Die Ukraine hat Russlands Raffinerien in diesem Herbst empfindlich getroffen. Trump hat sich Selenskyj mehrfach zur Brust genommen, damit genau das aufhört. Die Ukraine hat weiter angegriffen. Gestern hatte Trump offenbar genug. Er telefonierte am Freitagabend mit Putin, verkündete danach einen Diesel-Deal, und das US-Finanzministerium lieferte prompt die passende Sanktionsausnahme. Die Generallizenz erlaubt Geschäfte mit russischem Diesel bis zum 7. April 2027. Ob Putin hingegen irgendeine Gegenleistung im Krieg gegen die Ukraine erbringen soll, ist nicht bekannt. Laut seinem Berater Juri Uschakow wollte Putin im Gespräch nicht einmal zusagen, die Verhandlungen mit der Ukraine wieder aufzunehmen. Man werde „darüber nachdenken“, wann das möglich sei.
Der Hintergrund ist schlicht. Der Dieselpreis in den USA ist auf Rekordniveau, Anfang November wird gewählt, und irgendwer muss schuld sein. Schuld ist Selenskyj. Wie immer. Schon Mitte September warf Trump ihm öffentlich vor, die Welt in eine Dieselknappheit zu stürzen. Nach Darstellung eines US-Beamten gegenüber Axios hat Kyjiw rund ein halbes Dutzend Bitten ignoriert, die Angriffe einzustellen.
Und ja, die ukrainischen Angriffe wirkten tatsächlich. Laut Reuters standen Mitte September drei der sechs größten russischen Dieselraffinerien still oder liefen auf Sparflamme. Zusammen stehen diese sechs Anlagen für etwa die Hälfte der russischen Dieselproduktion. Moskau hat den Export von Treibstoff beschränkt, und von Januar bis Juli importierte Russland fast siebenmal so viel Diesel aus Belarus wie im Vorjahreszeitraum. Belarus verarbeitet auch russisches Rohöl zu Diesel, den Russland anschließend selbst wieder einkauft. Das ist der Zustand eines Landes, dessen Raffinerien unter Dauerbeschuss stehen. Und diesem Land erlaubt Washington jetzt, mit amerikanischem Segen wieder auf dem Weltmarkt zu verkaufen.
Das eigentliche Geschäft steht im Kleingedruckten
Trump hat die Zahlen auf Truth Social nachgeliefert, mit reichlich Großbuchstaben. Russland liefere „sofort“ 300.000 Tonnen Diesel, im November weitere 500.000, danach eine Million. Und dann, „based on the condition of their Diesel Refineries“, noch einmal drei Millionen Tonnen.

Zusammen sind das 4,8 Millionen Tonnen. Das klingt gewaltig, reicht aber für etwa neun Tage des amerikanischen Gesamtverbrauchs an Diesel und Heizöl. Daraus macht Trump Preissenkungen „IN RECORD NUMBERS, AND FAST“. Die einzige Energiequelle, die in diesem Post zuverlässig sprudelt, ist die Feststelltaste.
Interessanter ist die Bedingung. Die größte angekündigte Tranche, die drei Millionen Tonnen, hängt vom Zustand der russischen Raffinerien ab. Damit lässt sich politischer Druck auf Kyjiw begründen: Wer weitere Angriffe fliegt, gefährdet die versprochene Entlastung. Zur Einordnung: Drei Millionen Tonnen entsprechen ungefähr dem, was Russland vor den Raffinerieangriffen in einem ganzen Monat exportiert hat. Versprochen werden sie von einem Land, das im Sommer selbst Diesel aus Belarus importieren musste. Aus dem Diesel-Deal wird so ein Druckmittel gegen Kyjiw mit Lieferschein.
Womit Trump sonst noch Druck machen kann, liegt auf der Hand: mit dem, was er zurückhalten kann. Abwehrraketen eher nicht, die tröpfeln ohnehin nur noch. Aber die Ukraine ist auf amerikanische Zieldaten angewiesen. Ein ukrainischer Beamter behauptet gegenüber Axios, Witkoff und Kushner hätten in Miami genau damit gedroht. Die US-Seite bestreitet das. Belegt ist es nicht, und wir bringen es deshalb nur als Behauptung. Unbestritten ist dagegen die Rolle des Sündenbocks, die Kyjiw seit Wochen zugeschoben wird. Kushner hat schon öffentlich erklärt, die Weigerung der Ukraine, Territorium abzugeben, blockiere den Frieden.
Selenskyj hat darauf klüger geantwortet, als Washington es verdient. Die Ukraine werde keine russischen Raffinerien mehr in Brand setzen, wenn Russland aufhöre, die ukrainische Energieinfrastruktur zu zerstören. Er bietet also eine symmetrische Deeskalation an. Gegenseitig, überprüfbar. Trump will offenbar nur die erste Hälfte dieses Angebots, und zwar von der Ukraine. Die zweite Hälfte verlangt er von Putin nicht. Laut Axios sieht er russische Angriffe auf das ukrainische Stromnetz und ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien schlicht nicht als gleichwertig an. Allein in dieser Woche, so Selenskyj, gab es einen Raketenangriff auf ein Wohnhaus in Pryluky, Gleitbomben auf Stadtbusse in Kramatorsk und Dauerbeschuss auf die Energieversorgung von Kyjiw, Dnipro, Charkiw und Odesa. In Pryluky starben nach ukrainischen Angaben mindestens 19 Menschen, darunter fünf Kinder, drei von ihnen erst ein Jahr alt. Es war der 7. Oktober, Putins Geburtstag. Russland werde den Diesel mit Terror „zurückzahlen“. Man muss kein Prophet sein, um ihm zu glauben.
Peace never comes through weakness. Today, representatives of the U.S. Congress were in Kyiv – a bipartisan delegation – and I am grateful to them for visiting Ukraine at such a difficult time. They asked: what is needed to end the war? The answer must be strong. There must be sanctions under the Lindsey Graham bill, there must be support for Ukraine in protecting lives, and there must be pressure on Russia for its war. And today, there was a conversation between the leaders of America and Russia. A conversation that leads to something different. Recently, there was a European decision to lift sanctions on Russian oligarchs. Since then, Russian strikes and the torment of people have only increased. This past week alone, there was a brutal Russian missile strike on a residential building in Pryluky, aerial bombs were dropped on Kramatorsk – on ordinary city buses – and there have been constant attacks on Kyiv’s energy infrastructure and on the life-sustaining infrastructure in Dnipro, Kharkiv, Odesa, and our other cities. Dozens of people have been killed and hundreds wounded. The Russians are compensating for their inability to achieve their objectives on the battlefield with this kind of terror. This year, Russia is weaker on the battlefield than at any other point in the war. That is why Putin is relying on terror. That is why he is relying on attempts to strike backroom deals to secure some form of pressure relief for Russia, in order to buy more time and more opportunities for war. Any easing of sanctions against Russia without a clear and lasting de-escalation agreement with Russia is an obvious weakness. It plays into Russia’s hands – allowing it to kill more, wage war for longer, have even less respect for America, and inflict even greater losses and damage on the world. Ukraine is ready to take symmetrical de-escalatory steps, and the American team knows our position. Our strikes on Russian oil refineries and other oil facilities are a response to Russia’s years-long campaign of terror against Ukraine’s energy sector. Ukraine will not set Russian oil refineries on fire if Russia does not destroy our energy infrastructure. This is the kind of agreement we are proposing to America, and we believe the United States has enough power to achieve such a compromise. Gifts to Putin will not bring peace or any benefit to the civilized world. Russia will “repay” the diesel with further terror and perfidy. Allowing Russia to sell petroleum products is an investment in a war that must be ended, not prolonged. What is needed is real de-escalation with Russia on a reciprocal basis. We count on America’s fair support for our defense of life, for our defense of people in Ukraine – and on the United States having a correspondingly strong conversation with Russia. A strong one, not a weak one.
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) October 9, 2026
Währenddessen im Nebenzimmer
Das Telefonat fiel auf einen Tag, an dem in Miami acht Stunden lang verhandelt wurde. Am Tisch saßen die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, die ukrainische Delegation um Rustem Umerow und die Sicherheitsberater Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens. Es ging um Sicherheitsgarantien, um neue Vorschläge zu Gebietsfragen, um Wiederaufbau und um einen Fahrplan zum EU-Beitritt. Mittendrin erfuhren die Ukrainer, dass ihr wichtigster Verbündeter gleich mit dem Angreifer telefonieren und Sanktionen lockern werde. Selenskyj nannte den Deal gegenüber Axios „nicht fair und nicht ehrlich“.
Ein Satz aus dem Axios-Bericht von Barak Ravid verdient mehr Aufmerksamkeit als der Diesel. Gestützt auf einen einzigen US-Beamten schreibt Axios, Witkoff und Kushner hätten in Miami auch einen europäisch-russischen Sicherheitsrahmen für die Zeit nach dem Krieg ins Spiel gebracht, der beiden Seiten gefallen könnte. Was genau darin stehen soll, ist öffentlich nicht bekannt. Aber allein die Beschreibung sagt viel. Es geht nicht um Sicherheit vor Russland. Es geht um Sicherheit mit Russland. Welche Zugeständnisse damit verbunden wären, bleibt offen.
Neu ist die Idee nicht. Eine neue europäische Sicherheitsarchitektur stand schon in dem 28-Punkte-Plan, der im Herbst 2025 als Trumps Friedensplan verkauft wurde. Laut Reuters diente ein russisches Papier dafür als wesentliche Grundlage. Auch damals war es Barak Ravid, der früh über die Vorschläge berichtete. Interessant ist deshalb nicht nur, was da vorgeschlagen wird, sondern auch, warum man gerade jetzt öffentlich wissen lassen möchte, dass eine neue Sicherheitsordnung mit Russland zur Debatte steht.
Wäre schon von Interesse, was hier eigentlich eingerahmt werden soll. Russlands Verhalten? Oder die Entscheidungsfreiheit seiner Nachbarn? Sicherheitsgarantien für die Ukraine sind notwendig, und Vereinbarungen über Rüstung und gegenseitige Sicherheit können sinnvoll sein. Ein russisches Mitspracherecht darüber, wer welchem Bündnis beitreten oder wie sich ein europäischer Staat verteidigen darf, wäre dagegen eine Einflusszone. Auch wenn man eine hübsche Schleife darum bindet.
Jalta, aber ohne Armeen
Man muss kein Historiker sein, um bei zwei Männern, die am Telefon über Rohstoffe und Sanktionen dealen, während ihre Leute über die Zukunft anderer Länder reden, an Jalta zu denken. Und wer erklärt, so etwas könne nicht kurzfristig passieren, sei an Alaska erinnert. Das kam im August 2025 auch aus dem Nichts. Der eine will mehr Macht, der andere ein Imperium. Auf der Rechnung stünden dann die Länder dazwischen.
Trotzdem hinkt der Vergleich, und zwar an der entscheidenden Stelle. In Jalta saßen drei alliierte Großmächte, deren Armeen die Machtverhältnisse in Europa bestimmten. Sie konnten verteilen, was sie militärisch in der Hand hatten. Trump hat Europa nicht in der Hand. Putin auch nicht. In ihren Kleinhirnen denken sie allerdings, dem wäre so.
Die Realität sieht anders aus. Die EU-Sanktionen sind europäisch. Ein Großteil der eingefrorenen russischen Zentralbankgelder liegt bei Euroclear in Brüssel. Über den EU-Beitritt der Ukraine entscheidet die EU, nicht Washington. Und die Soldaten für eine Absicherung der Ukraine müssten aus europäischen Hauptstädten kommen, nicht aus Mar-a-Lago. Zwei Männer können am Telefon über alles reden. Liefern können sie nur, was ihnen gehört.
Und Europa? Dealt auch.
Bevor wir Europäer uns jetzt bequem über Trump empören: Am 22. September hat die EU die Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman von der Sanktionsliste gestrichen, auf Druck von Frankreich, der Slowakei und Luxemburg. Im Gegenzug wurden die übrigen personenbezogenen Sanktionen für drei Jahre statt wie bisher für sechs Monate verlängert. Das macht die europäische Entscheidung nicht unproblematisch, erklärt aber den politischen Kompromiss. Lettland hat sich am längsten gesperrt und den Kompromiss am Ende mit einer Enthaltung durchgelassen. Selenskyj hat darauf hingewiesen, dass die russischen Angriffe seitdem zugenommen hätten.
Trump tauscht Sanktionen gegen Diesel, Europa gegen Einstimmigkeit. Die Währung ist eine andere, das Geschäft dasselbe.
Genau hier liegt die eigentliche Gefahr. Für ein neues Jalta braucht es keine Konferenz auf der Krim. Es reicht, wenn Europa selbst nachgibt. Wenn die Slowakei, ein mögliches Frankreich unter dem Rassemblement National oder ein Deutschland unter der AfD die Sanktionen aufweichen wollen, weil Washington es ja vormacht. Parteien wie die AfD und das BSW erhöhen schon jetzt den Druck im bevölkerungsreichsten Land der EU. Wer Dieselpreise und Kriegsende gleichzeitig an Kyjiw festmacht, setzt Selenskyj vor den Midterms unter Erklärungsdruck, in Washington wie in Europa. Dafür braucht es keine gemeinsame Regie. Es reicht, wenn unterschiedliche Akteure denselben Druck auf Kyjiw erhöhen.
Geschäfte mit dem Teufel haben ihren Preis. Bezahlen müssen ihn nur selten diejenigen, die sie abschließen. Bezahlen müssen ihn die Menschen in Pryluky, Kramatorsk, Saporischschja und Oleschky. Der Teufel liefert eben auf Bestellung. Nur die Lieferbedingungen schreibt er selbst.
Quellen
- Axios, 10.10.2026 (Barak Ravid): U.S. official: Trump cut deal with Putin after Zelensky ignored his requests
- Axios, 9.10.2026: Zelensky tells Axios Trump's diesel deal „not fair and not honest“
- US-Finanzministerium (OFAC): General License 135
- Reuters, 15.9.2026 (Nachdruck): Half of Russia's top diesel-producing refineries cut back output after drone strikes
- Reuters via prm.ua: Russland importiert Rekordmengen Treibstoff aus Belarus
- Reuters, 26.11.2025: US peace plan for Ukraine drew from Russian document, sources say