Beginnen wir mit dem Erstaunlichsten an dieser Geschichte, und das ist nicht das Ungeheuer. Am Loch Ness gibt es eine Stelle, die Sichtungen entgegennimmt, prüft und durchnummeriert: das Official Loch Ness Sightings Register. Ein Tier, dessen Existenz seit 1933 ungeklärt ist, hat tatsächlich eine eigene Buchhaltung. Die steht in diesem Jahr bereits bei Nummer 16. Nummer 17 liegt nun zur Prüfung vor – und kam per Mausklick.
Julie Fraser aus Nordostengland wollte eigentlich nur eine Schottlandreise planen und schaute auf Google Earth über den See. Dabei fielen ihr drei längliche Objekte auf. Ihr Befund: keine Boote, eher Wale oder etwas ähnlich Geformtes. Für die Bootstheorie spricht tatsächlich wenig, denn ein Ausflugsboot im selben Bild zieht eine deutliche Welle hinter sich her. Die drei Objekte nicht. Daraus folgt, sauber deduziert: Boote eher nicht. Wale in schottischen Binnenseen eher selten. Und der Ort heißt nun einmal Loch Ness. Wer will da kleinlich werden?
Nebenbei schließt sich ein Kreis. Gemeldet hat Frasers Fund der Inverness Courier, dieselbe Lokalzeitung, die 1933 die erste moderne Sichtung druckte und das Wesen dabei überhaupt erst ein „monster“ nannte, oder wie wir es nennen: Ungeheuer. Sein Körper, hieß es damals, ähnele dem eines Wals. Vorher war es bloß ein Kelpie, ein schottischer Wassergeist.
Bemerkenswert ist ohnehin etwas anderes. Es wäre bereits die dritte Sichtung dieses Jahres, die auf digitalem Weg zustande kam, die beiden anderen stammen von Webcams. Das Ungeheuer hat sich also nicht verändert, wir haben uns verändert. Früher musste man für Nessie noch nach Schottland fahren, stundenlang im Nieselregen auf einen dunklen See starren und sich anschließend vom Nachbarn auslachen lassen. Heute sitzt man auf dem Sofa, zoomt in ein Satellitenbild und reicht den Fund digital zur Prüfung ein. Der Mythos ist im Homeoffice angekommen.
Und vielleicht ist genau das die beruhigendste Nachricht daran: Während draußen alles immer komplizierter wird, arbeitet irgendwo in Schottland noch jemand gewissenhaft eine Liste ab. Sechzehn Sichtungen geprüft, eine offen. Für ein Ungeheuer, das es vermutlich nicht gibt, gar keine schlechte Verwaltungsbilanz.
Quellen: Inverness Courier: Loch Ness Monster spotted from space? · Inverness Courier: What sparked the mystery of the Loch Ness Monster 90 years ago?