Grießbrei mit Fischgräten. Das ist es, was Artem Dubyna nie vergessen wird. Die Töpfe wurden nicht gewaschen, manchmal mischten die Köche die Reste vom Vortag unter das Essen des nächsten Tages. Auf dem Tee, wenn man ihn so nennen wollte, schwammen wahlweise Schimmel, Fischgräten oder ein Ölfilm. Gegessen wurde in Eile, weil die Wärter die Teller schon wieder einsammelten, während die letzten Zellen noch ihre Portion bekamen. „Deshalb verbrannten wir uns oft den Mund“, schreibt Artem. Einige Wärter machten ein Spiel daraus und wetteten zwischen den Stockwerken, wer schneller austeilen und wieder einsammeln konnte. „Effizienz ging vor Würde.“

Als Artem endlich freikam, war der 1,80 Meter große Mann auf 56 Kilo abgemagert.

Im vorigen Jahr hingen seine Texte in einem Flur des Zukunftsforums Demokratie in Bonn. Mitveranstalter Peter Holzer hatte Plakate drucken lassen, die aussahen wie Gefängnistüren: Gitterstäbe, dahinter Artems Gesicht, zwischen den Stäben seine Sätze. Übersetzt hatte sie Olessya aus dem Team des Forums. Sie betreut in Nordrhein-Westfalen ukrainische Veteranen während ihrer Rehabilitation und hatte so auch den Kontakt zu Artem hergestellt. Mehrere dieser Türen nebeneinander ergaben einen Zellentrakt. Wer zu den Panels wollte, musste hindurch.

Artem hatte vor dem Krieg beim Regiment Asow gedient, war ausgeschieden und hatte als Journalist gearbeitet. In den ersten Tagen der russischen Vollinvasion meldete er sich freiwillig und ging mit Asow nach Mariupol, in die vordersten Gräben am Stahlwerk Asowstal.

Artem erlitt im Gefecht einen Kopfschuss und wurde für tot erklärt. Kameraden schleppten ihn in die Bunker unter dem Werk, deren Bilder um die Welt gingen – dunkle Hallen und Gänge, in die durch die zerschossenen Decken einzelne Lichtstrahlen fielen. Dort überlebte er im improvisierten Lazarett tatsächlich. Als die Verteidiger im Mai 2022 auf Befehl ihrer Militärführung die Waffen niederlegten, um ihr Leben zu retten, geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. So erzählt es Peter Holzer.

Was dann kam, hat der Überlebende von Asowstal und der russischen Gefangenschaft auf dem Forum selbst geschildert. Im russischen Krankenhaus schlugen ihn Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte, weil er von Asow war, für sie der Inbegriff des „Nazis“. Zurück im Lager wurde er täglich gefoltert. Auf seinem Rücken, so Holzer, haben die Wärter mit Peitschen Narben in Form des Buchstabens Z hinterlassen.

Und trotzdem schreibt Artem nicht zuerst über die Schläge. Er schreibt über die Gespräche mit seinen Mitgefangenen. Sie hielten ihn mental aufrecht. „Nach den Schlägen, Folterungen und Demütigungen wurden diese Gespräche oft zum interessantesten und angenehmsten Teil unseres Tages.“ Sie redeten über Essen, wenn es kaum etwas zu essen gab, schwelgten in Erinnerungen an ihre Lieblingsgerichte und an köstliche Gerüche. Noch öfter sprachen sie über ihre Familien, über Frauen, Kinder, Eltern, Großeltern. „Wir träumten mehr davon, zu unseren Lieben nach Hause zu gehen, als von einem Festessen.“

Ein älterer Zellengenosse erzählte einmal, wie tibetische Mönche ihren Tee mit Yakbutter trinken, gegen die Kälte im Gebirge. Später, im Krankenhaus, probierte Artem Butter im schwarzen Tee. Es schmeckte ihm.

In Olenivka, dem Lager, in dem im Juli 2022 bei einer Explosion Dutzende ukrainische Gefangene starben, durften sie eine Zeit lang Dinge aufschreiben. Artem beschrieb kleine Zettel mit Rezepten, mit den Gerichten, die seine Mitgefangenen ihm genannt hatten. „Wir glaubten, dass wir bald nach Hause kommen würden, und wollten etwas Besonderes für unsere Familien kochen.“ Er schwor sich, all das zu kochen, wenn er erst frei wäre.

Bei einer Zellendurchsuchung nahmen ihm die Russen die Zettel ab. „Vielleicht kochen sie jetzt irgendwo traditionelle ukrainische und europäische Gerichte. Es waren etwa 40 Rezepte.“

Drei Jahre verbrachte Artem in Gefangenschaft, 2025 kam er bei einem Gefangenenaustausch frei. Seine Familie war schon 2022 auf seinen Wunsch nach Deutschland geflohen.

Nach seinem Auftritt auf dem Panel sprach Artem mit einer Frau, deren Mann bis heute in russischer Gefangenschaft sitzt. Sie weiß nicht, ob und wann er dort lebend herauskommt. Artem und seine Frau standen mit ihr draußen vor dem Gebäude und machten ihr Mut. Peter Holzer stand dabei. „Ich bekomme jetzt noch Tränen in die Augen, wenn ich mich daran erinnere“, sagt er.

Das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung dessen, was dieses Forum sein will. Die Veranstalter brüten jedes Jahr wochenlang über der Planung, welche Themen relevant sind und welche Panels man machen müsste. Am Ende, sagt Holzer, sei das ziemlich egal. Es brauche Menschen mit Geschichten. Wenn die Speaker feststehen, sucht man das Thema drumherum, nicht umgekehrt.

An diesem Freitag und Samstag findet das Zukunftsforum Demokratie im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf statt. Zu Gast sind unter anderem Oksana Huss, die Antikorruptionsmaßnahmen in der Ukraine evaluiert hat, und Daria Korniichuk, die mit Bürgermeistern darüber sprechen wollen, wie Städtepartnerschaften mit der Ukraine über Kleiderspenden hinauswachsen können. Die Antwortseiten berichten aus dem Backoffice, mit Außenreportern vor Ort.

Hunderte Soldaten der Asow-Brigade sitzen noch immer in russischer Gefangenschaft. Einige von Artems damaligen Mitgefangenen, schreibt er, „sind noch immer dort“.