Wenn bei uns die Spritpreise steigen, kommen sie alle aus ihren Löchern und zeigen mit dem Finger auf Kyjiw.

Wenn Putins Truppen am heiligen Sonntag einen Markt bei Kyjiw angreifen, zwei Menschen sterben und mehrere verletzt werden, ist das Grundrauschen. Da hilft nicht einmal, dass es im Bezirk Butscha war. Ausgerechnet Butscha.

Am selben Wochenende erzählte Donald Trump, er habe Selenskyj gesagt, er solle es mit den russischen Raffinerien etwas ruhiger angehen lassen. Selenskyj habe zugestimmt und, so gibt Trump es wieder, sinngemäß eingeräumt, man verursache damit ein Weltproblem. Ob Trumps Rechnung aufgeht, haben wir in einem eigenen Stück geprüft. Hier geht es um das, was in seiner Erzählung nicht vorkommt.

Die Nacht danach

In der Nacht zum Montag kamen die Drohnen zum fünften Mal in Folge. Seit Sonntagabend 18 Uhr schickte Russland laut ukrainischer Luftwaffe 165 Drohnen, darunter 79 Shaheds mit Strahltriebwerk. Bis 7 Uhr waren 112 abgeschossen oder elektronisch gestört, Treffer wurden an 14 Orten registriert. In Kyjiw wurden vier Menschen verletzt, darunter Jugendliche, in mehreren Stadtbezirken brannten Gebäude, eine Tankstelle wurde getroffen. In der Woche davor zählte Selenskyj mehr als 2.200 Angriffsdrohnen und über 1.600 Gleitbomben.

Die Zahl der Drohnen pro Nacht bleibt dabei fast gleich, aber der Anteil der schnellen Jet-Shaheds steigt. Vor drei Nächten hatten 50 von 173 ein Strahltriebwerk, jetzt fast die Hälfte. Allein im September hat Russland nach Selenskyjs Angaben mehr als 2.730 davon losgeschickt. Russland schickt nicht mehr Drohnen, sondern schwerer abzuwehrende.

Rechenzentren

Moskau sagt offen, worauf es zielt. Das russische Verteidigungsministerium meldete Treffer auf Rechenzentren von Kyivstar, dem größten Mobilfunkanbieter des Landes, und von Omega Telecom, zuvor auch auf eines von Vodafone Ukraine. Selenskyj zufolge wurde ein Kyjiwer Rechenzentrum am Sonntagmorgen zweimal getroffen, zwei Kinder und ein Erwachsener wurden verletzt. Die Zentrale von Kyivstar wurde beschädigt. Nach Angaben des ukrainischen Digitalministeriums hatten frühere Angriffe rund 100.000 Haushalten in Kyjiw und Umgebung das Internet genommen.

Moskau sagt, es wolle damit die Kommunikation des Militärs stören. Das stimmt sogar. Nur sind das eben auch die Server, über die ein Land telefoniert, bezahlt und versucht, seinen Alltag am Laufen zu halten. Und über die, darauf hat Außenminister Sybiha hingewiesen, die Luftalarme auf die Handys der Zivilisten kommen. Russland greift also die Leitungen an, über die die Menschen erfahren, dass Russland angreift.

Was an keiner Zapfsäule ankommt

Ukrainische Drohnen auf russische Raffinerien gelten als Weltproblem, weil sie beim Diesel ankommen. Ukrainische Drohnen auf russische Raffinerien gelten als Weltproblem, weil sie an der Zapfsäule ankommen, als Preis. Russische Drohnen auf ukrainische Märkte, Wohnhäuser und Rechenzentren kommen an keiner Zapfsäule an. Sie sind aber das, was jede Nacht passiert, und was jede Nacht passiert, wird irgendwann nicht mehr gemeldet, sondern nur noch gezählt.

Heute beraten die EU-Verteidigungsminister in Brüssel über Luftverteidigung für die Ukraine, auch darüber, ob Mitgliedstaaten ihren Platz in der Warteschlange für Patriot-Raketen mit Kyjiw tauschen. Beim letzten Treffen Anfang September gab es dafür keine Zusagen, die Außenbeauftragte Kallas regte damals an, wenigstens Raketen kurz vor dem Verfallsdatum abzugeben. Ob diesmal jemand tauscht, war bei Redaktionsschluss offen.

Eine entsprechende Bitte an Putin, es mit Kyjiw ruhiger angehen zu lassen, ist bisher nicht überliefert.

Quellen: Ukrainische Luftwaffe, 28.09.2026; Kyiv Independent, 27. und 28.09.2026; UNN unter Berufung auf Bürgermeister Klitschko, 28.09.2026; Al Jazeera, 28.09.2026; Mezha, 27.09.2026; Newsweek zu den Angriffen auf Rechenzentren und der Äußerung von Außenminister Sybiha, 27.09.2026; ntv-Liveticker zum Markt im Bezirk Butscha, 27.09.2026; Agence Europe und dpa/AFP zum EU-Verteidigungsministerrat, 24. und 28.09.2026; Pressekonferenz der Hohen Vertreterin Kaja Kallas, 01.09.2026; Trump-Äußerung laut Videoaufnahme, 27.09.2026.