In der Nacht zum 19. Juli brannte bei Kyjiw einer der größten Logistikkomplexe der Ukraine. Laut ukrainischen Medien lagerten dort auch Pommes frites, Tiefkühlfisch und Meeresfrüchte von Metro Cash & Carry, bestimmt für die Restaurants und Imbisse des Landes. Getroffen hatte das Lager eine russische Rakete. Zur selben Zeit betrieb derselbe Konzern in Russland 91 Großmärkte und zahlte dort Steuern, mit denen genau die Raketen bezahlt wurden, die seine eigene Ware verbrannten.
Seit Montag gehören diese 91 Großmärkte Metro nur noch auf dem Papier. Putin hat das Russland-Geschäft des Düsseldorfer Konzerns per Dekret unter „vorübergehende Verwaltung“ gestellt. Die Kontrolle liegt jetzt bei einer Firma namens Torg RUS, gegründet am 8. September, drei Wochen vor dem Dekret. Ihr Eigentümer ist Johannes Tholey, der Chef von Metro Russland. Derselbe Mann führt dasselbe Unternehmen weiter. Nur Düsseldorf kann ihm nichts mehr sagen.
Metro erklärt, das Eigentum bleibe formal bei der AG, die operative Kontrolle habe man verloren. In Moskau ließ die Russland-Tochter derweil über die Staatsagentur TASS ausrichten, alles laufe weiter wie gewohnt, Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter würden wie immer bedient. Business as usual.
Dabei hatte Metro 2022 so gute Gründe zu bleiben. Man trage Verantwortung für 10.000 Mitarbeiter vor Ort und für die Kunden, die bei Metro ihre Lebensmittel kaufen. Russland sei ein großes Geschäft, wichtig für den ganzen Konzern. Und das Bleiben diene der Werterhaltung für die Aktionäre. In den ersten neun Monaten dieses Jahres machte Russland noch fast neun Prozent des Konzernumsatzes aus. Den Wert erhält jetzt jemand anders.
Metro ist nicht allein. Elf Tage vorher, am 17. September, hatte Putin 16 Gesellschaften in ausländischem Besitz unter dieselbe Verwaltung gestellt, darunter Nestlé, Auchan und die frühere Leroy-Merlin-Tochter. Seit April 2023 hat Russland auf diesem Weg die Geschäfte von mindestens 27 ausländischen Unternehmen übernommen. „Vorübergehend“ heißt dabei: bis Putin anders entscheidet.
Kaum war das Dekret veröffentlicht, tauchte im Netz der Vergleich mit Rosneft Deutschland auf, als hätte Berlin 2022 dasselbe getan. Hat es nicht. Die Bundesregierung stellte die deutschen Rosneft-Töchter 2022 unter Treuhand, weil sich Geschäftspartner und Dienstleister wegen der Russland-Verbindungen und der Sanktionen zurückzogen und damit der Betrieb von drei Raffinerien gefährdet war, die rund zwölf Prozent des deutschen Rohöls verarbeiten. Seit Februar 2026 gilt die Treuhand unbefristet, solange die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen. Die Anteile gehören weiterhin Rosneft. Rosneft konnte klagen und hat geklagt. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte die Rechtmäßigkeit der Treuhand. In Deutschland verwaltet eine Behörde auf gesetzlicher Grundlage, und der Eigentümer kann vor Gericht ziehen. In Russland unterschreibt Putin, und der Eigentümer hat eine Pressemitteilung.
Der ukrainische Botschafter in Berlin, Oleksii Makeiev, hat sich nach eigenen Worten mit Metro getroffen. Er habe argumentiert, gebeten, Russland zu verlassen und den täglichen Raketenterror nicht länger mitzufinanzieren. Und er habe gewarnt, dass Putin ihnen das Geschäft wegnehmen werde. Die Antwort seien Ausreden gewesen.
Makeievs Kommentar auf X schließt mit einem Wort: „Tja.“