19.1.2026
- Rivet Joint, US-Unterstützung bis 2035: RAF
- SBIRS: US Space Force
- ODIN’S EYE II: EU-Factsheet
- JEWEL: Französisches Verteidigungsministerium
- Französisches Militärplanungsgesetz, Frühwarnung: Légifrance, 16.8.2026
- Eutelsat/OneWeb in der Ukraine: Reuters, 3.3.2025
- OneWeb und Starlink im Vergleich, Kyivstar, Terminalzahlen: Larry Press, CircleID, 19.6.2025
- Eutelsat-Aktie nach Starlink-Drosselung (Reuters-Angaben): SpaceX France, 14.10.2026
- OneWeb-Rucksackterminal: Intellian
- IRIS²-Zeitplan: ESA, 7.8.2026
- SAMP/T und Aster, Produktion: MBDA
- SAMP/T-Vereinbarung: Gemeinsame Erklärung Ukraine–Frankreich, 14.7.2026
- Britische Flugabwehrraketen: UK-Regierung, 12.2.2026
- PURL, 6,7 Milliarden, Patriot-Anteil: Ukrainische Regierung, 23.7.2026
- Europäische Käufe bei US-Firmen: Kiel Institut, 13.8.2026
- EU-Kredit 90 Milliarden: Rat der EU, 23.4.2026
- Rheinmetall, Granaten aus Unterlüß: Rheinmetall, 14.7.2026
- Ukraine kalt erwischt, 600.000 ohne Strom: Irish Times, 14.10.2026
- Drohneneinsätze abgesagt (7. Korps): United24, 14.10.2026
- Russische Satelliten bei ICEYE, Traut zu Starlink: Reuters, 9.10.2026
- Le Pen darf 2027 antreten, Umfragen: CBS News, 7.7.2026
- Le Pens Wirtschaftsprogramm, Tanguy zur Ukraine-Hilfe: Süddeutsche Zeitung, 8.10.2026
- Bardella zur Ukraine-Finanzierung: Kyiv Independent, 7.9.2026
- Le Pen kündigt Kandidatur an: Xinhua, 8.7.2026
- Vorgeschichte: Antwortseiten, „Frieden mit Tempolimit“, 14.10.2026