Um alte Schriftrollen lesen zu können, haben Forscher neue verbrannt. Das klingt nach Fahrenheit 451 im Rückwärtsgang, ist aber Wissenschaft. Der pensionierte Erfinder Douglas Seiler hat sich Papyrus und Schilfrohrfedern aus Ägypten besorgt, dazu traditionelle Rußtinte aus Japan. Schüler beschrieben die Rollen, unter anderem mit Passagen aus Star Wars, der Bibel und The Outer Limits. Dann wurde alles zusammengerollt und unter Sauerstoffmangel verkohlt, bis es aussah wie das, worum es eigentlich geht: die Bibliothek von Herculaneum.

Ihre Schriftrollen liegen seit dem Jahr 79 in einem Zustand, den man optimistisch als Holzkohle bezeichnen könnte. Als der Vesuv ausbrach, verkohlten mehr als tausend von ihnen, und seither verzweifeln Generationen von Gelehrten, weil man sie nicht aufrollen kann, ohne sie zu zerstören. Auch Röntgentechnik half lange nur bedingt, denn Rußtinte und verkohlter Papyrus bestehen beide vor allem aus Kohlenstoff. Schwarz auf Schwarz ist ziemlich schwarz.

Ein möglicher Schlüssel heißt Blei. In einigen echten Fragmenten hatte man schon früher Blei in der Tinte gefunden, und Seilers Versuch zeigt nun: Selbst winzige Mengen genügen, damit die Buchstaben im Scan hell aufleuchten, weil Blei bis zu fünfundzwanzigmal mehr Röntgenstrahlung schluckt als der verkohlte Papyrus drumherum. Virtuell aufgerollt wurde die Versuchsrolle übrigens mit einem Programm, das eigentlich dafür gebaut war, die aufgewickelten Schichten in Lithium-Ionen-Akkus zu durchleuchten. Ein vergleichsweise billiges Handgerät reicht, um vorab zu prüfen, welche Rollen überhaupt Blei enthalten und sich für die aufwendigen Scans lohnen. Wie viele der Herculaneum-Rollen Blei in der Tinte haben, weiß noch niemand. Auch wie genau das Metall in die antike Tinte gelangte, ist nicht abschließend geklärt.

Die Pointe muss man trotzdem kurz auskosten. Der römische Baumeister, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruv warnte seine Zeitgenossen bereits im 1. Jahrhundert vor unserer Zeit vor Wasser aus Bleirohren, und nun könnte ausgerechnet das Gift in der Tinte dafür sorgen, dass Texte zurückkommen, die es womöglich nirgendwo sonst gibt, denn manche Herculaneum-Rollen sind keine Abschriften, sondern Unikate. Was den Lebenden schadete, rettet der Nachwelt die Bücher.

Wir dagegen schreiben mit nichts. Kein Blei, kein Ruß, keine Tinte, nur Strom auf fremden Servern, deren Rechnung in zwanzig Jahren vielleicht keiner mehr bezahlt. Kein Vulkan wird unsere Mails konservieren, und kein Forscher wird in zweitausend Jahren eine Cloud verkohlen, um nachzusehen, was drinstand. Vielleicht sollten wir die wichtigen Dinge wieder mit der Hand schreiben. Nicht mit Blei natürlich. Aber es wäre ein Anfang.

Quellen: PLOS ONE: A model carbonized papyrus scroll opens a novel path to identifying readable scrolls of the Herculaneum Library · UC Berkeley: To read 2,000-year-old burned scrolls, scientists burn their own · Nature: Watch scientists decipher burned scrolls without unrolling them · PNAS 2016 via PMC: Blei in Herculaneum-Fragmenten · Vitruv, De architectura, Buch VIII