Montagmorgen, kurz vor neun. Marie schreibt mir.

Am Vortag habe sie Leute getroffen, die überzeugt gewesen seien, die Geschichte mit dem Flydubai-Flug sei fingiert. Und der 7. Oktober sei Israel vorher bekannt gewesen, damit man anschließend Gaza einnehmen könne.

Was ich dazu sage?
Ich schreibe zurück: Das ist ein guter Grund, ein Stück darüber zu schreiben.
Das hier ist es.

Eine Nachricht von einer Freundin beweist gar nichts. Sie zeigt nur, was inzwischen in privaten Gesprächen erzählt wird.

Die Zahlen zeigen mehr. Der Bundesverband RIAS dokumentierte für 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle, knapp 24 am Tag. Gegenüber 2022 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. 68 Prozent ordnete RIAS israelbezogenem Antisemitismus zu.

Man muss also nicht mehr darüber streiten, ob sich etwas verändert hat. Man kann darüber streiten, warum.

Mir schnürt das den Hals zu.

Worum es mir geht

Es geht hier nicht darum, Israel von Kritik auszunehmen. Wer Netanjahus Regierung kritisiert, die Siedlungspolitik, das Vorgehen in Gaza oder Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, braucht dafür keine Entschuldigung.

Das Problem beginnt an einer anderen Stelle: dort, wo aus der Kritik an einer Regierung eine Begründungspflicht für ihre Bürger wird. Wo ein Israeli, der Opfer eines Anschlags wird, plötzlich Netanjahu, Gaza und die Siedlungen mit sich trägt. Wo ein Jude in Berlin oder New York erklären soll, wie er es mit Israel hält, bevor sein Schicksal einfach für sich stehen darf. Und wo selbst nach einem Massaker das Opfer nicht lange Opfer bleibt, bevor die nächste Frage kommt: Was wusste Israel? Wem nützte es?

Ich will an drei Fällen zeigen, was ich damit meine. Und eine Frage stellen: Seit wann rechtfertigt die Ablehnung einer Regierung den Verlust von Empathie gegenüber ihren Bürgern?

Der Flug

Der Flug

Am 30. September startete Flydubai-Flug FZ1073 von Dubai nach Tel Aviv. Mehr als 170 Menschen saßen an Bord, die meisten Israelis. Der Copilot soll den Kapitän angegriffen haben, nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft der Emirate mit einer Notaxt, und nach den bisherigen Berichten versucht haben, die Maschine zum Absturz zu bringen. Passagiere und Besatzung überwältigten den Mann, ein Reservepilot von Flydubai, der als Passagier an Bord war, landete die Maschine in Saudi-Arabien.

Die Emirate sprechen von einem terroristischen Angriff. Zwei israelische Beamte sagen laut Reuters, der Copilot habe den Anschlag schon vor seiner Einstellung bei Flydubai geplant und gezielt nach Fluggesellschaften gesucht, die Tel Aviv anfliegen. Eine förmliche Anklage haben die Emirate laut Reuters bisher nicht bekanntgegeben, für den Mann gilt die Unschuldsvermutung. Die Ermittlungen laufen, öffentlich belegt sind diese Details noch nicht.

Offen ist, wie ein Mann, dem die Behörden diesen Plan zuschreiben, im Cockpit sitzen konnte. Laut regionalen Beamten hatten die Emirate vorab eine Liste mit Passagieren und Besatzung an Israel geschickt. Das ist eine Frage nach Versagen. Nach Inszenierung ist es keine.

Dass noch nicht alles geklärt ist, ist der Nährboden für die Gerüchte. Ein Beleg für sie ist es nicht.

Für „fingiert“ gibt es keinen Beleg. Alles, was bekannt ist, spricht dagegen. Im Netz stand es trotzdem sehr schnell: Die Organisation Combat Antisemitism Movement, eine Interessenvertretung, zählte binnen zwölf Stunden fast 3.000 Beiträge auf X, die Israel, den Mossad oder „die Juden“ verantwortlich machten. Die Zahl stammt von der Organisation selbst.

Stand: 5. Oktober 2026. Die Ermittlungen laufen.

Die Frage und die Antwort

Am 3. Oktober zitierte Bundesministerin Karin Prien einen Beitrag von Zeit Online. Dort heißt es, 174 Fluggäste seien auf dem Weg nach Tel Aviv „nur knapp, wie durch ein Wunder“ einem Anschlag entgangen, und: „Die Welt ist für Israelis zu einem unbehaglichen Ort geworden.“ Priens Kommentar: „Und warum juckt das eigentlich niemanden in der Welt so richtig?“

Das war keine Klage darüber, dass niemand berichtete. Sie verlinkte gerade einen Bericht. Naheliegend ist eine andere Lesart: Warum löst eine Geschichte, bei der mehr als 170 Menschen knapp einem mutmaßlichen Terroranschlag entkommen, so wenig sichtbare Empörung und Anteilnahme aus? Es ist eine Lesart, mehr nicht. Beachtung fand der Vorfall durchaus: Außenminister Wadephul äußerte sich „zutiefst erleichtert“, der UN-Generalsekretär verurteilte laut seinem Sprecher jeden Akt, der die zivile Luftfahrt gefährde, ohne die Menschen in dieser Maschine zu nennen. Priens Frage zielt auf das, was darüber hinausgeht: Entsetzen, Solidarität, Wucht.

Darauf antwortete Lars Castellucci, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe: „Liebe Frau Prien, hier ist ein entsetzliches Verbrechen verhindert worden. Gott und mutigen Menschen sei Dank. Da Sie ernsthaft fragen: Weil Israel gerade seine letzten Freunde verliert. Wegen seiner rechtsradikalen Regierung und allen, die sie verteidigen.“

Unter dem Post steht eine Community Note, die diese Antwort als klassische Täter-Opfer-Umkehr einordnet. Den Satz „Die Juden sind selbst schuld“ hat er nicht geschrieben. Er hat geschrieben, was dasteht.

Im selben Thread erklärte er, seine Aussage sei eine Analyse und selbstverständlich nichts, was er gutheiße. Er verurteilte alten und neuen Antisemitismus, kritisierte Israels Regierung, forderte die Einhaltung internationalen Rechts, Hilfszugang und ein Ende der Siedlergewalt. Alles legitime Positionen. Nur war das nicht die Frage.

Gefragt war nach der ausbleibenden Anteilnahme mit Menschen in einem Flugzeug, überwiegend Israelis. Seine erste Antwort handelte von Israels Regierung. Und im Thread fragt er: „Wo sollen da Sympathie und Empathie herkommen?“

Hier wird aus der Erklärung eine Rechtfertigung für ausbleibendes Mitgefühl. Seine Analyse rechnet die Politik einer Regierung auf ihre Bürger zurück. Und selbst wenn sie empirisch vollständig stimmte, bliebe die Gegenfrage: Warum soll daraus folgen, dass Empathie mit Menschen schwindet, die mit dieser Politik nichts zu tun haben? Keiner der Menschen in FZ1073 hat über Siedlungspolitik entschieden. Keiner musste vor dem Einsteigen in Dubai nachweisen, dass er Netanjahu nicht gewählt hat.

Man drehe den Satz einmal um: Die Hamas regiert Gaza – wo sollen da Sympathie und Empathie mit den Menschen dort herkommen?

In einer menschenrechtlichen Debatte gälte dieser Satz als unzulässige kollektive Zurechnung. Und das aus gutem Grund. Kein Kind in Gaza hat sich die Hamas ausgesucht, und niemand sollte für sie haften.

Castellucci selbst fordert im selben Thread Hilfszugang für Gaza. Bei den Menschen dort gilt der Maßstab also offenbar selbstverständlich: Zivilisten haften nicht für die Gewalt und Politik derer, die sie regieren.

Bei den Menschen im Flugzeug wird genau das zur politischen Analyse.

Der Publizist Ralf Fücks antwortete Prien am selben Tag: „Weil allzu viele Israel und mit ihm den Juden, die sich nicht dem wohlfeilen Israel-Bashing anschließen, mit Überdruss, Verachtung und Hass begegnen. Der 7. Oktober und der folgende Gaza-Krieg markieren einen Dammbruch.“

Zwei Deutungen derselben Beobachtung. Castellucci: Israels Politik erklärt, warum Sympathie schwindet. Fücks: Dass sie schwindet, ist selbst ein Symptom von Verachtung. Wahrscheinlich ist beides zum Teil richtig. Aber das ist nicht die entscheidende Frage.

Der 7. Oktober

Und dann kommt Marie. Was sie mir berichtet, liegt längst jenseits der Debatte über Verhältnismäßigkeit, Siedlungen oder humanitäres Völkerrecht. Ihr wurde gesagt: Der Anschlag im Flugzeug war erfunden. Hier genügt die politische Zurechnung nicht mehr. Jetzt wird das Opfer selbst verdächtig.

Und beim 7. Oktober geht es noch weiter. Auch hier lohnt es sich, sehr genau zu sein. Israel hat vor dem 7. Oktober versagt. Daran gibt es nach den eigenen Untersuchungen der Armee keinen vernünftigen Zweifel. Warnsignale wurden falsch bewertet, die Absichten und Fähigkeiten der Hamas unterschätzt.

Israel verfügte über einen detaillierten Hamas-Angriffsplan, bekannt als „Jericho Wall“. In der Nacht vor dem Angriff gab es mehrere Auffälligkeiten, die nicht richtig eingeordnet wurden. Und inzwischen ist die Warnlage noch dichter geworden. Die New York Times stützte im September einen Haaretz-Bericht mit eigenen Quellen: Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate soll Netanjahu Ende September 2023 persönlich vor einem großen Hamas-Angriff gewarnt haben. Netanjahus Büro nennt das eine „absolute Lüge“. Auch aus Ägypten kamen nach mehreren Berichten Warnungen, zuletzt noch rund 48 Stunden vorher, allerdings ohne Angaben zu Zeitpunkt und Ausmaß.

Das alles gehört aufgeklärt.

Was daraus aber nicht folgt: dass Israel wusste, wann und wie die Hamas angreifen würde, und mehr als 1.200 Menschen absichtlich sterben ließ, damit anschließend Gaza eingenommen werden konnte. Dafür gibt es keinen öffentlichen Beleg. Aus dokumentierten Warnungen und dokumentiertem Versagen wird hier eine Absicht konstruiert.

Und damit verändert sich die Geschichte vollständig. Dann sind die Ermordeten nicht mehr zuerst Opfer der Hamas. Sie werden zu Figuren in einem israelischen Plan. Der Täter verschwindet langsam aus dem Bild.

Dass die Behauptung trotzdem lebt, hat auch damit zu tun, dass eine unabhängige staatliche Untersuchung des 7. Oktober bis heute fehlt. Netanjahu sperrt sich dagegen. Wo Aufklärung fehlt, füllt Misstrauen die Lücke.

Der Druck

Der Atlantic-Redakteur Adam Kirsch beschreibt in einem Essay eine zweite Seite derselben Verschiebung. Der israelische Journalist Anshel Pfeffer, den er zitiert, höre in dem Satz „Ich glaube nicht mehr an den Zionismus“ oft nur: Mir missfällt die Politik der israelischen Regierungen. Das ist legitim. Kirsch sieht aber auch einen wachsenden Druck auf Juden in den USA und Europa, sich zu distanzieren, um als Einzelne Anerkennung zu bekommen. Das ist seine These, und sie ist umstritten.

Castellucci rechnet Bürgern die Politik ihrer Regierung zu. Kirsch beschreibt, dass Juden im Ausland ihre Haltung zu einem Staat erklären sollen, dessen Politik sie weder bestimmen noch verantworten. Zwei verschiedene Mechanismen, eine Begründungspflicht.

Das Klima

Maxim Billers Roman „Schwarze Samstage“ beginnt mit dem Entsetzen über den 7. Oktober und folgt der Frage, warum das Mitleid der Welt danach scheinbar fast ausschließlich der palästinensischen Seite gilt, so fasst es die Zeit zusammen. Das Buch ist umstritten. Die SZ nennt es „große Literatur“, aber eines, dem man nicht behaglich folgen könne. Die taz-Rezensentin hält Billers Blick für einseitig. Nils Minkmar beschreibt in der SZ den Kern: Nach dem Massaker geraten die Juden in die Enge und müssen sich rechtfertigen.

Ich muss Billers Thesen nicht teilen, um sein Thema ernst zu nehmen. Im Gespräch mit Paul Ronzheimer sagt er, er habe kein „Playbook für Sympathie“ gehabt nach dem 7. Oktober. Er habe keine Millionen auf der Straße erwartet. Aber er wünsche sich, dass die Gefühle der anderen sich halbwegs mit seinen deckten: nicht die Gedanken, die Gefühle.

Im Alltag klingt das so:

Ja, aber Netanjahu.
Ja, aber Gaza.
Ja, aber Siedlungen.
Ja, aber wussten die das nicht vorher?

Irgendwann bleibt vom stattgefundenen Grauen nicht mehr viel übrig.

Der Maßstab

Staatsbürger haften nicht kollektiv für ihre Regierung. Dieser Satz braucht keine Ausnahme für Israel.

Ein Israeli muss Netanjahu nicht erst abschwören, bevor sein Leben zählt. Ein Jude in Deutschland muss seine Haltung zu Israel nicht erklären, bevor ihm Empathie zusteht. Und ein Kind in Gaza muss nicht für die Hamas haften, bevor sein Leid zählt.

Vielleicht ist genau das die Verschiebung: Erst kommt die politische Prüfung. Dann, wenn überhaupt, das Mitgefühl.

Das Flugzeug war voller Menschen.
Am 7. Oktober 2023 wurden in Israel mehr als 1.200 Menschen ermordet.
Mehr braucht es nicht.