Wann beginnt ein Angriff? Erst wenn eine Rakete einschlägt, wenn eine Drohne tatsächlich explodiert und Schaden anrichtet?
Während Politik und Öffentlichkeit weiterhin darüber theoretisieren, ist das Leben eines Unternehmers aus Niederbayern längst in einer Dystopie gelandet. Er hat inzwischen sein Testament gemacht, die Patientenverfügung gleich mit. Seine Familie hat er seit fast einem Jahr nicht gesehen, er spricht mit ihr nur über verschlüsselte Messenger. Er lebt in einer Großstadt, weil man dort leichter untertaucht, Türklinken fasst er möglichst nicht an, das übernehmen Personenschützer mit Handschuhen. Einer von ihnen hat sich eigens für Vergiftungen schulen lassen. „Mein Tod ist in dieser Geschichte zumindest einkalkuliert“, sagt Stefan Thumann, Chef des deutschen Rüstungsunternehmens Donaustahl.
Beginnt ein Angriff also wirklich erst, wenn es bei uns knallt? Oder schon, wenn ein Drohnenhersteller so leben muss?
Wie sich herausstellt, muss Russland Europa gar nicht mit einem großen Knall angreifen, da Europa sich vortrefflich einschüchtern lässt. Nur stellt sich dann sofort die nächste Frage, und die ist schwieriger: Was heißt eigentlich, sich nicht einschüchtern zu lassen, wenn eine Sprecherin in Moskau europäische Fabriken zu Zielen erklärt und irgendwo in Polen oder Niedersachsen ein Investor beschließt, die neue Halle vielleicht dann doch lieber nicht zu bauen?
Die Drohung
Am Mittwoch erklärte Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, europäische Rüstungsfabriken, die Waffen für die Ukraine herstellen, seien „potenzielle militärische Ziele“. Niemand solle glauben, solche Werke außerhalb der Ukraine seien sicher. Anlass war Polens Bereitschaft, Patriot-Abfangraketen für die Ukraine auf eigenem Boden zu bauen, also Raketen, die russische Raketen über ukrainischen Städten abfangen sollen. Sacharowa sagte, sie wolle „erneut“ daran erinnern. Neu ist die Drohung nicht. Neu ist, wie gut sie inzwischen ins Bild passt.
Thumanns Firma Donaustahl liefert Kampfdrohnen an die Ukraine. Kurz vor Weihnachten 2025 warnten ihn deutsche Sicherheitsbehörden, zunächst scheibchenweise, dann deutlich: Es gehe um sein Leben. Russland hatte, so schildert er es im Podcast von Paul Ronzheimer, sogenannte Wegwerfagenten angeheuert: Kleinkriminelle, die über Telegram für ein paar hundert oder tausend Euro in Kryptowährung angeworben wurden. Sie sollten herausfinden, wo er sich aufhält, sie tauchten sogar bei seinen Eltern auf. Danach, so habe man ihm mitgeteilt, sollte ein Giftanschlag folgen. Dass Thumann die Firmenadresse längst zur kameraüberwachten Falle umgebaut hatte, führte zur ersten Festnahme innerhalb weniger Stunden.
Er ist nicht der Einzige. 2024 sollen amerikanische und deutsche Dienste einen russischen Mordplan gegen Rheinmetall-Chef Armin Papperger vereitelt haben, nach CNN-Recherchen einen von mehreren gegen Rüstungsmanager in Europa. Der Kreml sprach von Fake-News, Papperger fährt seitdem mit Personenschutz auf Kanzlerniveau ins Büro. Im August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne entdeckt. Die Bundesregierung macht Russland für den versuchten Anschlag verantwortlich; die strafrechtlichen Ermittlungen laufen weiter. Als Reaktion musste Moskau sein Generalkonsulat in Bonn räumen, zudem kündigte Berlin das Tätigkeitsabkommen zum Russischen Haus in Berlin. Und vergangene Woche machte Estland russische Dienste für einen Brandanschlag auf den Rüstungsbetrieb Milrem Robotics in Tallinn verantwortlich. Moskau nennt das haltlos. Moskau nennt vieles haltlos.
Das Personal
Wie dieses Russland inzwischen auftritt, ließ sich am Samstag in New York besichtigen. Johann Wadephul traf Sergej Lawrow am Rand der UN-Generalversammlung, zum ersten Mal seit Beginn des Großangriffs. Auf seinem Platz hatten die Russen bereits ein 21-seitiges Heft mit dem Titel „Die Erben Goebbels’“ gelegt. Inhaltlich ging es darum, Butscha als Fälschung des Kiewer Regimes darzustellen – eine Behauptung, die der Beweislage schamlos widerspricht. Der Titel ist damit unfreiwillig ehrlich. Denn Verbrechen als Inszenierung des Feindes abzutun, wie Russland es nicht erst bei Butscha tut, gehörte zum Standardrepertoire des Goebbels-Ministeriums, das Berichte über die Judenvernichtung als „Greuelpropaganda“ abtat. Wadephul legte seinen Block auf das Heft. Sacharowa verbreitete das Video auf Telegram und behauptete, der deutsche Minister habe das Papier „schamhaft bedeckt“.
Schon vorher, so erzählt es ZDF-Korrespondent Andreas Kynast im Podcast „Der Trumpeffekt“, war es zwischen den Presseteams über eine Banalität zum Krach gekommen. Als die deutsche Seite freundlich meinte, man habe doch dasselbe Interesse, ging Sacharowa an die Decke: „We have not the same interest. We are not on the same page, Germans and Russia.“
Die frühere Moskau-Korrespondentin Katrin Eigendorf beschreibt in derselben Runde ein Außenministerium, das einst als Garde der Profis galt und heute eine Truppe radikaler Ideologen sei. Was Russland an der Front nicht erreiche, versuche es bei den Unterstützern der Ukraine: mit Sabotage, Cyberangriffen, versuchten Anschlägen und Einflussnahme auf die öffentliche Meinung.
Krieg oder nicht Krieg
Hier gehen die Antworten auseinander. Thumann will das Wort „hybrid“ gar nicht mehr benutzen. Deutschland und Russland befänden sich im Krieg, Sabotage sei ein ganz normaler Kriegsakt, die Russen hätten eben nur noch nicht so viele Truppen hier. Berlin dagegen sagt nach Kynasts Schilderung: Wir sind nicht im Krieg mit Russland. Seit Neuestem allerdings mit dem Zusatz, man sei Ziel hybrider Angriffe.
Wer daraus die Schlagzeile basteln will, Russland stehe vor der Tür, bekommt allerdings keine Bestätigung. Gerüchte, Russland ziehe gegenüber der estnischen Grenzstadt Narwa Truppen zusammen und stocke dort die Krankenhausbetten auf, nehmen vor allem Polen und Balten ernst. Berlin hält einen unmittelbar bevorstehenden Angriff nach eigenen und verbündeten Geheimdiensterkenntnissen nicht für belegt, berichtet Kynast, und auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte sieht derzeit keine unmittelbare Bedrohung des Bündnisgebiets.
Nur hat Berlin mit Entwarnungen eine Vorgeschichte. 2014 hielt man die Krim für einen Ausrutscher und baute danach Nord Stream 2. Am 24. Februar 2022 saß der BND-Präsident in Kyjiw, als der russische Großangriff begann, und musste zwei Tage lang über Land nach Polen, zwischen den Flüchtlingskolonnen. Sein eigener Dienst erklärte damals, er sei wie alle anderen vom Einmarsch überrascht worden, Kahl selbst bestritt das später. Wenige Tage vor Kriegsbeginn hatte er jedenfalls noch erklärt, Putin habe über einen Angriff nicht entschieden.
Jahrzehntelang galten die Balten in Berlin als Alarmisten, heute räumen deutsche Politiker selbst ein, man hätte auf sie hören sollen. Die Entwarnung kann diesmal stimmen. Ein Grund, sich auf sie zu verlassen, ist sie nicht.
Eigendorf, die selbst in Narwa stand, wo Russland ein paar hundert Meter entfernt am anderen Flussufer beginnt, hält der Bundesregierung vor, die Erfahrung der Balten noch immer herunterzuspielen. Russische Panzer am Brandenburger Tor erwartet aber auch sie nicht.
Als Boris Pistorius vor drei Jahren das Wort „kriegstüchtig“ in die Debatte warf, war es eine gesunde Reaktion, dass Deutschland erst einmal zusammenzuckte. Nur ist seitdem außer Zusammenzucken wenig passiert. Noch immer wird in Talkshows und Parteitagen so getan, als ließe sich die Frage im Stuhlkreis klären, ob Frieden nicht schöner wäre als Aufrüstung. Wäre er. Russland spielt bei dieser Abwägung nur nicht mit. Es droht, sabotiert, schickt Sprengstoffdrohnen und plant Anschläge, während wir noch über die Wortwahl streiten.
Drei falsche Antworten
Es wäre daher ein Fehler, die Ambitionen Russlands herunterzuspielen. Zudem liegen zwei weitere Fehler auf dem runden Tisch. Der eine ist das Zurückweichen: eine Fabrik nicht zu bauen, den Auftrag nicht anzunehmen, die Unterstützung leiser zu drehen, weil Moskau droht. Der andere ist das Überreagieren: jede Drohung als Vorstufe zum Weltkrieg zu lesen, jeden Zweifel an Aufrüstung für Kremlpropaganda zu halten, die eigene Gesellschaft in Alarmisten und Naive zu spalten. Alle drei haben dasselbe Ergebnis: Moskau bestimmt mit, was wir tun.
Ausgerechnet Thumann, der mehr Grund zur Angst hätte als jeder von uns, beschreibt den Ausweg am genauesten. Angst sei immer das Falsche, sagt er. Man müsse sich der Risiken bewusst sein. Das klingt nach Kalenderspruch, meint aber etwas ziemlich Konkretes: Menschen, die bedroht werden, müssen geschützt werden. Ermittlungen müssen zu Ende geführt und ihre Ergebnisse öffentlich gemacht werden, damit aus Verdacht belastbare Zuschreibung wird. Fabriken müssen trotzdem gebaut werden. Und über Aufrüstung muss so gestritten werden, dass Fragen beantwortet werden, statt sie seit Jahren nur im Kreis herumzureichen, während am Tisch zuverlässig einer sitzt und einwirft: Den Russen gehe es doch bloß um ihre eigenen Sicherheitsinteressen, siehe NATO-Osterweiterung.
Für Eigendorf ist Verteidigung deshalb längst keine Frage der Waffenbestände allein. Der Angriff auf Europas Demokratien laufe auf vielen Ebenen, die gefährlichste sei die, auf der Gesellschaften zum Kippen gebracht werden sollen. Ulf Röller, der den ZDF-Podcast moderiert, macht daraus am Ende den eigentlichen Satz: Dieser Krieg werde nicht nur mit Waffen entschieden, sondern in den Köpfen.
Sacharowa braucht für ihre Arbeit nur ein Mikrofon. Es soll uns entweder zum Zurückweichen bringen oder zur Hysterie, Hauptsache, wir richten uns nach ihr. Die Antwort ist unaufgeregter: Wir bauen, wir streiten, wir entscheiden selbst. Zwischen Warschau und Niederbayern.