Das Russische Haus sollte schließen. Die Entsandten verließen auf Anordnung des Auswärtigen Amts Deutschland, Kisten wurden hinausgetragen, vor der Tür wurde Abschied gefeiert.
Pustekuchen. Kaum ist die noch vor der Kündigung geplante Sommerpause vorbei, läuft drinnen der Betrieb munter weiter. Und draußen werden diejenigen noch heftiger beschimpft, die seit Jahren davor protestieren, und sogar bespuckt. Die Freunde des Russischen Hauses scheinen es der Gruppe um Henry Lindemeier persönlich anzukreiden, dass aus ihrem jahrelangen Protest am Ende politischer Druck wurde – und aus dem politischen Druck eine Kündigung.
Dabei haben die Aktivisten um den Mann mit der ukrainischen Fahne, der es mit seinem Protest weit über Berlin hinaus in die Medien geschafft hat, ja nicht mal das letzte Wort gesprochen. Das war unsere Bundesregierung, namentlich Außenminister Johann Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt, die zu der Erkenntnis gelangt sind, dass der Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle von russischer Hand gezeichnet war.
Unsere Minister werden jedoch nicht bespuckt, was ihnen auch niemand wünschen würde.
Dabei sah es Anfang September für ein paar Tage tatsächlich nach einem geordneten Ende aus. Vor dem Russischen Haus standen nach der Bekanntgabe der Kündigung eben jene Aktivisten, die schon vorher dort standen, weil sie dem Braten nicht trauen wollten. Mit ihren Handys fotografierten sie Szenen, die den Schein eines echten Aufbruchs wahren sollten: Autos fuhren vor, Gepäck wurde eingeladen, Kisten auf Karren weggerollt. Die aus Russland entsandten Mitarbeiter sollten das Land verlassen.
Wenige Tage später, am 8. September, landete die kommissarische Leiterin Swetlana Nekrassowa tatsächlich mit einer ersten Gruppe in Moskau-Wnukowo. Dort wartete bereits Igor Tschaika mit offenen Armen und Blumen. Der Mann mit den breiten Schultern ist der Chef von Rossotrudnitschestwo, der russischen Staatsagentur, die die Häuser weltweit betreibt. Er sprach aufbauende Wort und allen Heimkehrern neue Posten in der Zentrale, in anderen Russischen Häusern oder bei neuen Partnern.
Die Agentur feierte die Rückkehr stolz auf ihrer eigenen Website, das russische Außenministerium verbreitete die Bilder auf X: Das Haus möge geschlossen worden sein, aber Menschen, Verbindungen und Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte ließen sich nicht durch eine einzige Entscheidung auslöschen.
Eine weitere Gruppe, so meldete Rossotrudnitschestwo, fahre gerade mit dem wertvollen Eigentum, das sie aus dem Haus mitnehmen konnte, durch Europa und werde an der polnischen Grenze vom Leiter des Russischen Hauses in Belarus empfangen. Das waren die Kisten auf den Karren. Die Botschaft dieser Bilder ist kaum misszuverstehen: Wir haben vielleicht diese eine Schlacht verloren, aber noch lange nicht den Krieg.
Ein vermeintlich unabhängiges Kulturzentrum also, dessen Personal nach der Ausreise vom Chef der russischen Staatsagentur am Flughafen empfangen und vom Außenministerium gefeiert wird. Das ist deshalb bemerkenswert, weil das Russische Haus vor dem Verwaltungsgericht München ausgerechnet argumentiert hatte, von Rossotrudnitschestwo institutionell getrennt zu sein.
Genutzt hat es vor Ort trotzdem erst einmal nichts. Auf seiner Website versichert das Haus weiterhin, man arbeite „unter strikter Einhaltung des geltenden Abkommens“ und behaupte sich trotz „der ständigen Überwindung von Hindernissen“. Wer dort das Impressum sucht, erlebt eine Überraschung: Über die Startseite ist es schlicht nicht erreichbar, man muss den direkten Link gezielt eingeben. Dabei verlangt das deutsche Digitale-Dienste-Gesetz, dass die Anbieterkennzeichnung leicht erkennbar und unmittelbar erreichbar ist. Wer laut nach Dialog ruft, nimmt es mit der Transparenz offenbar nicht ganz so genau.
Man erfährt außerdem, dass das Haus auf dem „von uns genutzten Grundstück“ Videoüberwachung betreibt und Aufnahmen bei Bedarf an Anwälte und Strafverfolgungsbehörden weitergibt, bei Verdacht auch länger als 72 Stunden speichert. Das ist keine Theorie: Laut taz wurden Aufnahmen dieser Kameras bereits in Polizeiverfahren gegen Henry Lindemeier verwendet. Die Rundumkameras an der Fassade erfassen auch den Gehweg, auf dem er und seine Mitstreiter seit Jahren stehen. Ob die Bilderfassung zulässig ist, prüft die Berliner Datenschutzbeauftragte seit Oktober 2025. Ein Ergebnis gibt es bis heute nicht.
Drinnen läuft der Betrieb jedenfalls unbeeindruckt weiter: Filme laufen, Ausstellungen eröffnen, Sprachkurse beginnen. Besucher gehen ein und aus. Einzelne beschimpfen diejenigen, die draußen weiterhin wacker darauf aufmerksam machen, dass im Inneren des DDR-Klotzes russische „Kultur“ gepflegt wird, während zeitgleich die der Ukraine wie selbstverständlich ausgelöscht wird.
Formal können sich die Veranstalter darauf berufen, dass das gekündigte Tätigkeitsabkommen noch bis Juni 2027 gilt. Nur beantwortet das nicht die interessantere Frage: Was verteidigt man eigentlich, wenn man dieses Haus als Hort russischer Kultur verteidigt? Eine Einrichtung, die ein deutsches Gericht längst unmissverständlich eingeordnet hat.
Das Gericht hat gesprochen
Im Juni 2025 klagte das Russische Haus vor dem Verwaltungsgericht München gegen die Deutsche Bundesbank. Es wollte eingefrorene Gelder freibekommen, um seine Stromrechnungen zu bezahlen. Die Konten sind eingefroren, seit Rossotrudnitschestwo im Juli 2022 auf die EU-Sanktionsliste kam.
Die Argumentation der Anwälte lief sinngemäß so: Rossotrudnitschestwo ist sanktioniert, wir sind etwas anderes. Das Gericht widersprach nicht nur, es stellte fest, das Russische Haus sei mit Rossotrudnitschestwo „identisch bzw. deren unselbständiger Teil“. Unter anderem, weil der Direktor des Hauses mit einer Vollmacht als Vertreter der Behörde auftrat und ein russisches Präsidentendekret von 2008 die Berliner Einrichtung als offizielle Repräsentanz ausweist (Az. M 16 K 24.602). Die Klage wurde abgewiesen.
Das ist keine Meinung eines Aktivisten. Kein Kommentar. Das ist ein Urteil.
Hinzu kommt, dass Henry Lindemeier, Karin S. und andere seit Jahren erleben, dass Protest gegen dieses Haus nicht wie Protest gegen irgendein Kulturzentrum behandelt wird. Beschwerden, Anzeigen, Polizeieinsätze, Warnschilder, all das gehört zur Geschichte dieses Ortes.
Trotzdem erzählen Sahra Wagenknecht, Sevim Dağdelen, AfD-Politiker wie Christina Baum und andere bekannte Freunde Moskaus nicht erst seit der Kündigung durch die Bundesregierung, wie wichtig doch der „Kulturaustausch“ sei, der „Dialog“, und wie unverantwortlich der angebliche Angriff auf die russische Kultur.
Was die Russlandversteher nicht verstehen
Bei dieser Frage landet man ziemlich schnell bei Alexander Estis. In der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT hat der in Moskau geborene Schriftsteller in den vergangenen Wochen auf diese Inszenierung geantwortet. Seine Liste liest sich wie ein Gegenentwurf zur staatlichen Propaganda: Tolstoi, Gogol und Tschechow wurden vom russischen Staat zensiert, nicht etwa von einem garstigen Deutschland. Puschkin wurde verbannt, Dostojewski zum Tode verurteilt und nach Sibirien geschickt. Mandelstam starb im Lager, Achmatowa wurde mundtot gemacht, Bulgakow verboten, Meyerhold erschossen, Solschenizyn und Brodsky ausgebürgert.
Fast alles Herausragende der russischen Kultur, so Estis, sei nicht dank des Staates entstanden, sondern im Widerstreit mit ihm. Russische Kultur braucht den russischen Staat nicht, um russische Kultur zu sein. Sie ist nicht dasselbe wie Rossotrudnitschestwo.
Wer sich heute aber für einen Freund Russlands hält, übernimmt erstaunlich oft genau die Begriffe, mit denen der russische Staat sich selbst beschreibt. Kultur. Freundschaft. Sicherheitsinteressen. Dialog. Am Ende versteht man Russland nicht besser – man spricht nur die Sprache des Kremls.
Moskau sagt „Kultur“ – und wir diskutieren brav über Kultur.
Moskau sagt „Dialog“ – und wir verteidigen seine Idee von Dialog.
Moskau sagt „Sicherheitsinteressen“ – und wir diskutieren sie, als hätte Russland nicht selbst in Georgien und der Ukraine Grenzen mit militärischer Gewalt verschoben.
Irgendwann verteidigen deutsche Politiker dann eine sanktionierte russische Staatsagentur im Namen Puschkins. Ausgerechnet Puschkins, der in der Verbannung schmoren musste. Ob BSW, AfD, alte DDR-Nostalgiker oder alte Moskau-Romantiker, sie alle vereinen sich in neuem Trotz. Sie erklären, sie wollten Kultur verteidigen. Diejenigen, die tatsächlich jeden Tag davorstehen, sehen etwas völlig anderes.
Die Verträge bleiben
Juristisch ist die Sache kompliziert, politisch eigentlich nicht. Man muss russische Kultur nicht bekämpfen, um Rossotrudnitschestwo nicht für Kultur zu halten.
Sanktionen frieren lediglich Vermögen ein und verbieten, der gelisteten Organisation wirtschaftliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Häuser schließen sie nicht. Deshalb konnte das Russische Haus jahrelang weiter existieren.
Und was kommt, wenn ab dem 7. Juni 2027 das sogenannte Tätigkeitsabkommen nicht mehr gilt und der Betrieb in der Friedrichstraße auch nach den Paragrafen eingestellt werden muss? Haus und Grundstück gehören nach Angaben des Auswärtigen Amts seit 2025 dem Bund. Der russische Zugriff darauf ist allerdings durch ein zweites Abkommen abgesichert, das Guido Westerwelle und Sergej Lawrow 2013 unterzeichnet haben.
Es gehe nur um friedlichen Kulturaustausch, hieß es damals, nicht einmal ein Jahr, bevor sich Putin die Krim einverleibte und der Krieg im Donbass losbrach. Der Vertrag läuft 99 Jahre, bis 2112. Die harmlosen Kulturargumente waren offenbar so überzeugend, dass man sich über Generationen hinweg nicht vorstellen konnte, aus der innigen Freundschaft zwischen einem Nord-Stream-heißen Deutschland und einem gasgefüllten Russland könne je etwas anderes werden als reiner Einklang.
Und nein, der Vertrag lässt sich nicht ordentlich kündigen. Der Jurist Jens Baganz hält eine Kündigung wegen grundlegender Veränderung der Umstände nach Artikel 62 der Wiener Vertragsrechtskonvention für vertretbar. Die Bundesregierung prüft nach eigenen Angaben andere Wege. Welchen sie geht, ist offen.
Bis dahin steht der Gebäudekomplex mit rund 29.000 Quadratmetern in der Friedrichstraße weiter da. Er gehört dem Bund, wird von Russland genutzt, und drinnen beruft man sich auf Kultur und Dialog. Draußen stehen immer noch dieselben Menschen mit ihren Ukrainefahnen, werden beschimpft und inzwischen sogar bespuckt.
Sie stehen dort nicht, weil sie russische Kultur abschaffen wollen. Sie stehen dort, weil sie seit Jahren darauf hinweisen, dass russische Kultur und russischer Staat nicht dasselbe sind.
Vielleicht beginnt Russlandverstehen genau mit diesem Unterschied.
Und vielleicht sollten diejenigen, die uns seit Jahren das Gegenteil erzählen, endlich aufhören, uns auf der Nase herumzutanzen.
Quellen: Verwaltungsgericht München, Urteil vom 24.06.2025, Az. M 16 K 24.602; Verordnung (EU) 269/2014, Anhang I; Rossotrudnitschestwo, „Rossotrudnichestvo Head Igor Chaika Meets Staff of the Russian House in Berlin Returning Home“, 09.09.2026; Russisches Außenministerium auf X, 09.09.2026; Website des Russischen Hauses, abgerufen am 28.09.2026; Alexander Estis, „Ein Schlag gegen die russische Kultur?“, DIE ZEIT, 27.09.2026; Alexander Estis, „Was ihr Russlandversteher nicht versteht“, Süddeutsche Zeitung, 16.09.2026; Auswärtiges Amt, Regierungspressekonferenz vom 02.09.2026; Auswärtiges Amt, Antwort auf Anfrage der Antwortseiten vom 24.09.2026; Antwortseiten, „Geschlossen? Nicht ganz.“, 26.09.2026; Pressemappe der Antwortseiten zum Russischen Haus.
Außerdem heute auf den Antwortseiten:
Warum zwei Anschläge auf Flugplätze nur durch Zufall scheiterten, was bei Trumps Dieselrechnung nicht an der Zapfsäule ankommt, und wie Vučić zurücktritt, um zu bleiben.