Er galt als unversöhnlicher Antikommunist, als Kanzler der Westbindung, und trotzdem lag im Juni 1955 eine Einladung aus Moskau auf seinem Tisch. Konrad Adenauer nahm sie an. Im September reiste er mit einer Delegation von 141 Personen in die Sowjetunion, darunter sein umstrittener Staatssekretär Hans Globke und der Sozialdemokrat Carlo Schmid. Vorher hatte er angekündigt, was für ihn das wichtigste Thema sein werde: die Heimkehr der Kriegsgefangenen. Zehn Jahre nach Kriegsende saßen noch immer Tausende Deutsche in sowjetischen Lagern.

Freundlich wurde es nicht. Ministerpräsident Bulganin verlas eine Erklärung, in der er Adenauer eine aggressive „Politik der Stärke“ vorwarf, die Forderung nach den Gefangenen ausdrücklich eingeschlossen. Wo das Auswärtige Amt 8.477 namentlich bekannte Kriegsgefangene zählte, sprach Bulganin von 9.626 verurteilten Kriegsverbrechern. Wer gestern Außenminister Lawrows Klagen über den herablassenden Deutschen liest, erkennt die Tonlage wieder. Moskau beschimpft mitunter zuerst den, mit dem es gleich darauf verhandelt.

Verhandelt wurde trotzdem, mehrfach standen die Gespräche kurz vor dem Abbruch. Am Ende standen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und das sowjetische Ehrenwort, die Gefangenen freizulassen. Wie man heute weiß, hatte die sowjetische Führung eine Rückführung intern bereits vorbereitet, in Moskau machte sie daraus trotzdem ein hart verhandeltes Faustpfand.

Ein Versprechen unter vier Augen genügte Adenauer allerdings nicht, er verlangte, dass Bulganin und Chruschtschow ihr Ehrenwort vor der Presse wiederholten. In der Frage, die er selbst stets zu seinem obersten Ziel erklärte, der Wiedervereinigung, erreichte er nichts. Am 7. Oktober 1955 kamen die ersten 600 Heimkehrer im Grenzdurchgangslager Friedland an, bis Anfang 1956 folgten insgesamt 9.626 Kriegsgefangene und mehr als 20.000 Zivilinternierte. Die Wiedersehensszenen auf dem Bahnsteig gehören bis heute zum Bildgedächtnis der Bundesrepublik.

Zur Geschichte gehört auch, was danach verschwiegen wurde. Viele der Heimkehrer waren in sowjetischen Scheinprozessen verurteilt worden, manche wegen angeblicher, manche wegen tatsächlicher Kriegsverbrechen. Was sie zwischen 1941 und 1944 in der Sowjetunion getan hatten, danach fragte in der Bundesrepublik lange kaum jemand. Das passte zum Klima der Zeit: Aus verurteilten Kriegsverbrechern wurden im westdeutschen Sprachgebrauch „Kriegsverurteilte“, als habe der Krieg sie verurteilt, wie der Historiker Norbert Frei bemerkt.

Einundsiebzig Jahre später sitzt wieder ein Christdemokrat einem Mann aus dem Kreml gegenüber, zwanzig Minuten statt einer Woche, und muss sich hinterher Herablassung vorwerfen lassen. Die Lehre aus Moskau 1955 ist nicht, dass Reden sich immer lohnt. Die Lehre ist, dass es sich lohnen kann, wenn man weiß, wofür. Adenauer fuhr nicht wegen einer Geste nach Moskau, sondern wegen Menschen, die er nach Hause holen wollte, und er ließ sich das Versprechen vor Zeugen geben. Im russisch besetzten Oleschky am Dnipro, wo seit Ende Mai laut UN keine Lebensmittellieferung mehr angekommen ist, warten gerade einige Tausend Menschen darauf, dass jemand dasselbe für sie tut. Über ihre Evakuierung wird seit Monaten verhandelt, es fehlt nach ukrainischen Angaben nur noch ein Datum.

Quellen:
Konrad-Adenauer-Stiftung: Moskau-Reise Konrad Adenauers · Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus: Adenauers Moskau-Reise 1955 · LeMO, Haus der Geschichte: Adenauers Moskau-Reise · Institut für Zeitgeschichte: Was vom Tage übrig blieb · Ronzheimer-Podcast „Zeitreise“ mit Norbert Frei, 26. September 2026