München hat gewonnen. Genauer gesagt: München hat das deutsche Rennen gewonnen. Der Deutsche Olympische Sportbund schickt die Stadt als deutschen Bewerber ins internationale Verfahren für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. KölnRheinRuhr ist raus, nach einem Duell, das der DOSB in seiner Evaluierung fast als Unentschieden gewertet hatte: Beide Konzepte galten als „sehr gut“, München lag mit 87,03 zu 85,02 Punkten nur knapp vorn.
In Bayern wird gefeiert, und das darf man auch. München hat den Olympiapark von 1972, will nach eigenen Angaben nahezu ausschließlich bestehende Sportstätten nutzen, und bei der Volksbefragung stimmten gut 66 Prozent für die Spiele. Markus Söder hat sich hinter die Bewerbung gestellt wie hinter kaum ein anderes Projekt, Hendrik Wüst hinter KölnRheinRuhr ebenso.
Wer will, kann daraus schon heute ein Kanzlerduell lesen. Nur haben keine Unionsdelegierten abgestimmt, sondern Sportverbände, und den Ausschlag könnten nach Einschätzung vor der Wahl eher die Wintersportler gegeben haben, die ohnehin zu Bayern neigten. Wüst hat eine Bewerbung verloren, keine Kanzlerkandidatur. Söder hat eine gewonnen, auch keine.
Okay. München will Olympia. Und dann?
Dann beginnt erst die eigentliche Bewerbung. Heute wurde der deutsche Kandidat bestimmt, nicht der Gastgeber. Das IOC hat im Juni einen neuen Fahrplan beschlossen: 2027 läuft das formelle Verfahren wieder an, bis Ende 2028 folgen die entscheidenden Gespräche samt staatlicher Garantien, 2029 sollen die Spiele 2036 vergeben werden. Die Konkurrenz steht schon bereit, Katar und Indien bemühen sich seit Langem darum.
Dann kommt die Jahreszahl. 2036 wäre hundert Jahre nach Berlin 1936, nach den Spielen, mit denen sich das NS-Regime der Welt präsentierte. Das wird international keine Fußnote sein. Deutschland müsste erklären, was es mit dieser Geschichte macht. Und München gleich doppelt: Die Spiele von 1972 sollten ausdrücklich das demokratische Gegenbild zu 1936 zeigen, bis das Attentat auf die israelische Mannschaft sie überschattete. Diese doppelte Erinnerung lässt sich nicht aus der Bewerbung herausmoderieren.
Dann kommen die Bürger. München hat Ja gesagt, aber München hat auch schon Nein gesagt: 2013 lehnten die Bürger eine Bewerbung um die Winterspiele 2022 ab, und die Bewerbung für 2018 verlor zuvor klar gegen Pyeongchang. Hamburg ist gerade erst ausgestiegen, beim Referendum vom 31. Mai stimmten 55,1 Prozent gegen eine Bewerbung. Zustimmung ist bei Olympia kein Besitz, sondern eine Leihgabe. Sie muss ein Jahrzehnt aus Baustellen, Kostenschätzungen, Umleitungen, Sicherheitsdebatten und politischen Wechseln überstehen.
Und dann kommt Söder. Er ist heute 59. Finden die Spiele 2036 statt, ist er 69, 2040 wäre er 73, 2044 schon 77. Bevor das IOC überhaupt abstimmt, liegt noch mindestens eine bayerische Landtagswahl dazwischen. Die Bilder von heute gehören ihm, die Eröffnungsfeier womöglich jemand anderem. Das ist die eigentliche Pointe eines solchen Politikprojekts: Der Jubel kommt am Anfang, die Rechnung später.
Deutschland hat seit 1972 keine Sommerspiele mehr ausgerichtet. Vielleicht klappt es diesmal. Aber München hat heute nicht Olympia gewonnen. München hat das Recht gewonnen, sich jahrelang um Olympia zu bemühen. Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Quellen