Im Landtag von Sachsen-Anhalt haben AfD und BSW gerade gemeinsam beantragt, dass Deutschland der Ukraine kein Geld und keine Waffen mehr gibt. Am 14. Oktober wird darüber in einer Sondersitzung gestritten. BSW-Fraktionsvize Claudia Wittig sagt dazu: „Wir brauchen eine Politik, die wieder mehr an Köthen als an Kyjiw denkt.“ Das klingt in den Ohren vieler Wähler vernünftig. Also nehmen wir die Idee ernst und fragen nach.

Was kostet mich die Ukraine-Hilfe?

Knapp 12 Euro im Monat. Deutschland gibt in diesem Jahr 11,6 Milliarden Euro für Waffen und Ausrüstung für die Ukraine aus. Das ist sehr viel Geld. Aber in Deutschland leben 83,5 Millionen Menschen. Teilt man die Summe durch alle Einwohner und durch zwölf Monate, bleiben rechnerisch knapp 12 Euro pro Kopf im Monat. Dazu kamen bisher im Schnitt nicht einmal 2 Euro für zivile Hilfe, also für Medikamente, Notstrom und den Wiederaufbau.

Das ist übrigens eine praktische Faustregel für alle großen Zahlen aus Berlin: Eine Milliarde Euro im Jahr ist ein Euro pro Einwohner im Monat.

Aber das Geld fehlt doch in unseren Kitas und Schulen?

Das klingt logisch, aber so einfach ist es nicht. Kindergärten bezahlen vor allem die Städte und Gemeinden, Schulen die Bundesländer. Die Ukraine-Hilfe kommt vom Bund. Das sind verschiedene Kassen. Streicht der Bund die Hilfe, landet das Geld deshalb nicht von selbst in einer Kita. Bundestag und Länder müssten das erst neu beschließen.

Dazu kommt: Für die Verteidigung und für die Unterstützung angegriffener Länder darf der Bund seit 2025 zusätzliche Schulden machen. Für Kitas gilt diese Ausnahme nicht. Streicht er die Ukraine-Hilfe, entsteht dadurch also nicht automatisch neues Geld für Schulen und Kindergärten.

In Köthen käme von den 12 Euro also erst einmal nichts an. Wer sagt, die Ukraine nehme unseren Kindern das Geld weg, erzählt eine Geschichte, die sich gut anhört und an der Kasse nicht funktioniert.

Und die 100 Milliarden, von denen alle reden?

Die Zahl stammt von der Bundesregierung. Sie hat alles zusammengezählt, was sie seit Kriegsbeginn 2022 „Ukraine-Hilfe“ nennt. Das Kiel Institut hat nachgesehen, was in dieser Summe steckt. Stellen wir uns die 100 Milliarden als einen Hundert-Euro-Schein vor:

  • 42 Euro sind Hilfe direkt für die Ukraine, der größte Teil davon Waffen.
  • 22 Euro sind noch gar nicht ausgegeben. Sie sind für die kommenden Jahre versprochen.
  • 36 Euro haben die Ukraine nie erreicht. Sie wurden in Deutschland ausgegeben, vor allem als Bürgergeld für Geflüchtete und als Geld für die Städte und Gemeinden, die sie unterbringen.

Von dem Hunderter ist also weniger als die Hälfte Hilfe für die Ukraine selbst.

Dann schicken wir die Flüchtlinge eben zurück?

Fragt sich, wohin. Die Ukraine wird täglich von Russland bombardiert. In einer Stadt östlich von Kyjiw hat in dieser Woche eine russische Rakete ein Wohnhaus getroffen, 20 Menschen sind tot, darunter fünf Kinder. Wer vor diesem Krieg geflohen ist, steht deshalb in der ganzen EU unter Schutz, vorerst bis März 2028. Solange das gilt, kann Deutschland die Menschen nicht einfach zurückschicken, und allein ändern kann es die Regel auch nicht.

Und es kommt etwas dazu, das AfD und BSW nie erwähnen: Die Hilfe für die Ukraine ist der Grund, warum die meisten Ukrainer zu Hause in der Ukraine bleiben können. Nimmt man ihnen diese Unterstützung weg und gewinnt Russland, fliehen weit mehr Menschen in die EU als bisher, nicht weniger. Das Kiel Institut rechnet dann mit fast zwei Millionen zusätzlichen Geflüchteten allein in Deutschland. Heute lebt bei uns gut eine Million.

Wer weniger Flüchtlinge will, muss der Ukraine helfen. Wer ihr die Hilfe streicht, bestellt sich mehr.

Aber im Westen der Ukraine wird doch gar nicht gekämpft?

Gekämpft nicht, bombardiert wird die Region durchaus. Russische Raketen und Drohnen treffen auch den Westen des Landes, vor allem Kraftwerke und Stromleitungen. Außerdem haben ohnehin schon fast vier Millionen Ukrainer im eigenen Land Zuflucht gesucht, weil ihr Zuhause zerstört oder besetzt ist.

Und selbst wenn im Westen noch Platz wäre: Wer bezahlt dort die Wohnungen, die Heizung und die Flugabwehr? Genau dafür ist die Hilfe da, die AfD und BSW streichen wollen. Man kann nicht verlangen, dass die Ukrainer in der Ukraine bleiben, und der Ukraine gleichzeitig das Geld wegnehmen.

Und wenn wir die Sanktionen aufheben, wird das Gas wieder billig?

Nein. Das billige Gas ist weg, seit Russland selbst den Hahn zugedreht hat. Schon im Herbst 2021, Monate vor dem Angriff, verkaufte der russische Konzern Gazprom weniger Gas nach Europa. 2022 stoppte er eine Pipeline nach der anderen, im September auch Nord Stream 1. Gesprengt wurden die Röhren erst gut drei Wochen später, da floss schon kein Gas mehr. Dass die EU schrittweise ganz aus russischem Gas aussteigt, hat sie erst im Januar 2026 beschlossen, mehr als drei Jahre danach.

Der Handelsökonom Holger Görg vom Kiel Institut sagt außerdem: Gas aus Russland wäre heute gar nicht billiger als das, was Deutschland aus Norwegen, den Niederlanden oder den USA bekommt. Die Preise von 2021 kommen nicht zurück, egal was ein Landtag beschließt.

Okay, wir streichen die Hilfe. Und dann?

Dann sparen wir rechnerisch 12 Euro im Monat. Die Frage ist, was wir dafür riskieren.

Das Kiel Institut hat durchgerechnet, was passiert, wenn die Ukraine ohne Hilfe den Krieg verliert. Sicher ist das nicht. Aber genau dieses Risiko geht ein, wer die Hilfe streicht.

Drei Dinge würden dann teuer:

  1. Die eigene Verteidigung: Steht die russische Armee an der Grenze zu Polen, muss Deutschland noch mehr Geld für die Bundeswehr ausgeben.
  2. Die Geflüchteten: Aus einer besetzten Ukraine würden Millionen Menschen fliehen, fast zwei Millionen davon nach Deutschland.
  3. Der Handel: Deutsche Unternehmen verkaufen jedes Jahr Waren für rund 7 Milliarden Euro in die Ukraine und haben dort Fabriken gebaut. Unter russischer Besatzung wäre dieses Geschäft verloren.

Kämen das BSW und die AfD mit ihrer Forderung durch, würden wir also rechnerisch 12 Euro im Monat sparen. Könnten wir diesen Betrag fünf Jahre lang jedes Jahr komplett streichen, wären das zusammen 58 Milliarden Euro. Ja, das ist viel Geld.

Wenn es aber nicht gut geht, weil die Ukraine verliert, könnte uns das nach der Rechnung des Kiel Instituts in denselben fünf Jahren 225 bis 450 Milliarden Euro kosten. Das ist vier- bis achtmal so viel, wie wir gespart hätten.

Zahlen wir nicht längst eine Putin-Steuer?

Russland kostet Europa übrigens längst Geld, auch dort, wo gar nicht geschossen wird. In Großbritannien gibt es dafür seit dieser Woche einen Namen: die „Putin-Steuer“. Ein Bericht, den der Abgeordnete Graeme Downie beim Londoner Sicherheitsinstitut RUSI vorgestellt hat, kommt auf eine erste Schätzung: Hackerangriffe, Sabotage und Brandanschläge, die Russland zugeschrieben werden, kosten das Land jedes Jahr zwei bis zweieinhalb Milliarden Pfund. Eine solche Rechnung hat für Deutschland nach unserer Kenntnis bisher niemand vorgelegt, auch die Bundesregierung nicht. Das nehmen sich die Antwortseiten als Nächstes vor.


Den Anstoß zum heutigen Artikel kam von Peter Holzer mit einer Kostenaufstellung auf X.

Für alle, die nachrechnen wollen

  • Militärhilfe 2026: 11,6 Milliarden Euro (Kiel Institut, Ukraine Support Tracker, 8. Oktober 2026). Geteilt durch 83,5 Millionen Einwohner (Statistisches Bundesamt, Ende 2025) und zwölf Monate: 11,58 Euro.
  • Zivile Hilfe in der Ukraine: 7,4 Milliarden Euro von Februar 2022 bis Juni 2026, im Schnitt 1,7 Milliarden Euro pro Jahr (Kiel Institut).
  • Die 100 Milliarden: 41,7 Milliarden direkte Hilfe für die Ukraine, 22 Milliarden für die Zukunft zugesagt, 35,9 Milliarden in Deutschland ausgegeben, davon 27,45 Milliarden Bürgergeld, 7,15 Milliarden für Länder und Kommunen und 1,3 Milliarden Garantien für deutsche Unternehmen (Kiel Institut, Angaben der Bundesregierung zum 30. Juni 2026).
  • Mögliche Folgekosten: 1 bis 2 Prozent der Wirtschaftsleistung pro Jahr über fünf Jahre, falls ein Ende der Hilfe zu einem russischen Sieg führt (Kiel Policy Brief Nr. 179, Binder/Schularick, 2024). Bei einem Bruttoinlandsprodukt von 4.470 Milliarden Euro (2025) sind das 45 bis 90 Milliarden Euro im Jahr, in fünf Jahren 225 bis 450 Milliarden. Das ist unsere Umrechnung, keine neue Prognose des Instituts.
  • Die 58 Milliarden: 11,6 Milliarden Euro mal fünf Jahre.
  • Schutzstatus: Der vorübergehende Schutz für Geflüchtete aus der Ukraine gilt in der EU nach dem Ratsbeschluss vom Juli 2026 bis zum 4. März 2028.
  • Binnenvertriebene in der Ukraine: rund 3,9 Millionen (Internationale Organisation für Migration, laut Bundesregierung, Juli 2026).
  • Gas: Chronologie nach Bank of Finland (BOFIT), Ausstieg nach Verordnung (EU) 2026/261, Einschätzung von Holger Görg aus MDR aktuell.