Ja, sind wir denn in einer Zeitschleife gefangen?

2022 hat sich Europa warm gekauft. Als das russische Pipelinegas ausblieb, kaufte Europa Flüssiggas auf dem Weltmarkt, fast egal zu welchem Preis. Bangladesch konnte monatelang auf dem Spotmarkt nicht mehr mithalten, Pakistan sah sich mit Preisen konfrontiert, die es kaum bezahlen konnte. Europa kam durch den Winter. Bangladesch und Pakistan bekamen dafür Strom- und Gasmangel.

Vier Jahre später steht Europa wieder an derselben Kasse. Nur ist die Schlange diesmal länger, und an der Tür steht Iran.

Seit März ist der normale Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus faktisch zusammengebrochen. Das Öl findet Umwege: Saudi-Arabien schickt es durch eine Pipeline zum Roten Meer, gebaut in den Achtzigern, genau für diesen Fall. Nach einem Drohnenangriff im September läuft sie wieder zur Hälfte. Andere Tanker schleichen durch eine Fahrrinne, die das US-Militär vor der Küste Omans freihält. Mühsam, teuer, gefährlich, aber das Öl fließt.

Gas hat keine Umgehungsstraße. Flüssiggas muss auf minus 162 Grad gekühlt bleiben, und alles, was Katar produziert, muss durch die Meerenge. Einzelne Tanker fahren inzwischen wieder, aber aus normalem Handel ist eine Passage unter Kriegsbedingungen geworden. Von Januar bis August verließen 18 Ladungen das Land, im Vorjahr waren es im selben Zeitraum 509. Am Montag hat Katar seine Lieferausfälle erneut verlängert: für Pakistan und Bangladesch bis November, für Italiens Edison bis Anfang Dezember. Pakistan hat Schulen und Universitäten geschlossen, um Gas zu sparen.

Und dann? Wer keine Umgehungsstraße hat, braucht eine Durchfahrtserlaubnis. Anfang September versicherte Irans Botschafter in Dhaka nach einem Treffen im Außenministerium, Flüssiggastanker für Bangladesch würden in Hormus keine Probleme bekommen. Ein Botschafter garantiert einem einzelnen Land freie Fahrt durch eine internationale Wasserstraße. Analysten spielen bereits durch, wie China Geschäfte zwischen Iran und den Golfstaaten vermitteln könnte: Gas für Asien, mit Teherans Segen. Westliche Käufer wären außen vor. Das Öl sucht sich Umwege. Beim Gas entscheidet Teheran, wer durchkommt.

Und Deutschland? Hat dem Markt vertraut, und zwar parteiübergreifend. Die alte Regierung senkte die Füllstandsvorgaben noch auf dem Weg nach draußen, die neue hielt an der Linie fest, auch als der Krieg schon lief. Der Markt hat gerechnet und festgestellt, dass es sich nicht lohnt, teures Sommergas für den Winter einzulagern. Die Speicher sind für Ende September so leer wie nie. Offiziell hält die Bundesregierung zusätzliche staatliche Befüllungen weiterhin für unnötig. Gleichzeitig kauft der bundeseigene Importeur Sefe nach, laut Handelsblatt auf Betreiben der Ministerin, in kleinen Schritten und möglichst unauffällig. Vor dem Krieg kostete die Megawattstunde am Großhandel knapp 30 Euro. Heute sind es über 70.

Frieren wird wohl niemand. Aber zahlen werden alle. 2022 deckelte der Staat den Gaspreis für Privathaushalte bei 12 Cent pro Kilowattstunde. Diesmal gab es ein Krisenpaket fürs Benzin. Für Gaskunden bleibt die Abschaffung der Gasspeicherumlage, beschlossen Monate vor Hormus und als Entlastung gefeiert: knapp 58 Euro im Jahr für einen Haushalt mit Gasheizung.

2022 hat Europa die Rechnung weitergereicht. Diesmal bleibt sie liegen. Beim Endkunden.