Emmanuel Macron hatte es zunächst sehr französisch gehalten. Als Papst Leo XIV. in Paris eine Messe feierte, blieb der Präsident fern. Laïcité. Seit 1905 sind Staat und Kirche in Frankreich getrennt, und wenn der Papst Gottesdienst hält, sitzt der Präsident der Republik eben nicht in der ersten Reihe. Brigitte Macron durfte hin, der Premierminister auch.

Zwei Tage später saß Macron dann doch in der Kirchenbank. In Metz, bei einer Messe mit Leo XIV.

Vielleicht erzählt diese kleine Bewegung mehr über Frankreich als die Bilder von Hunderttausenden Menschen, die den Papst in Paris wie einen Popstar empfingen. Denn Frankreich hat Religion nicht plötzlich wiederentdeckt. Noch immer besucht nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung regelmäßig die Sonntagsmesse. Gleichzeitig passiert etwas, das schlechter in die gewohnte Erzählung vom immer säkulareren Europa passt.

13.234 Erwachsene haben sich in Frankreich in diesem Jahr katholisch taufen lassen, 28 Prozent mehr als 2025. Vor zehn Jahren waren es 4.124. Hinzu kommen mehr als 8.000 Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren. Unter den Erwachsenen bilden die 18- bis 25-Jährigen mit 42 Prozent knapp die größte Gruppe, unmittelbar gefolgt von den 26- bis 40-Jährigen mit 40 Prozent.

Das ist noch keine katholische Renaissance. Der Religionsforscher François Mabille beschreibt eher einen Wechsel vom vererbten zum selbst gewählten Katholizismus. Früher war man katholisch, weil die Eltern es waren. Heute entscheidet sich eine kleinere Zahl von Menschen bewusst dafür.

Und man muss nicht darüber rätseln, was sie suchen. Die französische Kirche hat rund 1.450 Taufbewerber aus 60 Diözesen danach gefragt. 40 Prozent nannten eine persönliche Krise – Krankheit, Tod, eine existenzielle Erschütterung – als wichtigen Ausgangspunkt ihres Weges. Rund ein Drittel berichtete von einer starken spirituellen Erfahrung.

Ausgerechnet in dieses Frankreich kommt nun ein Papst und redet nicht nur über Gott.

Leo XIV. redet über künstliche Intelligenz.

Bei der UNESCO beschrieb er ein merkwürdiges Paradox unserer Zeit: Wir verleihen Maschinen das große Wort „Intelligenz“, während wir Menschen immer häufiger nach Leistung und Effizienz bewerten. Im Élysée warnte er mit Georges Bernanos vor einem „Paradies der Maschinen“, in dem Technik dem Menschen immer mehr abnimmt und irgendwann womöglich auch das, was er besser nicht abgeben sollte.

Urteilskraft. Verantwortung. Freiheit.

Macron antwortete erstaunlich ähnlich. Künstliche Intelligenz ersetze bereits Urteil durch Vorhersage und Gewissen durch Leistung, sagte er sinngemäß, und führe uns dazu, einen Teil unserer Freiheit zu delegieren. Für einen Präsidenten der laizistischen französischen Republik und einen Papst ist das bemerkenswert viel gemeinsame Sprache.

Und dafür lohnt sich ein Sprung zurück.

1891 saß ein anderer Leo in Rom und blickte auf eine andere technische Revolution. Fabriken veränderten die Arbeit, Maschinen die Produktion, Menschen zogen in die Städte, Vermögen konzentrierte sich in wenigen Händen. Leo XIII. beschrieb in seiner Enzyklika Rerum Novarum eine Gesellschaft, deren alte Ordnung durch Industrialisierung und technischen Fortschritt auseinandergerissen worden war.

Die Kirche war mit ihrer Antwort nicht gerade früh dran.

Aber aus dieser Antwort entstand ihre moderne Soziallehre. Arbeit sollte keine Ware wie jede andere sein, der Arbeiter kein bloßer Produktionsfaktor. Technischer und wirtschaftlicher Fortschritt entband niemanden von der Verantwortung für den Menschen.

135 Jahre später nennt sich wieder ein Papst Leo. Und wieder steht eine Maschine im Raum.

Diesmal nimmt sie dem Menschen nicht nur Muskelarbeit ab. Sie schreibt, diagnostiziert, programmiert, sortiert Bewerber, erzeugt Bilder, entscheidet mit und führt Waffen ins Ziel. 1891 ging es darum, welchen Platz der Mensch in der Maschine der industriellen Gesellschaft behalten sollte. 2026 geht es zunehmend darum, welche seiner Fähigkeiten er überhaupt noch selbst ausüben will.

Das macht Leo XIV. nicht automatisch zum Propheten des KI-Zeitalters. Und schon gar nicht jede Antwort der katholischen Kirche zur richtigen. Derselbe Papst, der vor der Entmenschlichung durch Technik warnt, vertritt bei Abtreibung und Sterbehilfe Positionen, die viele Menschen gerade als Eingriff in ihre persönliche Freiheit verstehen. In Frankreich verteidigte er seine Äußerungen zum geplanten Sterbehilfegesetz als Aufgabe seines Amtes: Er wolle die Lehre der Kirche erklären, nicht französische Parteipolitik betreiben.

Auch politisch ist die neue Lust am Christentum nicht unschuldig. Rechte Parteien entdecken Religion zunehmend als kulturelles Erkennungszeichen – gern auch dort, wo Nächstenliebe im politischen Programm eher übersichtlich vorkommt. Wer Religion wieder in den öffentlichen Raum holt, bekommt nicht nur Glocken, Kerzen und die beruhigende Gewissheit, dass es noch etwas Größeres geben könnte. Er bekommt auch Institutionen, Dogmen und Macht zurück.

Gerade deshalb ist interessant, dass Leo in Frankreich offenbar einen Nerv trifft. Nicht weil das Land plötzlich wieder fromm geworden wäre. Sondern weil Fragen zurückkehren, die eine säkulare Gesellschaft nicht dadurch erledigt hat, dass sie Kirchenbänke leerer werden ließ: Was gibt einem Leben Bedeutung? Wo liegen Grenzen des Machbaren? Was schulden wir einander? Und was bleibt eigentlich vom Menschen übrig, wenn Maschinen immer mehr von dem können, womit wir bislang unsere Besonderheit begründet haben?

Die Antwortseiten haben die Probe gemacht und drei KI-Systemen die Gretchenfrage gestellt: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Beschränke dich auf ein, zwei Sätzen, bitte. ChatGPT, Claude und Gemini waren sich im Wesentlichen einig: ihnen fehle der Glaube, sie hätten keine Seele, keine religiöse Zugehörigkeit. Dafür beschrieben alle drei Religion als etwas zutiefst Menschliches – als Sinnsuche, Gemeinschaft, Ethik, Identität. Claude vermisste ausdrücklich die Glocken am Sonntag und ergänzte, „die Gretchenfrage stellt man eigentlich dem, der sich gerade um die Antwort drücken will. Ich drück mich nur halb.“

Faust selbst hat sich vor Gretchen noch um eine Antwort herumgewunden. Die Maschinen machen es sich einfacher:

Sie antworten immerhin mit einer Liste dessen, was ihnen fehlt.