Die Briten haben es uns vorgemacht. Ein Abgeordneter hat mit einem einzigen Wissenschaftler ausgerechnet, was Russlands verdeckter Krieg sein Land kostet: Cyberangriffe, Brandstiftung, Seekabel. Ergebnis: zwei bis zweieinhalb Milliarden Pfund im Jahr. Er nennt seine Zahl selbst eine Untergrenze – und zwar eine, die eher noch zu niedrig liegt. Die Antwortseiten hätten ihren Namen verfehlt, wenn sie das nicht für Deutschland nachgemacht hätten. Das Ergebnis fällt anders aus als gedacht.

Okay, Putin kostet uns Geld. Wie viel?

Kommt drauf an, was man zählt. Es gibt drei Töpfe. Im ersten liegt, was der Krieg uns an Schaden gebracht hat: das abgedrehte Gas, die Preise, die Firmen, die ihr Russlandgeschäft verloren haben. Im zweiten liegt, was der Staat dagegen ausgegeben hat: Preisbremsen, Rettungen, Hilfen. Im dritten liegt, was russische Angriffe auf dieses Land anrichten: Drohnen, Brandpakete, Hacker. Wer die drei zusammenschüttet, zählt denselben Schaden mehrfach. Wir gehen sie einzeln durch. Und am Ende kommt der Topf, den die Briten gemessen haben – bei uns hat noch niemand den Deckel gehoben.

Was hat uns das abgedrehte Gas gekostet?

Bei Uniper steht es in der Bilanz. 13,2 Milliarden Euro hat der Konzern 2022 zusätzlich ausgegeben, um das Gas zu kaufen, das Gazprom nicht mehr lieferte. Keine Schätzung, kein Modell: Rechnungen, die bezahlt wurden. Pro Kopf sind das 158 Euro. Das ist einer der am klarsten belegten Milliardenbeträge, bei denen sich russisches Handeln und konkrete Kosten unmittelbar verbinden lassen. Ein Schiedsgericht hat Uniper später 13 Milliarden gegen Gazprom zugesprochen. Gesehen hat Uniper davon bisher fast nichts – und es ist derselbe Schaden, kein zweiter.

Was hat der Staat dagegen ausgegeben?

2023 allein: 41,5 Milliarden Euro aus dem Energie-Abwehrschirm. Gaspreisbremse 14,3, Strompreisbremse 16,3, Härtefälle 8,5, Zinsen 2,4. Pro Kopf rund 500 Euro, einmalig. Rechnet man die Dezember-Soforthilfe und die Energiepauschale für Rentner dazu, kommt das Finanzministerium für 2022 bis 2024 auf 50,4 Milliarden – für diese Liste, nicht für alles, was der Staat je gegen die Energiekrise getan hat. Die beiden Zahlen überschneiden sich, man darf sie nicht addieren. Die 200 Milliarden, von denen alle reden, waren die Erlaubnis, Schulden zu machen, nicht das Geld, das floss. Dazu kommen 13,5 Milliarden, mit denen der Bund Uniper gerettet hat, und 6,3 Milliarden für die Gazprom-Tochter SEFE. Beides sind Beteiligungen, kein verlorenes Geld: Uniper hat 3,1 Milliarden zurückgezahlt, der Verkauf läuft, und die Beteiligung ist heute mehr wert als damals.

Und was haben wir selbst gezahlt?

Ein Drei-Personen-Haushalt zahlte im Februar 2024 für Strom, Wärme und Sprit 1.534 Euro im Jahr mehr als drei Jahre zuvor. Die Preisbremsen haben davon einen Teil aufgefangen. Deshalb darf man die 500 Euro von oben nicht einfach draufrechnen: Der Staat hat die Rechnung nicht kleiner gemacht, er hat sie verteilt. Ein Teil auf die Stromrechnung, ein Teil auf die Steuer. Bezahlt haben in beiden Fällen dieselben Leute.

Aber die Ukraine-Hilfe zählt doch auch?

Nein. Die ist eine Entscheidung, kein Schaden. Zum Vergleich gehört sie trotzdem hierher: 11,5 Milliarden Militärhilfe stehen 2026 im Haushalt, das sind 11,50 Euro pro Kopf und Monat. Und seit gestern wissen wir vom Kiel-Institut, was in den 100 Milliarden steckt, die die Bundesregierung als „bilaterale Hilfe“ meldet: 35,9 Milliarden davon wurden in Deutschland ausgegeben, vor allem als Bürgergeld für Geflüchtete. 41,7 Milliarden erfasst Kiel als tatsächlich geleistete oder bewilligte Unterstützung für die Ukraine selbst. Von allen Zahlen in diesem Text ist das die, über die am lautesten gestritten wird. Und eine der kleinsten.

Was haben deutsche Firmen in Russland verloren?

Milliarden, aber keine Summe. Uniper hat 2022 einen Fehlbetrag von 19,1 Milliarden ausgewiesen, darin stecken die 13,2 von oben. BASF hat 6,3 Milliarden auf seine Tochter Wintershall Dea abgeschrieben, deren russische Felder Putin per Dekret kassierte. Siemens 1,1 Milliarden, dazu Mercedes und VW, die ihre Werke für symbolische Beträge losgeworden sind. Seit zwei Wochen steht auch Metro Russland unter Zwangsverwaltung, noch ohne Zahl. Das sind verschiedene Arten von Verlust – ausgefallenes Gas, enteignete Felder, verschleuderte Fabriken –, und wer alles zusammenzählt, hat eine Zahl, die nichts bedeutet. Zwei Fußnoten, die eigene Texte wert sind: Für Wintershall hat der Bund Garantien gegeben, und aus diesen Garantien hat BASF 2025 rund 900 Millionen Euro erhalten – Steuergeld für Putins Enteignung, weitere 800 Millionen sind für 2026 angekündigt. 27 Prozent von Wintershall Dea gehören der Investmentgesellschaft LetterOne, hinter der die sanktionierten russischen Oligarchen Michail Fridman und Petr Awen stehen. Und: 248 deutsche Firmen sind in Russland geblieben. Sie zahlten 2024 fast 600 Millionen Dollar Gewinnsteuer an Moskau, mehr als die Firmen jedes anderen EU-Landes.

Und was kosten die Angriffe auf uns – Drohnen, Brandpakete, Hacker?

Jetzt wird es dünn. Drohnen haben 2025 an 25 deutschen Flughäfen den Betrieb gestört, geschätzter Schaden 60 bis 160 Millionen Euro. Aber wer sie steuerte, weiß amtlich niemand. Das Brandpaket bei DHL in Leipzig und die Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle hat die Bundesregierung Russland zugeschrieben. Beziffert hat sie keines von beiden. Die Cyberschäden, die der Verband Bitkom jedes Jahr meldet, über 200 Milliarden, stammen aus einer Telefonumfrage. 49 Prozent der angegriffenen Firmen sagen darin, mindestens ein Angriff kam aus Russland. Das klingt nach der Hälfte des Schadens – ist es aber nicht. Es heißt nur: Bei jeder zweiten Firma war ein Russe dabei. Ob der den großen Schaden angerichtet hat oder den kleinen, fragt niemand.

Was der Bund zusätzlich für die Abwehr ausgibt – Sanktionsdurchsetzung, Drohnenabwehr, eine neue Stelle gegen Desinformation –, liegt bei 250 bis 390 Millionen im Jahr, drei bis fünf Euro pro Kopf. Das ist eine Größenordnung der untersuchten Schutzmaßnahmen, keine nachgewiesene Putin-Steuer. Und der einzige uns bekannte Sabotagefall mit Russland-Verdacht, in dem ein deutsches Gericht einen Schaden beziffert hat, kommt auf rund 13.000 Euro: Bauschaum in Auspuffen, drei junge Täter, ein mutmaßlicher Auftraggeber aus Russland, den nie jemand fand.

Warum weiß niemand, was die Angriffe kosten?

Weil niemand eine vollständige, öffentlich überprüfbare Rechnung vorlegt. Das BKA zählt 321 Sabotage-Verdachtsfälle für 2025 – und keinen Euro. BSI und Verfassungsschutz schreiben Angriffe Russland zu, beziffern sie aber nie. Auf die Frage nach Cyberschäden antwortet die Bundesregierung, es lägen „keine Informationen im gewünschten Detaillierungsgrad“ vor. Was die Sanktionen Deutschland tatsächlich kosten und wie sich russisch verursachte Unternehmensverluste auf die Steuereinnahmen auswirken, ist bislang nicht umfassend beziffert. Auch das gehört zur Rechnung.

Deutschland kann beziffern, was es gegen die Folgen russischer Politik ausgegeben hat. Es kann zeigen, was Gazproms Lieferstopp einen einzelnen Konzern gekostet hat. Aber eine vollständige, öffentlich überprüfbare Rechnung über Russlands Angriffe auf dieses Land gibt es nicht.

Über die Kosten der Ukraine-Hilfe streiten wir jeden Tag. Über die Kosten dessen, der sie nötig macht, fast nie.

Das nehmen sich die Antwortseiten vor. Nur dafür reicht eine Person nicht.

NACHRECHNEN

Pro Kopf: Zahlen aus 2022 und 2023 durch 83.456.045 Einwohner (Destatis, Ende 2023), spätere durch 83,6 Millionen (Ende 2024). 41,5 Milliarden geteilt durch 83.456.045 = 497 Euro. 11,5 Milliarden geteilt durch 83,6 Millionen geteilt durch 12 = 11,46 Euro.

Nicht addiert, weil: Preisbremsen, Haushaltskosten und Uniper-Verlust beschreiben denselben Schock aus drei Blickwinkeln. Ukraine-Hilfe und Bundeswehr (2026: 61 Milliarden mehr als 2021, 61 Euro pro Kopf und Monat) sind Entscheidungen, keine Schäden. Bitkom-Zahlen sind Selbstauskünfte mit nicht offengelegter Hochrechnung.

BASF/Wintershall: Die 900 Millionen sind laut BASF-Bilanzpressekonferenz (27.2.2026) erhaltene Dividenden aus Erstattungen des Bundes; im Geschäftsbericht 2025 stehen 1,338 Milliarden Sonderertrag im selben Zusammenhang. Das sind zwei Rechnungsgrößen, keine zwei Beträge. Wintershall Dea hat für diese Garantien über Jahre Prämien an den Bund gezahlt, laut BASF insgesamt einen dreistelligen Millionenbetrag. LetterOne hält 27,3 Prozent an der Wintershall Dea GmbH – Beteiligungsquote, kein nachgewiesener Geldfluss.

Quellen: Uniper, Jahresergebnis 2022 (17.2.2023) · BMF-Monatsbericht Januar 2024 und Finanzplan des Bundes, Drs. 20/12401 (WSF-Energie 2023) · BMF-Antwort an Sebastian Schäfer, via dpa (11.9.2026) · Verivox (26.2.2024) · Kiel Institut, Policy Brief 10/2026 (8.10.2026) · BASF-Bericht 2022 und 2025, Bilanzpressekonferenz 27.2.2026 · B4Ukraine Report 2025 · DLR (8.6.2026) · BKA Bundeslagebild Cybercrime 2025 · Bitkom Wirtschaftsschutz 2026 · Bundestagsdrucksache 21/3478 · Graeme Downie MP, „The Putin Tax“ (7.10.2026), RUSI-Kommentar · AG Ulm via dpa (5.10.2026)