Zwanzig Minuten, ein Handschlag, zwei Männer, die sich erkennbar wenig zu sagen hatten. Mehr war es nicht, als Johann Wadephul am Samstag am Rande der UN-Generalversammlung Sergej Lawrow traf, zum ersten Gespräch auf Außenministerebene seit Annalena Baerbocks Besuch in Moskau im Januar 2022. Und trotzdem reicht es für zwei Empörungen, die sich gegenseitig ausschließen. Für die einen hat Deutschland damit die Ukraine verraten, für die anderen hat es sich vor Moskau klein gemacht. Beide Vorwürfe verdienen es, einmal ernst genommen und zu Ende gedacht zu werden.
Fangen wir mit dem Verrat an. Wenn Reden Verrat ist, dann war Schweigen Treue. Nur hat das Schweigen der vergangenen Jahre die Ukraine nie geschützt. Geschützt haben sie Waffen, Geld und Sanktionen, und wer jetzt ruft, was die denn gebracht hätten: Kyjiw steht, und Russland hat nach mehr als viereinhalb Jahren nicht erreicht, was es in wenigen Tagen erreichen wollte. Das Schweigen dagegen hat Moskau nicht beeindruckt. In dieser Zeit kamen eine Drohne mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig, geschlossene Goethe-Institute in Russland und ein Lawrow, der Deutschland vorwirft, wieder Krieg zu wollen. Schweigen war nie Druck, es hat nur den einen Kanal geschlossen, über den man Moskau direkt sagen kann, dass man sich das nicht bieten lässt. Genau das hat Wadephul getan. Genau das hat Wadephul getan. Er nannte den Drohnenangriff auf Leipzig nicht akzeptabel, warnte Russland, dass Deutschland sich verteidigen könne, und knüpfte bessere Beziehungen an ein Ende des Angriffskriegs. Über die Ukraine verhandle er nicht, sagte er, das machten die Ukrainerinnen und Ukrainer selbst. Wer darin Verrat sieht, müsste erklären, welcher dieser Sätze es war.
Dann der zweite Vorwurf, das Einknicken. Wenn Deutschland eingeknickt wäre, müsste Lawrow zufrieden sein. Ist er aber nicht. Er beklagte hinterher, Deutschland habe in letzter Minute um das Treffen gebeten, Wadephul habe ihn herablassend behandelt und im Gegenzug für das Gespräch Zugeständnisse in der Ukraine und bei der Schifffahrt im Schwarzen Meer erwartet. Im Grunde hätte der deutsche Minister ihn auch einfach anrufen und auf seine Erklärung verweisen können. Er habe nichts Neues gehört. Wadephul habe seine Notizen hervorgeholt und wortwörtlich wiederholt, was die deutsche Führung täglich öffentlich sage. Wer so beleidigt reagiert, hat selten gewonnen. Und der letzte Vorwurf ist das beste Zeugnis, das Wadephul hätte bekommen können: Er hat Lawrow ins Gesicht gesagt, was die Bundesregierung ohnehin öffentlich sagt. Das nennt man Konsistenz. Pikant am Rande: In New York hieß es auch, Lawrow selbst habe vorher über Drittstaaten Gesprächsbereitschaft signalisiert. Wer die Tür aufhält, sollte sich hinterher nicht über den Besuch beschweren.
Überhaupt verrät Lawrows Auftritt mehr über Moskau als über Berlin. Russland kann schwerlich jahrelang beklagen, der Westen wolle keinen Frieden, und anschließend ein Gespräch mit dem deutschen Außenminister als Zumutung darstellen. Es sei denn, man versteht unter Gespräch etwas anderes: nicht den Austausch von Positionen, sondern die Entgegennahme von Zugeständnissen. Ein Treffen, in dem jemand widerspricht, zählt in dieser Logik nicht als Dialog, sondern als Anmaßung.
Diplomatie ist aber kein Belohnungssystem. Man spricht nicht nur mit Leuten, deren Positionen man akzeptabel findet. Gerade zwischen Gegnern ist sie dafür da, Forderungen direkt zu übermitteln, Eskalationsrisiken zu begrenzen, Kanäle offen zu halten und auszuloten, ob irgendwo eine konkrete Vereinbarung möglich ist. Wadephul hat das selbst so begründet: Kollegen hätten ihn darum gebeten, er wolle den Austausch mit Russland nicht allein den Amerikanern überlassen, und selbst im Kalten Krieg habe man miteinander geredet. Ob das Gespräch etwas gebracht hat, ist eine zweite Frage. Dass es stattfand, ist noch keine Antwort darauf.
Vielleicht verrät die Aufregung über diesen Handschlag deshalb mehr über unsere Debatte als über Wadephuls Außenpolitik. Wir haben uns angewöhnt, Diplomatie entweder als Versöhnungsritual oder als Kapitulation zu betrachten. Dabei kann ein Gespräch etwas sehr Unromantisches sein: Man setzt sich zwanzig Minuten gegenüber, sagt einander ins Gesicht, worüber man sich nicht einig ist, und steht danach immer noch auf derselben Seite wie vorher. Und man darf fragen, wem es nützt, wenn jeder Kontakt reflexhaft als Verrat gebrandmarkt wird, auch von Accounts, die sich selbst für die lautesten Freunde der Ukraine halten. Ob aus Erschöpfung, aus Wut oder aus anderen Gründen, das Ergebnis wäre jedenfalls ganz in Moskaus Sinn: ein Europa, das nicht mitredet, während Washington und der Kreml unter sich ausmachen, was aus der Ukraine wird.
Zu Ende gedacht bleibt am Schluss allerdings eine Frage, die schwerer wiegt als der Handschlag. Wenn man einen Kanal schon öffnet, wofür benutzt man ihn? Nach eigenen Worten hat Wadephul in New York auch über Getreideexporte gesprochen, aus Russland und vor allem aus der Ukraine, weil der Globale Süden darauf angewiesen ist. Gleichzeitig verhungert unter russischer Besatzung die Stadt Oleschky, und für ihre Evakuierung fehlt laut Kyjiw seit Monaten nur ein Datum aus Moskau, damit es losgehen kann. Ob das in den zwanzig Minuten zur Sprache kam, ist bisher nicht bekannt. Die Anfrage hierzu geht morgen ans Auswärtige Amt raus.
Reden ist kein Nachgeben. Aber Reden ohne Anliegen wäre genau die Zeitverschwendung, die Lawrow unserem Außenminister schon vorgeworfen hat.