Darja Schipilowa war keine Anfängerin. Erst vor zwei Jahren hatte sie ihre Facharztausbildung in klinischer Labordiagnostik mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie arbeitete am Irkutsker Antipest-Institut. Also an einem Ort, an dem Menschen mit Erregern hantieren, bei denen ein Fehler keine Kleinigkeit ist.
Jetzt ist sie tot.
Die russischen Behörden spielen es aber herunter, dabei stehen inzwischen laut dem Portal „Ljudi Baikala“ mehrere Krankenhäuser unter dreiwöchiger Quarantäne, darunter eine Kinderklinik. Fast 200 Menschen, die Kontakt mit ihr hatten, werden überwacht. Im Aluminiumwerk von Schelechow herrscht mittlerweile Maskenpflicht. Sogar Russlands oberste Seuchenärztin ist eingeflogen.
Die zuständige Behörde Rospotrebnadzor bleibt aber dabei: kein Laborunfall. Lungenentzündung unbekannter Ursache. Lage stabil. In ihrem Körper seien keine mit ihrer Arbeit verbundenen Erreger gefunden worden.
Der Gouverneur von Burjatien schrieb zuerst, die Frau sei an der Pest gestorben, und änderte es dann in „möglicherweise“. Eine Stadtverwaltung riet von Fahrten nach Schelechow ab und löschte dann den Post. Ein Fernsehsender löschte fünf Beiträge.
Was man löscht, stand trotzdem vorher da.
Stabil. Nun.
Nach Berichten russischer Exilmedien soll Schipilowa allerdings dem medizinischen Personal erzählt haben, ihr sei am 25. September ein Röhrchen mit Pesterregern zerbrochen. Bestätigt ist das nicht, zwei andere Versionen kursieren: eine Dienstreise nach Burjatien und eine Thailand-Reise. Vier Tage nach dem angeblichen Unfall kam sie ins Krankenhaus. In der Nacht zum 2. Oktober starb sie.
Hier gleich einen Fall von „das war doch eine Biowaffe“ zu machen, dafür fehlen die Hinweise. Ein Unfall mit einem tödlichen Erreger ist aber nicht ausgeschlossen.
Ein in den USA lebender russischer Epidemiologe bezweifelt ihn allerdings: Bei Pest arbeite man mit Schutzausrüstung. Ob und was sie trug, weiß öffentlich niemand.
Und wenn sie wusste, was ihr passiert war, stellt sich die Frage: Wurde sie früh genug behandelt? Oder wurde sie behandelt, und die Antibiotika wirkten nicht? Bei Lungenpest zählt die Zeit.
Auffällig ist, dass die russischen Behörden einerseits handeln, als wäre es ernst, und andererseits reden, als wäre nichts. Und zwar nach einem bekannten Muster.
Denken wir an Swerdlowsk 1979: Damals entwich Milzbrand aus einer Militäranlage, die sowjetischen Behörden erzählten aber von verdorbenem Fleisch.
Dann Tschernobyl 1986: Die Welt erfuhr es nicht aus Moskau.
Ob das hier nur annähernd etwas Vergleichbares wird, weiß noch niemand.
Das Verhalten kennen wir aber.
Russland ist bekannt dafür, unangenehme Tatsachen kleinzureden, umzudeuten oder erst dann einzuräumen, wenn sie sich nicht mehr verbergen lassen. Dass das hierzulande politisch erstaunlich viele Menschen nicht weiter stört, ist das eine.
Bei einer möglichen Seuche wird daraus etwas anderes.
Da kann man nicht einfach sagen: „Macht die Tür zu, wir wollen nicht mehr sehen, wie die korrupten Ukrainer dahingemetzelt werden.“
Krankheitserreger interessieren sich weder für Grenzen noch für politische Sympathien.
Wenn hier tatsächlich Lungenpest im Spiel ist, hat Ehrlichkeit nichts mit Anstand zu tun, sondern mit Seuchenschutz. Je früher man die Wahrheit sagt, desto früher kann entsprechend gehandelt werden.
Fast 200 Menschen standen zuletzt unter Beobachtung, mehrere Kliniken stehen laut „Ljudi Baikala“ unter Quarantäne.
Auch wir sollten wissen, warum.
Heute wichtig Öffentlich
Lungenpest in Russland? Die Behörden spielen es nach alter Manier runter
Eine Laborantin stirbt an einem Ort, an dem man mit Pesterregern arbeitet. Die Behörde sagt: Lungenentzündung unbekannter Ursache, Lage stabil. Dann wäre da noch die Sache mit den Kliniken.
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