Am Samstag warnte das russische Außenministerium vor einem Aufenthalt in Kyjiw und kündigte weitere massive Schläge an. Heute, nur wenige Stunden später, rollte der Zug des Bundeskanzlers in den Kyjiwer Hauptbahnhof. Unangekündigt, mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Vertretern aus Rüstungs- und Energiewirtschaft.

Die Lage, in die Merz reist, ist ernst. Russland greift seit Tagen die Dnipro-Brücken an, die Ost- und West-Kyjiw verbinden. Laut Präsident Selenskyj hat der ukrainische Geheimdienst Dokumente gesehen, nach denen Putin eine „neue Doktrin“ erlassen hat: Angriffe auf Straßen, Logistik, Schulen und Krankenhäuser, um Menschen aus Kyjiw und anderen Städten zu vertreiben. Die Dokumente sind nicht öffentlich, Moskau weist die Vorwürfe zurück.

Da ist es mutig und ein wichtiges Zeichen des Kanzlers, jetzt erst recht dorthin zu fahren.

Denn wohin gehen Menschen, wenn ihre Stadt im Winter immer schwerer bewohnbar wird? Nach Polen, nach Tschechien, nach Deutschland. Die Versorgung ukrainischer Geflüchteter hat Deutschland laut einer vom Spiegel zitierten Übersicht des Finanzministeriums seit Kriegsbeginn rund 32,4 Milliarden Euro gekostet.

Genau diese Kosten werden bei uns wiederum als Argument gegen die Unterstützung der Ukraine benutzt – und zwar in einem Anfall von Irrsinn, man möge doch bitte auch die Waffenlieferungen einstellen, mit dem impliziten Freifahrtschein an Putin, die Ukrainer nach Gusto zu töten oder zu unterjochen. Hauptsache Friede.

Merz schreibt aus Kyjiw, Deutschland helfe aus ureigenem Interesse, weil auch unsere Sicherheit vom Ausgang dieses Krieges abhänge.

Heute ist das mehr als ein Satz.

Eine Milliarde Euro Militärhilfe. 350 Millionen für das Energiesystem. Tausende Abfangdrohnen. Und eine engere deutsch-ukrainische Rüstungskooperation. Das hat er im Gepäck.

Und so sieht „ureigenes Interesse“ aus, wenn man es aus der Sonntagsrede in die Wirklichkeit übersetzt.

Nur der Taurus fehlt offiziell weiterhin.
Dabei hatte Merz schon im Oktober 2024 gesagt: Wenn Putin nicht binnen 24 Stunden aufhört, die ukrainische Zivilbevölkerung zu bombardieren, müsse Deutschland Taurus liefern, um russische Nachschubwege zu treffen.

Jetzt kündigt Moskau die nächsten massiven Schläge sogar offen an. Laut Selenskyj steckt dahinter inzwischen eine neue Doktrin.
Und der Taurus kommt immer noch nicht.