Eine Stadt verhungert. Nicht irgendwo in einem fernen Land, von dem wir diesen Horror gewohnt sind, sondern in Europa, im Jahr 2026, und mit voller Ansage. Die Menschen dort kochen Suppe aus Gras. Sie schlachten ihre letzten Tiere, weil es kein Futter mehr gibt, und tauschen in Chatgruppen Tipps aus, welches Unkraut der menschliche Magen noch verträgt. Selbst die ukrainische Verwaltung der Stadt wollte das ganze Ausmaß des Grauens zuerst nicht glauben, inzwischen hat es ihr jemand vor Ort bestätigt: Einzelne Familien essen Hunde, weil nichts anderes mehr da ist. Im Keller des Krankenhauses liegen nach ihren Angaben rund hundert Tote, manche schon seit dem Winter. Wer die sterbende Stadt verlassen will, geht zu Fuß, bei Tageslicht, damit er sieht, ob er auf eine Tretmine tritt, und damit die Drohnen erkennen, dass da keine Soldaten laufen, sondern fliehende Zivilisten.

Ukrainern muss man nicht erklären, woran sie das erinnert. Sie haben ein eigenes Wort dafür: Holodomor, Tötung durch Hunger, so heißt, was Stalin 1932 und 1933 mit ihrem Land gemacht hat. Ob hinter dem, was hier geschieht, ein Plan steckt oder nur eine Besatzungsmacht, der diese Menschen gleichgültig sind, wissen wir nicht. Für das Völkerrecht ist beides kein Freispruch. Wer Aushungern als Mittel der Kriegführung einsetzt, begeht ein Kriegsverbrechen. Und wer eine Stadt besetzt, muss ihre Bewohner ernähren, ob es ihm passt oder nicht.

Das Groteske an dieser Geschichte ist, dass seit Monaten ein Weg auf dem Tisch liegt, diese Menschen herauszuholen. Im Mai war nach ukrainischen Angaben alles für ihre Evakuierung vorbereitet, bis auf eine einzige Kleinigkeit, die fehlte: der exakte Tag, an dem die Waffen schweigen. Diesen Tag hat Moskau nie genannt.

Die Stadt heißt Oleschky. Sie liegt am linken Ufer des Dnipro, gegenüber von Cherson, und ist seit den ersten Tagen der Vollinvasion russisch besetzt. Über den Fluss hinweg bekämpfen sich beide Seiten mit Drohnen und Artillerie, die Stadt liegt mitten in der Schusslinie.

Vor dem Krieg lebten hier rund 24.000 Menschen. Viele flohen 2022, viele weitere nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023, als das Wasser die Stadt überflutete. Wie viele heute noch da sind, weiß niemand genau. Die Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung von Oleschky, Tetjana Hasanenko, spricht von rund 2.000 Menschen in der Stadt und etwa 6.000 in der gesamten Gemeinde samt Umland, darunter 182 Kinder. Unabhängige Reporter kommen nicht hinein, vieles lässt sich nicht überprüfen.

Was sich überprüfen lässt, reicht allerdings. Nach Angaben der UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine hat Oleschky seit dem 26. Mai keine Lebensmittellieferung mehr erhalten, der letzte Lebensmittelladen hatte schon Monate vorher den Betrieb eingestellt. Strom gibt es nicht mehr, Gas kam zuletzt 2024 aus der Leitung, Wasser holen die Bewohner aus Brunnen. In diesem Jahr zählt die UN in Oleschky und im nahen Hola Prystan mindestens 29 getötete und 54 verletzte Zivilisten.

Was Moskau sagt

Bestritten wird die Katastrophe nicht einmal in Moskau. Am 21. September erklärte der Kreml, Oleschky habe kritische Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, das russische Militär arbeite an einer Lösung. Kremlsprecher Dmitri Peskow gab der Ukraine die Schuld: Beschuss und Drohnen machten Lieferungen unmöglich, Kyjiw tue alles, um sie zu verhindern.

Peskows Darstellung hat einen wahren Kern. Aber wie so oft, wenn der Kreml spricht, ist das Weggelassene wichtiger als das Gesagte. Zum wahren Kern gehört: Die UN-Mission hat festgehalten, dass das russisch kontrollierte Gebiet von ukrainischen Kurzstreckendrohnen angegriffen wird. Im März traf ein Drohnenangriff in Oleschky Menschen, die für Lebensmittel anstanden, im Mai wurde ein verletzter Sanitäter bei einem zweiten Angriff getötet, mit ihm ein Mann, der ihm helfen wollte. Wer geschossen hat, konnte die UN nicht in jedem Fall feststellen. Human Rights Watch fand Hinweise auf ukrainische Drohnen und möglicherweise auch ukrainische Minen auf den Straßen, konnte aber weder deren Umfang noch die Verantwortung für einzelne Vorfälle klären, in diesem Krieg haben beide Seiten Antipersonenminen eingesetzt. Ein Mann, der vor zwei Wochen mit seiner Familie zu Fuß aus der Stadt geflohen ist, hat dem Spiegel erzählt, die Ukrainer verminten die Straßen, um die russischen Nachschubwege zu kappen.

Nur folgt daraus nicht, was Peskow daraus macht. Der Geflüchtete aus dem Spiegel sagt nämlich auch, die Russen ließen die Menschen nicht gehen und nutzten Zivilisten als Deckung, und er ist damit nicht allein. Die OSZE hat Berichte erhalten, wonach russische Kräfte Bewohner am Verlassen der Stadt hinderten und Zivilisten zum Schutz militärischer Stellungen benutzten. Geflüchtete berichteten Human Rights Watch, dass es keinen organisierten sicheren Fluchtweg gab und sie durch russische Militärkontrollen mussten, an denen Soldaten nach Gutdünken entschieden, wer weiterdarf. Wer heute hinauswill, muss laut ABC News erst tiefer ins besetzte Hinterland, vorbei an russischen Kontrollposten, und zahlt für Fahrer, Essen und Unterkunft bis zu 500 Dollar pro Person.

Auch was mit den Lieferungen geschieht, erzählt Peskow nur zur Hälfte. Ukrainische Drohnenpiloten berichten ABC von russischen Soldaten, die Häuser plündern, in Zivilkleidung zwischen Zivilisten Deckung suchen und Militärfahrzeuge in zivilen Farben tarnen. Wer so kämpft, macht jedes Auto auf der Straße zum Verdachtsfall, auch das mit den Lebensmitteln. Eine Freiwillige berichtet der Ukrainska Pravda, russische Soldaten hätten Menschen ausgeraubt, Lebensmittelkonvois gestoppt und die Waren an sich genommen. Nach Recherchen des Kyiv Independent haben russische Drohnen Lieferfahrzeuge angegriffen, Anfang September gleich fünf auf einmal. Beim Konvoi vom 2. Juni gehen die Angaben auseinander: Die UN spricht von einer Mine, ein Mann starb, drei wurden verletzt, ukrainische Medien berichten von russischen Drohnen und zwei toten Fahrern. Und laut UN hat Russland den Hilfsorganisationen, die UN eingeschlossen, keinen sicheren Zugang zu Oleschky gewährt.

Bleibt Peskows Behauptung, Kyjiw tue alles, um Lieferungen zu verhindern. Sie hält der Gegenprobe nicht stand. Ja, die Ukraine versucht, den russischen Waffen-Nachschub abzuschneiden. Ein ukrainischer Marineinfanterist räumt gegenüber der Ukrainska Pravda offen ein, dass bestimmte Wege vermint werden, um russische Waffenlieferungen zu stoppen. Die Hauptstraße werde aber nach seinen Worten freigehalten, damit Zivilisten die Stadt verlassen können, manche würden sogar mit Drohnen über vergleichsweise sichere Routen hinausgelotst. Schon im Mai hat die ukrainische Marineinfanterie nach eigenen Angaben mit großen Drohnen Lebensmittel und Medikamente nach Oleschky gebracht, anfangs mit Erfolg, bis russische Kräfte begannen, die Drohnen mit den Hilfspaketen abzuschießen. Nach Angaben der ukrainischen Verwaltung der Stadt fingen russische Kräfte solche Lieferungen ab oder machten die Häuser ausfindig, in denen sie landeten, und warfen den Bewohnern Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Militär vor. Eine Familie sei nach einer solchen Lieferung festgenommen worden, ihr Verbleib sei unbekannt. Im September erklärte der ukrainische Minister für Gemeinden und Territorien, Vitalij Besgin, erneut, Kyjiw sei bereit, Drohnen ausschließlich für humanitäre Lieferungen einzusetzen, Russland lasse das nicht zu.

Für die Evakuierung hat die Ukraine nach Angaben ihres Menschenrechtsbeauftragten einer eintägigen Feuerpause zugestimmt. Kyjiw stimmte damit sogar einer Evakuierung zu, bei der die Menschen ausschließlich über russisch kontrolliertes Gebiet herausgebracht worden wären. Dass so etwas funktionieren kann, hat der Mai gezeigt: Während einer dreitägigen Abschwächung der Kämpfe vom 9. bis 11. Mai konnten Freiwillige laut UN 32 Menschen aus Oleschky herausbringen, insgesamt sind auf improvisierten Wegen rund 180 entkommen.

Und noch etwas passt nicht zu Peskows Erklärung, wegen ukrainischer Angriffe komme nichts mehr durch. Es kommt offenbar sehr wohl etwas durch, nur nicht unbedingt das, was die Bewohner brauchen. Die Ukrainska Pravda berichtet aus Oleschky, dass die russischen Truppen weiter mit Waffen versorgt werden, während selbst bei den Soldaten das Essen knapp werden kann. Ein Gesprächspartner bringt es auf eine einfache Rechnung: Müssten russische Soldaten entscheiden, ob sie 20 Kilo Drohnen und Munition schleppen oder 20 Kilo Lebensmittel, nähmen sie die Drohnen. Noch brisanter ist eine Aussage von Serhij Nikitenko, Chefredakteur des regionalen Mediums MOST: In der Woche vor dem 20. September seien Lebensmittel in die Stadt gebracht worden, zusammen mit Drohnen und Munition, danach hätten die Drohnenangriffe auf Cherson zugenommen. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Sollte es aber stimmen, wäre die Frage nicht mehr, ob Versorgung nach Oleschky möglich ist, sondern was Russland dabei für wichtiger hält.

Selbst wer Moskaus Version glauben wollte, käme an der Rechtslage nicht vorbei. Nach Artikel 55 und 59 der Vierten Genfer Konvention muss die Besatzungsmacht die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen und Hilfe zulassen, darauf weisen die UN-Mission und der Menschenrechtskommissar des Europarats ausdrücklich hin. Russlands Verantwortung endet nicht beim Verweis auf ukrainische Drohnen. Und wenn Versorgung angeblich zu gefährlich ist, gibt es den anderen Weg, dem Kyjiw längst zugestimmt hat: die Menschen herauszuholen.

Ein Korridor auf dem Papier

Über genau diesen Weg wird seit Monaten verhandelt. Den Verlauf kennt man fast ausschließlich aus einer Quelle, dem ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinets. Nach seinen Angaben erfuhr sein Büro im Februar von der Lage, am 5. März bat er das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erstmals um einen humanitären Korridor. Mitte Mai gab es Gespräche mit der russischen Seite, und am 22. Mai erklärte Lubinets, die technischen Details der Evakuierung seien abgestimmt. Es fehle nur noch ein Termin für eine Feuerpause. Die Ukraine habe eine Liste der Menschen erstellt und mit der eigenen Armee die Waffenruhe vorbereitet. Die UN-Mission beschreibt das nüchterner: Bis Ende Juni sei keine Vereinbarung zustande gekommen.

Der Termin kam nicht. Am 1. Juli bat Lubinets das Rote Kreuz, eine Feuerpause für den 3. Juli zu erwirken, von 9 bis 18 Uhr. Auch daraus wurde nichts. Mitte September erklärte er, die russische Seite bestätige ihre Bereitschaft zu der Mission seit Längerem nicht mehr. Sein Büro hat inzwischen 358 Menschen erfasst, die dringend Hilfe brauchen, um die Gegend sicher zu verlassen, und das seien nur die, die man habe identifizieren können.

Das Rote Kreuz äußert sich vorsichtig: Es sei bereit zu helfen, wenn beide Parteien es anfordern und Sicherheitsgarantien bestehen. Lubinets beschreibt die Antwort auf seine Appelle deutlicher. Die Parteien sollten die Feuerpause selbst herstellen und sich direkt einigen, dann helfe das IKRK. Die UN-Mission bestätigt, dass es bei der organisierten Evakuierung und einer lokalen Feuerpause seit Monaten keinen Fortschritt gibt. Am 25. September hat sich der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O'Flaherty, eingeschaltet und eine sofortige Feuerpause für das Gebiet gefordert, dazu freien Zugang für Helfer und eine sichere Evakuierung. Es ist genau die Feuerpause, auf die das Rote Kreuz seit Monaten wartet.

Die Frage, die niemand beantwortet

Man muss Lubinets nicht in jedem Punkt folgen, um die entscheidende Frage zu stellen. Wenn im Mai alles Technische geklärt war, warum gibt es vier Monate später keinen Termin? Moskau hat darauf bisher nicht geantwortet. Es hat der Darstellung von Lubinets, soweit wir sehen, aber auch nicht öffentlich widersprochen. Der Kreml räumt die Not ein, verweist auf ukrainische Drohnen und sagt kein Wort zu einer Evakuierung, über die angeblich längst verhandelt wurde. Das ist die eigentliche Leerstelle dieser Geschichte.

Die zweite Leerstelle liegt näher. In New York hat der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha in dieser Woche bei der UNO die versammelten Diplomaten gebeten, wenn sie nur eine Sache mitnähmen, dann diese: „Erinnern Sie sich an Oleschky.“ Er hat die internationale Gemeinschaft aufgefordert, alle verfügbaren Mittel zu nutzen, um die Menschen zu versorgen und denen, die gehen wollen, die Evakuierung zu ermöglichen. Eine öffentliche Äußerung der Bundesregierung zu Oleschky haben wir nicht gefunden. Wir fragen am Montag beim Auswärtigen Amt und beim Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung nach, ob und wie sich Deutschland für einen Korridor eingesetzt hat, und reichen die Antworten nach.

Eine Frau, die in Oleschky geblieben ist, hat dem Spiegel erzählt, sie habe mitbekommen, dass über ihre Stadt bei der UN gesprochen wurde. Dass sich deshalb etwas ändert, glaubt sie nicht mehr. Man kann es ihr nicht verdenken. Es fehlt ja, wenn man Kyjiw glaubt, nur ein Datum. Seit vier Monaten.

Quellen