In New York, am Rande der UN-Generalversammlung, haben diese Woche gleich mehrere Politiker versucht, Europa etwas zu sagen.

Johann Wadephul erklärte im UN-Sicherheitsrat, Russlands hybride Angriffe auf die Unterstützer der Ukraine hätten eine „neue Stufe“ erreicht. Als Beispiel nannte er Leipzig: den Drohnenvorfall vom August, bei dem Russland nach Darstellung der Bundesregierung versucht habe, zwei Frachtflugzeuge mit einer sprengstoffbeladenen Drohne zu treffen.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha hielt schon das Wort „hybrid“ für eine Verharmlosung.

„Drop this word“, sagte er im Sicherheitsrat und zählte auf, was unter diesem Stichwort alles in einen Topf geworfen wird: Brandstiftung, Attentate, Cyberangriffe, Desinformation, Wahleinmischung, die Instrumentalisierung von Energie, Lebensmitteln und Migration sowie Drohnen und Raketen im NATO-Luftraum.

Emmanuel Macron warnte in seiner letzten Rede vor der UN-Generalversammlung gleich vor einem „neuen Zeitalter der Barbarei“, in dem die Zerstörung ziviler Infrastruktur industrialisiert werde. Im französischen Fernsehen zeigte er dann nach Russland, das Europa als die strategische Tiefe der Ukraine betrachte.

Anders ausgedrückt: Für Russland ist Europa die Steckdose, an der die Ukraine hängt. Und das Übungsgelände, auf dem Moskau testet, wie man ihr den Stecker zieht – und großen Teilen Europas gleich mit.

Derweil versicherte Wladimir Putin am Freitag in St. Petersburg der Welt, Russland bereite sich auf keinerlei Kampf mit Europa vor. Natürlich.

Das Beruhigende daran: Morgen früh werden vermutlich tatsächlich keine russischen Panzer über die deutsche Grenze rollen.

Das weniger Beruhigende: Dafür müssen sie nicht mal über eine Grenze.

Im Juli 2024 fing am Flughafen Leipzig ein Paket Feuer, kurz bevor es in ein DHL-Flugzeug geladen werden sollte. Es war nicht das einzige: Ein zweites ging in einem Transporter in Polen in Flammen auf, ein drittes in einem Lager in Birmingham. Europäische Ermittler haben inzwischen 22 Verdächtige identifiziert, die mutmaßlich im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU gearbeitet haben. Sicherheitsbehörden werteten die Paketserie als Testlauf für Anschläge auf Frachtflüge in die USA.

Im August 2026 landete Russlands nächste Botschaft in Leipzig. Diesmal per Drohne. Nach Medienberichten passt eine an der Sprengstoffdrohne gesicherte DNA-Spur zu einer Spur aus der Paketbrandserie von 2024. Laut „Zeit“ zeigen Videoaufnahmen, dass die Drohne eine ukrainische Antonow-Frachtmaschine anflog, an einer Tragfläche abprallte und zu Boden fiel.

Und Anfang September flogen in München Brandsätze auf eine Baustelle direkt neben den Zentralen zweier Rüstungsfirmen: Rohde & Schwarz, Ausrüster der Bundeswehr, und der Drohnenhersteller Helsing, der die Ukraine beliefert. Zwei Tatverdächtige aus Bulgarien sitzen in Untersuchungshaft. Nach FAZ-Informationen sehen Ermittler dahinter einen russischen Geheimdienst; offiziell bestätigt ist das bislang nicht.

Das eigentlich Beunruhigende an diesen Geschichten ist vielleicht nicht nur, was versucht wurde. Sondern wie oft bislang nichts Katastrophales passiert ist.

Das DHL-Paket fing Feuer, als es noch nicht im Flugzeug war – weil es Verspätung hatte.

Die Drohne explodierte nicht, vermutlich weil der Zünder abriss.

In München war das Feuer schnell gelöscht, ein weiterer Brandsatz wurde entschärft – vermutlich auch, weil jemand zur richtigen Zeit hingeschaut hat.

Das ist erfreulich.

Aber es ist auch jede Menge Glück. Und Glück eignet sich kaum für eine Sicherheitsarchitektur.

Nehmen wir die Warnungen dieser Woche einmal ernst. Sollte es Russland auf uns abgesehen haben, dann reden wir nicht nur über den Schutz von acht großen deutschen Flughäfen, sondern über unzählige Umspannwerke, Häfen, Rechenzentren, Bahnstrecken, Rüstungsbetriebe, Stromnetze und Pipelines.

Und über Angriffe, die eben nicht alle in Form einer Drohne kommen. Ein Brandsatz hier, ein Paket mit Sprengstoff da – damit lässt sich fast unbemerkt großer Schaden anrichten.

Deutschland tut inzwischen einiges. Die Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei soll auf 300 Kräfte an acht Standorten wachsen. Acht Großflughäfen werden bei der Ausstattung mit Detektions- und Abwehrtechnik priorisiert. Für 2026 hat der Haushaltsausschuss der Bundespolizei zusätzlich 50 Millionen Euro für Drohnenabwehr bewilligt – 30 Millionen für Systeme an Verkehrsflughäfen, 20 Millionen für operative Einheiten.

Klingt nach viel.

Bis man die Größenordnung danebenlegt.

Litauen, etwas kleiner als Bayern, baut gerade eine einzige strategisch wichtige Umspannstation nahe Kaliningrad so um, dass sie auch Angriffe mit Sprengstoffdrohnen überstehen soll: Die Transformatoren kommen in Sarkophage aus Spezialbeton, der Zaun soll einem Lastwagen voller Sprengstoff standhalten, und die Gebäude stehen so weit vom Zaun weg, dass kein Molotowcocktail sie erreicht.

Das kleine Land rechnet dafür mit Mehrkosten von mindestens 48 Millionen Euro.

Sicher, das kann man nicht eins zu eins vergleichen.

Aber man kann es nebeneinanderlegen:

30 Millionen Euro für zusätzliche Drohnenabwehrsysteme an deutschen Verkehrsflughäfen.
Mindestens 48 Millionen Euro Mehrkosten für die Härtung eines einzigen litauischen Umspannwerks.

Und Deutschland hat ein paar Umspannwerke mehr als Litauen. Allein Berlin, mit mehr Einwohnern als ganz Litauen, betreibt 71 Umspannwerke und 17 Netzknoten.

Nicht jedes davon braucht einen Betonsarkophag. Aber wer anfängt zu rechnen, merkt schnell, dass hier keine Millionenbeträge mehr reichen.

Unter diesem Gesichtspunkt bekommt der Satz „Wir müssen unsere kritische Infrastruktur schützen“ plötzlich ein Preisschild. Und die Summe darauf dürfte erheblich größer sein als alles, was bislang konkret sichtbar auf dem Tisch liegt.

Man kann nicht vor jedes Umspannwerk zwei Polizisten stellen. Man kann nicht jede Bahnstrecke einzäunen. Und man kann schon gar nicht jeden möglichen Brandsatz, jede Drohne und jeden Cyberangriff mit derselben Technik abwehren.

Deshalb braucht es Prioritäten, Redundanzen, Sensorik, Personal, mobile Abwehr, Ersatzsysteme – und Geld.

Viel Geld.

Und zwar in einem Haushalt, in dem zwischen Tankrabatt, Rente, Verteidigung und maroden Brücken jeder Euro schon dreimal vergeben scheint.

Putin mag sogar recht haben, dass er morgen keinen offenen Krieg mit Europa beginnen will. Das ist inzwischen fast die falsche Frage.

Die wichtigere lautet: Was sind wir bereit auszugeben, damit aus dem nächsten gescheiterten Anschlag nicht irgendwann ein erfolgreicher wird? Die Antwort darauf müssen die geben, die Verantwortung tragen.

Wer sich im UN-Sicherheitsrat hinstellt und von einer neuen Stufe der Bedrohung spricht, muss irgendwann auch sagen, was daraus folgt:

Welches Schutzniveau ist das Ziel?

Was kostet es?

Welche Infrastruktur hat Priorität?

Und welches Geld wird dafür an anderer Stelle nicht ausgegeben?

Man kann entscheiden, dass anderes wichtiger ist: Kindergärten, Renten, Brücken, Entlastungen. Und demnächst womöglich Putin auf unserem Schoß.

Das ist eine politische Entscheidung.

Was aber nicht funktioniert: eine immer ernstere Bedrohung zu beschreiben und gleichzeitig so zu tun, als ließe sich ihre Abwehr nebenher finanzieren.

Welchen Weg die Regierung auch einschlägt: Wir sollten zumindest aufhören, es Abwehrfähigkeit zu nennen, wo wir einfach großes Schwein hatten.

Denn bislang heißt unser stärkster Verbündeter:

Glück.

Quellen und Recherchehinweise

  • UN-Sicherheitsrat, 23. September 2026: Aussagen von Johann Wadephul und Andrij Sybiha.
  • Emmanuel Macron, Rede vor der UN-Generalversammlung, 22. September 2026; Interview mit TF1 und France 2, 24. September 2026.
  • Bundesregierung / Regierungspressekonferenz vom 10. August 2026: Ausbau der Drohnenabwehreinheit auf 300 Kräfte an acht Standorten; priorisierte Großflughäfen; unterschiedliche Ausstattung und laufende Vergaben.
  • Deutscher Bundestag, Haushaltsausschuss zum Etat 2026: zusätzlich 50 Mio. Euro für Drohnenabwehr der Bundespolizei, davon 30 Mio. Euro für Systeme an Verkehrsflughäfen und 20 Mio. Euro für operative Einheiten.
  • Eurojust: Ermittlungen zur Paketbrandserie von 2024 und 22 identifizierte Verdächtige mit mutmaßlichen Verbindungen zum GRU; Reuters zu Ablauf und Zielen der Paketserie.
  • ORF, 10. August 2026: Paket in Leipzig fing wegen einer Verspätung am Boden Feuer.
  • Medienberichte von t-online, Bild und Zeit zur DNA-Spur und zum Ablauf des Leipziger Drohnenvorfalls im August 2026.
  • Keystone-SDA/swissinfo, 3. September 2026: Brandanschläge auf Baustellen im Umfeld Münchner Rüstungs- und Sicherheitsfirmen.
  • FAZ (via dts) und Abendzeitung München, 25. September 2026: Ermittler sehen offenbar einen russischen Geheimdienst hinter dem Münchner Anschlag; Generalstaatsanwaltschaft bestätigt nicht.
  • Reuters, 22. September 2026: Härtung der Umspannstation Gižai in Litauen; mindestens 48 Mio. Euro zusätzliche Sicherheitskosten.
  • Stromnetz Berlin: 71 Umspannwerke und 17 Netzknoten im Berliner Verteilnetz.
  • Auswärtiges Amt: Wadephuls Rede im UN-Sicherheitsrat (Leipzig, zwei Frachtflugzeuge).
  • Die Zeit, August 2026: Auswertung der Kameraaufnahmen zum Leipziger Drohnenvorfall.
  • AFP / Meduza, 25. September 2026: Putins Aussage, Russland bereite keinen militärischen Konflikt mit Europa vor.